Ein brandheißes Thema bespricht man am besten mit Menschen, die sich am besten damit auskennen – und das ist in diesem Fall das Team des DIMB (Deutscher Interessenverband Mountainbike e.V.). Unser heutiger Gast: Sonja Schreiter vom DIMB.
Vergangene Woche wurde ein Gesetzesentwurf zum Landesforstgesetz in Nordrhein-Westfalen veröffentlicht, der es in sich hat: Das Restriktionspotential für Mountainbikende ist gigantisch – klar ist: Wird dieser Entwurf unverändert zum Gesetz, kann das weitreichende Konsequenzen für uns haben. In einer Sonderfolge haben wir uns Sonja Schreiter vom Deutschen Interessenverband Mountainbike e.V. (kurz DIMB) ans Mikrofon geholt – eine Expertin für alles rund um Trails, Legalisierungsprozesse und auch für Formulierungsnuancen, die harmlos scheinen, aber ordentlich Zündstoff mitbringen.
Etwas mehr als eine Stunde sprechen wir über den Gesetzesentwurf, mögliche Konsequenzen, die Initiative der DIMB und erste Erkenntnisse aus den ersten intensiven Tagen Arbeit an diesem Thema. Wir wollen von Sonja wissen: was können wir tun, was muss die Industrie tun und wie können wir als Medien diesem Thema mehr Gewicht verleihen? Die Antworten dazu findet ihr in diesem Podcast, den man auch als Video sehen kann
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Johannes Herden: Herzlich willkommen bei „Bock auf Biken“! Wir sind jetzt mit einer kleinen Sonderaufnahme hier mit am Start und auch die Teilnehmenden in diesem Gespräch sind etwas andere Personen als die, die ihr sonst kennt. Denn wir haben zum ersten Mal den Chris mit dabei. Den kennt ihr aus dem „Shred Talk“-Format bzw. von eMTB-News. Hi Chris! Hallo zusammen. Und als Gast haben wir die Sonja von der DIMB. Ich muss mich selbst daran erinnern, dass wir jetzt „von der DIMB“ und nicht mehr „von der Dadim“ sagen – von der DIMB. Sonja kennt sich unfassbar gut aus mit allem, was irgendwie legale Trails, Trail-Umwandlung und alles Mögliche angeht. Was genau sie dort macht, das wird sie jetzt erzählen. Ich sage erst mal Hallo und herzlich willkommen, Sonja!
Sonja Schreiter: Hallo Hannes, hallo Chris, ich freue mich wahnsinnig, heute bei euch zu Gast zu sein. Danke.
Johannes Herden: Wir freuen uns auch. Und wir hoffen, dass du zusammen mit uns ein bisschen Licht in diese aktuelle Thematik bringst – und darum soll es nämlich heute gehen: die ganze NRW-Geschichte. Wir haben einen Entwurf erhalten zu einem möglichen neuen Gesetz, was das Biken und Mountainbiken im Besonderen in NRW angeht. Und bevor wir darüber reden, Sonja, stell dich kurz vor: Was machst du bei der DIMB? Wie lange bist du schon da? Was sind so deine speziellen Gebiete, die du dort hast?
Sonja Schreiter: Ja, also erst mal finde ich es ganz cool, dass du fleißig geübt hast und schon „von der DIMB“ sagen kannst. Ich muss mich da auch noch ein bisschen dran gewöhnen, dass wir seit Kurzem ein Verband sind – und zwar der Deutsche Interessenverband Mountainbike e. V., immer noch DIMB. Ich bin bei der DIMB jetzt seit knapp pfünf Jahren festangestellt in der Fachberatung. Der Bereich wurde jetzt auch umbenannt in „Advocacy and Infrastructure“, weil er genau das abbildet, was wir nämlich tun. Ich bin ursprünglich eingestellt worden für das Thema Bayern und geeignete Wege. Ich bin auf Bundesebene sehr aktiv für das Betretungsrecht, für das Thema Interessenvertretung der Mountainbiker und Mountainbikerinnen in ganz Deutschland. Ich bediene da auch ein bisschen die neuen Bundesländer. Und ich bin im Trailbau sehr aktiv dabei, berate jeden, der beraten werden möchte, zum Thema Trailbau, Trail-Legalisierung, Verkehrssicherungspflicht, Haftung und bin eben auch ganz tief drin in diesem Thema Gesetzgebungsverfahren. Ja, und über das reden wir heute speziell in NRW.
Johannes Herden: Wunderbar, vielen Dank erst mal dafür! Und bevor wir loslegen, gibt es das Intro. Los geht’s!
Johannes Herden: So, und dann starten wir direkt rein ins Thema, denn wir wollen da so ein bisschen Licht ins Dunkel bringen. Wir haben mittlerweile schon zwei große Artikel zur ganzen Thematik gemacht. Wir haben uns am letzten Wochenende und auch gestern daran gesetzt. Chris hat sich gestern im Speziellen noch mal gesondert mit der Thematik auseinandergesetzt. Ich habe mich auch hier vor Ort mit meinem Kollegen beraten, der tief im Thema Trailbau und den legalen Trail-Geschichten steckt, die wir hier in Lemgo vorletztes Jahr eröffnet haben. Mit dem habe ich mich im Vorfeld ausführlich beraten. Und natürlich habt ihr euch auch extrem damit auseinandergesetzt, denke ich. In den letzten Tagen habt ihr sehr, sehr viel Lektüre durchgeforstet und wahrscheinlich sehr viele Leute kontaktiert. Kannst du noch mal ganz kurz ausdifferenzieren und einen groben Überblick geben: Worum geht es jetzt eigentlich und warum ist dieses Thema Trails in NRW gerade so brisant?
Sonja Schreiter: Ja, also „durchgeforstet“ trifft es ganz gut. Es geht um das neue Landesforstgesetz in Nordrhein-Westfalen. Am Mittwochabend macht es bei mir im Messenger „Bing“ und dann heißt es auf einmal: „Leute, es gibt Arbeit!“ Wir haben die offizielle Einladung vom Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz aus NRW bekommen, dass die Verbändebeteiligung zum Entwurf des neuen Landesforstgesetzes offiziell gestartet wurde. Wir haben bis zum 8. Juni Zeit, hier eine Stellungnahme einzureichen. Auf gut Deutsch sind wir erst mal rückwärts vom Stuhl gefallen, weil wir wirklich überhaupt gar nicht damit gerechnet haben – und schon gar nicht in dieser Schärfe und in dieser Form. Ja, dann sind natürlich gleich alle Chats und alle Telefone heiß gelaufen, die Arbeit ging los. Meine Kollegen Heiko und Flo haben gleich Vollgas angefangen, auch über das Wochenende den Gesetzentwurf zu durchforsten, um zu sehen, was sich da alles für uns Mountainbiker verschlechtert. Und da sind wir leider auf sehr viele Dinge gestoßen, die wirklich massive Einschränkungen bedeuten würden.
Johannes Herden: Was sind das für Einschränkungen? Oder Chris, du hattest gerade schon was?
Chris Spath: Ja, ich glaube, das zentrale Thema ist die Umformulierung von „festen Wegen“ hin zu diesen Wirtschaftswegen. Das fühlt sich jetzt an wie eine Art Forstautobahnpflicht. Es gibt eine Umformulierung, dass nur noch Wege zugelassen werden sollen, die einfach auch mit einem potenziell normalen Kfz fahrbar sind – also nicht mal zwingend ein Allradfahrzeug. Ich würde mal sagen, man kann eigentlich von einem Singletrail-Verbot sprechen. Thomas hatte bei uns den ersten Artikel geschrieben und nannte es ein „Singletrail-Verbot durch die Hintertür“. Vielleicht ist es ein bisschen ein verschleiertes Verbot, weil es erst mal nicht so restriktiv klingt – zumindest für den Otto Normalverbraucher. Aber für alle, die Mountainbike fahren und das gerne von der Haustüre aus oder im nahegelegenen Naherholungsgebiet tun, ist es schon ein ziemlich drastischer Einschnitt, muss man echt sagen.
