
Sign up to save your podcasts
Or


Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn,
38 Als Jesus mit seinen Jüngern weiterzog, kam er in ein Dorf. Dort nahm ihn eine Frau als Gast bei sich auf. Ihr Name war Marta. 39 Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Die setzte sich zu Füßen des Herrn nieder und hörte ihm zu. 40 Aber Marta war ganz davon in Anspruch genommen, sie zu bewirten. Schließlich stellte sie sich vor Jesus hin und sagte: »Herr, macht es dir nichts aus, dass meine Schwester mich alles allein machen lässt? Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll!« 41 Aber der Herr antwortete: »Marta, Marta! Du bist so besorgt und machst dir Gedanken um so vieles. 42 Aber nur eines ist notwendig: Maria hat das Bessere gewählt, das wird ihr niemand mehr wegnehmen.« (Lukas 10,38-42)
Aus dem Lukasevangelium, aus dem 10. Kapitel.
Geliebte Gottes in Gäufelden,
Ich eile durch das Haus. Die Schürze ist voller Mehl, meine Hände kleben vom Teig. Der Ofen glüht, und ich spüre die Hitze auf meinen Wangen. Der Krug mit Wasser ist schwer, doch ich trage ihn eilig zum Tisch. Meine Gedanken springen von einer Aufgabe zur nächsten. Brot, Öl, Oliven – habe ich alles? Fehlt noch etwas? Die Stimmen aus dem Nebenraum dringen gedämpft zu mir. Ich höre Jesu Stimme, ruhig und klar. Aber ich habe keine Zeit, um hinzuhören. Ich muss mich beeilen. Die Gäste sind da, und es soll an nichts fehlen. Ich schiebe eine Schüssel zurecht, rücke die Kissen am Tisch gerade. Ein Becher steht schief – ich richte ihn aus. Alles muss stimmen. Meine Arme tun weh vom Tragen der schweren Schalen. Ich wische mir mit dem Handrücken über die Stirn, ein Streifen Mehl bleibt zurück. Die Hitze des Feuers, die Hitze der Arbeit – sie füllt meinen Kopf. Noch ein Brot, noch ein Krug Wasser, noch ein Blick, ob alles bereit ist. Aus dem anderen Raum klingt leises Lachen. Eine Frage, eine Antwort. Eine Pause. Dann wieder Jesu Stimme. Ich halte kurz inne. Nur einen Moment. Mein Blick wandert zur Tür. Aber meine Hände sind voller Arbeit. Ich reiße mich los. Jetzt nicht. Es gibt noch so viel zu tun.
Ich bin Martha.
Ich sage es frei heraus, auch wenn mich 2.000 Jahre, Sprache, Kultur, Geschlecht und gesellschaftlicher Status von ihr trennen: In dieser kurzen Lukaserzählung war ich schon immer auf Marthas Seite. Und Maria habe ich noch nie so wirklich verstanden. Deshalb wird das hier heute auch keine belehrende Predigt, in der ich, der Experte, euch sage, wie man es richtig macht. Eher so ein Ringen um Verständnis. Vielleicht auch ein gemeinsames Suchen nach einer besseren Lösung, die ich selbst noch lange nicht "ergriffen habe", wie es Paulus vielleicht formulieren würde.
Ich bin eine Martha.
Der Kalender ist voll. Der Kopf auch. Das Telefon klingelt zu jeder Zeit. Die E-Mails kommen wie ein ständiger Strom. Lieder für den Gottesdienst. Schule vorbereiten. Passen die Abkündigungen für Sonntag? Der Drucker funktioniert nicht. Kann man das Gemeindehaus mieten? Konfi vorbereiten. Ein Sterbefall. Noch einer. Trauergespräche. Taufgespräche. Besprechung mit den Kollegen. Geburtstag. Orgelreinigung. Der Architekt. Frühjahrssynode. Datagroup. Dienstbesprechung, Goldene Hochzeit und die evangelische Regionalverwaltung. Protokoll, Aktenplan. Neue Vikarin. Scheckübergabe. Pressegespräch. Gibt es schon den Jahresplan für die neuen Konfis? Gemeindefreizeit. Gottesdienst. Nächster Sonntag...
