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Es ist Nacht am Ölberg.
Still liegt der alte Olivenhain zu seinen Füßen. Nur das Zirpen der Grillen durchdringt die Stille. Die Nacht ist lau. Es ist ein heißer Tag gewesen. Jerusalem war geschäftig und laut. Tausende Pilger sind in der Stadt für das große Passahfest. Das Gedränge, die Rufe der Händler, das Gemurmel derer, die noch eine Unterkunft suchen. Geschäftig und laut. Jetzt ist Ruhe eingekehrt. Die Dämmerung legt eine Decke über das hektische Treiben. Es wird immer leiser. Bis man nur noch die Grillen hört.
Und... Schritte.
Da kommt einer. Nein, mehrere. Was wollen die hier, so spät am Abend, wenn es schon dunkel ist unter den Olivenbäumen?
Aus dem 12. Kapitel des Lukasevangeliums:
39 Und er ging nach seiner Gewohnheit hinaus an den Ölberg. Es folgten ihm aber auch die Jünger. 40 Und als er dahin kam, sprach er zu ihnen: Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! 41 Und er riss sich von ihnen los, etwa einen Steinwurf weit, und kniete nieder, betete 42 und sprach: Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe! 43 [Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. 44 Und er geriet in Todesangst und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen.] 45 Und er stand auf von dem Gebet und kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend vor Traurigkeit 46 und sprach zu ihnen: Was schlaft ihr? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt! (Lukas 22,39-46)Es ist Nacht am Ölberg.
In der Stille des Gartens hört man ihn reden. Er spricht mit seinem Vater, wie so oft zuvor. Wie er es die um ihn gelehrt hat. Er schüttet sein Herz aus. Er ringt mit den Gefühlen, mit der Angst, der Panik, die in ihm aufsteigt.
"Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir"!
Vorbei ist das fröhliche Feiern. "Mit starkem Verlangen habe ich mich danach gesehnt, gemeinsam mit euch das Passafest zu feiern, bevor mein Leidensweg beginnt." (Lukas 22,15).
Vorbei das Ritual des vertrauten Fests, mit Brot und Wein und den alten Worten, die an die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten erinnern. Gott hält zu seinen Leuten! Gott macht frei, auch von den ärgsten Fesseln! Jedes Kind weiß das in Israel! Jedes Kind hat die Worte von klein auf verinnerlicht.
"Warum essen wir heute nur ungesäuertes Brot? Warum essen wir heute bittere Kräuter? Warum tunken wir in Salzwasser ein? Warum lehnen wir uns beim Essen an?"
Den jüngsten Teilnehmern kommt beim sogenannten Sederabend die Rolle zu, Fragen zu stellen. Sie dienen als Anlass, die alte Geschichte noch einmal zu erzählen: Von Mose und Pharaoh. Von Gottes Eingreifen. Vom Durchzug durch das Rote Meer. Von der Erwählung, vom Bund am Sinai. Von Gott, auf den man in jeder Lebenslage vertrauen kann.
"Warum essen wir heute nur ungesäuertes Brot?"
Als er mit seinen Jüngern aß, waren keine Kinder dabei. Wer da wohl die Rolle des Fragenden übernommen hat?
Sicher war er es, der vom Gott der Freiheit erzählte.
Aber das ist jetzt vorbei.
Vorbei ist auch das Neue, was er daraus gemacht hat, vor ihren erstaunten Augen. Das alte Fest mit seinen vertrauten Ritualen bekam ganz neu Bedeutung, als er sich selbst mit hineinschrieb in die Botschaft von Gottes befreiendem Handeln: "Das ist mein Leib." "Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut." Sich selbst -- und sie alle: "mein Leib, der für euch gegeben wird". "Mein Blut, das für euch vergossen wird." Mit großen Augen haben sie ihn angesehen und so vieles noch nicht verstanden in diesem Augenblick.
Vorbei.
Vorbei das Lied vom Gott, der ohne Mangel gibt, wie es im Kiddusch am Anfang mit Worten von David besungen wird.