Sonja Schreiter: Ja, das ist definitiv so. Und ich habe da ein Bild im Kopf: Mein Kollege Heiko hat gestern ein Foto in unseren Chat geschickt, auf dem er sein Mountainbike einfach mal quer über einen zweispurigen Forstweg gelegt hat. Wenn man weiß, wie breit so ein Mountainbike ist, und dann ist rechts und links immer noch ein kleines bisschen Platz plus das Bankett, dann würde das wirklich bedeuten, dass man nur noch auf doppelspurigen, richtig breiten Forstwegen fahren kann. Wir haben hier auch – vielleicht ein bisschen provokativ – gesagt, es ist eine 3,5-Meter-Regel durch die Hintertür. Das ergibt sich daraus, dass es hier einen Erlass über den forstlichen Wegebau im Wald gibt, in dem eine Regelfahrbahnbreite von 3,5 Metern für forstwirtschaftliche Wege aufgeführt wird. Da kann man dann schon davon ausgehen, dass von Wegen gesprochen wird, die mindestens drei bis sogar eher vielleicht vier Meter breit sind.
Sonja Schreiter: Es geht also um eine Wegbreitenregelung, die es so bisher nicht gab. Wir beobachten diese Gesetzesänderungen oder Novellierungen schon sehr, sehr lange. Die DIMB gibt es ja jetzt seit 35 Jahren. Die letzte größere Änderung im Landeswaldgesetz in NRW war im Jahr 2000. Man sieht in vielen Protokollen der damaligen Sitzungen, dass eigentlich nur verhindert werden sollte, dass Radfahrer oder explizit Mountainbiker auf klassischen Trampelpfaden fahren – also dort, wo vielleicht mal ein paar Leute durchgelaufen sind, ein bisschen was runtergetrampelt ist oder wo ein Weg zu einem Hochsitz führt, wo sich einfach eine Spur ausgetreten hat. Natürlich gab es damals von anderen Interessengruppen ganz klar den Wunsch nach einer 2- bzw. 3-Meter-Regel, um das Radfahren in irgendeiner Form einzuschränken. Das hat der Gesetzgeber damals explizit abgelehnt, das kann man nachlesen. Er sagte, der Begriff „feste Wege“, wenn wir den einführen, würde ausreichen, weil damit schon vermieden wird, dass auf diesen sogenannten Trampelpfaden gefahren wird. So ist dieser Begriff damals in das Gesetz gekommen, der sich jetzt seit 26 Jahren bewährt hat. Dass man jetzt wieder mit einer Breitenregelung – zwar durch die Hintertür und anders verklausuliert – ums Eck kommt, ist auf gut Deutsch eine Klatsche.
Johannes Herden: Die Frage, die ich mir gestellt habe, ist: Warum? Woher kommt jetzt dieser Antrieb? Ist in Düsseldorf, in der Landeshauptstadt, irgendwie angekommen, dass man etwas gegen Mountainbiker hat? Denken sie, wir müssen das jetzt mehr einschränken? Ist das eine Geschichte von Lobbys, die sich intensiv dafür eingesetzt haben, weil ihnen Mountainbiker wirklich ein absoluter Dorn im Auge sind und sie überall weg sollen? Ist das ein Ergebnis erfolgreicher Lobbyarbeit von anderen Verbänden oder was ist eure Einschätzung?
Sonja Schreiter: Mit so einer richtigen Schuldzuweisung muss man immer ein bisschen vorsichtig sein, weil das alles nur Spekulationen sind. Genaues wissen wir nicht. Aber wenn man sich allein die Konstellation anschaut, wie der Waldbesitz in Nordrhein-Westfalen verteilt ist: NRW ist das Bundesland mit dem mit Abstand größten Privatwaldbesitzanteil, nämlich 64 oder 65 Prozent. Nur ungefähr 14 bis 15 Prozent sind Landesforsten, also staatliche Wälder. Da kann man schon dem Gedanken folgen, dass es mit Sicherheit eine große Lobby der privaten Waldbesitzervereinigungen gibt. Vielleicht auch aus dem Bereich Jagd oder aus dem Bereich Naturschutz. Wir haben natürlich ganz präsent das Thema Klimawandel, womit auch NRW konfrontiert ist. Im Zuge dieser Überarbeitungen, die immer mal wieder angestoßen werden – sei es bei Landeswaldgesetzen oder wenn neue Regierungen im Bundesland sind –, versuchen natürlich alle Interessengruppen ihre Interessen unterzubringen, wenn sie wissen, dass das Gesetz angefasst wird. Und man kann, denke ich, schon sagen: Die Mountainbike-Lobby war bisher nicht die stärkste.
Chris Spath: Aber das soll sich ja jetzt auf jeden Fall ändern. Sprich, dieses Thema kann quasi im Turnus von Landtagswahlen auch immer wieder neu aufpoppen. Deswegen ist es gerade so wichtig, euch an dieser Stelle zu unterstützen, euch den Rücken zu stärken, um ein Gegengewicht zu diesen anderen Lobbyverbänden einzubringen und unsere Interessen stärker aufzuzeigen. Verstehe ich das richtig?
Sonja Schreiter: Ja, das ist richtig. Und wenn man das mal ins Verhältnis setzt: NRW ist eines der bevölkerungsreichsten Bundesländer. Wenn wir sagen, es gibt zwölf Millionen Menschen in Deutschland, die sich als Mountainbiker bezeichnen – wenn das Allensbach-Institut danach fragt – und ungefähr 4 Millionen davon wirklich regelmäßig fahren, dann kann man wahrscheinlich knapp eine Million davon nach NRW verorten. Wir wissen alle, dass es mehr aktive Mountainbiker als Fußballspielende gibt. Aber das haben viele Politiker und Politikerinnen einfach gar nicht auf dem Schirm. Die Mountainbiker sind traditionell organisationsscheu, sagen wir es mal so. Es ist eine Individualsportart, man hat diesen Freiheitsgedanken. Man muss nicht in einem Verein organisiert sein, wenn man einfach auf dem bestehenden Wegenetz Mountainbike fahren möchte. Aber die anderen Lobbyvereinigungen zeigen uns: Wenn man sich traditionell schon seit vielen Jahren in Interessenvertretungen organisiert, dann schlägt das natürlich durch, weil man stärker wahrgenommen wird, lauter auftritt und mehr Menschen hinter sich vereinigt – obwohl es mit Sicherheit gar nicht mehr Waldbesitzer als Mountainbiker gibt.
Chris Spath: Absolut. Es ist interessant, dass wir immer erst diese Krisen brauchen, um zu lernen, und so etwas nicht aus einer positiven Phase heraus entwickeln können. Schade eigentlich. Aber ein Appell an alle Zuhörer: Wenn ihr noch nicht in der DIMB seid, dann unterstützt sie mit einer Mitgliedschaft oder einer Spende. Es dürfte in der aktuellen Situation hier bei uns in NRW helfen, aber vielleicht auch in Zukunft mal bei euch.
Johannes Herden: Vielleicht auch dazu noch eine Frage, Sonja: Man kann, so habe ich das zumindest verstanden, nicht nur als Einzelperson Mitglied werden, sondern auch als ganze Mountainbike-Abteilung oder als Mountainbike-Verein. Man kann sich quasi als ganzer Verein bei euch integrieren. So haben wir das mittlerweile hier in Lemgo gemacht. Unsere ganze Mountainbike-Abteilung ist jetzt DIMB-Mitglied. Das geht ja auch, oder?
Sonja Schreiter: Ja, es ist beides möglich, es gibt mehrere Optionen. Natürlich ist die Durchschlagskraft eines Einzelmitglieds am höchsten. Wenn ich jetzt einfach mal das Beispiel nenne: Eine normale Basismitenschaft kostet bei uns 45 Euro im Jahr. Da ist die Haftpflicht- und Unfallversicherung bezogen aufs Radfahren schon dabei. Ebenso die ganzen Vorteile, die ihr mit Sicherheit von diversen Herstellern, Shops oder Magazinen kennt. Letztendlich muss man sich überlegen: Diese 45 Euro sind weniger als ein Reifen. Aber was kann ich mit diesen 45 Euro bewirken? Wir sind aktuell für ganz Deutschland drei festangestellte Personen, die alle 16 Bundesländer bedienen. Eine Gesetzesänderung in NRW beschäftigt uns drei mehr als acht Stunden am Tag und mehr als fünf Tage die Woche, wenn es so richtig akut ist. Da kommen aber die anderen Sachen, die wir ganz klassisch machen, noch dazu: die Beratung von Vereinen zu Trailbau oder zu Gestattungsverträgen, die Beratung von Tourismus oder die Aufarbeitung von anderen Themen wie Verkehrssicherungspflicht, Webinare etc.
