Christoph predigt

Lebensglück


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5Der Herr ist mein Erbteilund bestimmt mein Schicksal.Du bist es, der mein Los festgelegt hat.6Mein Los fiel auf ein schönes Land.Ja, ein solches Erbteil gefällt mir gut.7Ich preise den Herrn, der mich beraten hat.Selbst in den Nächten denke ich darüber nach.8Der Herr steht mir immer vor Augen.Mit ihm an meiner Seite falle ich nicht.9Darum ist mein Herz so fröhlichund meine Seele jubelt vor Freude.Auch für meinen Leib ist gesorgt.10Denn du gibst mich nicht dem Totenreich preis.Du lässt mich das Grab noch nicht sehen.Ich gehöre doch zu denen, die dir dienen.11Du zeigst mir den Weg zum Leben.Große Freude finde ich in deiner Gegenwartund Glück an deiner Seite für immer. (Psalm 16,5-11)

 

Aus einem der Psalmen, der Gebete der Bibel. Dem Sechzehnten.


Was nehmen wir mit von diesem Tauffest?

Wir haben gesungen und gebetet. Zwei Kinder haben uns angelächelt. Wir haben miteinander unsere guten Wünsche und Hoffnungen für das Leben der beiden vor Gott getragen. Und wir haben von Gottes Versprechen gehört, von seiner Zusage--von seinem großen "Ja" zu unserem Leben. Liebe Laureen, lieber Benaja, damit lässt es sich gut leben. Liebe Eltern, liebe Pat:innen, ja, ihr alle: Nehmt das mit. Haltet es fest. Nehmt es als Gottes Versprechen, das euch gilt und lebt im Vertrauen darauf. Aber vor allem: Erzählt davon weiter, an Benaja und Laureen, die heute noch klein sind und noch nicht verstehen können, welches große Geschenk ihnen da zuteil wird. Erzählt davon, damit auch sie ihr Leben darauf gründen können: Gott hat zu dir "ja" gesagt. Komme was wolle, er hält zu dir. Erzählt von dem Gott, der uns bedingungslos liebt. Erzählt von Christus, seinem Sohn, der uns sein Leben schenkt. Erzählt von Gottes Geist, der in uns wohnt: Gott bei mir, ganz nahe! "Evangelium" nennen wir das. Gute Nachricht. Damit lässt es sich gut leben.

Es mag zweieinhalb tausend Jahre her sein, da hat das jemand aufgeschrieben. Die Gebete der Bibel, die Psalmen, packen menschliche Grunderfahrungen in Worte und richten sie an Gott, in dem Vertrauen, dass er hört und dass er uns begleitet. Vor so langer Zeit hat ein Mensch das gute Leben im Vertrauen auf ihn in Bilder gefasst, die damals geläufig waren. Die Worte reflektieren die Erfahrungen eines Volkes, das Gott erwählt und ein neues, gutes Land geführt hat. Vielleicht habt ihr die Geschichten noch im Ohr: Von Mose und dem Meer, das sich teilt, vom Pharao, von der Feuer- und Wolkensäule, von vielen Jahren in der Wüste. Wenn nicht, dann könnt ihr sie in den ersten Büchern der Bibel nachlesen: Im Exodusbuch, das wir auch "2. Mose" nennen, und in den Folgebänden Numeri, Deuteronomium und dem Josuabuch. Dort wird dann erzählt, wie man endlich ankam im erhofften, im verheißenen Land. Milch und Honig fließe hier, hieß es immer sprichwörtlich. Lange war das nur ein ferner Traum. Manche glaubten schon gar nicht mehr daran. Und dann waren sie da: Das Land gehörte ihnen. Nach der langen Reise wurde es jetzt verteilt. Jede Familie, jede Sippe und jeder Stamm in einer bestimmten Gegend. Dort wurde dann gelost, wer wo genau sein neues Heim finden würde. Und, stellt sie euch vor: die Freude, die Erleichterung: "Mein Los fiel auf gutes Land." Hier kann ich wohnen. Hier kann ich ein Zuhause finden. Hier ist Raum für mich. Hier kann ich sein, wie ich bin. Hier gibt es Zukunft. Hier gibt es Hoffnung. Hier kann ich glücklich werden. Gut leben lässt es sich hier.