Der Ewige ist mein Hirte, mir fehlt nichts. Auf grüner Wiese lässt Er mich lagern, an ruhigen Wassern führt Er mich. Meine Seele erquickt Er, Er leitet mich auf rechten Pfaden – um Seines Namens willen. Auch wenn ich in der Schlucht des Todesschattens gehe, fürchte ich das Böse nicht, denn Du bist mit mir. Dein Stecken und Dein Stab – sie trösten mich. Du wirst mir den Tisch vor meinem Feinden richten; Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, mein Becher ist reichlich gefüllt. Nur Gutes und Liebe seien meine Begleiter alle meine Tage, und möge ich weilen in des Ewigen Haus für die Länge der Tage. (nach Psalm 23).Vorbei das Lob Gottes, dessen Güte niemals endet.
Gesegnet seist Du, Herr, unser Gott, König des Universums, der uns durch Seine Gebote geheiligt hat, uns haben wollte, und uns Seinen heiligen Schabbat in Liebe und Wohlgefallen zum Anteil gegeben hat, zur Erinnerung an das Schöpfungswerk; der erste Tag der heiligen Feste, ein Andenken an den Auszug aus Ägypten. Denn uns hast Du erwählt und uns hast Du von allen Völkern geheiligt und uns Deinen heiligen Schabbat in Liebe und Wohlwollen zum Erbe gegeben. Gesegnet seist Du, Herr, der den Schabbat heiligt.Vorbei.
Es ist Nacht am Ölberg.
Dunkle Nacht. Längst sind die Kerzen am Leuchter ausgeblasen.
Stille Nacht. Und alles, was man hört, ist sein verzweifeltes Stöhnen:
"Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir."
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Steht auf und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Mit einem metallischen Klirren prallen die Schwerter aufeinander. Da kämpfen zwei. Von weitem sieht es aus, wie ein Spiel. Ein Sport. Ein Tanz vielleicht sogar. Geschickt wird ein Schwertschlag nach dem anderen pariert. Die Füße bewegen sich flink, im Rhythmus der Schläge. Jede Bewegung des Anderen wird vorausgeahnt. Bewegung und Gegenbewegung. Angriff und Verteidigung. Rechts und links, vor und zurück. Klink! Klink!
Aus der Nähe betrachtet ist es kein Spiel mehr. Die Klingen sind scharf. Das hier ist tödlicher Ernst. Es geht um's Ganze. Es geht ums Leben. Klink. Klink.
Jeder Schlag eine tödliche Bedrohung.
Link. Rechts.
Vor. Zurückweichen.
Parieren. Ausweichen. Gegensteuern.
Äußerste Konzentration.
Klink. Klink.
Metall auf Metall.
Das kostet Kraft. Die Muskeln beginnen zu schmerzen. Die Augen werden müde.
Klink. Dann kein Klink.
Da hat einer nicht aufgepasst. Einen winzigen Moment nur hat er es verpasst, den Schlag des Gegners richtig zu kalkulieren. Er sieht ihn noch kommen. Er reißt noch sein Schwert hoch. Er kann noch das schlimmste Verhindern aber die Klinge des anderen gleitet ab auf seiner schwachen Abwehr. Sie erwischt ihn am Arm. Sie streift ihn nur. Ein Kratzer. Nicht tödlich. Aber tief. Er blutet. Er ist geschwächt.
Ist das der Anfang vom Ende?
Er taumelt.
Er ist angeschlagen.
Er ist "ange-FOCHTEN". Ganz wörtlich.
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Steht auf und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Wenn das Feiern und das Loben plötzlich unendlich weit weg ist -- und mit ihnen die Botschaft vom befreienden Gott. Wenn es mir eben doch mangelt. Wenn ich im finstern Tal unterwegs bin und keinen beruhigenden Stecken und Stab spüre. Wenn um mich herum alles dunkel ist--tiefe, stille Nacht--und ich mich einsam fühle. Allein gelassen mit meinen Nöten. Ohne Glaubenskraft. Ohne all die Sicherheiten, die mich getragen haben. Wenn ich auch nur noch stöhnen kann.
Anfechtung.
Das griechische Wort dahinter könnte man am Besten mit "Prüfung" übersetzen. "Versuchen, die Natur oder den Charakter einer Person oder Sache zu ermitteln, indem er oder sie gründlichen und umfangreichen Prüfungen unterzogen wird", hieß es in einem der Lexika, die ich zu Rate gezogen habe.