Sonja Schreiter: Mit diesen 45 Euro, die im Prinzip eine Art Unterstützungsbeitrag sind, sorgt ihr dafür, dass es drei Personen in ganz Deutschland gibt, die das Betretungsrecht schützen und Vereine beraten, wenn es um das Thema legalen Trailbau oder offizielle Angebote geht. Wir machen diese ganze unschöne Arbeit, auf die man eigentlich gar nicht so Bock hat, weil man eigentlich Mountainbiken gehen will. Das machen wir für euch. Wir müssen dafür aber natürlich auch irgendwie bezahlt werden. Wir sind ein komplett mitgliedergetragener Verband. Klar kriegen wir auch die eine oder andere Spende aus der Industrie oder von Privatpersonen, aber letztendlich werden wir fast ausschließlich zum größten Teil durch Mitgliedsbeiträge finanziert. Je mehr Einzelmitglieder wir haben, desto besser können wir diese Arbeit einfach machen.
Johannes Herden: Das ist auf jeden Fall eine wichtige Info. Es ist super einfach, sich anzumelden. Geht einfach auf dimb.de und dort findet ihr direkt die Anmeldung. Wer noch kein Mitglied ist, darf das gerne machen. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Wenn man mal ein Problem hat, gerade was Trails angeht, seid ihr wahnsinnig schnell erreichbar und meldet euch extrem schnell zurück. Da haben wir mit euch super positive Erfahrungen gemacht hier in Lemgo, als wir Fragen hatten, wie wir das genau mit der Legalisierung machen. Also von daher: Es bringt euch viel. Wenn ihr Projekte vor Ort verwirklichen wollt und Fragen dazu habt, wendet euch auf jeden Fall an die DIMB. Ihr seid wirklich wahnsinnig schnell und sehr kompetent mit dabei, muss man einfach mal so sagen.
Sonja Schreiter: Vielen Dank. Ja, da muss keiner das Rad neu erfinden. Bei mir sind es erst fünf Jahre, bei Heiko zehn, aber in den 35 Jahren, in denen wir Wissen und Erfahrung angesammelt haben, gibt es eigentlich nichts, was wir nicht schon mal hatten. Heute muss kein Trailbauer und kein Verein da draußen das Rad neu erfinden. Lieber einmal zu viel gemeldet als einmal zu wenig.
Johannes Herden: Okay, sehr gut. Lass uns noch mal ein bisschen zurückgehen zu dieser ganzen Problematik und welche krassen Auswirkungen das im Endeffekt haben kann. Kannst du grob skizzieren, wenn diese Regelung im schlimmsten Fall kommen sollte – sprich, wir haben diese Breite an Wegen, die nur noch befahren werden darf –, über wie viele genutzte Wege und Trails sprechen wir da in NRW, die wegfallen könnten? Gibt es da einen groben Anhaltspunkt oder kann man das gar nicht sagen, weil es einfach zu viel ist?
Sonja Schreiter: Grundsätzlich ist es in NRW so, dass man sich auf dem bestehenden Wegenetz erst mal auf allen festen Wegen im Wald bewegen darf – es sei denn, eine Naturschutzgebietsverordnung sieht Einschränkungen vor. Das sind aktuell grundsätzlich alle Wege, die sich für den Nutzer da draußen als Weg darstellen, wenn wir diesen klassischen Trampelpfad mal ausblenden. Von daher gehe ich davon aus, dass sehr, sehr viel wegfallen würde. Eine genaue Anzahl kann ich nicht sagen. Ich glaube, das könnte nicht mal Flo sagen, der in NRW wohnt. Aber letztendlich ist es so, dass wir in NRW leider immer noch nicht so wahnsinnig viele legal entstandene, offizielle Angebote haben, weil es einfach wahnsinnig schwierig ist. Die Hürden vom Naturschutz und die Genehmigungsverfahren sind sehr hoch. Hannes, du hast die Erfahrung gemacht: Das kann teilweise Jahre dauern, bis man zu einem genehmigten, offiziellen Angebot kommt und überhaupt mal die Schaufel in den Boden stecken darf. Da kann man sich vorstellen, dass viele Vereine entweder gar nicht die Kapazität, also die Manpower, oder dann auch einfach irgendwann die Geduld und Motivation verlieren und es gar nicht zur Umsetzung kommt.
Sonja Schreiter: Wenn es jetzt so wäre, dass man nur noch auf diesen breiten Forstwegen oder auf extra ausgeschilderten Trails fahren darf – das ist eine Einschränkung, die kann man sich gar nicht vorstellen, das ist Wahnsinn. Ganz ehrlich, das macht doch überhaupt gar keinen Spaß mehr. Die paar wenigen Angebote, die ich noch habe, sind dann vielleicht nicht mal vor meiner Haustür, sodass ich mich ins Auto setzen muss, um dorthin zu fahren. Und dann darf ich nur noch auf so breiten, doppelspurigen Forstwegen fahren. Dann kann ich auch Trekkingrad oder Gravel fahren.
Chris Spath: Wobei die theoretisch ja auch nicht mehr auf schmalen Wegen fahren dürften.
Johannes Herden: Ich wollte gerade sagen: Das betrifft ja nicht nur die Mountainbiker, das betrifft ja auch tatsächlich einfach die Wochenendradler, die gerne mal einen schmalen Weg fahren. E-Trekkingbikes sind da auch sofort mit drin. Das hatte irgendwer im Forum geschrieben, glaube ich. Es hieß: „Leute, denkt bitte nicht nur an die Mountainbiker, sondern das betrifft wahnsinnig viele Fahrradfahrer im Wald.“ Du hast es angesprochen: Gravelbiker. Wir fahren auch gerne Gravel, ich bin sehr viel auf dem Gravelbike unterwegs. Natürlich fährt man da viel Forstweg, aber man will natürlich auch leichte, entspannte Trails fahren – zwischendurch mal einen kleinen Pfad, einen Wanderweg oder wie auch immer, das ist immer mit dabei. Und dadurch wird das Ganze noch viel größer. Du hast vorhin von zwölf Millionen Mountainbikern in Deutschland gesprochen. Wenn man das hochskaliert auf alle Fahrradfahrenden, dann sind es noch viel mehr. Deswegen hat das, finde ich, noch viel krassere Auswirkungen, wenn man sich das mal vorstellt.
Sonja Schreiter: Und ich glaube, diese Vorstellungskraft und dieses Wissen fehlen den Entscheidungsträgern komplett. Unseres Erachtens sind sie hier nicht transparent informiert darüber, was diese neuen Formulierungen bedeuten. Das möchte ich an einem Beispiel festmachen, über das ich jetzt ganz offiziell reden darf: Mein Kollege Heiko hat gestern ein Telefonat mit dem Landtagsabgeordneten Dr. Gregor Kaiser geführt, dem forstpolitischen Sprecher der Grünen. Der war total überrascht, dass das für uns eine komplett neue Einschränkung bedeuten würde. Er war tatsächlich davon ausgegangen, dass das Radfahren im Wald aktuell ohnehin nur auf entsprechend breiten, befestigten Wegen erlaubt sei und alles andere bis dato gar nicht vom Gesetz gedeckt gewesen wäre.
Sonja Schreiter: Da fragt man sich natürlich: Wie kommt der zu dieser Auffassung? Ich denke, da könnte ein bestimmtes Urteil aus Köln eine Rolle spielen, das vielleicht bekannt ist. Da wurde ein Mountainbiker aufgehalten, der auf einem Maschinenweg gefahren ist. In dem Urteil stand dann, der Weg sei ausreichend fest und ausreichend breit gewesen, weshalb die Klage abgelehnt wurde. Aus diesem „ausreichend breit“ wird aus Richtung des Forstes heute immer noch eine Breitenregelung abgeleitet. Deswegen trifft man oft auf Förster oder Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, die sagen: „Eigentlich gibt es doch eine Breitenregelung, quasi eine Zwei-Meter-Regel, und da dürft ihr heute schon gar nicht fahren.“ Das scheint so an die Entscheidungsträger herangetragen worden zu sein. Die kennen unsere Auffassung vom Betretungsrecht gar nicht, sondern sehen das nur durch die Forstbrille.
