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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Gauselfingen,
Ich kann mich erinnern, als wäre es gestern gewesen -- dabei ist es nun schon fast 17 Jahre her: Dieser Moment, in dem ich das erste Mal in die großen Augen meiner erstgeborenen Tochter blickte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Meine Welt hat sich in dieser Sekunde verändert. Man kann dir viel erzählen darüber, wie es ist, Kinder zu haben. Aber eigentlich weißt du gar nichts darüber, bis zu diesem Moment. Dann haben sie sie in meine Arme gelegt. Sie hat mich angeschaut und ich sie. Das sind die Augenblicke, in denen das ganze Universum sich auf einen einzigen Ort zu reduzieren scheint.
Ein Kind. Ein neugeborenes Kind. Ein neues Leben beginnt. Zukunft. Hoffnung. Wünsche und Träume haben wir für ein junges Leben. Die Welt steht ihr offen. Was einmal aus ihrem Leben werden wird? Sehnsüchte. Ängste. Bitten um Schutz und Segen.
Für die meisten Christ:innen steht schon ganz früh, am Anfang des Lebens, die Taufe. Gott selbst wendet sich dem jungen Leben zu. "Fürchte dich nicht! Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen." Und dann kann man in diesen nächsten Satz seinen Namen einsetzen, um ihn noch einmal mit ganz neuen Ohren zu hören: Jochen, du bist mein! Vera, du bist mein! Christoph, du bist mein! Das sagt Gott schon ganz am Anfang. Und das ist gut so. Für alles was kommt. Gut, dass Gott das am Anfang sagt und nicht erst abwartet und abwägt. Abschätzt und abtastet, ob dieses Leben es überhaupt wert ist, sein genannt zu werden. Ob ich das verdient habe. Ob ich das wert bin. Nein, Gott zieht nicht erst am Ende den Strich drunter und addiert mal alles auf, was es da an Positivem und Negativem aufzuzählen gibt. Und dann hoffen wir gespannt, dass die Summe irgendwie positiv wird. Positiv genug, jedenfalls, um seine Zusage irgendwie noch gewährleisten zu können. Nein, nein, nein! Gott macht das nicht. Gott sagt von Anfang an sein Ja. "Ich habe dich erlöst. Du bist mein." Gut so. Darauf kann ich mein Leben lang zählen.
Und er sagt noch mehr: "Siehe, ich bin bei dir, alle Tage, bis an der Welt Ende."
Aus kleinen Kindern werden große. Jugendliche mit Visionen und Träumen für ihr Leben. Junge Erwachsene, die beginnen, selbst Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Längst kann ich meine fast Siebzehnjährige nur noch auf ganz andere Weise auf den Arm nehmen. Junge Menschen ziehen zu Hause aus. Lernen, studieren. Finden Partner:innen für's Leben. Gründen Familien, bekommen Kinder. Werden selbst zu Eltern, die unvergessliche Augenblicke beginnenden neuen Lebens erleben dürfen. Werden älter, vielleicht auch weiser, meistens aber zumindest grauer. Bekommen Enkel, vielleicht auch Urenkel. Oder auch nicht. Wer weiß das heute schon? Jedes Leben ist ganz anders. Einzigartig.
Wer weiß, wer viele Jahre später einmal der oder die Pfarrer:in sein wird, der oder die sich die Lebensgeschichte meiner Tochter anhören wird -- eines Tages, wenn ihr Herz aufgehört hat, zu schlagen. Hoffentlich nach vielen schönen Jahren, einem reichen Leben. Das wünsche ich mir für sie jedenfalls. Dafür bete ich.
Ich selbst höre viele solcher Lebensgeschichten. Von Höhen und Tiefen. Von wunderschönen Momenten. Vom Stolpern und Fallen. Oft auch beeindruckend, vom Wiederaufstehen, von neuen Chancen. Von Hoffnungen und Träumen, von Enttäuschungen, von Eintracht und Streit, vom Feiern und von der Einsamkeit. Ich erzähle diese Geschichten, wenn Menschen Abschied nehmen von einer geliebten Person, die jetzt nicht mehr da ist. Dankbar schauen wir zurück, bewahren miteinander die Erinnerungen an all das, was war.