Wenn du plötzlich ganz ungeschminkt dastehst. Ohne all die Fassaden, hinter du dich denen sonst verstecken kannst. Jetzt wird es ans Licht kommen, wie du wirklich bist. Ob du dem allen auch wirklich gewachsen bist. Ob das Bild, das du so gern von dir zeichnest echt ist. Ob die Sicherheiten, auf die du dein Lebenskonstrukt aufgebaut hast, auch wirklich tragen. Ob dein Glaube Bestand hat.
Anfechtung.
"Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir."
Für ihn ist es das Leiden, das er jetzt ganz nahe weiß. Das ist keine theoretische Debatte über ein "Was wäre wenn" mehr. Sein Stöhnen kommt aus echter Todesangst. Sein Beten ist adrenalingeladen wie nie zuvor. Panik. Schweiß dick wie Blut. Sein Magen will sich umdrehen. Das, dem er sich hier ausgesetzt sieht, verlangt ihm alles ab. Vielleicht sogar mehr als er ertragen kann?
Prüfung. Anfechtung.
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Ihre Anfechtung wird noch kommen. "Der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen." (Lukas 22,31), hat er ihnen beim Abendessen gesagt. Schon bald wird auch sie die nackte Panik ergreifen. Das Lukasevangelium ist nett und schweigt über die, die von allem Mut verlassen abhauen, als Jesus verhaftet wird. Nur auf das Versagen des Petrus richtet es schonungslos das Licht. Dreimal, ehe der Hahn kräht.
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Am Ende geht Petrus hinaus und weint bitterlich.
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Steht auf und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Betet.
Das ist sein Rezept in der Prüfung. Seine Aufforderung ist nichts anderes als eine Umformulierung dieser flehenden Bitte, die er sie längst -- und uns alle mit ihnen -- zu bitten gelehrt hat: "Führe uns nicht in Versuchung!" Erspare uns die Prüfung! Lass uns nicht wehrlos der Herausforderung ausgesetzt sein. Wir haben Angst. Wir wissen nicht, ob wir bestehen werden. Wir brauchen deine Hilfe!
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Das ist sein Rezept:
Betet, wenn euch die Welt allen Mut nimmt. Wenn die Zukunft nur trüb aussieht und die Hoffnungen schwinden.
Betet, wenn ihr keine Ahnung habt, wie wieder Frieden werden soll und alles Hoffen vergeblich scheint und alle Versuche, Brücken zu bauen, immer wieder wieder nur in deren Abriss enden.
Betet, wenn es euch bei den Vorhersagen für Morgen und Übermorgen den Magen umdreht und ihr keine Perspektive mehr seht für eure Welt und die eurer Kinder und Enkel.
Betet, wenn euch die Grausamkeit und die Ungerechtigkeit der Welt nur noch bitter werden lassen.
Betet, wenn euch beim Blick auf das Bankkonto schon in der Monatsmitte das blanke Grausen packt, weil das doch nie funktionieren kann und wird und weil ihr nicht wisst, wie es weitergehen soll.
Betet, wenn ihr die Diagnose vom Arzt bekommt und eure Welt auf einen Schlag zusammenbricht.
Betet, wenn Menschen euch enttäuschen und verletzen oder an der Wand hochtreiben mit ihrem Verhalten.
Betet, wenn euch alle im Stich gelassen haben.
Betet, wenn ihr die Welt nicht mehr versteht.
Betet, wenn ihr einen geliebten Menschen verloren habt und ganz allein dasteht. Wenn jeder Atemzug ein Stich ins Herz ist und jeder schöne Erinnerung sauer schmeckt, weil sie wieder vor Augen hält, dass das nie wieder so sein wird.
Betet, wenn die Kirchenbänke um euch herum immer leerer werden; wenn nicht nur die Pfarrer:innen immer weniger sind, und ihr euch fragt, ob ihr bald noch die einzigen seid, die dem Reden über Gott noch irgendeine Relevanz beimessen und am Vertrauen auf Jesus Christus auch 2023 noch festhalten wollen.
Betet, wenn all das, was euch Freude und Hoffnung gab, unendlich weit weg und längst vorbei scheint!
Betet.
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Steht auf und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Betet, das heißt, bringt euer Erleben, eure Fragen und Zweifel, eure Sorgen, euer Stöhnen -- bringt das alles immer wieder neu in Dialog mit Gott. Tragt es ihm hin. Legt es ihm vor.