Chris Spath: Das ist eine Erfahrung, die ich auch gemacht habe. Wir sind hier mit dem Forst eigentlich sehr gut aufgestellt, wir kommunizieren miteinander. Hier soll jetzt ein Pilotprojekt starten, es war angedacht. Dazu habe ich mich mal in eine Gemeinderatssitzung gesetzt und es ist wirklich unglaublich, wie groß das Unverständnis gegenüber diesem Sport ist – also wie wir ihn nutzen und welche Wege wir benutzen. Aber natürlich auch, was für eine Community dahintersteht. Hier ist die komplette Wegepflege über einen Verein organisiert, aber es funktioniert trotzdem. Das finde ich super spannend.
Chris Spath: Was ich dich an dieser Stelle gerne noch fragen möchte, was in eine leicht andere Richtung geht, aber zum Themenfeld passt: Ich fand das Framing ganz interessant, das von dem Sprecher der CDU verwendet wurde. Wir wurden dort bewusst als „Chaoten“ geframed. Das zeigt einerseits vielleicht diese Unwissenheit, andererseits finde ich es schon ein sehr bewusstes Wording, um uns in der öffentlichen Wahrnehmung schlecht darzustellen.
Sonja Schreiter: Ich denke, es kann einmal darauf zurückgeführt werden, dass eine andere Auffassung bezüglich fester Wege besteht. Wenn diese Person der Auffassung ist, dass nur befestigte Wege befahren werden dürfen, dann wäre natürlich alles darüber hinaus eine Ordnungswidrigkeit und „chaotisch“ gewesen. Aber ich denke, es kommt auch daher, dass für viele Entscheidungsträger oder auch für die öffentliche Hand, für Förster und Jäger der Mountainbiker immer noch die Person ist, die unorganisiert, schnell und nicht greifbar durch den Wald fährt. Wenn tatsächlich irgendwo Redebedarf da wäre, wissen sie gar nicht, an wen sie herantreten sollen. Mit „chaotisch“ ist dann dieses schwer Greifbare gemeint, nicht gut organisiert oder gar nicht organisiert. Diese einzelne Person, die da vor mir durch den Wald fährt oder wegfährt, ist für mich in dem Moment nicht greifbar. Wie soll ich mich dann mit meinem Problem, das meines Erachtens auch gesehen und anerkannt werden muss, an jemanden wenden?
Sonja Schreiter: Deswegen ist das Organisieren so wahnsinnig wichtig. Die Mountainbiker müssen verstehen, dass es mehrere berechtigte Belange im Wald gibt. Es gibt nicht nur die Erholung, wozu auch der naturverträgliche Sport gehört, sondern es gibt auch die Waldbewirtschaftung – der Wald gehört jemandem –, und die Jagd gehört dazu. Und es gibt natürlich den Bereich Naturschutz, auch da gibt es wichtige, berechtigte Belange. Die stehen alle drei gleichberechtigt nebeneinander. Da muss man schauen, dass man einen Interessenausgleich hinbekommt. Ich bin der festen Überzeugung, das ist möglich, wenn wir miteinander reden. Aber dafür müssen wir uns organisieren, als Ansprechpartner da und greifbar sein. Da hilft nur die Organisation in einem Verein, in einer DIMB-Interessengemeinschaft oder was auch immer, und offen zu sein für Austausch und Perspektivwechsel.
Johannes Herden: Ja, absolut, bin ich ganz bei euch. Ich wollte noch mal kurz das Thema feste Wege bzw. befestigte Wege aufgreifen. Das ist ja eines der Hauptargumente, das sie für diese neue Regelung anführen. Ich meine, darauf können wir uns einigen: Der Begriff ist juristisch immer noch nicht ganz fest geklärt. Feste, befestigte Wege – wo darf man offiziell fahren? Ich glaube, es gibt immer noch keinen Fall, auf den man sich beziehen kann, wo es juristisch absolut geklärt ist, was fest und was befestigt ist. Und so habe ich das in dem neuen Gesetzentwurf verstanden: Durch den Begriff „Fahrwege“ soll jetzt endlich eine feste Definition da sein, auf die man sich einigen kann, und deswegen steht es so im Gesetz. Habe ich das richtig wiedergegeben oder kannst du das noch näher erläutern?
Sonja Schreiter: Ich habe dieses Urteil aus Köln ja schon mal angesprochen, das sich mit dem Begriff „feste Wege“ beschäftigt hat. Da wurde gesagt, dass „fest“ auch „naturfest“ sein kann. Klar könnte man daraus jetzt ableiten: Wenn das ein sandiger Weg ist, der nicht fest ist, dann dürfte man da nicht drauf fahren. Aber es ist natürlich schwierig, das in der Praxis irgendwie zu kontrollieren. Ich glaube, was damit rübergebracht werden sollte, ist, dass man keine tiefen Spuren hinterlässt, die langwierige Verschlechterungen im Untergrund mit sich führen oder einen krassen Eingriff darstellen – dass man einfach keine irreparablen Schäden hinterlässt. Das ist damit eher gemeint. Es ist schon eher ein sogenannter unbestimmter Rechtsbegriff, so wie in Bayern das Wort „geeignet“. Da muss man natürlich immer ein bisschen mit jonglieren. Aber das bedeutet auch, dass die Rechtsprechung immer im Einzelfall prüfen und eine Entscheidung treffen muss. Das heißt, es gibt der Rechtsprechung einen gewissen Handlungsspielraum für Einzelfallentscheidungen, und das macht das Recht in Deutschland aus. Das würde ich nicht per se als schlecht beurteilen.
Sonja Schreiter: Jetzt haben wir im Entwurf die Definition: „Fahrwege sind befestigte oder naturfeste Waldwirtschaftswege.“ Das ist natürlich clever: Man bringt keine Breite rein, man hat das Wort „fest“ draußen, was ein unbestimmter Rechtsbegriff ist, und schreibt „befestigt“ rein, wie man es sich eh schon immer interpretiert hat. Das „naturfest“ bringt man mit rein, weil das in Urteilen so gesagt wurde, aber durch den Begriff „Waldwirtschaftswege“ ist ganz klar festgelegt: Dieser Weg ist nicht für die Erholung angelegt worden, sondern zum Zweck der Waldbewirtschaftung. Das ist dieser Trick durch die Hintertür, mit dem diese Rechtsauffassung hineingemogelt wird.
Johannes Herden: Das ist ja auch in den Kommentaren aufgetaucht bzw. haben wir das damit auch noch mal aufgegriffen: dass für die Definition eines Waldwirtschaftswegs dann sehr wohl eine Regelfahrbahnbreite angenommen wird, nämlich circa 3,50 Meter. Das ist diese Hintertürregelung, richtig? Was wir aber wirklich seltsam finden als Formulierung, ist, dass dort direkt dahinter steht: Eine konkrete Breite ist im Gesetzentwurf ausdrücklich nicht festgelegt. Was ja de facto gan nicht der Fall ist, da eine Breite festgelegt ist, sobald man sich auf den Begriff „Waldwirtschaftsweg“ beschränkt. Das macht es für mich wirklich sehr kurios.
Sonja Schreiter: Ja, man muss sich wirklich sehr intensiv damit befassen und weitere Literatur dazu lesen, damit man zu dieser Schlussfolgerung kommt. Ein normaler Bürger wird sich vermutlich eher nicht damit befassen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir uns ausführlich damit auseinandersetzen und ableiten, was sich daraus ergeben kann. Wenn man in ein Gespräch oder in eine Entscheidung kommt, muss man schauen, woher man die Argumentation zieht. Und da wird dann eine Argumentation kommen wie: „Da gibt es den Erlass über den forstlichen Wegebau und der Weg war nicht ausreichend breit.“ Genau so.
Chris Spath: Spannend auf jeden Fall. Sprich, ihr seziert aktuell diesen Text wirklich sehr im Detail, bereitet im nächsten Schritt aber die weiteren Schritte vor. Ihr hattet schon angeteasert, dass es natürlich ein Statement geben wird. Ich weiß nicht, ob ihr erst zur Frist damit rauskommen werdet oder schon ein bisschen früher. Und ihr wollt euch natürlich auch mit anderen Verbänden austauschen. Kannst du uns einen kleinen Überblick geben, welche Verbände das sind? Sprecht ihr mit dem ADFC oder auch mit Verbänden, die uns vielleicht nicht unbedingt positiv gesinnt sind? Wie läuft das ab?
