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Lieber Johannes, liebe Geschwister,
Gnade mit dir, mit euch, von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Lieber Johannes, du hast dir ein paar Worte über die Zeit, das Älterwerden (oder so ähnlich) gewünscht. Ich habe dann erst einmal nachgeschaut, was ich denn heute in meiner Gemeinde gepredigt hätte. In meiner Kirche gibt es ja die Perikopenordnung, einen festen Plan der Predigttexte. Und da bin ich prompt fündig geworden. Ich lese dir/euch einen Ausschnitt aus dem Evangelium zum heutigen ersten Sonntag nach dem Christfest, aus dem zweiten Kapitel des Lukasevangeliums die Verse 25 bis 33:
25 Damals lebte in Jerusalem ein Mann namens Simeon. Er lebte gerecht vor Gott und vertraute ganz auf ihn. So wartete er auf den Trost, den Gott Israel schickt. Der Heilige Geist leitete ihn. 26 Durch den Heiligen Geist hatte Gott ihn wissen lassen: »Du wirst nicht sterben, bevor du den Christus des Herrn gesehen hast.« 27 Jetzt drängte ihn der Heilige Geist, in den Tempel zu gehen. Gerade brachten auch die Eltern ihr Kind Jesus dorthin. Sie wollten die Vorschriften erfüllen, die im Gesetz für ihr Kind vorgesehen sind. 28 Simeon nahm das Kind auf den Arm. Er lobte Gott und sagte: 29 »Herr, jetzt kann dein Diener in Frieden sterben, wie du es versprochen hast. 30 Denn mit eigenen Augen habe ich gesehen: Von dir kommt die Rettung. 31 Alle Welt soll sie sehen – 32 ein Licht, das für die Völker leuchtet und deine Herrlichkeit aufscheinen lässt über deinem Volk Israel.« 33 Der Vater und die Mutter von Jesus staunten über das, was Simeon über das Kind sagte. (Lukas 2,25-33)Sechzig Jahre. Mensch, Johannes, sechzig Jahre schon!
Wie alt Simeon war, weiß ich nicht. Der Text legt ja nahe, dass er das Ende seines Lebens nahen sieht. Vielleicht sogar, dass er in einem Alter war, das viele andere gar nicht erst erreicht hatten. Eine Art Ausnahmeerscheinung, erklärt durch das Versprechen Gottes durch den Heiligen Geist: "Du wirst nicht sterben, bevor du den Christus des Herrn gesehen hast!" Auch die textliche Verbindung mit der greisen Hanna in den folgenden Versen könnte ein Hinweis darauf sein. Letztlich aber ist das Spekulation.
Ich behaupte aber einfach mal, Simeon war älter wie du. Das ist doch nicht das Gebet eines Sechzigjährigen -- zumindest nicht nach heutigen Maßstäben und heutiger Lebenserwartung: "Herr, jetzt kann dein Diener in Frieden sterben." Ich gehe mal davon aus, dass du das auch so siehst, oder?
Mit 60 -- na ja, da fängt jetzt nicht das Leben an. Aber schon vor einigen Jahren ging der Satz durch die Medien, 60 sei das neue 40. "Ist da was dran?", frage ich dich. Ich kann da noch nicht mitreden. Bei mir steht noch eine Vier vorne dran. (Und nach den turbulenten Weihnachtstagen mit ihren unzähligen Gottesdiensten fühlt es sich gerade eher ein wenig so an, als sei vielleicht 40 das neue 60. Aber das nur am Rande.). Irgendwann in den 60ern gehen die meisten arbeitenden Menschen in den Ruhestand (Pastoren auch gerne in den Un-Ruhestand.) Früher hieß das oft: Das Ende des Lebens ist schon absehbar. Das Arbeiten ist allein schon körperlich nicht mehr möglich. Ein paar ruhige Jahre noch, dann geht es zu Ende. Heute ist das meistens ganz anders: Es sind fitte Menschen, die ihr Arbeitsleben hinter sich haben. Irgendwann in den 60ern beginnt eine ganz neue Lebensphase, so eine Art "viertes Lebensalter" neben Kindheit, Mitte des Lebens und hohem Alter. Eine Zeit, die es zu gestalten und zu er-leben gilt. Da kommt was auf dich zu, irgendwann in den nächsten Jahren! Etwas Spannendes, Neues, voller Chancen und Entdeckungen -- das wünsche ich dir zumindest.