Erinnert ihn, erinnert euch, an seine Barmherzigkeit.
Erinnert ihn, erinnert euch, an seinen Bund.
Erinnert ihn, erinnert euch, an sein Versprechen, immer bei euch zu sein.
Im Reden darüber entsteht neue Gewissheit.
Im Reden darüber kommt Wissen, das gerade noch ganz weit weg war, wieder ganz nahe.
Das Reden darüber bringt Gott wieder in mein Bewusstsein, in meine Fragen, in meine Welt.
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Steht auf und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Wenn dich die Verzweiflung packt, wenn dir alles zu viel wird, wenn die Fragen so groß und die Antworten so nutzlos sind, dann geh und finde deinen Ölberg und rede mit Gott über das, was dich plagt. Schonungslos. Offen. Direkt.
Geh und finde deinen Ölberg, aber nicht erst dann, wenn sowieso schon alles zu spät und die sprichwörtliche Kacke am Dampfen ist. Das ist mir aufgefallen bei Jesus: Er war da nicht zum ersten Mal an diesem Abend. "Und er ging nach seiner Gewohnheit hinaus an den Ölberg.", hieß es am Anfang unserer Lesung. Da steckt ein tiefes Geheimnis mit drin: Mach das zu einer Gewohnheit. Fang schon heute an. Gleich jetzt. Gewöhn es dir an, all dein Erleben in Zusammenhang mit Gott zu bringen. Mit ihm darüber zu sprechen. Ihn wieder neu darin zu entdecken und zu hören.
Wo ist dein Ölberg? Hast du ihn schon gefunden?
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Steht auf und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Wenn dir das alles jetzt noch viel zu naiv und zu einfach klingt, dann wirf mit mir noch einen Blick auf den Jesus und die Jünger, zu denen er redet. Jesus haut da nicht einfach nur eine simple Lebensweisheit raus und überlässt die bald Herausgeforderten dann ihrem Schicksal damit. Das wäre ja nachvollziehbar -- er hat schließlich seine eigenen Sorgen und die sind nicht gerade klein.
Nein, Jesus hat schon große Vorarbeit geleistet: Die, die er hier zum Beten ruft, sind die, mit denen er zuvor am Tisch saß. Mit denen er Brot und Wein geteilt hat. "Mein Leib" -- mein Leben -- "für euch gegeben." Die, die er gestärkt hat mit der Begegnung, mit der alten Botschaft vom Gott der Freiheit, und mit seinem eigenen Leben, das er teilt.
Dein Widerstand gegen die Anfechtung fängt lange vor dem Flehen in der Nacht der Sorgen an. Er fängt hier an, gleich nachher, an Gottes Tisch. Er fängt da an, wo du dich wieder einladen lässt, wieder stärken von Jesus, der dich selbst an den Tisch ruft und sich selbst mit dir teilt. Dein Widerstand gegen die Anfechtung fängt da an, wo du dich in Brot und Wein wieder vergewissern lässt: Gott tut alles aus Liebe für dich. Gott gibt sich selbst aus Liebe für dich.
Mit dieser Gewissheit gehst du dann hinaus. Mit diesem Gott, der sich selbst austeilt, redest du, wenn du an deinem Ölberg ringst und flehst. Diesen Gott, der aus Liebe grenzenlos gibt, bringst du mit hinein in dein Erleben, wenn du Jesu Aufforderung folgst:
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Steht auf und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Es ist Nacht am Ölberg. So wie es auch bei dir und mir manchmal Nacht ist. Viel zu oft eigentlich, ehrlich gesagt.
Es ist Nacht am Ölberg und da schwitzt und betet einer und ringt mit der Panik, die in ihm aufsteigt. "Gott, hilf mir! Führe uns nicht in Versuchung."
Es ist Nacht am Ölberg und in die Dunkelheit und Verzweiflung schreiben spätere Manuskripte des Lukasevangeliums einen kleinen Hoffnungsstrahl hinein:
Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn.
Eine kleine Gebetserhörung. Ein Zeichen: Du bist nicht allein. Ich bin da. Gemeinsam stehen wir das durch.
O, dass wir das auch erleben!
Darum: Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Auch wenn alles vorbei scheint.
Betet.
Es ist nicht vergebens.
Betet!
Amen.
