Die 45. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 20 neue Texte mit insgesamt 200.571 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.
für meinen Kollegen Ingo Dachwitz und mich ging diese Woche eine größere Recherche zu Ende, die uns seit vielen Monaten begleitet hat. Zuerst möchte ich euch eine Grafik zeigen, die für die Recherche eine wichtige Rolle spielt.
Hier seht ihr die Umrisse des Berlaymont-Gebäudes in Brüssel; das ist der Sitz der Europäischen Kommission. Hunderte Punkte liegen wie Konfetti auf dem Gebäude-Umriss verteilt. Jeder Punkt ist eine Handy-Ortung.
So viele Handy-Ortungen im Gebäude der EU-Kommission gibt es allein in einem Vorschau-Datensatz, der dem Recherche-Team vorliegt. - Alle Rechte vorbehalten L'Echo
Die Standorte kommen aus Datensätzen, die wir – wieder einmal – kostenlos von Databrokern erhalten haben. Angeblich nur zu Werbezwecken über Apps erhoben, werden solche Standortdaten zur Handelsware – und damit auch zur potenziellen Beute für Geheimdienste.
Der Sitz der EU-Kommission ist eines der Machtzentren der EU. Klar nutzen auch die Menschen, die dort arbeiten, Apps und Handys. Dass sie damit allerdings auf Schritt und Tritt überwacht werden können, macht den Standortdaten-Handel auch zu einer Frage der nationalen Sicherheit.
Mit mulmigem Gefühl im Bauch
Ein paar der roten Punkte, die ihr auf der Grafik seht, gehören einer Person, die in hoher Position für die Kommission arbeitet. Ihr Bereich ist Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zugeordnet.
Was ihr auf dieser Grafik nicht sehen könnt: Für jeden einzelnen Punkt gibt es eine Werbe-ID, eine eindeutige Kennung. Sie ist wie ein Nummernschild fürs Handy. Auf diese Weise können wir sehen, welche Ortungen zum gleichen Gerät gehören. So zeichnen sich aus dem Wust an Ortungen klare Bewegungsprofile einzelner Personen ab.
Eines dieser Bewegungsprofile führte uns vom Berlaymont-Gebäude zu einer Privatadresse in einem noblen Stadtteil von Brüssel. Kollegen vor Ort sind dorthin gefahren – und zu einigen anderen Adressen auch.
Falls ihr euch fragt, ob wir so etwas gerne tun: Nein!
Man bekommt schon ein mulmiges Gefühl im Bauch, wenn man bei fremden und wichtigen Menschen zu Hause aufkreuzt, um ihnen zu eröffnen, dass man ihr Bewegungsprofil kennt. Das weiß ich von den Kollegen aus Brüssel, die sich zu diesem Zweck aus ihrer Komfortzone begeben haben. Warum wir diese Besuche trotzdem gemacht haben?
Weil vor uns niemand so eindrücklich demonstriert hat, was es bedeutet, wenn Datenhändler massenhaft Handy-Standortdaten horten und verticken. Dass man anhand dieser Daten selbst sicherheitsrelevante Beamt*innen ausspionieren kann. Dass wir dann wirklich bei denen im Vorgarten stehen und klingeln: 🏡 🛎️ 👋.
Zumindest ein Datensatz aus Belgien lag uns schon eine Weile vor. Wir waren uns aber nicht sicher, ob wir ihn überhaupt auswerten sollen. Denn im Prinzip hatten wir das Problem bereits im Sommer 2024 anhand von Daten aus Deutschland ausführlich behandelt.
Der Gedanke ließ uns aber nicht los, dass eine ähnliche Recherche mit Daten aus Belgien noch mal anders Wellen schlagen könnte. Denn Gesetze für Datenschutz werden in Brüssel gemacht. Und auch Menschen in Brüssel blicken anders auf ein Problem, wenn es buchstäblich vor ihrer Haustür passiert.
Kommission droht, Datenschutz zu schleifen
Im Sommer 2025 haben Ingo und ich uns also doch in die Standortdaten aus Belgien vertieft. Arbeitstitel: Targeting the EU. Eher durch Zufall kam ein Kontakt mit belgischen Kollegen der Zeitung L’Echo zustande. Wir haben erfahren, dass sie gerade an einer ähnlichen Geschichte arbeiten, und kurzerhand entschieden: Wir machen gemeinsam weiter.
Andere verdienen ihr Geld mit euren Daten, wir nicht!
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Auch einige Medien aus unseren vorigen Databroker-Recherchen hatten wieder Interesse. So kamen auch Le Monde, BNR und der Bayerische Rundfunk wieder an Bord. Das Ergebnis könnt ihr jetzt bei uns auf der Seite lesen.
