Der aktuelle Referentenentwurf des Bundesministeriums für Gesundheit sorgt für große Unruhe im Gesundheitswesen – und bei Dr. Laura Dalhaus sogar für hektische Flecken. Genau deshalb hat Dr. Andrea Morawe sie in ihren Podcast „LandMEDchen“ eingeladen, um die geplanten Veränderungen gemeinsam einzuordnen und kritisch zu beleuchten.
Schnell wird klar: Vor allem die Hausärzt:innen stehen unter Druck. Die primärärztliche Versorgung droht weiter geschwächt zu werden – obwohl sie nicht zu den größten Kostentreibern im System gehört. Gleichzeitig bleiben zentrale Ausgabenpunkte, wie beispielsweise die Finanzierung der Versorgung von Bürgergeldempfänger:innen, weitgehend unangetastet.
Einige Vorschläge der Finanzkommission Gesundheit haben bei Andrea gemischte Reaktionen ausgelöst – von Skepsis bis Zustimmung. Besonders Maßnahmen wie eine Zuckersteuer bewertet sie positiv. Umso unverständlicher ist es für beide, dass solche präventiven Ansätze im aktuellen Entwurf fehlen, obwohl Prävention sogar im Koalitionsvertrag verankert ist. In diesem Zusammenhang sprechen sie auch über die allgegenwärtige Zuckerfalle, insbesondere für Kinder.
Ein weiterer kritischer Punkt: Die geplante Senkung des Krankengeldes um 5 %. Gerade diejenigen, die ohnehin körperlich belastende Berufe ausüben, geraten dadurch noch schneller in existenzielle Notlagen. Für Laura und Andrea bestätigt sich hier einmal mehr die Realität hinter dem Satz: „Armut macht krank – und Krankheit macht arm.“ Gleichzeitig geraten auch Ärzt:innen selbst zunehmend unter gesundheitlichen Druck.
Auch wirtschaftlich spitzt sich die Lage zu: Je mehr Patient:innen eine Hausarztpraxis versorgt, desto geringer fällt die Vergütung pro Fall aus. Mit der geplanten Grundlohnsummenregelung sehen viele Therapeut:innen ihre Existenz bedroht. Laura bringt sogar die Idee einer Sammelklage ins Spiel.
Die Konsequenz könnte sein, dass Praxen künftig stärker gezwungen sind, wirtschaftlich zu entscheiden, welche Patient:innen sie behandeln. Parallel gewinnt die Privatmedizin weiter an Attraktivität.
Unterschiedliche Perspektiven zeigen sich beim Thema Check-ups: Während Laura deren Nutzen grundsätzlich hinterfragt, verfolgt Andrea einen differenzierteren Ansatz. Einig sind sich beide jedoch in der Kritik an der unzureichenden Vergütung. Auffällig ist außerdem, dass die Pharmaindustrie im aktuellen Entwurf vergleichsweise wenig belastet wird.
Ein weiterer Diskussionspunkt sind Reha-Berichte und der Umgang der Deutschen Rentenversicherung damit. Auch die Qualität von Arztbriefen und der schleppende Fortschritt in der Digitalisierung werden kritisch beleuchtet.
Für viele Praxen bleibt als einzige Option eine weitere Effizienzsteigerung, sei es durch zusätzliches Personal oder technische Lösungen. Doch diese Investitionen müssen zunächst selbst getragen werden. Gleichzeitig entwickelt sich die GKV-Leistung zunehmend in Richtung Basisversorgung – wobei sich die Frage stellt, ob sie das nicht längst ist, wenn bereits strikt nach dem WANZ-Prinzip gearbeitet wird.
Im weiteren Verlauf berichtet Laura von einer Veranstaltung in Borken zum Thema „Wer darf wie alt werden?“. Die zentrale Frage: Wie lange können wir uns Spitzenmedizin in einer älter werdenden Gesellschaft leisten? Und gehört individualisierte Medizin überhaupt noch in ein solidarisch finanziertes System? Für beide ist klar: Das ist eine der großen sozial-ethischen Herausforderungen unserer Zeit – auch wenn viele Politiker:innen diese Debatte scheuen.
Ergänzend diskutieren sie das sogenannte Verursacherprinzip, das in der privaten Krankenversicherung bereits Anwendung findet, in der gesetzlichen jedoch kontrovers bleibt.
Auch die Rolle des Bundes wird thematisiert: Statt struktureller Lösungen erfolgt der Beitrag zur Stabilisierung vor allem durch eine Verschiebung finanzieller Verpflichtungen.
Mit dem sogenannten „David-Experiment“ veranschaulicht Laura schließlich ethische Dilemmata im Gesundheitssystem und zieht Parallelen zur Versorgung von Kindern und Jugendlichen, insbesondere im Bereich der psychischen Gesundheit.
Am Ende bleibt eine ernüchternde Erkenntnis: Der Glaube an grundlegende Systemveränderungen schwindet. Andrea zieht für sich eine klare Grenze – sie lehnt eine „3-Minuten-Medizin“ ab und setzt stattdessen auf transparente Kommunikation mit ihren Patient:innen, auch in Bezug auf Zusatzleistungen.
Gemeinsam stellen sich beide die Frage, ob Programme wie DMP in ihrer jetzigen Form noch sinnvoll sind, da sie primär der Finanzierung innerhalb des Morbi-RSA dienen.
Fest steht: Die aktuellen Entwicklungen werden nicht nur die Versorgung, sondern auch die Strukturen und Arbeitsplätze in den Praxen nachhaltig beeinflussen.
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