By Christoph FischerEs ist Nacht am Ölberg.
Still liegt der alte Olivenhain zu seinen Füßen. Nur das Zirpen der Grillen durchdringt die Stille. Die Nacht ist lau. Es ist ein heißer Tag gewesen. Jerusalem war geschäftig und laut. Tausende Pilger sind in der Stadt für das große Passahfest. Das Gedränge, die Rufe der Händler, das Gemurmel derer, die noch eine Unterkunft suchen. Geschäftig und laut. Jetzt ist Ruhe eingekehrt. Die Dämmerung legt eine Decke über das hektische Treiben. Es wird immer leiser. Bis man nur noch die Grillen hört.
Und... Schritte.
Da kommt einer. Nein, mehrere. Was wollen die hier, so spät am Abend, wenn es schon dunkel ist unter den Olivenbäumen?
Aus dem 12. Kapitel des Lukasevangeliums:
39 Und er ging nach seiner Gewohnheit hinaus an den Ölberg. Es folgten ihm aber auch die Jünger. 40 Und als er dahin kam, sprach er zu ihnen: Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! 41 Und er riss sich von ihnen los, etwa einen Steinwurf weit, und kniete nieder, betete 42 und sprach: Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe! 43 [Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. 44 Und er geriet in Todesangst und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen.] 45 Und er stand auf von dem Gebet und kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend vor Traurigkeit 46 und sprach zu ihnen: Was schlaft ihr? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt! (Lukas 22,39-46)Es ist Nacht am Ölberg.
In der Stille des Gartens hört man ihn reden. Er spricht mit seinem Vater, wie so oft zuvor. Wie er es die um ihn gelehrt hat. Er schüttet sein Herz aus. Er ringt mit den Gefühlen, mit der Angst, der Panik, die in ihm aufsteigt.
"Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir"!
Vorbei ist das fröhliche Feiern. "Mit starkem Verlangen habe ich mich danach gesehnt, gemeinsam mit euch das Passafest zu feiern, bevor mein Leidensweg beginnt." (Lukas 22,15).
Vorbei das Ritual des vertrauten Fests, mit Brot und Wein und den alten Worten, die an die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten erinnern. Gott hält zu seinen Leuten! Gott macht frei, auch von den ärgsten Fesseln! Jedes Kind weiß das in Israel! Jedes Kind hat die Worte von klein auf verinnerlicht.
"Warum essen wir heute nur ungesäuertes Brot? Warum essen wir heute bittere Kräuter? Warum tunken wir in Salzwasser ein? Warum lehnen wir uns beim Essen an?"
Den jüngsten Teilnehmern kommt beim sogenannten Sederabend die Rolle zu, Fragen zu stellen. Sie dienen als Anlass, die alte Geschichte noch einmal zu erzählen: Von Mose und Pharaoh. Von Gottes Eingreifen. Vom Durchzug durch das Rote Meer. Von der Erwählung, vom Bund am Sinai. Von Gott, auf den man in jeder Lebenslage vertrauen kann.
"Warum essen wir heute nur ungesäuertes Brot?"
Als er mit seinen Jüngern aß, waren keine Kinder dabei. Wer da wohl die Rolle des Fragenden übernommen hat?
Sicher war er es, der vom Gott der Freiheit erzählte.
Aber das ist jetzt vorbei.
Vorbei ist auch das Neue, was er daraus gemacht hat, vor ihren erstaunten Augen. Das alte Fest mit seinen vertrauten Ritualen bekam ganz neu Bedeutung, als er sich selbst mit hineinschrieb in die Botschaft von Gottes befreiendem Handeln: "Das ist mein Leib." "Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut." Sich selbst -- und sie alle: "mein Leib, der für euch gegeben wird". "Mein Blut, das für euch vergossen wird." Mit großen Augen haben sie ihn angesehen und so vieles noch nicht verstanden in diesem Augenblick.
Vorbei.
Vorbei das Lied vom Gott, der ohne Mangel gibt, wie es im Kiddusch am Anfang mit Worten von David besungen wird.