Das Timing hätte kaum besser sein können. Denn direkt nach unseren Veröffentlichungen wurden die Pläne der EU-Kommission bekannt, im Rahmen angeblicher Vereinfachungen auch den Datenschutz zu schleifen. Während die Databroker Files auf beispiellose Weise zeigen, wie der Handel mit Daten aus der Werbeindustrie Privatsphäre und nationale Sicherheit gleichermaßen bedroht, scheinen zumindest für manche die Zeichen auf Deregulierung zu stehen. Dabei brauchen wir mehr Datenschutz, nicht weniger!
Zugleich beobachten wir, wie die neusten Entdeckungen der Databroker Files international Kreise ziehen – obwohl das Problem dahinter bereits zuvor bekannt war. Viele internationalen Medien haben die Recherche aufgegriffen, darunter zahlreiche aus Belgien, einige aus den USA und sogar eine Tageszeitung aus Malaysia. Hoffentlich konnten unsere Hausbesuche mit mulmigem Gefühl im Bauch etwas ins Rollen bringen.
Trugbild: Zündeln für Reichweite
Der digitale Debattenzirkus polarisiert vor sich hin. Geht es wirklich um Meinungen oder nur noch ums Geschäft? Von Vincent Först –
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Databroker Files: Datenhändler verkaufen metergenaue Standortdaten von EU-Personal
Exakte Ortungen, verräterische Bewegungsmuster: Die Handy-Standortdaten von Millionen Menschen in der EU stehen zum Verkauf. Angeblich nur zu Werbezwecken erhoben, lassen sich die Daten auch für Spionage nutzen. Der europäische Datenschutz versagt, selbst EU-Spitzenpersonal in Brüssel ist betroffen. Die EU-Kommission sagt: „Wir sind besorgt.“ Von Ingo Dachwitz, Sebastian Meineck –
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Databroker Files: Das Wichtigste zur Spionage-Gefahr durch Handy-Standortdaten in der EU
Unsere neueste Recherche zu 278 Millionen Standortdaten, mit denen sich EU und NATO ausspionieren lassen, schlägt in Brüssel hohe Wellen. Die EU-Kommission zeigt sich besorgt, EU-Abgeordnete fordern Konsequenzen. Allen ist klar: Werbe-Tracking und Datenhandel gefährden die Sicherheit Europas. Von Ingo Dachwitz, Sebastian Meineck –
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Databroker Files: Targeting the EU
Precise locations and revealing movement patterns: the mobile phone location data of millions of people in the EU is up for sale. Collected supposedly only for advertising purposes, this data can also be used for espionage. European data protection is failing – even top EU officials in Brussels are affected. The EU Commission says: ‚We are concerned.“ Von Ingo Dachwitz, Sebastian Meineck –
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Databroker Files: All you need to know about how adtech data exposes the EU to espionage
Our latest investigation has shaken up Brussels by revealing that commercial datasets containing 278 million locations can be used to spy on the EU and NATO. The European Commission has expressed its concern, Members of Parliament are calling for action. One thing is clear: ad tracking and data brokers threaten Europe’s security. Von Ingo Dachwitz, Sebastian Meineck –
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Interaktive Webseite: Wie autoritäre Tech-Netzwerke die europäische Souveränität gefährden
In den USA übernehmen private Plattformen und Konzerne immer mehr staatliche Funktionen. Wissenschaftler:innen machen dieses System nun sichtbar: Auf einer interaktiven Webseite zeigen sie den „Authoritarian Stack“ und wie dieser zunehmend auch nach Europa greift. Von Markus Reuter –
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Dänischer Vorschlag: Der Kampf um die Chatkontrolle ist noch nicht vorbei
Internet-Dienste sollen nicht zur Chatkontrolle verpflichtet werden, aber mit Chatkontrolle freiwillig das Risiko für Straftaten mindern. Das schlägt die dänische Ratspräsidentschaft in einem Debattenpapier vor. Die EU-Kommission soll später prüfen, ob das reicht – oder nochmal ein Chatkontrolle-Gesetz vorschlagen. Von Andre Meister –
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Surveillance under Surveillance: Weltkarte der Videoüberwachung gerettet
Das Projekt „Surveillance under Surveillance“ visualisiert Videoüberwachung auf einer Weltkarte. Kurzfristig stand der Weiterbetrieb auf der Kippe, jetzt geht es unter dem Dach des Chaos Computer Club Hamburg weiter. Von Markus Reuter –
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Drahtbericht: Deutsche Diplomaten fordern undiplomatisch Chatkontrolle
Die deutsche Vertretung in Brüssel beschwert sich über den Widerstand gegen die Chatkontrolle. Das geht aus einem internen Drahtbericht hervor, den wir veröffentlichen. Die Diplomaten wollen, dass Deutschland der Chatkontrolle zustimmt – und kritisieren sogar die Justizministerin. Von Andre Meister –