Fast immer erzähle ich dabei von einem Moment in der Biografie eines Christenmenschen, der im Rückblick eigentlich fast unscheinbar klein erscheint. Von diesem Moment, als da jemand im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes dreimal Wasser auf das kleine Köpfchen geschöpft hat. Von der Hand, die liegenblieb und der Stimme, die Gottes Zusage hörbar machte über diesem jungen Leben. "So spricht der Herr, dein Gott, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht! Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein! Und: Siehe, ich bin bei dir alle Tage, bis an der Welt Ende."
Wenn ich selbst ein Kind taufe, ruht an dieser Stelle mein Daumen auf der Stirn des oder der Kleinen. Meine Hand ist noch nass. Mit dem Wasser der Taufe male ich ein Kreuz auf die Stirn. Dein Leben steht unter dem Zeichen des Christus, der für uns -- für dich -- gestorben ist.
Unter dem Kreuz. Demselben Zeichen, dass dann später einmal auf dem Grab steht. Leben und Sterben sind in seiner Hand.
Das macht vielleicht stutzig an dieser Stelle. Ist das Kreuz nicht ein Zeichen des Todes? Sinnbild des Lebensendes, ganz konkret auch des schmerzvollen Endes des Gekreuzigten, das wir heute ja noch frisch aus der Karwoche in Erinnerung haben? Ist dafür denn die Taufe der richtige Moment?
Um es nicht zu spannend zu machen: Sie ist genau der richtige Moment! Lasst mich den Text des Kolosserbriefs zitieren, aus dem zweiten Kapitel -- den heutigen Predigttext. Dort heißt es:
12 Mit ihm[, Christus,] seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. 13 Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. 14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. 15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus. (Kol 2,12–15)Schaut: Am Anfang unseres Lebens steht das Ende unseres Christus. Sein Tod, über den wir in den letzten Wochen nachgedacht haben, ist der Grundstein für unser Leben. Das, was der Apostel hier erklärt, ist ja keine Zukunftsmusik. Er sagt ja nicht: "Mit Christus werdet ihr eines Tages begraben werden..." Am Ende eben. Wenn ihr das Leben gelebt habt. Dann gibt es noch ein Begräbnis mit Christus. Nein: "Mit Christus seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten."
Am Anfang unseres Lebens steht das Ende unseres Christus.
Und das ist gut so: Denn zwischen Anfang und Ende meines Lebens liegt ja noch ganz viel. Manches schon hinter mir, vieles noch unbekannt vor mir. Viele schöne, gesegnete Momente. Aber auch vieles, was das Leben nicht leicht macht. Vieles, was sich mir regelrecht entgegenstellt. Dinge, mit denen ich zu kämpfen habe. Dinge, gegen die ich den Kampf verliere. So viele Hoffnungen, Wünsche und Träume auch in einem Leben liegen mögen -- niemand entfaltet sein Leben im luftleeren Raum. Niemand hat einfach grundsätzlich immer die Freiheit, das Beste aus allem zu machen. Niemand lebt immer glücklich und ungezwungen. So ist die Welt nicht, in der wir leben. Wir sind hineingeworfen in ein Geflecht aus Regeln und Erwartungen, aus unterschiedlichen Wünschen und Interessen. Machtspiele und Intrigen begegnen uns auf unserem Weg -- und oft genug spielen wir selbst die Spiele dieser Welt mit. Man muss seinen Weg ja finden in diesem Irrgarten der Befindlichkeiten. Idealerweise unbeschadet und hoffentlich sogar glücklich und zufrieden ans Ziel gelangen.
Dass das nicht so einfach ist, wie wir es gerne hätten, wissen wir alle. Wie oft verstricken wir uns unterwegs in diesem Geflecht. Wie oft verrennen wir uns in irgendeiner Sackgasse. Wie oft laden wir in allem dem auch Schuld auf uns? Eigentlich kann man ja gar nicht anders. Schuld ist ja nicht nur immer das, was man durch eine ganz bewusste Handlung auf sich lädt. In vielen Fällen kommt Schuld schon allein dadurch, dass ich Teil eines Systems bin. Dass ich gar nicht anders kann. Weil ich zum Beispiel auf dem Land lebe und auf das Auto angewiesen bin, obwohl jeder Kilometer, den ich damit fahre, das Klima unserer Welt schädigt. Weil meine Nahrungsmittel anderen Lebewesen Leid zufügen. Weil mein Luxus von anderen Menschen bezahlt wird. Weil ich gar kein T-Shirt mehr kaufen kann, ohne zu ahnen, dass dafür irgendjemand unter schlechten Bedingungen arbeiten musste. Weil mein Müll in anderen Ländern entsorgt wird. Weil die Herstellung meiner Gebrauchsgegenstände irgendwo Flüsse vergiftet. Weil laut slaveryfootprint.org statistisch gesehen 86 Sklaven für meine kleine Familie arbeiten. Natürlich nicht in Tailfingen. Ich kenne die auch gar nicht. Aber meine Lebensweise ist Grund ihrer Sklaverei. "Systemische Sünde" nennen das die Fachleute. Und natürlich kann man versuchen, vieles davon irgendwie zu reduzieren oder sogar zu vermeiden. Entkommen kann man der Schuld nicht. Sie ist Teil dieses Lebens. Niemand kommt ohne Schuld durch's Leben.