Der Ewige ist mein Hirte, mir fehlt nichts. Auf grüner Wiese lässt Er mich lagern, an ruhigen Wassern führt Er mich. Meine Seele erquickt Er, Er leitet mich auf rechten Pfaden – um Seines Namens willen. Auch wenn ich in der Schlucht des Todesschattens gehe, fürchte ich das Böse nicht, denn Du bist mit mir. Dein Stecken und Dein Stab – sie trösten mich. Du wirst mir den Tisch vor meinem Feinden richten; Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, mein Becher ist reichlich gefüllt. Nur Gutes und Liebe seien meine Begleiter alle meine Tage, und möge ich weilen in des Ewigen Haus für die Länge der Tage. (nach Psalm 23).Vorbei das Lob Gottes, dessen Güte niemals endet.
Gesegnet seist Du, Herr, unser Gott, König des Universums, der uns durch Seine Gebote geheiligt hat, uns haben wollte, und uns Seinen heiligen Schabbat in Liebe und Wohlgefallen zum Anteil gegeben hat, zur Erinnerung an das Schöpfungswerk; der erste Tag der heiligen Feste, ein Andenken an den Auszug aus Ägypten. Denn uns hast Du erwählt und uns hast Du von allen Völkern geheiligt und uns Deinen heiligen Schabbat in Liebe und Wohlwollen zum Erbe gegeben. Gesegnet seist Du, Herr, der den Schabbat heiligt.Vorbei.
Es ist Nacht am Ölberg.
Dunkle Nacht. Längst sind die Kerzen am Leuchter ausgeblasen.
Stille Nacht. Und alles, was man hört, ist sein verzweifeltes Stöhnen:
"Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir."
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Steht auf und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Mit einem metallischen Klirren prallen die Schwerter aufeinander. Da kämpfen zwei. Von weitem sieht es aus, wie ein Spiel. Ein Sport. Ein Tanz vielleicht sogar. Geschickt wird ein Schwertschlag nach dem anderen pariert. Die Füße bewegen sich flink, im Rhythmus der Schläge. Jede Bewegung des Anderen wird vorausgeahnt. Bewegung und Gegenbewegung. Angriff und Verteidigung. Rechts und links, vor und zurück. Klink! Klink!
Aus der Nähe betrachtet ist es kein Spiel mehr. Die Klingen sind scharf. Das hier ist tödlicher Ernst. Es geht um's Ganze. Es geht ums Leben. Klink. Klink.
Jeder Schlag eine tödliche Bedrohung.
Link. Rechts.
Vor. Zurückweichen.
Parieren. Ausweichen. Gegensteuern.
Äußerste Konzentration.
Klink. Klink.
Metall auf Metall.
Das kostet Kraft. Die Muskeln beginnen zu schmerzen. Die Augen werden müde.
Klink. Dann kein Klink.
Da hat einer nicht aufgepasst. Einen winzigen Moment nur hat er es verpasst, den Schlag des Gegners richtig zu kalkulieren. Er sieht ihn noch kommen. Er reißt noch sein Schwert hoch. Er kann noch das schlimmste Verhindern aber die Klinge des anderen gleitet ab auf seiner schwachen Abwehr. Sie erwischt ihn am Arm. Sie streift ihn nur. Ein Kratzer. Nicht tödlich. Aber tief. Er blutet. Er ist geschwächt.
Ist das der Anfang vom Ende?
Er taumelt.
Er ist angeschlagen.
Er ist "ange-FOCHTEN". Ganz wörtlich.
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Steht auf und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Wenn das Feiern und das Loben plötzlich unendlich weit weg ist -- und mit ihnen die Botschaft vom befreienden Gott. Wenn es mir eben doch mangelt. Wenn ich im finstern Tal unterwegs bin und keinen beruhigenden Stecken und Stab spüre. Wenn um mich herum alles dunkel ist--tiefe, stille Nacht--und ich mich einsam fühle. Allein gelassen mit meinen Nöten. Ohne Glaubenskraft. Ohne all die Sicherheiten, die mich getragen haben. Wenn ich auch nur noch stöhnen kann.
Anfechtung.
Das griechische Wort dahinter könnte man am Besten mit "Prüfung" übersetzen. "Versuchen, die Natur oder den Charakter einer Person oder Sache zu ermitteln, indem er oder sie gründlichen und umfangreichen Prüfungen unterzogen wird", hieß es in einem der Lexika, die ich zu Rate gezogen habe.