Aber so weit bist du ja auch noch nicht. Trotzdem sind runde Geburtstage eben immer auch besonderer Moment, um einmal innezuhalten. Zu reflektieren. Zurück zu schauen und nach vorne. Was hat dich bis hierher gebracht? Und wie willst du älter werden?
Da, finde ich, drängt sich Simeon geradezu als Beispiel auf. Wenn ich selbst es mir irgendwie aussuchen kann, dann möchte ich gerne so altern wie er. Wie alt er auch immer ist, Simeon zählt nicht die Tage bis zum Ruhestand. Er sieht auch keinen Countdown bis zu seinem Ableben vor seinem inneren Auge. Schaut doch einmal mit mir, wie Simeon lebt. Von ihm können alle von uns, die älter werden, etwas lernen. Also jeder und jede.
Erstens: "Er lebte gerecht vor Gott und vertraute ganz auf ihn". Aus der Sicht der Erzählung ist das die Gegenwart. Hier und jetzt. Simeon lebt. Gerecht. Als evangelischer Pfarrer höre ich da sofort das Evangelium von der Rechtfertigung aus Gnade durch den Glauben. Gerecht werden wir, das ist zentrale Evangeliumsaussage, ja nicht aus uns selbst, sondern allein, ("solo" auf Lateinisch) aus Christus: sola gratia, sola fide. Simeon kennt diese paulinischen oder gar die reformatorischen Formulierungen dazu natürlich noch nicht. Aber ich entdecke bei ihm auch keinerlei Getrieben-sein, keinerlei Streben irgendeiner Art. Simeon lebt. Gerecht (Zustandsbeschreibung!). Und er vertraut. Das ist doch nämlich genau das, was Glaube im allergrundlegendsten Sinn ausmacht: Das Vertrauen auf Gott, der mich gerecht macht durch Jesus Christus. Aus diesem Vertrauen heraus kann ich gelassen, ungetrieben, vertrauend eben durchs Leben gehen. Ich weiß mein Alles, mein Sein, "mein Leben und mein Sterben", wie es die Reformatoren immer wieder formulierten, in seiner Hand. Das wünsche ich dir, Johannes -- nicht nur für die Zukunft, sondern für die Gegenwart--hier und jetzt: Dass du mit dieser glaubenden Gelassenheit jeden Tag neu angehen kannst. Das wünsche ich euch allen auch.
Zweitens: "Durch den Heiligen Geist hatte Gott ihn wissen lassen...". Das ist aus der Sicht der Erzählung der Blick in den Rückspiegel. Gott hat geredet. Persönlich und direkt. Gott hat versprochen. Verheißen. Wer weiß, wann das war. Vielleicht am Tag zuvor? Das könnte natürlich sein. Für mich hört sich die Erzählung eher schon an, als sei es schon länger her. Vielleicht schon als junger Mann? War das so eine Art Berufungserlebnis? "Mit dir, Simeon, habe ich etwas ganz Besonderes vor: Du wirst meinen Christus sehen!" Wie lange Simeon wohl schon mit diesem Versprechen lebt? Wie viele Tage er wohl morgens aufgestanden ist mit der Erwartung: Heute könnte es geschehen? Wie viele Tage er sich wohl schon abends schlafen gelegt hat mit dem Gedanken: "Aber vielleicht morgen..." Überhaupt, wie lange kann man das sich selbst immer wieder sagen? Kommen da nicht auch irgendwann die Zweifel? Habe ich mir das alles nur eingebildet? Wie komme ich überhaupt drauf, dass ausgerechnet ich so besonders sein sollte?