Im Pfarrhaus ist es nie langweilig. Ich habe den schönsten Beruf der Welt gewählt, ganz nah am Leben -- und voller Herausforderungen, immer wieder neu und ohne Ende. Beruf? Berufung. Familie gibt's auch noch. Das sagen die auch (zum Glück), wenn ich es selbst nicht merke. 1.000 Projekte im Kopf. Alle gut. Alle wichtig. Dringend? Was ist dringend? Zum Krank sein habe ich keine Zeit!
Ich bin eine Martha.
Und nicht die Einzige hier, zum Glück nicht. Das muss auch mal gesagt werden: Ohne Marthas gäbe es die Kirche längst nicht mehr. Keinen Gottesdienst und keine Seelsorge, keine Kinderkirche und keinen Seniorenkreis, keine Musik, keine geraden Stuhlreihen und kein Klopapier in den WCs. Die meisten bekommen nur einen Bruchteil davon mit, wie viele Marthas hier Woche für Woche durch die Gänge huschen und das Ding am Laufen halten, wie viele Ehrenamtliche sich aufopfern, wie viele unbezahlte Überstunden Hauptamtliche nicht einreichen, wie viele Urlaubstage verfallen, weil sie gar nicht erst genommen werden.
Ohne Martha läuft hier gar nichts.
Hier und anderswo.
Ohne Martha hätte Jesus kein Abendessen, keine geheiztes Wohnzimmer, in dem er sitzen kann, kein Dach über dem Kopf, kein Bett für die Nacht. Zum Glück--nein: Gott sei Dank!-- gibt es sie, die Menschen mit dem Blick für das, was jetzt getan werden muss. Die Menschen mit der Checkliste im Kopf. Die, die keine Ruhe haben, wenn nicht alles erledigt ist.
Ich bin Martha und vielleicht bist du es auch.
Wir haben keine Ruhe.
Wir rennen. Wir planen. Wir organisieren. Die Listen sind lang, die Tage zu kurz. Noch ein Anruf, noch eine Mail, noch eine Aufgabe, die niemand sonst sieht. Wir jonglieren Kalender, schieben Termine, füllen Lücken, bevor sie jemand bemerkt. Es muss doch gehen, irgendwie. Also gehen wir – immer weiter.
Wir stemmen, wir schieben, wir halten zusammen. Und doch: Manchmal fühlt es sich an, als wären wir allein. Sieht jemand, was wir tun? Bemerkt jemand die Stunden, die in den Hintergrund fließen? Den Tisch, der gedeckt ist, die Heizung, die läuft, den Gottesdienst, der vorbereitet ist? Sieht jemand die schlaflosen Nächte, die wir damit verbringen, alles zusammenzuhalten? Wir wollen doch nichts verpassen. Wir wollen dabeisein, zuhören, teilhaben. Aber die Hände sind voll, die Verantwortung drückt. Da bleibt keine Zeit, um innezuhalten. Vielleicht später. Vielleicht irgendwann.
Wir sehnen uns nach einem Wort, das sagt: „Gut gemacht.“ Nach einem Zeichen, dass es sich lohnt. Nach der Bestätigung, dass unser Tun wichtig ist. Wir geben unser Bestes – ist es genug? Wir wissen, was zu tun ist. Wir sehen, was fehlt. Wir haben den Blick für das Dringende, für das Notwendige, für das, was sonst keiner merkt. Wir können nicht einfach sitzen bleiben, wenn die Arbeit ruft.
Wir sind Martha.
Und wir haben keine Ruhe.
Die Welt um uns herum ist nicht geeignet, uns in Ruhe zu lassen. Sie wird ja selbst immer komplexer, immer hektischer und schneller. Wenn wir abends erschöpft auf unser Sofa sinken, sind die Nachrichten nicht dazu geeignet, unseren Puls zu beruhigen. Die Welt brennt, und wir können es nicht ignorieren. Krisen stapeln sich, Konflikte flammen auf, Katastrophen überrollen uns, noch bevor wir die letzte verarbeitet haben. Wir wollen helfen, verstehen, einen Unterschied machen – aber manchmal fühlt es sich an, als würden wir nur hinterherrennen. Wo soll das noch enden?
