Auf der Promenade des Anglais in Nizza bin ich schon spazieren gegangen. Einen Regionalzug habe ich auch schon mal benutzt. Die abstrakte Bedrohung durch die IS-gesteuerten Attentäter wird immer realer. Berliner Schulklassen auf Abifahrt in Nizza. Fassungslos nehmen wir zur Kenntnis, dass wir betroffen sind. Direkt. Und das macht etwas mit uns. Ich höre da nicht so sehr auf die Verlautbarungen der Politiker, wenn ich den Wasserstand im Volk messen will. Sondern ich höre hin im Biergarten, bei Gesprächen am Arbeitsplatz, in der S-Bahn. Wenn dort überhaupt noch gesprochen wird.
Die französischen Politiker wollen überhaupt nichts hören von missglückter Integration. Sie haben schnelle Antworten: Wir sind im Krieg. Und wir sind stärker. Wir haben eine der besten Armeen der Welt. Dass in den Vorstädten von Paris und Marseille Tausende junge Männer ohne Arbeit und ohne Perspektive herumhängen, die eine leichte Beute für radikalisierende Hassprediger sind, wird nicht gerne gehört. Dass der Attentäter von Würzburg wohl doch einen wie auch immer gearteten IS-Hintergrund hatte macht uns erschreckend deutlich, dass diese neue Art der Kriegsführung seitens des IS unser Alltagsleben bedroht, wo immer wir uns aufhalten. „Nehmt, was ihr findet, einen LKW, irgendwelche Hieb- und Stichwaffen und reißt so viele Ungläubige wie möglich mit in den Tod.“ So machen perspektivlose junge Männer ihren Abgang zu einer Heldentat, die entsprechend in der Community gefeiert wird. Wenn schon die Gesellschaft uns Bedeutung und Anerkennung versagt, dann holen wir sie uns auf diesem Weg.
Die einzige Möglichkeit, die vielen potentiellen Attentäter aus dem Dunstkreis des IS rauszuholen heißt Bildung, Chancengleichheit und gelebte Integration. Wir müssen diesen Krieg in den Köpfen gewinnen, nicht auf dem Schlachtfeld.
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