Was hat Simeon all die Jahre (nehme ich jetzt einfach mal an) bei der Stange gehalten? Ich behaupte, die Antwort darauf steht im Text: "Der Heilige Geist leitete ihn." Gottes Ansprache an Simeon war also nicht nur etwas Einmaliges. Simeon wusste sich beständig in Verbindung mit dem Gott, der ihm etwas versprochen hat. Sicher war es das, was ihn auch durch die unumgänglichen menschlichen Zweifel getragen hat.
Was hat Gott dir gesagt, Johannes? Welche Verheißungen trägst du in deinem Herzen, liebe:r Zuhörer:in? Glaubst du noch daran? Wartest du noch darauf?
"Das Beste kommt noch", höre ich immer wieder--ganz besonders in christlichen Kreisen. "Das Beste kommt noch", klingt für mich ganz oft nach Vertröstung. Ich sehe Menschen, die mit dem Ist-Zustand ihres Lebens nicht ganz zufrieden sind. Die enttäuscht sind, von dem was ist, im Vergleich zu dem, was hätte sein können. "Das Beste kommt noch", sagen sie, um sich selbst Hoffnung zu machen. Es kann ja alles noch besser werden. Das Blatt kann sich ja vielleicht noch wenden. Oft genug stehe ich irgendwann am Grab dieser Menschen. Nicht immer hat das Blatt sich gewendet. "Das Beste kommt noch" -- sind das nur leere Worte?
"Das Beste kommt noch" hat nur einen Inhalt, wenn es sich auf Gottes Verheißungen stützt. Menschlicherseits kann man höchstens informiert raten, was die Zukunft bringt. Gottes Versprechen dagegen sind "Ja und Amen", wie Paulus sagen würde. Sicher, gewiss und Grund zur beständigen Hoffnung. Sie tragen durch die Wartezeit. Denn das ist das Dritte, was sich über Simeon sagen lässt: Er ist ein Wartender. "Er wartete auf den Trost, den Gott Israel schickt." Sein Vertrauen auf Gott ist nicht nur der Modus der Gegenwart. Es ist auch das, was ihn in die Zukunft trägt. Jeden Tag neu. Jeden Morgen und jeden Abend. Bis...
"Jetzt". Jetzt ist das Schlüsselwort in diesem Text. "Jetzt kann dein Diener in Frieden sterben." Jetzt hast du nämlich gehandelt, Gott, wie du es versprochen hast. Das wünsche ich dir, lieber Johannes, und dir, liebe:r Zuhörer:in, dass du dieses göttliche "Jetzt", in dem Verheißung zum Heilshandeln wird, erleben und entdecken kannst. Immer wieder neu, an ganz unterschiedlichen Tagen und unterschiedlichen Orten, auf unterschiedliche Weise, so wie unser immer wieder überraschender Gott eben ist.
"Jetzt kann dein Diener in Frieden sterben, wie du es versprochen hast. Denn mit eigenen Augen habe ich gesehen: Von dir kommt die Rettung." Ich wünsche dir, lieber Johannes, und mir und uns allen, dass das eines Tages unser Gebet sein darf. Dann, wenn die Stunde gekommen ist und wir im Vertrauen auf Gott für immer unsere Augen schließen. Aber auch vorher, immer wieder schon. Das mag jetzt vielleicht überraschend sein: Für viele Christ:innen rund um die Welt ist dieses Gebet des Simeon Teil ihres täglichen Abendgebets, der Komplet. "Jetzt kann dein Diener in Frieden sterben" ist dabei kein sehnlicher Wunsch nach einem schnellen Lebensende, sondern einfach ein tiefer Ausdruck ihres Glaubens, dass Gottes "Jetzt" für uns durch Christus gestern, heute und alle Tage ein "Jetzt" geworden ist und dass jeder Atemzug unseres Lebens, jeder Augenblick des Lebens und des Sterbens, in seiner Hand liegt. Diese Glaubensgewissheit wünsche ich dir, Johannes, und euch, für jeden Tag -- mit 60,70,80 oder in jedem beliebigen anderen Moment eures Daseins.
Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Römer 15,13)
Amen.
By Christoph FischerLieber Johannes, liebe Geschwister,
Gnade mit dir, mit euch, von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Lieber Johannes, du hast dir ein paar Worte über die Zeit, das Älterwerden (oder so ähnlich) gewünscht. Ich habe dann erst einmal nachgeschaut, was ich denn heute in meiner Gemeinde gepredigt hätte. In meiner Kirche gibt es ja die Perikopenordnung, einen festen Plan der Predigttexte. Und da bin ich prompt fündig geworden. Ich lese dir/euch einen Ausschnitt aus dem Evangelium zum heutigen ersten Sonntag nach dem Christfest, aus dem zweiten Kapitel des Lukasevangeliums die Verse 25 bis 33:
25 Damals lebte in Jerusalem ein Mann namens Simeon. Er lebte gerecht vor Gott und vertraute ganz auf ihn. So wartete er auf den Trost, den Gott Israel schickt. Der Heilige Geist leitete ihn. 26 Durch den Heiligen Geist hatte Gott ihn wissen lassen: »Du wirst nicht sterben, bevor du den Christus des Herrn gesehen hast.« 27 Jetzt drängte ihn der Heilige Geist, in den Tempel zu gehen. Gerade brachten auch die Eltern ihr Kind Jesus dorthin. Sie wollten die Vorschriften erfüllen, die im Gesetz für ihr Kind vorgesehen sind. 28 Simeon nahm das Kind auf den Arm. Er lobte Gott und sagte: 29 »Herr, jetzt kann dein Diener in Frieden sterben, wie du es versprochen hast. 30 Denn mit eigenen Augen habe ich gesehen: Von dir kommt die Rettung. 31 Alle Welt soll sie sehen – 32 ein Licht, das für die Völker leuchtet und deine Herrlichkeit aufscheinen lässt über deinem Volk Israel.« 33 Der Vater und die Mutter von Jesus staunten über das, was Simeon über das Kind sagte. (Lukas 2,25-33)Sechzig Jahre. Mensch, Johannes, sechzig Jahre schon!
Wie alt Simeon war, weiß ich nicht. Der Text legt ja nahe, dass er das Ende seines Lebens nahen sieht. Vielleicht sogar, dass er in einem Alter war, das viele andere gar nicht erst erreicht hatten. Eine Art Ausnahmeerscheinung, erklärt durch das Versprechen Gottes durch den Heiligen Geist: "Du wirst nicht sterben, bevor du den Christus des Herrn gesehen hast!" Auch die textliche Verbindung mit der greisen Hanna in den folgenden Versen könnte ein Hinweis darauf sein. Letztlich aber ist das Spekulation.
Ich behaupte aber einfach mal, Simeon war älter wie du. Das ist doch nicht das Gebet eines Sechzigjährigen -- zumindest nicht nach heutigen Maßstäben und heutiger Lebenserwartung: "Herr, jetzt kann dein Diener in Frieden sterben." Ich gehe mal davon aus, dass du das auch so siehst, oder?
Mit 60 -- na ja, da fängt jetzt nicht das Leben an. Aber schon vor einigen Jahren ging der Satz durch die Medien, 60 sei das neue 40. "Ist da was dran?", frage ich dich. Ich kann da noch nicht mitreden. Bei mir steht noch eine Vier vorne dran. (Und nach den turbulenten Weihnachtstagen mit ihren unzähligen Gottesdiensten fühlt es sich gerade eher ein wenig so an, als sei vielleicht 40 das neue 60. Aber das nur am Rande.). Irgendwann in den 60ern gehen die meisten arbeitenden Menschen in den Ruhestand (Pastoren auch gerne in den Un-Ruhestand.) Früher hieß das oft: Das Ende des Lebens ist schon absehbar. Das Arbeiten ist allein schon körperlich nicht mehr möglich. Ein paar ruhige Jahre noch, dann geht es zu Ende. Heute ist das meistens ganz anders: Es sind fitte Menschen, die ihr Arbeitsleben hinter sich haben. Irgendwann in den 60ern beginnt eine ganz neue Lebensphase, so eine Art "viertes Lebensalter" neben Kindheit, Mitte des Lebens und hohem Alter. Eine Zeit, die es zu gestalten und zu er-leben gilt. Da kommt was auf dich zu, irgendwann in den nächsten Jahren! Etwas Spannendes, Neues, voller Chancen und Entdeckungen -- das wünsche ich dir zumindest.