Sonja Schreiter: Wir werden mit einer schriftlichen Stellungnahme definitiv erst zum Ende der Frist, also am 8. Juni, rausgehen. Die wird dann auch auf unserer Homepage veröffentlicht, sodass man sie sich anschauen kann. Wir machen uns natürlich strategisch sehr genaue Gedanken, welche Anregungen oder Kritik wir in dieser Stellungnahme bringen. Nicht immer macht alles Sinn, das muss man sich sehr genau überlegen. Wir sprechen natürlich mit anderen Verbänden. Wir sind auf Landesebene im sogenannten KKT MTB NRW organisiert – dem Koordinations- und Kompetenzteam Mountainbiken in NRW. Da sind wir gemeinsam mit dem DAV-Landesverband, dem Radsportverband, dem Mountainbike Forum Deutschland und auch mit dem ADFC in Kontakt. Da hatten wir erst Mitte März ein Fachgespräch in Hagen – vielleicht habt ihr davon mitbekommen –, bei dem ein sehr guter Dialog stattgefunden hat, auch mit Amtsträgern der Landesforsten. Da war das alles leider überhaupt kein Thema, weshalb wir unter anderem auch so überrascht sind.
Sonja Schreiter: Da sind wir im Austausch, und dann sind wir natürlich auch auf Bundesebene im Austausch. Als Mitglied im „Bike Nature Movement“ unter dem Dach des ZIV (Zweirad-Industrie-Verband), gemeinsam mit dem Mountainbike Forum Deutschland, sind wir auf Bundesebene aktiv und im Austausch darüber, wie man vonseiten der Bundespolitik hier noch Einfluss nehmen kann. Dann sind wir im sogenannten Kuratorium Sport und Natur. Das ist unser Dachverband, der auf Bundesebene die Interessen des Natursports vertritt. Auch hier werden wir uns abstimmen. Es finden ganz viele Abstimmungen und Gespräche statt, die alle in unsere Stellungnahme einfließen werden. Wir werden aber auch gemeinsame Stellungnahmen machen. Wichtig ist, dass die Kernpunkte von allen Verbänden an den Gesetzgeber herangetragen werden, damit wir da einfach eine ordentliche Penetrierung der wichtigsten Themen haben.
Johannes Herden: Du hast es ja schon kurz angesprochen, dass viele der Fachpolitiker selbst gar keinen wirklichen Plan haben, welche Auswirkungen allein diese Änderung der Formulierung haben wird. Das ist uns auch aufgefallen. Hier in Lemgo sind sehr viele aus der Politik aktive Radsportler. Wir haben diverse Mountainbiker, selbst unser Bürgermeister ist schon den Trail runtergefahren. Der legale Trail hier kommt wahnsinnig gut an. Wir haben mittlerweile so viele Abfahrten und das ist ein Aushängeschild für die Stadt geworden, wenn es um Jugendsportangebote geht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass all die Leute, die gerne Mountainbike oder Gravel fahren, sagen: „Ja, wir sind auf jeden Fall für diesen Gesetzentwurf.“ Ich denke, es ist super wichtig – und das werdet ihr selbstverständlich machen –, dass da extrem viel Aufklärungsarbeit auf landespolitischer Ebene passiert, damit die Abgeordneten wissen, was auf dem Spiel steht. Wenn sie das nächste Mal mit der Familie auf schmalen Waldwegen mit dem Fahrrad unterwegs sind, sind sie im blödesten Fall dran, wenn dieses Gesetz durchgeht.
Sonja Schreiter: Ja, und das ist das, was wir auch aus diesem Telefonat mit Herrn Dr. Gregor Kaiser mitgenommen haben: dass es vielen Entscheidungsträgern gar nicht bewusst ist, dass es tatsächlich eine Umformulierung, eine Neuerung und eine Änderung ist. Viele gehen davon aus, es sei nur eine Klarstellung. Nein, es ist keine Klarstellung, es ist ein massiver Einschnitt. Und da müssen wir zusammenstehen und uns nicht auseinanderdividieren lassen in Mountainbiker, die gerne Trails fahren, und solche, die gerne Forstwege fahren, oder in Gravelbiker, Bio-Biker und E-Mountainbiker. Es kann tatsächlich einen riesengroßen Einschnitt nicht nur für Freizeit, Sport und Erholung, sondern eben auch für die Alltagsmobilität bedeuten. Das müssen wir der Politik klar machen. Dieses Telefonat hat gezeigt, dass die Tragweite nicht bewusst ist. Da müssen wir weiter in die Tiefe gehen, mehr Leute und mehr politische Entscheidungsträger erreichen.
Sonja Schreiter: Da ist jeder Einzelne gefragt. Jeder hat doch vielleicht einen Bekannten oder selbst direkten Kontakt zu einem Gemeinderatsmitglied, einem Kommunalpolitiker oder einem Landtagsabgeordneten. Bringt dieses Thema in die Öffentlichkeit, weil die Auswirkungen einfach nicht klar sind. Da sehe ich eine ganz große Chance drin.
Chris Spath: Grundsätzlich kann man ja jedes Landtagsmitglied oder auch Bundestagsmitglied aus seinem Wahlkreis oder aus entsprechenden Ausschüssen anschreiben. Ihr habt da aber auch sehr bewusst gesagt: Zurückhaltung, sprecht euch mit uns ab. Wie genau würde das aussehen? Wenn ich jetzt sage, ich kenne den Bürgermeister, der fährt auch Mountainbike und ist vielleicht kein großer Fan von diesem Gesetzentwurf – wie genau trete ich an ihn heran? Kannst du diese Handlungsempfehlung konkretisieren? Gibt es Formulierungshilfen von euch?
Sonja Schreiter: Wir haben natürlich erkannt, dass da draußen in der Community ein ganz ordentlicher Drive da ist, selbst etwas tun zu können. Man soll sich in so einer Situation nicht einfach zu Hause auf der Couch zurücklehnen, man fühlt sich persönlich bedroht und möchte selbst aktiv werden. Was wir gerne koordinieren würden, ist das Thema Demonstrationen und Petitionen. Sowas kann dieses zarte Pflänzchen, das man jetzt an Gesprächen mit Entscheidungsträgern aufgebaut hat, ganz schnell nach hinten losgehen lassen, wenn es heißt, wir würden aggressiv werden. Das ist ganz wichtig: Da bitte ein bisschen zurückhalten.
Sonja Schreiter: Aber was ihr machen könnt: Wir haben auf unserer Homepage FAQs zum Gesetzentwurf veröffentlicht, wo die wichtigsten Fragen aufbereitet sind, die man an seine Ansprechpartner im politischen Kontext adressieren kann. Das kann man ganz leicht in eine E-Mail oder in ein Anschreiben formulieren oder im Gespräch verwenden, um seine eigene Betroffenheit zum Ausdruck bringen. Das kann und soll jeder machen. Teilt diese Sachen auf Social Media, verlinkt die DIMB, euren eigenen Mountainbike-Verein und, falls vorhanden, den Account des politischen Entscheidungsträgers auf Instagram, damit das Wissen gestreut wird. Wir müssen Reichweite generieren. Werdet Mitglied, weil wir dann einfach die politische Schlagkraft in Zahlen noch mal erhöhen. Wir halten euch auf den sozialen Medien und auf unserer Webseite laufend auf dem Laufenden. Bitte drückt eure private Betroffenheit aus, aber verfallt jetzt nicht in blinden Aktionismus. Man muss immer darüber nachdenken, was das für Auswirkungen hat.
Chris Spath: Sprich, dann vielleicht auch lieber mal eine Frage an den Abgeordneten stellen, anstatt voll konfrontativ mit Vorwürfen reinzugehen. Oder Ich-Botschaften verwenden. Das können ja schon sehr basic Tipps sein, die helfen, das Ergebnis zu verbessern.
