Hören im November
Die meisten von uns leben, als wären sie unsterblich. Wir verdrängen den Gedanken an den Tod und tun, als gäbe es ihn nicht. Doch das Leben bewusst zu gestalten, beinhaltet unweigerlich, die eigene Endlichkeit vor Augen zu haben. Und paradoxerweise führt dieses bewusste Wahrnehmen der eigenen Sterblichkeit nicht in die Verzweiflung, sondern sie ist ein Weckruf, das Leben, das wir gerade führen, zu umarmen, Ja zu diesem Leben zu sagen und es so intensiv wie möglich zu gestalten.
Dabei geht es nicht um das Erleben von unzähligen Höhepunkten, sondern um den Blick auf die Schönheit und Einzigartigkeit jeden Augenblicks – in dem Bewusstsein, dass er, so wie er gerade ist, unwiederbringlich ist.
Gerade die Vergänglichkeit hilft uns dabei, präsenter zu sein, weil nichts selbstverständlich und für immer ist. Das Wissen um unsere eigene Endlichkeit gibt uns die Möglichkeit, unseren Fokus auf das Wesentliche zu legen, wach zu sein für das, was für uns wichtig ist, und somit unsere Lebenszeit ganz bewusst zu genießen. Es ermöglicht uns, vollkommen präsent zu sein und nicht ständig auf ein anderes Leben zu warten, sondern zu erkennen, dass wir bereits mittendrin sind.
Wenn wir uns bewusst machen, dass vieles im Alltag, sei es eine Begegnung, ein Spaziergang oder eine Umarmung, irgendwann zum letzten Mal stattfindet, schwindet die Selbstverständlichkeit. Dann erkennen wir, worauf es im Leben wirklich ankommt.
Das Leben bewusst zu gestalten bedeutet, eine Haltung zwischen Lebensfreude und Vergänglichkeit einzunehmen. Es bedeutet nicht, zu leben, als würden wir morgen sterben, sondern jeden Tag präsent zu sein, weil wir wissen, dass es nicht unendlich viele Heute gibt. Dies macht uns wach für das, was das Leben uns schenkt – und befähigt uns, es mit offenem Herzen zu empfangen.
Anne Devillard
und das Redaktionsteam von NATUR & HEILEN