Klaus-Michael Kühne – HSV-Aktionär und Geldgeber – dürfte insgesamt einen neunstelligen Betrag in den HSV investiert haben.
In Hamburg auch bekannt durch die Kühne-Stiftung, investiert Kühne in die in der Hafencity ansässige Kühne Logistics University oder in die Elbphilharmonie. Jüngstes Prestigeprojekt ist der Bau einer neuen Oper, für das die Stiftung bis zu 340 Millionen Euro bereitstellt.
Kühnes Vermögen wird auf ca. 38,9 Milliarden Dollar geschätzt. Damit ist er der zweitreichste Deutsche. Doch wo kommt all das Geld her?
Kühne ist Mehrheitsgesellschafter der Kühne + Nagel Gruppe, einem der größten Transport- und Logistikunternehmen der Welt. 1890 gegründet, stieg das Speditionsunternehmen im 20. Jh. rasant auf. Strukturell wichtig für die heutige Stellung ist ausgerechnet: die Zeit des Nationalsozialismus.
Als NS-Musterbetrieb ausgezeichnet, stellte sich Kühne + Nagel unter der Leitung von Kühnes Vater Alfred und seinem Onkel Werner in den Dienst des NS-Regimes. Die Brüder Kühne traten bereits am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein und drängten im selben Jahr den jüdischen Hauptanteilseigner Adolf Maass aus der Firma. Adolf Maass wurde in Auschwitz ermordet.
Kühne + Nagel profitierte von der Verwertung Eigentums jüdischer Deportierter aus den besetzten Gebieten – der sogenannten M-Aktion. Mit logistischer Unterstützung der Firma wurden ab 1942 die Besitztümer zehntausender deportierter Jüdinnen und Juden nach Deutschland transportiert. Die Möbel wurden unter Wert auktioniert oder an Ausgebombte verteilt, um die Kriegsmoral der Bevölkerung aufrechtzuerhalten.
Alfred und Werner Kühne wurden auch deshalb nach dem 2. Weltkrieg im Prozess der “Entnazifizierung” Westdeutschlands in der zweithöchsten Belastungskategorie als “Aktivist und Nutznießer” geführt, ehe sie auf Initiative der US-Militärregierung als “Mitläufer” entlastet wurden. Schon 1948 durften sie wieder ihre Firma führen und die Internationalisierung des Unternehmens auf Grundlage der zur NS-Zeit geschaffenen Infrastruktur vorantreiben.
Die Firma Kühne + Nagel war damit einer der Hauptprofiteure der sog. „Arisierungs“-Politik der Nazis, hat an der massenhaften Verfolgung, dem Raub und der letztendlichen Ermordung von Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit verdient und war somit Mittäter.
Und was sagt Klaus-Michael Kühne dazu? Bis heute gibt es nur zaghafte Bekundungen zur Rolle des Unternehmens in der NS-Zeit. Eine angemessene Aufarbeitung fand bislang nicht statt.
Was folgt daraus? Es stellt sich explizit nicht die Frage, welche Schuld Klaus-Michael Kühne an den Verbrechen der Nazis trägt. Hierfür trägt er selbstverständlich keine Schuld, er war zur NS-Zeit noch ein Kind. Es geht um seine Verantwortung in der heutigen Zeit, mit der Schuld seines Vaters, Onkels und Unternehmens und seinem maßgeblich auch hieraus folgenden Wohlstand umzugehen. Und es geht darum, was das für uns als Hamburger Zivilgesellschaft und den HSV und seine Fans bedeutet.
“(00:00) Einleitung”
"(05:14) Gespräch mit Henning Bleyl"
"(07:00) NS-Vergangenheit Kühne + Nagel"
"(13:00) Adolf Maass"
"(22:56) Kühne-Oper"
"(26:34) Kühne und der HSV (inkl. Interview HSV))"
"(48:50) Lehren aus anderen erinnerungspolitischen „Kämpfen“"
"(54:26) Abschließende Worte"
Moderation: Freddy, Ulrike und Jakob
Gesprächspartner: Henning Bleyl (Journalist) und Cornelius Göbel (HSV)
Schnitt: Ole
Anmerkung: Adolf Maass wurde 1944 nach Auschwitz deportiert. Ob er bereits 1944 oder erst 1945 ermordet wurde, ist ungeklärt.
Text von Forza Hamburg: https://nordtribuene-hamburg.de/alt-reich-uneinsichtig-der-fall-kuehnenagel-und-der-nationalsozialismus/
Interview der TAZ mit Henning Bleyl: https://taz.de/Journalist-Henning-Bleyl-ueber-Kuehne-Oper/!6101732/
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