Wie sollen wir das bewältigen?
Wer soll denn das alles schaffen?
Hilft mir denn keiner?
"Marta, Marta! Du bist so besorgt und machst dir Gedanken um vieles."
Einer hat mich gesehen. Jesus selbst hat mich bemerkt. Er weiß offensichtlich wie es mir geht. Er kennt den Wirbelwind meiner Gedanken und die Turbulenzen in meiner To-Do-Liste.
"Marta,... Christoph, Christoph! Du bist so besorgt."
Du bist nicht alleine. Du musst das nicht alles schaffen. Du musst nicht die Welt retten.
Christoph, Christoph. Ich bin bei dir.
Halt einen Moment an.
Schau mich an.
Atme.
Tief und ruhig.
Ich bin da.
Halte dich an mich.
Werde still.
Setz dich einen Augenblick.
Sei einfach da.
Atme.
Höre.
Schweige.
Konzentriere dich ganz auf mich.
Vermutlich hat in genau dem Moment der Timer vom Backofen geklingelt. Oder war's das Telefon? WhatsApp? Teams? Ein kurzer Blick auf meine E-Mails -- schon wieder drei neue.
"Herr, ich muss doch..."
Martha. Christoph.
"Nur eines ist notwendig."
Ah, ja, klar. Prioritäten setzen. Das sehe ich ein. Das Dringende vom Wichtigen unterscheiden. Die Dinge nach Wichtigkeit abarbeiten. Und wenn's gar nicht mehr anders geht und sowie schon die Hälfte gar nicht mehr zu schaffen ist: "Triage". Notentscheidungen, was unbedingt gemacht werden muss und was zur Not auch auf der Strecke bleibt. Bei Pfarrern sind das oft, das gebe ich zu, die Geburtstagsbesuche.
"Das mache ich doch schon, Herr. Schau, und dann klicke ich hier und setze so ein Fähnchen, damit die Sache nicht in Vergessenheit gerät..."
Martha. Christoph.
"Nur eines ist notwendig. Maria..."
Ach ja, Maria. Das war ja das, was mich so entsetzt hat. Sieht die denn nicht, was hier los ist? Wie dringend man hier mit anpacken müsste? Dass wir dringend Leute brauchen, hier in der Küche und beim Kirchkaffee, bei der Jungschar oder im Redaktionsteam des Gemeindebriefs. Wenn die nur auch...
"Maria hat das Bessere gewählt."
Und dann noch... Warte!
"Maria hat das Bessere gewählt."
Marthas wie ich verstehen diesen Satz nicht.
Maria sitzt schließlich nur und tut... nichts!
Es scheint ihr egal zu sein, was alles unerledigt bleibt! Merkt sie überhaupt, dass alles den Bach runtergehen würde, wenn wir anderen das auch so machen würden?
"Maria hat das Bessere gewählt."
Was hat sie denn überhaupt gewählt? Was macht sie denn bitte, außer sitzen, hören und schweigen?
Es gibt keine schwierigere Aufgabe auf der Welt, die man Marthas wie mir stellen könnte.
Sitzen. Hören. Und schweigen.
Das habe ich noch nie kapiert.
Wenn wir beim Abendgebet in die Stille gehen, dann ist das für mein Hirn eine Steilvorlage, um loszurasen.
Was war heute? Habe ich alles erledigt? Muss ich nachher schnell noch...? Was darf ich morgen nicht vergessen?
Wenn wir uns bei einer Bibelbetrachtung Zeit für den Text nehmen, dann rast mein Hirn genau so. Ich habe den Text sowieso dreimal schneller gelesen als alle anderen. Vor meinem geistigen Auge baut sich eine Struktur auf:
Zusammenhänge. Check.
Wichtigste Stichworte. Check.
Bezug zu den Zuhörern. Check.
Uff. Erledigt.
Die anderen sind noch still. Auch gut. Ich sollte ja sowieso noch... Und wo ich gerade dran denke: Ich muss nachher unbedingt noch...
Martha. Christoph.
"Nur eines ist notwendig."
Es gibt keine schwierigere Aufgabe auf der Welt, die man Marthas wie mir stellen könnte.
Es gibt nichts, was wir dringender lernen müssten als das.