Ich bin ein Sünder.
Aber... Aber:
Am Anfang unseres Lebens steht das Ende unseres Christus.
12 Mit ihm[, Christus,] seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. 13 Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. 14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. 15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus. (Kol 2,12–15)Am Anfang meines Lebens schenkt Gott mir das Leben seines Sohnes. Des Sohnes, der Mensch wurde und auf diese Erde kam. Immanuel. Gott mit uns. Er hat als einer von uns gelebt. Mitten drin in diesem System mit all seinen Fehlern und Schwachstellen. Er ist den Weg des menschlichen Lebens gegangen und hat die Schuld der Menschen -- meine Schuld -- auf sich genommen. Er hat sich den Mächten und Gewalten, den Zwängen und Bedrängnissen dieser Welt freiwillig ausgeliefert. Bis hin ans Kreuz. So weit hat das System dieser Welt ihn gebracht. Unter der Last unserer Menschheitsschuld ist er dort gestorben. Mächte und Gewalten. Mächte und Gewalten haben gesiegt.
Nein! Halt! So ist es doch gar nicht!
Haben wir nach einer Woche denn schon Ostern vergessen? Mächte und Gewalten, Sünde und Schuld, das ganze verdammte System dieser Welt hat verloren! Er hat es ans Kreuz getragen, zur Schau gestellt und dann... überwunden! Er hat gesiegt. Die Antwort auf Zwang und Macht und Sünde und Schuld und Verstrickungen ist: Gott schenkt neues Leben!
Und das ist es, was am Anfang unseres Lebens steht: Am Anfang unseres Lebens steht das Ende, das er dem alten Leben gesetzt hat. Am Anfang unseres Lebens steht das Begräbnis der Abhängigkeit von der Welt, das Begräbnis von Schuld, das Begräbnis von Dingen, die Macht über mich haben. Und die Auferstehung zu neuem Leben. Zu Leben, das keine Macht der Welt mir nehmen kann -- weil es sich den Kategorien dieser Welt entzieht.
Das alles schenkt Gott mir in Christus. Das alles schenkt er mir am Anfang. Das alles ist Tatsache für mich und Grundstein für alles, was im Leben dann noch auf mich zukommt. Ich bin auferweckt mit ihm durch den Glauben! Gott hat mich lebendig gemacht. Er hat mir vergeben. Er hat jeden Schuldbrief über meinem Leben getilgt. Er hat alle Macht und Gewalt dieser Welt entmächtigt. Er triumphiert. Und schenkt mir sein Leben.
Das ist der Boden, auf dem ich stehe. Der Grund, auf dem wir leben. Neue Menschen...
12 Mit ihm[, Christus,] seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. 13 Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. 14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. 15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus. (Kol 2,12–15)Vor 17 Jahren habe ich das erste Mal in die großen Augen meiner Tochter geschaut. Seither habe ich mit Stolz und Freude zugeschaut, wie sie wächst und älter wird. Ideen und Pläne entwickelt. Anfängt, ihre eigenen Wege zu gehen. Wo die hinführen werden, weiß ich nicht. Bei manchem kann ich dabei sein und sie unterstützen. Bei vielem anderen muss ich sie loslassen und vertrauen. Aber eines weiß ich: Ich bin nicht der Einzige, der sich in diese großen Augen verliebt hat. Gott hat sie schon vor mir geliebt. Und er, der ihr von Anfang an sein neues Leben geschenkt hat, wird sein Versprechen halten und immer bei ihr sein. Mit Christus begraben in der Taufe, hat er auch sie auferweckt zu neuem Leben aus seiner Kraft. Ein neuer Mensch!
