“Mein VAU-EFF-ELL!”
Bis der Ball wieder rollt, wird aus dem Buch “Mein VAU-EFF-ELL” jeden Samstag um 13.00 Uhr bis zum Wiederanpfiff eine Geschichte in der HASEPOST erscheinen, verbunden mit einer vom jeweiligen Autor vorgetragenen Podcast-Lesung.
“Mein VAU-EFF-ELL!” ist bei Bücher Wenner in Osnabrück für nur 10,00 € als Sonderdruck erhältlich.
Hier geht es zu allen bereits online erschienenen Folgen, inklusive Podcast.
Christian Hardinghaus – Cocktails & Burger an der Brücke
„Willste nicht auch was für das VfL-Lesebuch schreiben?“, fragt mich Kalla am Telefon. „Fällt dir was ein?“
„Klar“, sage ich und lege auf.
Also, Rechner an, Word-Dokument auf und die erste Kindheitserinnerung an meinen Verein abrufen:
Es ist kalt. Ich stehe mit meinem Schnuller im Mund vor der Ostkurve und kann zwischen den vielen Bier trinkenden Männern mit Jeansjacke und Schals nichts erkennen. Mein Vater hat mich an der Hand, damit ich nicht verlorengehe in der lila-weißen Traube. „Wer spielt noch mal?“, frage ich.
„Wir gegen Schalke 04“, antwortet er.
Schalke 04 sagt mir nichts, auch heute noch nicht. Aber egal! Ich öffne 33 Jahre später Google und finde heraus, dass ich mich an Samstag, den 31. Januar 1982, erinnere. Zweite Liga, 22. Spieltag, Endergebnis 1:1.
Zurück zu meinem Kindheitserlebnis: „Doktor Hardinghaus“, höre ich jemanden von oben schreien und dann: „Lassen Sie sofort den Arzt durch!“ Alle Jeansjacken rücken auf der Treppe nach rechts, als wären sie Autos und ich ein Krankenwagen. Mein Vater, der übrigens wirklich Arzt ist, rennt mit mir die Stufen hoch und schüttelt dem freundlich lächelnden Ordner in orangefarbener Weste die Hand. Der hatte nämlich gerufen, doch verletzt ist er gar nicht und auch sonst keiner. Da kann ich aber nicht weiter drüber nachdenken, denn in diesem Augenblick sehe ich das erste Mal ein Fußballstadion in vermutlich vollendeter Pracht. Ich hatte es mir nicht so groß vorgestellt. Ich bin überwältigt, der Schnuller fällt mir aus dem Mund. Schon mit vier Jahren werde ich zum Mann.
Allerdings musste ich als frischgebackener Mann und VfL-Fan nach meinem ersten Spiel zunächst ein paar andere Dinge ausprobieren und durchleben. So dauerte es bis zur Saison 2003/2004, bis ich Dauerkartenbesitzer wurde und mit Vaddern und Bruder Konstantin regelmäßig die Südtribüne besuchte.
Zum Leidwesen meines Vaters bin ich kein Mediziner geworden, zu seiner Freude aber VfL-Fan und beides hat ja schließlich auch mit Herzblut zu tun. Geworden bin ich Historiker. Was ja an sich nicht schlechter ist, vor allem nicht, wenn der Lieblingsverein 116 Jahre alt ist, zwei Weltkriege und eine Reihe ‚kriegsähnlicher Zustände‘ überlebt hat.
Südtribüne: ein historischer Ort. Zum Beispiel der 19. November 1939. Die 13.000 Zuschauer umjubelten den 3:2 Sieg gegen wen? Tja, wieder dieses Schalke 04. Ich frage mich, wieso wir heute so selten gegen die spielen.
Und für mich gab‘s auf dieser legendären Südtribüne irgendwann auch den ersten Cocktail. Richtig: Aufmerksame Leser haben schon bemerkt, dass es den an der Brücke nicht zu kaufen gibt. Zumindest nicht den, den man trinken kann, wohl aber spüren, und das ganz umsonst: der Hormoncocktail. Ihr kennt ihn alle!
Der Morgen am Tag des Spiels. Irgendwas ist anders. Nervosität. Die erste Zutat kommt in den Shaker: Adrenalin. Der Pegel steigt und steigt, bis man im Stadion steht oder sitzt. Dann wird die Hymne gesungen. Das beruhigt und das liegt am Dopamin, das jetzt in den Körpermixer geschleudert wird.
Dann der Anstoß und wieder ist es Adrenalin,