Luft holen!
Die Welt abschalten.
Und Jesus an.
Ich lasse mich in den Stuhl sinken. Die Schultern sind noch hochgezogen, der Nacken verspannt. Mein Kopf will weiterrattern, aber ich halte dagegen. Ein tiefer Atemzug. Dann noch einer. Langsam füllt sich meine Lunge, hebt den Brustkorb, dehnt die Rippen. Und dann – die Luft strömt aus. Mit ihr ein Stück Anspannung. Die Schultern sacken ein wenig nach unten. Mein Herz schlägt noch schnell, aber mit jedem Atemzug wird es ruhiger. Ich spüre den Boden unter meinen Füßen, meine Hände auf meinen Knien. Noch ein Atemzug. Noch einer. Es dauert ein paar Momente, bis mein Körper begreift: Ich muss nicht hetzen. Ich darf einfach sein.
"Luft holen!"
Am Mittwoch beginnt die Passionszeit. Seit langem ist das für viele Menschen ein wichtiger Moment, um einmal einen Gang -- oder gleich ein paar Gänge -- runterzuschalten. Sich in Vorbereitung auf Ostern zu fragen, was wirklich wichtig ist im Leben. "Luft holen" gehört auf jeden Fall dazu. "7 Wochen ohne Panik", schlägt die Fastenaktion 2025 unter diesem Titel vor: "Luft holen." Und ich glaube, in dieser wahnsinnig schnelldrehenden Welt unserer Tage könnte uns nichts besseres passieren:
Sieben Wochen ohne Panik. Sieben Wochen ohne das Herzrasen, wenn das Handy vibriert. Ohne den Schweiß auf der Stirn, wenn die To-Do-Liste wächst. Ohne das lähmende Gefühl, dass alles an uns hängt. Sieben Wochen, in denen wir nicht jedem Impuls nachjagen, nicht alles gleichzeitig erledigen, nicht dauernd auf Alarm geschaltet sind. Sieben Wochen, in denen wir üben, durchzuatmen. Loszulassen. Still zu werden. Sieben Wochen, um uns neu zu fragen: Was ist wirklich wichtig? Was trägt – auch wenn nicht alles fertig wird? Sieben Wochen, um zu hören: Nur eines ist notwendig.
Ist das wirklich zu schaffen--sieben Wochen lang? Oder, was noch viel schöner wäre: Jeden Tag?
Ich glaube nicht, dass man das einfach jetzt so entscheiden und dann "halt machen" kann. Ich glaube nicht, dass ich das könnte und durchhalten würde.
Aber ich kann anfangen.
Luft holen.
Einen Atemzug. Einen Moment. Eine Minute, eine Stunde, einen Tag. Eine Woche und dann sieben:
Ich muss nicht die Welt retten. Du auch nicht. Du und ich, an uns hängt nicht alles.
Wir werden die Welt nicht retten. Das hat ein anderer schon getan.
An ihm hängt alles.
Und er ist hier. Bei uns. Das hat er versprochen.
Bei jedem Atemzug. In jedem Moment, in jeder Minute, Stunde, an jedem Tag. Eine Woche und dann sieben und dann bis an der Welt Ende.
Luft holen.
Die Welt abschalten.
Und Jesus an.
Luft holen.
Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!
Luft holen.
Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte,
dass du mein Elend ansiehst und nimmst dich meiner an in Not.
Luft holen.
Du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Luft holen.
Maria hat das bessere Teil erwählt.
Maria hört auf Jesus.
Was hört sie da eigentlich?
Erst jetzt fällt mir auf, dass ich das ja gar nicht weiß.
Die Geschichte schweigt darüber.
So geht es uns, den Marthas wie mir.
Vielleicht ist es das, was sich ändern muss.
Schließlich hat er doch Worte des ewigen Lebens.
Die will ich hören.
Die muss ich hören.
Die will ich behalten.
Die will ich mit mir tragen, auch wenn ich dann -- vielleicht deutlich langsamer -- wieder anfange, etwas zu tun. Es ist ja schließlich auch gut, wenn etwas geschieht.
Solange er der ist, der die Welt rettet.
Und ich noch Raum habe,
zum "Luft holen."