Dass sie das nie vergisst, sondern aus diesem Vertrauen jeden Tag leben kann, dafür bete ich und das wünsche ich ihr, genauso wie mir und wie uns allen.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Gauselfingen,
Ich kann mich erinnern, als wäre es gestern gewesen -- dabei ist es nun schon fast 17 Jahre her: Dieser Moment, in dem ich das erste Mal in die großen Augen meiner erstgeborenen Tochter blickte. Es war Liebe auf den ersten Blick. Meine Welt hat sich in dieser Sekunde verändert. Man kann dir viel erzählen darüber, wie es ist, Kinder zu haben. Aber eigentlich weißt du gar nichts darüber, bis zu diesem Moment. Dann haben sie sie in meine Arme gelegt. Sie hat mich angeschaut und ich sie. Das sind die Augenblicke, in denen das ganze Universum sich auf einen einzigen Ort zu reduzieren scheint.
Ein Kind. Ein neugeborenes Kind. Ein neues Leben beginnt. Zukunft. Hoffnung. Wünsche und Träume haben wir für ein junges Leben. Die Welt steht ihr offen. Was einmal aus ihrem Leben werden wird? Sehnsüchte. Ängste. Bitten um Schutz und Segen.
Für die meisten Christ:innen steht schon ganz früh, am Anfang des Lebens, die Taufe. Gott selbst wendet sich dem jungen Leben zu. "Fürchte dich nicht! Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen." Und dann kann man in diesen nächsten Satz seinen Namen einsetzen, um ihn noch einmal mit ganz neuen Ohren zu hören: Jochen, du bist mein! Vera, du bist mein! Christoph, du bist mein! Das sagt Gott schon ganz am Anfang. Und das ist gut so. Für alles was kommt. Gut, dass Gott das am Anfang sagt und nicht erst abwartet und abwägt. Abschätzt und abtastet, ob dieses Leben es überhaupt wert ist, sein genannt zu werden. Ob ich das verdient habe. Ob ich das wert bin. Nein, Gott zieht nicht erst am Ende den Strich drunter und addiert mal alles auf, was es da an Positivem und Negativem aufzuzählen gibt. Und dann hoffen wir gespannt, dass die Summe irgendwie positiv wird. Positiv genug, jedenfalls, um seine Zusage irgendwie noch gewährleisten zu können. Nein, nein, nein! Gott macht das nicht. Gott sagt von Anfang an sein Ja. "Ich habe dich erlöst. Du bist mein." Gut so. Darauf kann ich mein Leben lang zählen.
Und er sagt noch mehr: "Siehe, ich bin bei dir, alle Tage, bis an der Welt Ende."
Aus kleinen Kindern werden große. Jugendliche mit Visionen und Träumen für ihr Leben. Junge Erwachsene, die beginnen, selbst Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Längst kann ich meine fast Siebzehnjährige nur noch auf ganz andere Weise auf den Arm nehmen. Junge Menschen ziehen zu Hause aus. Lernen, studieren. Finden Partner:innen für's Leben. Gründen Familien, bekommen Kinder. Werden selbst zu Eltern, die unvergessliche Augenblicke beginnenden neuen Lebens erleben dürfen. Werden älter, vielleicht auch weiser, meistens aber zumindest grauer. Bekommen Enkel, vielleicht auch Urenkel. Oder auch nicht. Wer weiß das heute schon? Jedes Leben ist ganz anders. Einzigartig.
Wer weiß, wer viele Jahre später einmal der oder die Pfarrer:in sein wird, der oder die sich die Lebensgeschichte meiner Tochter anhören wird -- eines Tages, wenn ihr Herz aufgehört hat, zu schlagen. Hoffentlich nach vielen schönen Jahren, einem reichen Leben. Das wünsche ich mir für sie jedenfalls. Dafür bete ich.
Ich selbst höre viele solcher Lebensgeschichten. Von Höhen und Tiefen. Von wunderschönen Momenten. Vom Stolpern und Fallen. Oft auch beeindruckend, vom Wiederaufstehen, von neuen Chancen. Von Hoffnungen und Träumen, von Enttäuschungen, von Eintracht und Streit, vom Feiern und von der Einsamkeit. Ich erzähle diese Geschichten, wenn Menschen Abschied nehmen von einer geliebten Person, die jetzt nicht mehr da ist. Dankbar schauen wir zurück, bewahren miteinander die Erinnerungen an all das, was war.