Es sind nicht die Bilder unserer Zeit. Aber sie fassen zusammen, worum wir vorher für Laureen und Benaja gebetet haben. Was wir für sie erhoffen. Und für uns doch auch. Das gute Leben.

"Große Freude" und "Glück" wird das am Ende des Psalms genannt. Das wünschen wir uns alle.

Wenn wir also nachher weggehen von diesem Festgottesdienst, beseelt von der Aussicht auf Freude und Hoffnung, dann nehmen wir das mit -- das Versprechen, dass es sich mit Gott gut leben lässt. Dann machen wir hier noch ein paar lächelnde Familienfotos zum Andenken und dann geht es auf den Weg, zum Weiterfeiern und zum Weiterleben. Schritt für Schritt auf die Zukunft mit Gott zu. Dann machen wir die Tür der Kirche auf...

... und ziehen fröstelnd unsere Jacke zu. Maximal vierzehn Grad soll es heute geben. So hattet ihr euch das vermutlich nicht vorgestellt, als ihr euch den Spätsommer für euer Fest ausgesucht habt. Wenigstens bleibt uns der ganz große Regen erspart und in den Alpen, da fällt schon Schnee!

Das ungewohnt kalte Wetter heute erinnert an das, was auch im Psalm zwischen den Zeilen zu lesen ist: Das Glück, von dem dort die Rede ist, ist eben kein happy-clappy-immer-scheint-die-Sonne-Glück mit rosaroten Wolken und Regenbogen und Glitzer. Wer auch immer diesen Psalm geschrieben hat, der weiß auch, dass es auch die Nächte gibt, in denen man nicht schlafen kann. Die traurigen Momente, die schweren Tage, die Sorgen und den Druck des Alltags kennt man vor zweieinhalb tausend Jahren genauso, wie sie heute jeder von uns kennt. Und wie, das wird uns bewusst, wenn wir ehrlich darüber nachdenken, auch Benaja und Laureen sie erleben werden. So sicher wie das Amen in der Kirche, das jetzt irgendwann kommt.

Das ist kein einfaches "Glaub an Gott und dir geht's immer gut."

Das wird spätestens dann klar, wenn ich euch heute, an diesem freudigen Tauftag von Benaja und Laureen, auch von Laureens Uroma Ilse erzähle. Die wäre sicher gerne auch mit dabei gewesen, heute, bei diesem Fest. Alle haben auch gehofft, dass sie wenigstens heute Nachmittag zum Kaffee kommen kann, auch wenn es ihr in letzter Zeit gar nicht mehr gut ging. Es hat nicht sollen sein. Am frühen Mittwochmorgen hat Uroma Ilse das letzte Mal ihre Augen zugemacht. 94 Jahre alt ist sie geworden. Familie Schlecht werde ich schon in wenigen Tagen wiedersehen. Dann werden wir miteinander um ein Grab stehen. Ganz anders als heute.

Soll man darüber heute reden? Natürlich, denn man kann es ja nicht ignorieren, was da ist. Dass sich in die Freude heute auch die Trauer mischt. Und das ist gar nicht so außergewöhnlich, gar kein "besonderes Pech" oder irgendetwas in der Art. Es ist einfach die Realität des menschlichen Lebens mit seinem Auf und Ab, mit Freude und Schmerz, mit Kommen und Gehen. Wunderbare neue Menschen wie Benaja und Laureen kommen und bereichern unsere Welt und unser Leben. Wunderbare andere Menschen gehen von uns und fehlen uns schmerzlich. So war es immer. So wird es immer sein. Auch das Vertrauen auf Gott setzt diese Rhythmen des Lebens nicht außer Kraft.

Aber...!

"Der Herr steht mir immer vor Augen", hat schon damals jemand geschrieben. "Mit ihm an meiner Seite falle ich nicht."

Ich sage gerne: "Wir haben Hoffnung!"