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn,
38 Als Jesus mit seinen Jüngern weiterzog, kam er in ein Dorf. Dort nahm ihn eine Frau als Gast bei sich auf. Ihr Name war Marta. 39 Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Die setzte sich zu Füßen des Herrn nieder und hörte ihm zu. 40 Aber Marta war ganz davon in Anspruch genommen, sie zu bewirten. Schließlich stellte sie sich vor Jesus hin und sagte: »Herr, macht es dir nichts aus, dass meine Schwester mich alles allein machen lässt? Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll!« 41 Aber der Herr antwortete: »Marta, Marta! Du bist so besorgt und machst dir Gedanken um so vieles. 42 Aber nur eines ist notwendig: Maria hat das Bessere gewählt, das wird ihr niemand mehr wegnehmen.« (Lukas 10,38-42)
Aus dem Lukasevangelium, aus dem 10. Kapitel.
Geliebte Gottes in Gäufelden,
Ich eile durch das Haus. Die Schürze ist voller Mehl, meine Hände kleben vom Teig. Der Ofen glüht, und ich spüre die Hitze auf meinen Wangen. Der Krug mit Wasser ist schwer, doch ich trage ihn eilig zum Tisch. Meine Gedanken springen von einer Aufgabe zur nächsten. Brot, Öl, Oliven – habe ich alles? Fehlt noch etwas? Die Stimmen aus dem Nebenraum dringen gedämpft zu mir. Ich höre Jesu Stimme, ruhig und klar. Aber ich habe keine Zeit, um hinzuhören. Ich muss mich beeilen. Die Gäste sind da, und es soll an nichts fehlen. Ich schiebe eine Schüssel zurecht, rücke die Kissen am Tisch gerade. Ein Becher steht schief – ich richte ihn aus. Alles muss stimmen. Meine Arme tun weh vom Tragen der schweren Schalen. Ich wische mir mit dem Handrücken über die Stirn, ein Streifen Mehl bleibt zurück. Die Hitze des Feuers, die Hitze der Arbeit – sie füllt meinen Kopf. Noch ein Brot, noch ein Krug Wasser, noch ein Blick, ob alles bereit ist. Aus dem anderen Raum klingt leises Lachen. Eine Frage, eine Antwort. Eine Pause. Dann wieder Jesu Stimme. Ich halte kurz inne. Nur einen Moment. Mein Blick wandert zur Tür. Aber meine Hände sind voller Arbeit. Ich reiße mich los. Jetzt nicht. Es gibt noch so viel zu tun.
Ich bin Martha.
Ich sage es frei heraus, auch wenn mich 2.000 Jahre, Sprache, Kultur, Geschlecht und gesellschaftlicher Status von ihr trennen: In dieser kurzen Lukaserzählung war ich schon immer auf Marthas Seite. Und Maria habe ich noch nie so wirklich verstanden. Deshalb wird das hier heute auch keine belehrende Predigt, in der ich, der Experte, euch sage, wie man es richtig macht. Eher so ein Ringen um Verständnis. Vielleicht auch ein gemeinsames Suchen nach einer besseren Lösung, die ich selbst noch lange nicht "ergriffen habe", wie es Paulus vielleicht formulieren würde.
Ich bin eine Martha.
Der Kalender ist voll. Der Kopf auch. Das Telefon klingelt zu jeder Zeit. Die E-Mails kommen wie ein ständiger Strom. Lieder für den Gottesdienst. Schule vorbereiten. Passen die Abkündigungen für Sonntag? Der Drucker funktioniert nicht. Kann man das Gemeindehaus mieten? Konfi vorbereiten. Ein Sterbefall. Noch einer. Trauergespräche. Taufgespräche. Besprechung mit den Kollegen. Geburtstag. Orgelreinigung. Der Architekt. Frühjahrssynode. Datagroup. Dienstbesprechung, Goldene Hochzeit und die evangelische Regionalverwaltung. Protokoll, Aktenplan. Neue Vikarin. Scheckübergabe. Pressegespräch. Gibt es schon den Jahresplan für die neuen Konfis? Gemeindefreizeit. Gottesdienst. Nächster Sonntag...