Wenn du plötzlich ganz ungeschminkt dastehst. Ohne all die Fassaden, hinter du dich denen sonst verstecken kannst. Jetzt wird es ans Licht kommen, wie du wirklich bist. Ob du dem allen auch wirklich gewachsen bist. Ob das Bild, das du so gern von dir zeichnest echt ist. Ob die Sicherheiten, auf die du dein Lebenskonstrukt aufgebaut hast, auch wirklich tragen. Ob dein Glaube Bestand hat.
Anfechtung.
"Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir."
Für ihn ist es das Leiden, das er jetzt ganz nahe weiß. Das ist keine theoretische Debatte über ein "Was wäre wenn" mehr. Sein Stöhnen kommt aus echter Todesangst. Sein Beten ist adrenalingeladen wie nie zuvor. Panik. Schweiß dick wie Blut. Sein Magen will sich umdrehen. Das, dem er sich hier ausgesetzt sieht, verlangt ihm alles ab. Vielleicht sogar mehr als er ertragen kann?
Prüfung. Anfechtung.
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Ihre Anfechtung wird noch kommen. "Der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen." (Lukas 22,31), hat er ihnen beim Abendessen gesagt. Schon bald wird auch sie die nackte Panik ergreifen. Das Lukasevangelium ist nett und schweigt über die, die von allem Mut verlassen abhauen, als Jesus verhaftet wird. Nur auf das Versagen des Petrus richtet es schonungslos das Licht. Dreimal, ehe der Hahn kräht.
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Am Ende geht Petrus hinaus und weint bitterlich.
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Steht auf und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Betet.
Das ist sein Rezept in der Prüfung. Seine Aufforderung ist nichts anderes als eine Umformulierung dieser flehenden Bitte, die er sie längst -- und uns alle mit ihnen -- zu bitten gelehrt hat: "Führe uns nicht in Versuchung!" Erspare uns die Prüfung! Lass uns nicht wehrlos der Herausforderung ausgesetzt sein. Wir haben Angst. Wir wissen nicht, ob wir bestehen werden. Wir brauchen deine Hilfe!
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Das ist sein Rezept:
Betet, wenn euch die Welt allen Mut nimmt. Wenn die Zukunft nur trüb aussieht und die Hoffnungen schwinden.
Betet, wenn ihr keine Ahnung habt, wie wieder Frieden werden soll und alles Hoffen vergeblich scheint und alle Versuche, Brücken zu bauen, immer wieder wieder nur in deren Abriss enden.
Betet, wenn es euch bei den Vorhersagen für Morgen und Übermorgen den Magen umdreht und ihr keine Perspektive mehr seht für eure Welt und die eurer Kinder und Enkel.
Betet, wenn euch die Grausamkeit und die Ungerechtigkeit der Welt nur noch bitter werden lassen.
Betet, wenn euch beim Blick auf das Bankkonto schon in der Monatsmitte das blanke Grausen packt, weil das doch nie funktionieren kann und wird und weil ihr nicht wisst, wie es weitergehen soll.
Betet, wenn ihr die Diagnose vom Arzt bekommt und eure Welt auf einen Schlag zusammenbricht.
Betet, wenn Menschen euch enttäuschen und verletzen oder an der Wand hochtreiben mit ihrem Verhalten.
Betet, wenn euch alle im Stich gelassen haben.
Betet, wenn ihr die Welt nicht mehr versteht.
Betet, wenn ihr einen geliebten Menschen verloren habt und ganz allein dasteht. Wenn jeder Atemzug ein Stich ins Herz ist und jeder schöne Erinnerung sauer schmeckt, weil sie wieder vor Augen hält, dass das nie wieder so sein wird.
Betet, wenn die Kirchenbänke um euch herum immer leerer werden; wenn nicht nur die Pfarrer:innen immer weniger sind, und ihr euch fragt, ob ihr bald noch die einzigen seid, die dem Reden über Gott noch irgendeine Relevanz beimessen und am Vertrauen auf Jesus Christus auch 2023 noch festhalten wollen.
Betet, wenn all das, was euch Freude und Hoffnung gab, unendlich weit weg und längst vorbei scheint!
Betet.
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Steht auf und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Betet, das heißt, bringt euer Erleben, eure Fragen und Zweifel, eure Sorgen, euer Stöhnen -- bringt das alles immer wieder neu in Dialog mit Gott. Tragt es ihm hin. Legt es ihm vor.