Wenn wir nämlich am Mittwoch dann dort am Grab stehen, dann werde ich von demselben Jesus Christus reden wie heute. Von dem an meiner Seite. An unserer Seite. An Laureens und an Benajas Seite. An Ilses Seite. Immer. Überall. Alle Tage. Bis an der Welt Ende. Niemals ist er weiter von mir weg. Nie weicht er von mir. Nie vergisst er mich. Nie lässt er mich im Stich. "Mit ihm an meiner Seite falle ich nicht."

Heute bei der Taufe und am Mittwoch am Grab und stellvertretend für alle Tage, die dazwischen liegen, erzähle ich von Jesus Christus, mit dem Gott das besiegelt. In ihm ist er Mensch geworden. Einer von uns. So nahe ist er uns gekommen. Er lebt unser menschliches Leben. Er geht unsere menschlichen Wege. Er zeigt uns: Schaut, überall da bin ich da. An den guten Tagen. In Sorgen. In Krankheit. In Einsamkeit. In Not. Selbst im Sterben. Schaut auf Jesus, dann seht ihr, wie Gott selbst den Tod für uns auf sich nimmt. Auch das kann uns nicht aus seiner Hand reißen!

Schaut auf Jesus, und dann seht ihr auch, dass Gott den Tod überwindet. Das was uns schwarz und dunkel und schwer erscheint, das verwandelt er in etwas Neues, Ewiges, Gutes. "Du zeigst mir den Weg zum Leben." Die Taufe, die wir gerade gefeiert haben, zeigt darauf. Sie sagt uns: Genau dieses Leben des Christus, der den Tod überwunden hat--dieses Leben schenkt euch Gott. Euer Leben trägt hier und jetzt schon die Qualität des Ewigen. Es ist Gottes Leben, Christi Leben, das ihr lebt. Und er ist immer an eurer Seite.


Geliebte Gottes,

lieber Benaja, liebe Laureen, liebe Eltern, liebe Pat:innen, liebe Mitfeiernde, liebe Gemeinde,

Das ist das Glück und die Freude, wovon der Psalm redet: Dass im Auf und Ab des Lebens, in Höhen und Tiefen, in Licht und Dunkel--wie wir sagen würden: in guten und in schlechten Zeiten--Gott immer bei uns ist. Immer an meiner Seite. Dass, komme was wolle, ich niemals allein durch muss durch das, was das Leben mit sich bringt. Ich weiß immer: Gott ist da.

Geliebte Gottes,

das ist die Hoffnung, die alle, die Gott vertrauen, durchs Leben trägt -- echte Hoffnung. Toderprobte Hoffnung. Auferstandene Hoffnung: Du zeigst mir den Weg zum Leben. "Große Freude finde ich in deiner Gegenwart und Glück an deiner Seite für immer."


In der jüdischen Tradition wird dieser 16. Psalm gebetet, wenn beim Abschied der Leib ins Grab versenkt wird. Genau dann erklingen die Worte dieser Hoffnung. Vielleicht hören wir sie da auch am Mittwoch wieder. Vielleicht auch schon vorher, oder nachher. Denn das ist die Gewissheit, die wir mitnehmen sollten, in einen kalten, windigen Tag, und ins ganze Leben:

5Der Herr ist mein Erbteilund bestimmt mein Schicksal.Du bist es, der mein Los festgelegt hat.6Mein Los fiel auf ein schönes Land.Ja, ein solches Erbteil gefällt mir gut.7Ich preise den Herrn, der mich beraten hat.Selbst in den Nächten denke ich darüber nach.8Der Herr steht mir immer vor Augen.Mit ihm an meiner Seite falle ich nicht.9Darum ist mein Herz so fröhlichund meine Seele jubelt vor Freude.Auch für meinen Leib ist gesorgt.10Denn du gibst mich nicht dem Totenreich preis.Du lässt mich das Grab noch nicht sehen.Ich gehöre doch zu denen, die dir dienen.11Du zeigst mir den Weg zum Leben.Große Freude finde ich in deiner Gegenwartund Glück an deiner Seite für immer. (Psalm 16,5-11)


Mögen Freude und Glück euch alle begleiten.

Denn damit lässt es sich gut leben.

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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