Im Pfarrhaus ist es nie langweilig. Ich habe den schönsten Beruf der Welt gewählt, ganz nah am Leben -- und voller Herausforderungen, immer wieder neu und ohne Ende. Beruf? Berufung. Familie gibt's auch noch. Das sagen die auch (zum Glück), wenn ich es selbst nicht merke. 1.000 Projekte im Kopf. Alle gut. Alle wichtig. Dringend? Was ist dringend? Zum Krank sein habe ich keine Zeit!
Ich bin eine Martha.
Und nicht die Einzige hier, zum Glück nicht. Das muss auch mal gesagt werden: Ohne Marthas gäbe es die Kirche längst nicht mehr. Keinen Gottesdienst und keine Seelsorge, keine Kinderkirche und keinen Seniorenkreis, keine Musik, keine geraden Stuhlreihen und kein Klopapier in den WCs. Die meisten bekommen nur einen Bruchteil davon mit, wie viele Marthas hier Woche für Woche durch die Gänge huschen und das Ding am Laufen halten, wie viele Ehrenamtliche sich aufopfern, wie viele unbezahlte Überstunden Hauptamtliche nicht einreichen, wie viele Urlaubstage verfallen, weil sie gar nicht erst genommen werden.
Ohne Martha läuft hier gar nichts.
Hier und anderswo.
Ohne Martha hätte Jesus kein Abendessen, keine geheiztes Wohnzimmer, in dem er sitzen kann, kein Dach über dem Kopf, kein Bett für die Nacht. Zum Glück--nein: Gott sei Dank!-- gibt es sie, die Menschen mit dem Blick für das, was jetzt getan werden muss. Die Menschen mit der Checkliste im Kopf. Die, die keine Ruhe haben, wenn nicht alles erledigt ist.
Ich bin Martha und vielleicht bist du es auch.
Wir haben keine Ruhe.
Wir rennen. Wir planen. Wir organisieren. Die Listen sind lang, die Tage zu kurz. Noch ein Anruf, noch eine Mail, noch eine Aufgabe, die niemand sonst sieht. Wir jonglieren Kalender, schieben Termine, füllen Lücken, bevor sie jemand bemerkt. Es muss doch gehen, irgendwie. Also gehen wir – immer weiter.
Wir stemmen, wir schieben, wir halten zusammen. Und doch: Manchmal fühlt es sich an, als wären wir allein. Sieht jemand, was wir tun? Bemerkt jemand die Stunden, die in den Hintergrund fließen? Den Tisch, der gedeckt ist, die Heizung, die läuft, den Gottesdienst, der vorbereitet ist? Sieht jemand die schlaflosen Nächte, die wir damit verbringen, alles zusammenzuhalten? Wir wollen doch nichts verpassen. Wir wollen dabeisein, zuhören, teilhaben. Aber die Hände sind voll, die Verantwortung drückt. Da bleibt keine Zeit, um innezuhalten. Vielleicht später. Vielleicht irgendwann.
Wir sehnen uns nach einem Wort, das sagt: „Gut gemacht.“ Nach einem Zeichen, dass es sich lohnt. Nach der Bestätigung, dass unser Tun wichtig ist. Wir geben unser Bestes – ist es genug? Wir wissen, was zu tun ist. Wir sehen, was fehlt. Wir haben den Blick für das Dringende, für das Notwendige, für das, was sonst keiner merkt. Wir können nicht einfach sitzen bleiben, wenn die Arbeit ruft.
Wir sind Martha.
Und wir haben keine Ruhe.
Die Welt um uns herum ist nicht geeignet, uns in Ruhe zu lassen. Sie wird ja selbst immer komplexer, immer hektischer und schneller. Wenn wir abends erschöpft auf unser Sofa sinken, sind die Nachrichten nicht dazu geeignet, unseren Puls zu beruhigen. Die Welt brennt, und wir können es nicht ignorieren. Krisen stapeln sich, Konflikte flammen auf, Katastrophen überrollen uns, noch bevor wir die letzte verarbeitet haben. Wir wollen helfen, verstehen, einen Unterschied machen – aber manchmal fühlt es sich an, als würden wir nur hinterherrennen. Wo soll das noch enden?
Wie sollen wir das bewältigen?