Erinnert ihn, erinnert euch, an seine Barmherzigkeit.
Erinnert ihn, erinnert euch, an seinen Bund.
Erinnert ihn, erinnert euch, an sein Versprechen, immer bei euch zu sein.
Im Reden darüber entsteht neue Gewissheit.
Im Reden darüber kommt Wissen, das gerade noch ganz weit weg war, wieder ganz nahe.
Das Reden darüber bringt Gott wieder in mein Bewusstsein, in meine Fragen, in meine Welt.
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Steht auf und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Wenn dich die Verzweiflung packt, wenn dir alles zu viel wird, wenn die Fragen so groß und die Antworten so nutzlos sind, dann geh und finde deinen Ölberg und rede mit Gott über das, was dich plagt. Schonungslos. Offen. Direkt.
Geh und finde deinen Ölberg, aber nicht erst dann, wenn sowieso schon alles zu spät und die sprichwörtliche Kacke am Dampfen ist. Das ist mir aufgefallen bei Jesus: Er war da nicht zum ersten Mal an diesem Abend. "Und er ging nach seiner Gewohnheit hinaus an den Ölberg.", hieß es am Anfang unserer Lesung. Da steckt ein tiefes Geheimnis mit drin: Mach das zu einer Gewohnheit. Fang schon heute an. Gleich jetzt. Gewöhn es dir an, all dein Erleben in Zusammenhang mit Gott zu bringen. Mit ihm darüber zu sprechen. Ihn wieder neu darin zu entdecken und zu hören.
Wo ist dein Ölberg? Hast du ihn schon gefunden?
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Steht auf und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Wenn dir das alles jetzt noch viel zu naiv und zu einfach klingt, dann wirf mit mir noch einen Blick auf den Jesus und die Jünger, zu denen er redet. Jesus haut da nicht einfach nur eine simple Lebensweisheit raus und überlässt die bald Herausgeforderten dann ihrem Schicksal damit. Das wäre ja nachvollziehbar -- er hat schließlich seine eigenen Sorgen und die sind nicht gerade klein.
Nein, Jesus hat schon große Vorarbeit geleistet: Die, die er hier zum Beten ruft, sind die, mit denen er zuvor am Tisch saß. Mit denen er Brot und Wein geteilt hat. "Mein Leib" -- mein Leben -- "für euch gegeben." Die, die er gestärkt hat mit der Begegnung, mit der alten Botschaft vom Gott der Freiheit, und mit seinem eigenen Leben, das er teilt.
Dein Widerstand gegen die Anfechtung fängt lange vor dem Flehen in der Nacht der Sorgen an. Er fängt hier an, gleich nachher, an Gottes Tisch. Er fängt da an, wo du dich wieder einladen lässt, wieder stärken von Jesus, der dich selbst an den Tisch ruft und sich selbst mit dir teilt. Dein Widerstand gegen die Anfechtung fängt da an, wo du dich in Brot und Wein wieder vergewissern lässt: Gott tut alles aus Liebe für dich. Gott gibt sich selbst aus Liebe für dich.
Mit dieser Gewissheit gehst du dann hinaus. Mit diesem Gott, der sich selbst austeilt, redest du, wenn du an deinem Ölberg ringst und flehst. Diesen Gott, der aus Liebe grenzenlos gibt, bringst du mit hinein in dein Erleben, wenn du Jesu Aufforderung folgst:
Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Steht auf und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Es ist Nacht am Ölberg. So wie es auch bei dir und mir manchmal Nacht ist. Viel zu oft eigentlich, ehrlich gesagt.
Es ist Nacht am Ölberg und da schwitzt und betet einer und ringt mit der Panik, die in ihm aufsteigt. "Gott, hilf mir! Führe uns nicht in Versuchung."
Es ist Nacht am Ölberg und in die Dunkelheit und Verzweiflung schreiben spätere Manuskripte des Lukasevangeliums einen kleinen Hoffnungsstrahl hinein:
Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn.
Eine kleine Gebetserhörung. Ein Zeichen: Du bist nicht allein. Ich bin da. Gemeinsam stehen wir das durch.
O, dass wir das auch erleben!
Darum: Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Auch wenn alles vorbei scheint.
Betet.
Es ist nicht vergebens.
Betet!
Amen.

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