"Mein VAU-EFF-ELL!"
Bis der Ball wieder rollt, wird aus dem Buch "Mein VAU-EFF-ELL" jeden Samstag um 13.00 Uhr bis zum Wiederanpfiff eine Geschichte in der HASEPOST erscheinen, verbunden mit einer vom jeweiligen Autor vorgetragenen Podcast-Lesung.
"Mein VAU-EFF-ELL!" ist bei Bücher Wenner in Osnabrück für nur 10,00 € als Sonderdruck erhältlich.
Hier zu allen bereits online erschienen Folgen, inklusive Podcast.
Burkhard Tillner - Und immer wieder grüßt der Flashback ...
Die Farbe Lila
Ihr Halstuch ist lila, das reicht. Die Stewardess steht vor ihrem Auditorium im Inneren eines Airbus und sendet mit wundersamen Bewegungen grobe Richtungsempfehlungen aus, anhand derer sich bei Bedarf Notausgänge finden lassen sollen. Meine Augen folgen aber nicht ihren vagen, offensichtlich im Mr.-Bean-Ausbildungscamp einstudierten Hinweisen. Mein Blick bleibt auf ihren Hals gerichtet, genauer gesagt fixiere ich ihr lila Halstuch.
Es ist eindeutig lila!
Das reicht, ein Trigger, ein Auslöser, und ratzfatz lässt die gerade noch in einer Schwimmweste steckende Notausgangeinweiserin in meinen Gedanken statt der Sauerstoffmaske meine erste VfL-Fahne (erschütternd klein), meine zweite VfL-Fahne (akzeptabel) und meine dritte und letzte VfL-Fahne (übertrieben groß) über die Sitzreihen des Fliegers wehen.
Ich habe mir abgewöhnt darüber zu sinnieren, ob es ansatzweise normal sein könnte, dass bei mir eine Situation, eine Geste, ein Geruch oder ein Ausspruch eine Reaktion auslöst, in der bei mir unverzüglich Erinnerungen an den – Quatsch! – an meinen VfL Osnabrück hervorgerufen werden.
Einer einfühlsamen und bis zu diesem Zeitpunkt liebenswerten Kollegin habe ich einmal bei einem Gang über den Osnabrücker Marktplatz unverzeihlicherweise von diesem Phänomen berichtet. Den Kopf besorgt zur Seite geneigt, schaute sie mich mitfühlend an, bevor sie sich an ihren Psychologie-Workshop auf der Hallig Hooge erinnerte:
„Na ja …“ – in ihrer anschließenden Atempause hätte ich auf den Marienkirchturm rauf und wieder runter klettern können – „… es ist wohl ein Schlüsselreiz, der deine Gedanken an den VfL heraufbeschwört. So ein Flashback steht oft für ...“ – die jetzt eingetretene Nachdenkphase hätte für zwei Crêpes und einen Espresso gereicht, wurde aber dafür benötigt, ihren Kopf noch sorgenvoller seitlich zu neigen – „... für eine posttraumatische Belastungsstörung, also irgendwie ...“ – ihr Ohr und ihre Schulter schienen jetzt zu einer Einheit verschmolzen zu sein – „... ist da vielleicht irgendwann bei dir eine schwere seelische Verletzung entstanden. Kann das sein?“
Meine Schuld, ich bin angefangen, ich habe es ihr erzählt, ich hätte alleine mit den Crêpes auf den Kirchturm steigen sollen, bin ich aber nicht.
Immerhin versuchte sie den gemeinsamen Gang durch Osnabrück zu retten: „Echt schönes Rathaus mit dieser Treppe!“
„Ja echt klasse! Da oben ...“ – fast hätte ich ihr gesagt, wie das war, als Kaniber, Burose, Diehl, Baumann, Mumme 1969 da oben standen, aber ich brach das dann mal lieber ab – „ … da oben hast du ‘ne echt gute Sicht über den Platz. Findest du nicht auch?“
Puh! Gerade noch die Kurve gekriegt, das war’s.
Sicherlich wird ihr seither vor meiner Gedankenwelt grauen. Ich hingegen habe mich aufrichtig für sie gefreut, dass sich ihr Ohr und ihre Schulter ohne chirurgischen Eingriff voneinander lösen konnten.
Posttraumatische Belastungsstörung und der VfL Osnabrück? Also, geht‘s noch? Obwohl ...
... was sind das genau für Momente, die einen solchen Flashback in mir auslösen? Ein Beispiel. Ich bin irgendwo draußen und im Biergarten oder bei der Gartenparty fallen ...