Wer soll denn das alles schaffen?
Hilft mir denn keiner?
"Marta, Marta! Du bist so besorgt und machst dir Gedanken um vieles."
Einer hat mich gesehen. Jesus selbst hat mich bemerkt. Er weiß offensichtlich wie es mir geht. Er kennt den Wirbelwind meiner Gedanken und die Turbulenzen in meiner To-Do-Liste.
"Marta,... Christoph, Christoph! Du bist so besorgt."
Du bist nicht alleine. Du musst das nicht alles schaffen. Du musst nicht die Welt retten.
Christoph, Christoph. Ich bin bei dir.
Halt einen Moment an.
Schau mich an.
Atme.
Tief und ruhig.
Ich bin da.
Halte dich an mich.
Werde still.
Setz dich einen Augenblick.
Sei einfach da.
Atme.
Höre.
Schweige.
Konzentriere dich ganz auf mich.
Vermutlich hat in genau dem Moment der Timer vom Backofen geklingelt. Oder war's das Telefon? WhatsApp? Teams? Ein kurzer Blick auf meine E-Mails -- schon wieder drei neue.
"Herr, ich muss doch..."
Martha. Christoph.
"Nur eines ist notwendig."
Ah, ja, klar. Prioritäten setzen. Das sehe ich ein. Das Dringende vom Wichtigen unterscheiden. Die Dinge nach Wichtigkeit abarbeiten. Und wenn's gar nicht mehr anders geht und sowie schon die Hälfte gar nicht mehr zu schaffen ist: "Triage". Notentscheidungen, was unbedingt gemacht werden muss und was zur Not auch auf der Strecke bleibt. Bei Pfarrern sind das oft, das gebe ich zu, die Geburtstagsbesuche.
"Das mache ich doch schon, Herr. Schau, und dann klicke ich hier und setze so ein Fähnchen, damit die Sache nicht in Vergessenheit gerät..."
Martha. Christoph.
"Nur eines ist notwendig. Maria..."
Ach ja, Maria. Das war ja das, was mich so entsetzt hat. Sieht die denn nicht, was hier los ist? Wie dringend man hier mit anpacken müsste? Dass wir dringend Leute brauchen, hier in der Küche und beim Kirchkaffee, bei der Jungschar oder im Redaktionsteam des Gemeindebriefs. Wenn die nur auch...
"Maria hat das Bessere gewählt."
Und dann noch... Warte!
"Maria hat das Bessere gewählt."
Marthas wie ich verstehen diesen Satz nicht.
Maria sitzt schließlich nur und tut... nichts!
Es scheint ihr egal zu sein, was alles unerledigt bleibt! Merkt sie überhaupt, dass alles den Bach runtergehen würde, wenn wir anderen das auch so machen würden?
"Maria hat das Bessere gewählt."
Was hat sie denn überhaupt gewählt? Was macht sie denn bitte, außer sitzen, hören und schweigen?
Es gibt keine schwierigere Aufgabe auf der Welt, die man Marthas wie mir stellen könnte.
Sitzen. Hören. Und schweigen.
Das habe ich noch nie kapiert.
Wenn wir beim Abendgebet in die Stille gehen, dann ist das für mein Hirn eine Steilvorlage, um loszurasen.
Was war heute? Habe ich alles erledigt? Muss ich nachher schnell noch...? Was darf ich morgen nicht vergessen?
Wenn wir uns bei einer Bibelbetrachtung Zeit für den Text nehmen, dann rast mein Hirn genau so. Ich habe den Text sowieso dreimal schneller gelesen als alle anderen. Vor meinem geistigen Auge baut sich eine Struktur auf:
Zusammenhänge. Check.
Wichtigste Stichworte. Check.
Bezug zu den Zuhörern. Check.
Uff. Erledigt.
Die anderen sind noch still. Auch gut. Ich sollte ja sowieso noch... Und wo ich gerade dran denke: Ich muss nachher unbedingt noch...
Martha. Christoph.
"Nur eines ist notwendig."
Es gibt keine schwierigere Aufgabe auf der Welt, die man Marthas wie mir stellen könnte.
Es gibt nichts, was wir dringender lernen müssten als das.
Luft holen!