Sonja Schreiter: Richtig. Klar ist es für uns eine enorme Klatsche und ein Schock, aber jetzt läuft erst mal der ganz normale demokratische Beteiligungsprozess bis zum 8. Juni. Danach läuft der parlamentarische Prozess und das Gesetz soll, wenn überhaupt, erst zum Januar 2027 in Kraft treten. Es besteht unserer Einschätzung nach also gar nicht die Not, in totalen Aktionismus zu verfallen. Ich kann das total nachvollziehen, dass man auf heißen Kohlen sitzt, mir würde es genauso gehen. Von daher: Lieber über die persönliche Betroffenheit gehen, teilen, Mitglied werden und uns gerne den Kontakt geben, wenn ihr jemanden habt, euch das aber selbst nicht zutraut. Ansonsten ist immer wichtig: Freundlich bleiben, respektvoll, sachlich und objektiv bleiben, über die eigene Betroffenheit gehen und versuchen, die emotionale Schiene und die Tragweite klarzumachen.
Johannes Herden: Ich habe noch mal eine Frage zu der Timeline, die du gerade angesprochen hast: Wie genau läuft dieser Prozess jetzt ab? Du hast gesagt, der 8. Juni ist die Deadline für die Einreichungen. Wie geht es dann weiter? Du hast gesagt, es tritt im Januar 2027 in Kraft, wenn es in Kraft tritt. Was sind die nächsten Schritte? Wir sind ganz am Anfang, wir hatten auch schon Mailkontakt mit externen Abgeordneten, die ebenfalls sagen, wir sind ganz am Anfang. Noch ist das alles theoretisch verhinderbar oder ein bisschen steuerbar, hoffentlich. Wie ist die genaue Zeitabfolge?
Sonja Schreiter: Am 13. Mai ist die offizielle Verbändebeteiligung gestartet, die dauert vier Wochen. Da können alle Verbände, die angeschrieben worden sind – dazu gehören ja nicht nur die Erholungs- und Freizeitsportverbände, sondern auch Waldbauern, Familienbetriebe, NABU, BUND etc., also alle, die irgendwie von diesem Gesetz betroffen sein könnten –, ihre schriftliche Stellungnahme bis zum 8. Juni einreichen. Dann wird das Ganze erst mal gesichtet. Danach gibt es eine Ressortabstimmung und einen zweiten Kabinettsbeschluss, also eine erneute Abstimmung unter den Ministerien und einen beschluss des gegebenenfalls überarbeiteten Entwurfs, in den die Änderungsvorschläge aufgenommen wurden. Aus Kreisen der Ministerien heißt es, das soll voraussichtlich im Juli laufen.
Sonja Schreiter: Dann wird das Ganze an den Landtag weitergeleitet, wo es in die erste Lesung geht. Dem Landtag wird der Gesetzentwurf der Landesregierung überreicht und das parlamentarische Verfahren beginnt. Es gibt eine Lesung im Landtag, bei der im Plenum diskutiert wird – das soll voraussichtlich auch noch im Juli stattfinden. Danach gibt es Expertenanhörungen im Landtag, bei denen noch mal Stellungnahmen angehört und Fragen gestellt werden können; dort passiert noch mal ein Meinungsbildungsprozess. Dann folgt eine Sitzung, in der der zuständige Ausschuss diese Anhörungen auswertet und gegebenenfalls noch mal einen Beschluss trifft, ob etwas am Gesetzentwurf geändert werden soll. Es gibt eine zweite und gegebenenfalls dritte Lesung mit weiteren Debatten, bei denen Änderungsanträge gestellt werden können. Erst dann geht es langsam Richtung Verabschiedung des finalen Gesetzentwurfs, was vermutlich im November sein wird. Die Veröffentlichung des Gesetzes und das Inkrafttreten sind für Januar 2027 geplant.
Johannes Herden: Was ich positiv an der Sache finde – auch wenn es sehr langwierig klingt – ist zu hören, dass so wichtige Entscheidungen oder Änderungen an der Gesetzgebung so viele Prüfungen erfahren und so viele Leute daran beteiligt sind, sodass versucht wird, erst mal alle Seiten anzuhören. Darin liegt, wie es sich anhört, auf jeden Fall eine Chance unsererseits, dass man die Bedenken gegenüber diesen Änderungen auf jeden Fall sinnvoll vortragen kann und da vielleicht auch Überzeugungsarbeit leisten kann.
Sonja Schreiter: Definitiv. Wir legen ganz viel Hoffnung in den Austausch mit den Landtagsmitgliedern, der gestern angestoßen wurde. Es wurde uns direkt eine Weiterführung des Dialogs in Aussicht gestellt. Ich denke, da könnten wir eine Sensibilisierung angestoßen haben, die jetzt Einzug in Debatten und den weiteren Austausch mit anderen Landtagsmitgliedern findet, sodass überhaupt erst mal die Sensibilität dafür da ist, dass wir zwei völlig unterschiedliche Auffassungen haben. Vielleicht kannte man bisher nur die eine Seite der Medaille und lernt jetzt die zweite kennen. Ich glaube, mit der Aufklärungsarbeit bei den Entscheidungsträgern haben wir einen nicht zu unterschätzenden Hebel.
Johannes Herden: Das klingt doch schon mal hervorragend. Ich möchte noch mal kurz auf die Konflikte eingehen, denn da ist mir noch eine Sache aufgefallen: In dem offiziellen Text bzw. in der Pressemitteilung vom Land gibt es die Formulierung „illegaler Renntrail“. Das ist eine Formulierung, die ich noch nie gehört habe. Ich gehe mal davon aus, damit soll verdeutlicht werden: Da heizen die Chaoten mit einem Strava-Segment oder einer Stoppuhr runter – das sind auf jeden Fall die Rowdys. Für mich ist diese Formulierung einzig und allein dafür gedacht, zu positionieren: Das sind übrigens die Rowdys, wegen denen wir das Ganze machen. Dabei sind damit ganz normale Trails gemeint.
Johannes Herden: Ich war ein paar Mal in Graubünden in der Schweiz fahren, und dort ist es wunderbar gelöst: Es sind Shared Trails, überall steht, dass man auf die Wanderer und die Mountainbiker aufpassen soll. Alle bremsen, man grüßt sich, fährt aneinander vorbei und alles ist gut. Ich habe festgestellt, dass das funktioniert, wenn man es denn will. Natürlich gibt es immer irgendwo Konflikte und schwarze Schafe auf beiden Seiten, aber grundsätzlich funktioniert es. Ich verstehe nicht, warum man solche Formulierungen in einem offiziellen Text verwenden muss.
Sonja Schreiter: Ich denke, es bildet die gefühlte Realität mancher Personen ab. Da hat vielleicht jemand die Erfahrung gemacht, dass ein Mountainbiker einen Trail sehr schnell und vielleicht rücksichtslos runtergefahren ist, und schert nun alle Mountainbiker über einen Kamm: Das seien nur Rowdys, die die Natur nicht genießen, für die die Natur nur eine Kulisse ist und die keine Rücksicht nehmen. Wir wissen alle: Ja, diese Menschen auf Mountainbikes gibt es vereinzelt. Aber diese Menschen sind vielleicht auch auf der Skipiste oder im Straßenverkehr mit dem Rad rücksichtslos. Das ist einfach dieser kleine, einstellige Prozentsatz an Idioten, den es in jedem Lebensbereich gibt – das hat nichts mit dem Mountainbiken zu tun, das ist eine Charaktereigenschaft.
Sonja Schreiter: Grundsätzlich müssen wir uns alle bewusst sein: Der Wald gehört jemandem, wir sind dort nicht alleine unterwegs. Was damit denke ich auch adressiert wird, ist das Thema illegaler Trailbau bzw. das Entstehenlassen von Trails durch Einfahren. Wir wissen alle, wie es ist: Ich fahre da einmal runter, erstelle ein Strava-Segment, und zwei Wochen später habe ich einen Trail. Da muss einem klar sein – und das wird oft vermischt –: Das Thema illegaler Trailbau, das unabgestimmte Anlegen von Wegen, ist ein Eingriff in fremdes Eigentum und heute schon strafbar. Auch das Querfeldeinfahren ist heute schon nicht vom Gesetz gedeckt. Man kann sich da draußen nicht einfach uneingeschränkt selbst verwirklichen, das muss man ganz klar sagen. Das wird dann leider der breiten Community, die sich regelkonform, sensibel und rücksichtsvoll verhält, zum Verhängnis, weil so etwas schnell als Stimmungsmache und Begründung hergenommen wird, um Einschränkungen zu rechtfertigen. Dessen muss man sich bewusst sein.