Fast immer erzähle ich dabei von einem Moment in der Biografie eines Christenmenschen, der im Rückblick eigentlich fast unscheinbar klein erscheint. Von diesem Moment, als da jemand im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes dreimal Wasser auf das kleine Köpfchen geschöpft hat. Von der Hand, die liegenblieb und der Stimme, die Gottes Zusage hörbar machte über diesem jungen Leben. "So spricht der Herr, dein Gott, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht! Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein! Und: Siehe, ich bin bei dir alle Tage, bis an der Welt Ende."
Wenn ich selbst ein Kind taufe, ruht an dieser Stelle mein Daumen auf der Stirn des oder der Kleinen. Meine Hand ist noch nass. Mit dem Wasser der Taufe male ich ein Kreuz auf die Stirn. Dein Leben steht unter dem Zeichen des Christus, der für uns -- für dich -- gestorben ist.
Unter dem Kreuz. Demselben Zeichen, dass dann später einmal auf dem Grab steht. Leben und Sterben sind in seiner Hand.
Das macht vielleicht stutzig an dieser Stelle. Ist das Kreuz nicht ein Zeichen des Todes? Sinnbild des Lebensendes, ganz konkret auch des schmerzvollen Endes des Gekreuzigten, das wir heute ja noch frisch aus der Karwoche in Erinnerung haben? Ist dafür denn die Taufe der richtige Moment?
Um es nicht zu spannend zu machen: Sie ist genau der richtige Moment! Lasst mich den Text des Kolosserbriefs zitieren, aus dem zweiten Kapitel -- den heutigen Predigttext. Dort heißt es:
12 Mit ihm[, Christus,] seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. 13 Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. 14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. 15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus. (Kol 2,12–15)Schaut: Am Anfang unseres Lebens steht das Ende unseres Christus. Sein Tod, über den wir in den letzten Wochen nachgedacht haben, ist der Grundstein für unser Leben. Das, was der Apostel hier erklärt, ist ja keine Zukunftsmusik. Er sagt ja nicht: "Mit Christus werdet ihr eines Tages begraben werden..." Am Ende eben. Wenn ihr das Leben gelebt habt. Dann gibt es noch ein Begräbnis mit Christus. Nein: "Mit Christus seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten."
Am Anfang unseres Lebens steht das Ende unseres Christus.
Und das ist gut so: Denn zwischen Anfang und Ende meines Lebens liegt ja noch ganz viel. Manches schon hinter mir, vieles noch unbekannt vor mir. Viele schöne, gesegnete Momente. Aber auch vieles, was das Leben nicht leicht macht. Vieles, was sich mir regelrecht entgegenstellt. Dinge, mit denen ich zu kämpfen habe. Dinge, gegen die ich den Kampf verliere. So viele Hoffnungen, Wünsche und Träume auch in einem Leben liegen mögen -- niemand entfaltet sein Leben im luftleeren Raum. Niemand hat einfach grundsätzlich immer die Freiheit, das Beste aus allem zu machen. Niemand lebt immer glücklich und ungezwungen. So ist die Welt nicht, in der wir leben. Wir sind hineingeworfen in ein Geflecht aus Regeln und Erwartungen, aus unterschiedlichen Wünschen und Interessen. Machtspiele und Intrigen begegnen uns auf unserem Weg -- und oft genug spielen wir selbst die Spiele dieser Welt mit. Man muss seinen Weg ja finden in diesem Irrgarten der Befindlichkeiten. Idealerweise unbeschadet und hoffentlich sogar glücklich und zufrieden ans Ziel gelangen.
Dass das nicht so einfach ist, wie wir es gerne hätten, wissen wir alle. Wie oft verstricken wir uns unterwegs in diesem Geflecht. Wie oft verrennen wir uns in irgendeiner Sackgasse. Wie oft laden wir in allem dem auch Schuld auf uns? Eigentlich kann man ja gar nicht anders. Schuld ist ja nicht nur immer das, was man durch eine ganz bewusste Handlung auf sich lädt. In vielen Fällen kommt Schuld schon allein dadurch, dass ich Teil eines Systems bin. Dass ich gar nicht anders kann. Weil ich zum Beispiel auf dem Land lebe und auf das Auto angewiesen bin, obwohl jeder Kilometer, den ich damit fahre, das Klima unserer Welt schädigt. Weil meine Nahrungsmittel anderen Lebewesen Leid zufügen. Weil mein Luxus von anderen Menschen bezahlt wird. Weil ich gar kein T-Shirt mehr kaufen kann, ohne zu ahnen, dass dafür irgendjemand unter schlechten Bedingungen arbeiten musste. Weil mein Müll in anderen Ländern entsorgt wird. Weil die Herstellung meiner Gebrauchsgegenstände irgendwo Flüsse vergiftet. Weil laut slaveryfootprint.org statistisch gesehen 86 Sklaven für meine kleine Familie arbeiten. Natürlich nicht in Tailfingen. Ich kenne die auch gar nicht. Aber meine Lebensweise ist Grund ihrer Sklaverei. "Systemische Sünde" nennen das die Fachleute. Und natürlich kann man versuchen, vieles davon irgendwie zu reduzieren oder sogar zu vermeiden. Entkommen kann man der Schuld nicht. Sie ist Teil dieses Lebens. Niemand kommt ohne Schuld durch's Leben.
