Wir sprechen jetzt, wie schon vor den Nachrichten angekündigt, über eine mögliche Erpressbarkeit Europas auf den Märkten für Erdgas und Erdöl.
Augenblicklich und in letzter Zeit waren und sind die Preise für diese Rohstoffe günstig, aber das sagt noch nichts aus über den Winter und die Lage, die uns dann möglicherweise erwartet. Das erklärt Dr. Hans-Jochen Luhmann, emeritierter Ökonom und Energie-Experte am "Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie" im jetzt folgenden Interview mit MEGA Radio Aktuell.
Auch ihn hatten wir ja schon mit seinen Einschätzungen zum sog. Heizungs-Gesetz vor den Nachrichten gehört: https://open.spotify.com/episode/4LgYLvZo1pW3sZdjmTW6bK
Laut Dr. Luhmann gibt es in der EU zwei entgegengesetzte Sichtweisen rund um die Entscheidung, auf russisches Erdöl zu verzichten:
Ob man das 1.) als eine Art Sicherung oder Versicherung aufbauen will gegen eine mögliche feindselige Unterbrechung seitens Russlands?
Oder ob man das 2.) als eine Art Strafe versteht, um Russland entsprechende Deviseneinnahmen aus Rohstoff-Verkäufen nach Europa zu verwehren.
Auch, um möglicherweise Russlands Ressourcen im Ukraine-Krieg zu schwächen.
In der Sprache der Ökonomen gesprochen, haben sich die weltweiten Erdöl-Märkte durchgesetzt, trotz der Sanktionen, die der Westen seit dem Ukraine-Krieg Russland auferlegt hat, betont Dr. Luhmann. "Die Märkte haben es tatsächlich geschafft, sich an die europäischen Embargo-Vorgaben anzupassen."
Die Folge sei nun, dass das für Europa regional nächstgelegene Erdöl, nämlich aus russischen Quellen, nicht mehr nach Europa kommt. Und dass Europa in der Konsequenz nun Erdöl aus weit entfernten Weltregionen importieren muss, zB LNG-Flüssiggas aus den USA.
Sowie, dass sich Russland notgedrungen neue, erfolgreiche Absatzmärkte für sein Öl suchen musste. Oder auch, dass mittlerweile echtes russisches Öl über Indien als angeblich "indisches Erdöl" nach Europa verkauft wird. Unser Interview-Partner Dr. Luhmann formuliert zu diesem letzten Aspekt eine deutliche Einordnung.
Außerdem geht es u.a. um die aktuelle Bedeutung des Hafens von Rotterdam für den europäischen Öl-Handel, um den laut der EU gescheiterten Preisdeckel für russisches Erdöl sowie um eine eventuelle Gas-Versorgungskrise vor allem für mittel- und osteuropäische Länder, darunter Österreich. Diese Länder wiederum haben deutlich anders gelagerte Interessen als die Gas-Importeure in Süd-Europa, wie Dr. Luhmann hervorhebt.
... soweit der renommierte Energie-Experte und Ökonom Dr. Hans-Jochen Luhmann, emeritierter Senior Adviser am
"Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie", mit seiner Analyse zur aktuellen Lage am Gas- und Öl-Markt und die Folgen für Europa.
Alexander Boos hat für MEGA Radio Aktuell mit ihm gesprochen.