Chris Spath: Ja, ich nehme es auch ein bisschen als Symptom dieser zum Teil doch sehr trägen oder schwierigen Legalisierungsprozesse wahr.
Sonja Schreiter: Ein bisschen wie Rebellenverhalten, ja.
Chris Spath: Genau, dieser Sport kommt ja aus einer sehr anarchistischen Richtung. Aber wir sind an dem Punkt, an dem wir das vielleicht nicht mehr so ausleben müssen, sondern andere Wege einschlagen, den Konsens und die Kommunikation suchen müssen, anstatt uns das einfach herauszunehmen. Das ist nicht einfach, aber es sollte der Weg nach vorne sein.
Johannes Herden: Das wäre auch mein ferner Wunsch. Wir haben für den „Zwei-Hansen-Trail“ hier in Lemgo, unseren ersten legalen Trail, vier Jahre lang mit mehreren Personen gekämpft. Ich weiß nicht, in wie vielen Sport- und anderen Ausschüssen wir waren, mit wie vielen Parteien vor Ort, mit Kommunalpolitikern und mit „Wald und Holz“ wir gesprochen haben. Es waren wirklich wahnsinnig schwierige Wege, bis wir dort hinkamen: Waldumwandlung, Umwandlung in eine Sportstätte, Ausgleichsflächen, neue Bäume, Verkehrssicherheit auf 20 Metern zu beiden Seiten. Das sind so wahnsinnig viele Hürden, die einem in den Weg gelegt werden. Wir haben extrem dafür gekämpft und nicht nur einmal gesagt, dass wir keinen Bock mehr haben, weil es einem wahnsinnig schwer gemacht wird. Man fragt sich die ganze Zeit, warum man sich diesen Stress eigentlich antut.
Johannes Herden: Glücklicherweise trägt es Früchte: Der Trail wird wahnsinnig gut angenommen, viel befahren und regelmäßig von unseren Vereinsmitgliedern wieder in Form gebracht. Die meisten Leute halten sich daran, vernünftig runterzufahren und keine Abkürzungen zu nehmen; das funktioniert alles. Aber ich denke, grundsätzlich muss es mittel- bis langfristig die Möglichkeit geben, sowas einfacher zu machen. Es hat ja eine Lenkungsfunktion: Du zentralisierst die Biker an einem Ort, und keiner muss mehr illegale Trails fahren, wenn du legale Alternativen hast. Das ist natürlich situationsabhängig und definitiv nicht immer leicht, aber es war wirklich ein ganz schön dickes Brett zu bohren, bis wir an diesem Punkt waren. Diese Organisation muss mittelfristig einfach verschlankt werden, glaube ich.
Sonja Schreiter: Dazu würde ich gerne zwei Sachen sagen: Erst mal Respekt, dass ihr das durchgehalten habt, das schaffen nicht viele. Schön, dass auch die Hilfe von Heiko dabei war und euch weitergebracht hat. Das eine ist – und das möchte ich ganz ausdrücklich sagen –: Mountainbiken ist nicht per se illegal. Wenn die Gesetzeslage in NRW hoffentlich so bleibt, wie sie ist, dann können wir alle festen Wege im Wald weiterhin befahren. Das ist eine ganze Menge, was ich am bestehenden Wegenetz – inklusive dem, was wir als Trails bezeichnen – nutzen kann. Was natürlich immer einer Erlaubnis oder eines organisierten Prozesses bedarf, ist das Thema Bauen. Wenn ich eine Veränderung herbeiführen, einen Weg speziell zum Mountainbiken modellieren, Anlieger oder Sprünge bauen will, bedarf das einer Erlaubnis.
Sonja Schreiter: Und ja, es braucht mehr solche speziellen Mountainbike-Trails, weil sie gerade in Ballungsräumen ein extrem wichtiges Zusatzangebot zum bestehenden Wegenetz sind. Was im Umkehrschluss oft daraus gemacht wird, ist: „Wenn ihr diesen Trail bauen dürft, dann dürft ihr auf der anderen Seite das und das nicht mehr fahren.“ Was absolut Sinn macht, ist, wenn zum Beispiel ein Trail unabgestimmt in einem Naturschutzgebiet entstanden ist, wie im Rhein-Erft-Kreis. Das ging aus naturschutz- und artenschutzrechtlichen Gründen einfach nicht, dort offiziell etwas zu machen, weil es wirklich nachhaltig etwas kaputt gemacht hat. Aber dann hat man geguckt, wohin man es legen kann. Dann fällt es an dieser Stelle weg, kommt dafür an einer anderen Stelle hin, aber dort darf dann auch ein entsprechend attraktives Angebot gebaut werden, wo eine echte Lenkungswirkung da ist – nicht nur zum Fahren, sondern auch zum Buddeln, wo die Leute mitgestalten und die Schaufel selbst in die Hand nehmen können. Das macht doch den Spirit des Mountainbikens aus: Ich will meine eigenen Trails irgendwie mitgestalten, die ich dann auch fahren kann. Aber das darf nicht vermischt werden: Es gibt das bestehende Wegenetz und es gibt das Zusatzangebot.
Sonja Schreiter: Und das Zweite ist: Wir als DIMB haben seit vielen Jahren einen Trailbau-Leitfaden, mit dem wir jedem Verein und jeder Privatperson helfen, wenn es darum geht, offizielle Angebote einzurichten. Wir bilden aus, wir haben einen Trailbau-Lehrgang, den wir zweimal im Jahr durchführen, bei dem man auch etwas zur Theorie lernt – zum Naturschutzrecht, Forstrecht, Baurecht, was man kontrollieren muss –, aber wo man auch Trailbau-Techniken lernt. Wir kommen auch zu euch vor Ort, schauen uns die Situation an und helfen euch, eine Linie ins Gelände zu legen, die das Maximale heraushält, oder den bestehenden Trail, der legalisiert werden soll, ordentlich nachzubessern oder zu modifizieren. Wir bieten da so wahnsinnig viel. Von daher finde ich es super, dass du das ansprichst: Es ist unser Ziel, dass mehr Zusatzangebote da draußen entstehen. Wir sagen immer: „More Trails close to home“ – am besten direkt vor der Haustür, damit ich nicht ins Auto steigen muss. Das wird einfach benötigt. Aber das bestehende Wegenetz und das freie Betretungsrecht müssen gesichert sein und bilden die Basis. Alles andere ist on top, und da helfen wir euch gerne.
Johannes Herden: Das klingt doch super. Wir haben jetzt knapp eine Stunde gequatscht. Chris, du wolltest noch was?
Chris Spath: Ich hätte auch noch eine Frage: Wir haben über unsere privaten Rollen hier gesprochen, das Thema Industrie kurz angerissen, aber das Thema Medien ehrlich gesagt noch nicht. Das interessiert mich: Was müssen wir als Medien vielleicht anders oder zusätzlich machen, um euch zu unterstützen, aber vielleicht auch, um diese Wissenslücken bei Entscheidungsträgern zu schließen? Ist das durch uns machbar, haben wir das richtige Publikum oder ist es vielleicht eine Vernetzungsaufgabe mit den breiten Medien, die wir angehen müssen? Da würde mich deine Perspektive interessieren.
Sonja Schreiter: Ich finde den Netzwerkgedanken sehr spannend, weil ihr mit Sicherheit gute Kontakte zu anderen Medien, zur Politik oder zu Entscheidungsträgern aus der Industrie habt. Da gilt es, Kontakte zu knüpfen, herzustellen, weiterzugeben und für bestimmte Themen zu sensibilisieren. Das finde ich ganz wichtig. Das Zweite ist – und ich weiß, das ist unglaublich schwierig –: Man sieht im medialen Bereich, gerade bei Print und Video, immer noch sehr viel nicht naturverträgliches Fahren. Da ist es wichtig, dass klar erkennbar ist: Sind das bestehende Wege im Wald, die ich mir mit allen anderen teile, oder sind es spezielle Mountainbike-Trails, die gepflegt und unterhalten werden, wo es nicht ganz so schlimm ist, wenn ich mal das Hinterrad stehen lasse und der Dreck spritzt? Das ist oft nicht klar, weil es natürlich einfach geil aussieht. Eine gewisse Sensibilität in der Darstellung wäre cool, auch wenn es schwierig ist.