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Extra dünn: Generative KI verzerrt unser Körperbild
KI-Generatoren produzieren nicht nur Bilder und Videos, sondern reproduzieren auch Diskriminierung. Eine Wissenschaftlerin der Universität Cambridge fand heraus, dass KI Menschen mit großen Körpern häufiger einen negativen Gesichtsausdruck verleiht und teilweise Probleme bei deren anatomischer Darstellung hat. Von Paula Clamor –
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Einigung rückt näher: EU-Rat könnte verpflichtende Chatkontrolle verwerfen
Die dänische Ratspräsidentschaft sieht genügend Unterstützung für einen Kompromissvorschlag bei der Chatkontrolle. Sollte sich der Rat darauf einigen, wäre die verpflichtende Chatkontrolle vorerst vom Tisch – aber die freiwillige Chatkontrolle soll zementiert werden. Von Markus Reuter –
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Elektronische Patientenakte: Bundestag beschließt doppelte Rolle rückwärts
Der Bundestag hat mit den Stimmen von Schwarz-Rot zwei Änderungen bei der elektronischen Patientenakte beschlossen. Das Echo darüber fällt geteilt aus: Einerseits wird die Rückkehr zu mehr Datenhoheit vorsichtig begrüßt, andererseits werden gesenkte Sicherheitsstandards kritisiert. Von Daniel Leisegang –
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Digitaler Omnibus: EU-Kommission strebt offenbar Kahlschlag beim Datenschutz an [UPDATE]
Freifahrtschein für KI-Training, weniger Schutz für pseudonymisierte und sensible Daten, Beschneidung von Betroffenenrechten: Es verdichten sich die Hinweise, dass die EU-Kommission einen Frontalangriff auf die DSGVO plant. Auch die Bundesregierung fordert dahingehend Einschnitte, wie ein Dokument belegt, das wir veröffentlichen. Von Ingo Dachwitz –
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Digitaler Euro: Während das Parlament streitet, geht die Entwicklung weiter
Das Europäische Parlament ist sich beim Digitalen Euro nicht einig. Der zuständige Berichterstatter will zunächst eine reine Offline-Lösung, progressive Fraktionen sehen das ganz anders. Währenddessen treibt die Zentralbank die Umsetzung weiter voran. Von Leonhard Pitz –
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Cookie-Manager: Ohne Pflicht zum Scheitern verurteilt
Einwilligungsdienste sollen es Menschen erlauben, selbst darüber zu bestimmen, wer im Internet ihre Daten nutzt. Doch die Bundesregierung stellt es Websites und Tracking-Firmen frei, ob sie die Dienste anerkennen. Macht sie keine Verpflichtung daraus, bleibt es Pseudo-Selbstbestimmung. Ein Kommentar. Von Ingo Dachwitz –
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Videoüberwachung: Stadt Mannheim bedroht die Versammlungsfreiheit
Die teils KI-gestützte Videoüberwachung Mannheims wird bei Versammlungen angeblich ausgeschaltet. Doch laut Rechtsprechung reicht das nicht. Denn auch eine ausgeschaltete Kamera kann Menschen davon abbringen, Demonstrationen zu besuchen. Von Martin Schwarzbeck –
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Nach Databroker Files: Rundmail warnt EU-Angestellte vor Gefahr durch Tracking
Tracking zum Schutz für alle verbieten? Das will die EU nicht. Aber das eigene Personal soll sich schützen. Wir veröffentlichen die interne Rundmail, die nach unseren Veröffentlichungen zur Spionage-Gefahr durch Handy-Standortdaten verschickt wurde. Von Sebastian Meineck –
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European SFS Award: VLC-Mitentwickler erhält Preis für Freie Software
Jean-Baptiste Kempf, Mitentwickler des VLC Media Players, erhält eine Auszeichnung für seinen besonderen Beitrag zur Einführung Freier Software in Europa. Die Veranstalter einer Konferenz zu Open Source sehen ihn als „Ritter der Freien Software“. Von Paula Clamor –
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„Digitaler Omnibus“: EU-Kommission will Datenschutzgrundverordnung und KI-Regulierung schleifen
In weniger als zwei Wochen will die EU-Kommission einen umfassenden Gesetzesvorschlag präsentieren. Der „digitale Omnibus“ würde bestehende Datenschutz- und Verbraucherrechte massiv aufweichen. Wir veröffentlichen die Entwürfe der Kommission. Von Daniel Leisegang, Ingo Dachwitz –
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Automatisierte Datenanalyse: Der grüne Palantir-Spagat
Baden-Württemberg hat bereits Millionen ausgegeben, um Software des US-Konzerns Palantir in die Polizeiarbeit zu integrieren. Im Petitionsausschuss wurde nun das Anliegen angehört, nicht mit Palantir zusammenzuarbeiten. Die Grünen sind dabei zerrissen: Die Bundespartei positioniert sich gegen Palantir, doch die Regierungspartei in Stuttgart trägt den Deal mit. Von Constanze –
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