Die Welt abschalten.
Und Jesus an.
Ich lasse mich in den Stuhl sinken. Die Schultern sind noch hochgezogen, der Nacken verspannt. Mein Kopf will weiterrattern, aber ich halte dagegen. Ein tiefer Atemzug. Dann noch einer. Langsam füllt sich meine Lunge, hebt den Brustkorb, dehnt die Rippen. Und dann – die Luft strömt aus. Mit ihr ein Stück Anspannung. Die Schultern sacken ein wenig nach unten. Mein Herz schlägt noch schnell, aber mit jedem Atemzug wird es ruhiger. Ich spüre den Boden unter meinen Füßen, meine Hände auf meinen Knien. Noch ein Atemzug. Noch einer. Es dauert ein paar Momente, bis mein Körper begreift: Ich muss nicht hetzen. Ich darf einfach sein.
"Luft holen!"
Am Mittwoch beginnt die Passionszeit. Seit langem ist das für viele Menschen ein wichtiger Moment, um einmal einen Gang -- oder gleich ein paar Gänge -- runterzuschalten. Sich in Vorbereitung auf Ostern zu fragen, was wirklich wichtig ist im Leben. "Luft holen" gehört auf jeden Fall dazu. "7 Wochen ohne Panik", schlägt die Fastenaktion 2025 unter diesem Titel vor: "Luft holen." Und ich glaube, in dieser wahnsinnig schnelldrehenden Welt unserer Tage könnte uns nichts besseres passieren:
Sieben Wochen ohne Panik. Sieben Wochen ohne das Herzrasen, wenn das Handy vibriert. Ohne den Schweiß auf der Stirn, wenn die To-Do-Liste wächst. Ohne das lähmende Gefühl, dass alles an uns hängt. Sieben Wochen, in denen wir nicht jedem Impuls nachjagen, nicht alles gleichzeitig erledigen, nicht dauernd auf Alarm geschaltet sind. Sieben Wochen, in denen wir üben, durchzuatmen. Loszulassen. Still zu werden. Sieben Wochen, um uns neu zu fragen: Was ist wirklich wichtig? Was trägt – auch wenn nicht alles fertig wird? Sieben Wochen, um zu hören: Nur eines ist notwendig.
Ist das wirklich zu schaffen--sieben Wochen lang? Oder, was noch viel schöner wäre: Jeden Tag?
Ich glaube nicht, dass man das einfach jetzt so entscheiden und dann "halt machen" kann. Ich glaube nicht, dass ich das könnte und durchhalten würde.
Aber ich kann anfangen.
Luft holen.
Einen Atemzug. Einen Moment. Eine Minute, eine Stunde, einen Tag. Eine Woche und dann sieben:
Ich muss nicht die Welt retten. Du auch nicht. Du und ich, an uns hängt nicht alles.
Wir werden die Welt nicht retten. Das hat ein anderer schon getan.
An ihm hängt alles.
Und er ist hier. Bei uns. Das hat er versprochen.
Bei jedem Atemzug. In jedem Moment, in jeder Minute, Stunde, an jedem Tag. Eine Woche und dann sieben und dann bis an der Welt Ende.
Luft holen.
Die Welt abschalten.
Und Jesus an.
Luft holen.
Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!
Luft holen.
Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte,
dass du mein Elend ansiehst und nimmst dich meiner an in Not.
Luft holen.
Du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Luft holen.
Maria hat das bessere Teil erwählt.
Maria hört auf Jesus.
Was hört sie da eigentlich?
Erst jetzt fällt mir auf, dass ich das ja gar nicht weiß.
Die Geschichte schweigt darüber.
So geht es uns, den Marthas wie mir.
Vielleicht ist es das, was sich ändern muss.
Schließlich hat er doch Worte des ewigen Lebens.
Die will ich hören.
Die muss ich hören.
Die will ich behalten.
Die will ich mit mir tragen, auch wenn ich dann -- vielleicht deutlich langsamer -- wieder anfange, etwas zu tun. Es ist ja schließlich auch gut, wenn etwas geschieht.
Solange er der ist, der die Welt rettet.
Und ich noch Raum habe,
zum "Luft holen."
Amen.

0 Listeners