Johannes Herden: Absolut, ja. Wir stehen öfter vor redaktionellen Entscheidungen; wir bringen manches Video beispielsweise nicht, wenn man sehr sieht, wie das Moos spritzt, frischer Lehm da ist und einer einfach durch den Wald heizt und viel kaputt fräst. Da überlegen wir, ob wir dieses Video bringen oder es lassen, auch wenn es super anzuschauen ist, weil jemand toll Fahrrad fahren kann. Wir haben das im Hinterkopf, und das spiegeln die Kommentare aus der Vergangenheit oft wider, wenn wir sowas gebracht haben.
Sonja Schreiter: Oder man nutzt dieses kleine, berühmte Sternchen: „Dieses Bild ist auf dem offiziellen Mountainbike-Trail XY entstanden“. Man muss sich bewusst sein, dass man Spuren hinterlässt, auch auf einem offiziellen Trail, den jemand pflegen und instand halten muss. Wenn man so fährt – was absolut legitim ist –, muss man sich bewusst sein, dass danach jemand kommt, der das wieder sauber macht. Wenn man nicht selbst im Trailbau aktiv ist, sollte man wenigstens eine Spende für die Vereine dalassen, die sich engagieren. Das fände ich richtig klasse.
Johannes Herden: Da bin ich ganz deiner Meinung. Wir haben unseren Trail auch gebaut und schon den einen oder anderen Externen ermahnt, der dort runterschrotet und das Hinterrad in den Anliegern stehen lässt. Da sagen wir: „Ey, wir müssen diese Kurve danach wieder reparieren, das ist echt anstrengend.“ Natürlich macht das Bock, man kennt das aus Videos, wie die das wunderbar in jedem Anlieger stehen lassen, aber es tut weh, wenn man sieht, wie die Kurven danach aussehen. Deswegen bin ich ganz deiner Meinung.
Johannes Herden: Ich wollte noch kurz an das anschließen, was Chris gesagt hatte bezüglich dessen, was wir übernehmen können: Wir wissen, dass viele Leute aus der Industrie, aus Tourismusregionen und von Firmen hier in NRW zuhören. Gibt es Handlungsempfehlungen, was Leute aus der Fahrradindustrie machen können? Können sie Informationsarbeit betreiben? Und weiterführend: Habt ihr schon mal mit Plattformen wie Komoot oder Strava besprochen, was konkret die Industrie tun kann?
Sonja Schreiter: Von der Industrie wäre es sehr wünschenswert – da sie meistens gute Kontakte zu wirtschafts- und tourismuspolitischen Sprechern haben –, das Thema dort zu adressieren und diese Kontakte zu sensibilisieren. Dann gibt es das Thema der finanziellen Förderung von Lobbyarbeit, sei es, indem man bestimmte Vereine vor Ort mit einem Sponsoring unterstützt. Ich weiß, aktuell sieht es in der Bike-Branche nicht ganz so rosig aus, aber vielleicht lässt sich das eine oder andere Projekt mit Material unterstützen; da gibt es viele Möglichkeiten. Aber das Wichtigste in Bezug auf diesen Entwurf ist aktuell tatsächlich, an die Entscheidungsträger heranzugehen und gerne auch die eigene Belegschaft darüber abzuholen, was sie selbst tun können.
Chris Spath: Das Thema Anfänger abholen: Ist das etwas, wo wir als Medien oder auch die Hersteller und die Industrie stärker in die Pflicht genommen werden sollten? Von wem, sei mal dahingestellt – vielleicht von euch?
Sonja Schreiter: Grundsätzlich kann man mit dem Verbreiten von Trail Rules schon sehr viel erreichen. Auch mit der Sensibilisierung dafür, dass das da draußen kein rechtsfreier Raum ist, sondern dass es eine gesetzliche Grundlage im Landeswaldgesetz, im Landes- oder Bundesnaturschutzgesetz und entsprechende Regelungen in Naturschutzgebietsverordnungen gibt. Man kann sich auch auf Plattformen wie Komoot darüber informieren. Bitte nicht einfach wegklicken; Komoot macht das mittlerweile schon sehr vorbildlich und stellt diese Informationen zur Verfügung, das funktioniert sehr gut.
Sonja Schreiter: Es ist natürlich schwierig, weil der Händler letztendlich ein Rad verkaufen möchte. Wenn der Kunde sich durch solche Infos genervt fühlt und die Gefahr besteht, dass das Rad nicht verkauft wird, ist es schwierig. Aber wir sind im „Bike Nature Movement“ an dem Thema dran, wie wir Personen erreichen, die eben nicht über viele Jahre mit dem Mountainbiken sozialisiert wurden, sondern jetzt erst einsteigen und sich ein neues Rad kaufen. Da ist das Thema Informationsmedien ganz weit vorne, die Leute lesen und recherchieren ja sehr viel. Klar kann die Industrie Unterstützung leisten, sei es mit einem QR-Code auf dem Rad, der auf eine entsprechende Seite mit Hilfestellungen führt, oder mit einer persönlichen Beratung, wenn die Zeit dafür da ist. Es muss halt auch praktikabel sein.
Chris Spath: Klar, definitiv. Es ist schwierig, die Hersteller in die Pflicht zu nehmen, aber der Konsens sollte sein, dass es passieren sollte. Von Trailsperrungen haben die Firmen der Industrie langfristig natürlich auch nichts, wir hängen da alle mit drin. Für uns alle drei sichert das im Prinzip unser Einkommen – sprich, wenn das nicht mehr geht, ist das nicht gut und wir müssen uns etwas anderes suchen.
Sonja Schreiter: Gerade was das Mountainbiken betrifft, finde ich den Spruch „No Trails, No Sales“ eigentlich relativ knackig und passend.
Chris Spath: Trifft es ziemlich genau auf den Punkt. Die Stunde haben wir, glaube ich, vollgemacht. Ich bedanke mich sehr bei dir, Sonja, für diesen vielen Input. Ich denke, für die Leute, die das hören, wurde ein bisschen Licht ins Dunkel gebracht, was überhaupt die Problematik ist, was diese Krise bedeuten kann, wie man dagegen vorgehen kann, was ihr macht und was wir machen.
Johannes Herden: Mir bleibt nur noch mal Danke zu sagen, dass du da warst. Wenn ihr, liebe Zuhörer, noch Anschlussfragen habt, haut die gerne unter den Artikel zum Podcast auf MTB-News und auf eMTB-News, da wird das auch erscheinen. Fragt einfach, wenn euch irgendwas nicht klar ist.
Chris Spath: Wir haben das ja auch auf Video aufgezeichnet, das ist bei YouTube zu sehen. Auch ihr auf YouTube dürft natürlich gerne einen Kommentar hinterlassen.
Johannes Herden: Genau, da betreuen wir das natürlich auch und leiten eure Fragen gerne weiter.
Sonja Schreiter: Ich freue mich auf die Fragen, feuerfrei! Falls irgendetwas noch nicht beantwortet ist, bleibt auf jeden Fall dran. Ich denke, da wird sich in den nächsten Tagen noch einiges Neues tun. Ich kann nur sagen: Meine beiden Kollegen und ich, die DIMB im Allgemeinen, wir geben Vollgas für euch, damit wir diesen Entwurf, so wie er jetzt da ist, verhindern und wenn möglich bei der alten Regelung bleiben. Die hat sich unseres Erachtens bewährt und damit kann man ganz gut arbeiten.
Johannes Herden: Wir hoffen sehr darauf und halten euch natürlich auf dem Laufenden. Wir bleiben am Thema dran. In diesem Sinne machen wir für heute den Sack zu und schauen, was die nächsten Tage bringen.
Sonja Schreiter: Wunderbar, dann bedanke ich mich ganz herzlich bei euch. Hat Spaß gemacht.
Speaker 5: Danke, dass du da warst, und bis bald. Ciao, ciao! Tschö! Ciao!
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Bock auf Biken – der MTB-News Podcast: NRW-Trailverbot droht! Mit Sonja Schreiter/DIMB