Ich bin ein Sünder.
Aber... Aber:
Am Anfang unseres Lebens steht das Ende unseres Christus.
12 Mit ihm[, Christus,] seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. 13 Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. 14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. 15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus. (Kol 2,12–15)Am Anfang meines Lebens schenkt Gott mir das Leben seines Sohnes. Des Sohnes, der Mensch wurde und auf diese Erde kam. Immanuel. Gott mit uns. Er hat als einer von uns gelebt. Mitten drin in diesem System mit all seinen Fehlern und Schwachstellen. Er ist den Weg des menschlichen Lebens gegangen und hat die Schuld der Menschen -- meine Schuld -- auf sich genommen. Er hat sich den Mächten und Gewalten, den Zwängen und Bedrängnissen dieser Welt freiwillig ausgeliefert. Bis hin ans Kreuz. So weit hat das System dieser Welt ihn gebracht. Unter der Last unserer Menschheitsschuld ist er dort gestorben. Mächte und Gewalten. Mächte und Gewalten haben gesiegt.
Nein! Halt! So ist es doch gar nicht!
Haben wir nach einer Woche denn schon Ostern vergessen? Mächte und Gewalten, Sünde und Schuld, das ganze verdammte System dieser Welt hat verloren! Er hat es ans Kreuz getragen, zur Schau gestellt und dann... überwunden! Er hat gesiegt. Die Antwort auf Zwang und Macht und Sünde und Schuld und Verstrickungen ist: Gott schenkt neues Leben!
Und das ist es, was am Anfang unseres Lebens steht: Am Anfang unseres Lebens steht das Ende, das er dem alten Leben gesetzt hat. Am Anfang unseres Lebens steht das Begräbnis der Abhängigkeit von der Welt, das Begräbnis von Schuld, das Begräbnis von Dingen, die Macht über mich haben. Und die Auferstehung zu neuem Leben. Zu Leben, das keine Macht der Welt mir nehmen kann -- weil es sich den Kategorien dieser Welt entzieht.
Das alles schenkt Gott mir in Christus. Das alles schenkt er mir am Anfang. Das alles ist Tatsache für mich und Grundstein für alles, was im Leben dann noch auf mich zukommt. Ich bin auferweckt mit ihm durch den Glauben! Gott hat mich lebendig gemacht. Er hat mir vergeben. Er hat jeden Schuldbrief über meinem Leben getilgt. Er hat alle Macht und Gewalt dieser Welt entmächtigt. Er triumphiert. Und schenkt mir sein Leben.
Das ist der Boden, auf dem ich stehe. Der Grund, auf dem wir leben. Neue Menschen...
12 Mit ihm[, Christus,] seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. 13 Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. 14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. 15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus. (Kol 2,12–15)Vor 17 Jahren habe ich das erste Mal in die großen Augen meiner Tochter geschaut. Seither habe ich mit Stolz und Freude zugeschaut, wie sie wächst und älter wird. Ideen und Pläne entwickelt. Anfängt, ihre eigenen Wege zu gehen. Wo die hinführen werden, weiß ich nicht. Bei manchem kann ich dabei sein und sie unterstützen. Bei vielem anderen muss ich sie loslassen und vertrauen. Aber eines weiß ich: Ich bin nicht der Einzige, der sich in diese großen Augen verliebt hat. Gott hat sie schon vor mir geliebt. Und er, der ihr von Anfang an sein neues Leben geschenkt hat, wird sein Versprechen halten und immer bei ihr sein. Mit Christus begraben in der Taufe, hat er auch sie auferweckt zu neuem Leben aus seiner Kraft. Ein neuer Mensch!
Dass sie das nie vergisst, sondern aus diesem Vertrauen jeden Tag leben kann, dafür bete ich und das wünsche ich ihr, genauso wie mir und wie uns allen.
Amen.

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