Aber so weit bist du ja auch noch nicht. Trotzdem sind runde Geburtstage eben immer auch besonderer Moment, um einmal innezuhalten. Zu reflektieren. Zurück zu schauen und nach vorne. Was hat dich bis hierher gebracht? Und wie willst du älter werden?
Da, finde ich, drängt sich Simeon geradezu als Beispiel auf. Wenn ich selbst es mir irgendwie aussuchen kann, dann möchte ich gerne so altern wie er. Wie alt er auch immer ist, Simeon zählt nicht die Tage bis zum Ruhestand. Er sieht auch keinen Countdown bis zu seinem Ableben vor seinem inneren Auge. Schaut doch einmal mit mir, wie Simeon lebt. Von ihm können alle von uns, die älter werden, etwas lernen. Also jeder und jede.
Erstens: "Er lebte gerecht vor Gott und vertraute ganz auf ihn". Aus der Sicht der Erzählung ist das die Gegenwart. Hier und jetzt. Simeon lebt. Gerecht. Als evangelischer Pfarrer höre ich da sofort das Evangelium von der Rechtfertigung aus Gnade durch den Glauben. Gerecht werden wir, das ist zentrale Evangeliumsaussage, ja nicht aus uns selbst, sondern allein, ("solo" auf Lateinisch) aus Christus: sola gratia, sola fide. Simeon kennt diese paulinischen oder gar die reformatorischen Formulierungen dazu natürlich noch nicht. Aber ich entdecke bei ihm auch keinerlei Getrieben-sein, keinerlei Streben irgendeiner Art. Simeon lebt. Gerecht (Zustandsbeschreibung!). Und er vertraut. Das ist doch nämlich genau das, was Glaube im allergrundlegendsten Sinn ausmacht: Das Vertrauen auf Gott, der mich gerecht macht durch Jesus Christus. Aus diesem Vertrauen heraus kann ich gelassen, ungetrieben, vertrauend eben durchs Leben gehen. Ich weiß mein Alles, mein Sein, "mein Leben und mein Sterben", wie es die Reformatoren immer wieder formulierten, in seiner Hand. Das wünsche ich dir, Johannes -- nicht nur für die Zukunft, sondern für die Gegenwart--hier und jetzt: Dass du mit dieser glaubenden Gelassenheit jeden Tag neu angehen kannst. Das wünsche ich euch allen auch.
Zweitens: "Durch den Heiligen Geist hatte Gott ihn wissen lassen...". Das ist aus der Sicht der Erzählung der Blick in den Rückspiegel. Gott hat geredet. Persönlich und direkt. Gott hat versprochen. Verheißen. Wer weiß, wann das war. Vielleicht am Tag zuvor? Das könnte natürlich sein. Für mich hört sich die Erzählung eher schon an, als sei es schon länger her. Vielleicht schon als junger Mann? War das so eine Art Berufungserlebnis? "Mit dir, Simeon, habe ich etwas ganz Besonderes vor: Du wirst meinen Christus sehen!" Wie lange Simeon wohl schon mit diesem Versprechen lebt? Wie viele Tage er wohl morgens aufgestanden ist mit der Erwartung: Heute könnte es geschehen? Wie viele Tage er sich wohl schon abends schlafen gelegt hat mit dem Gedanken: "Aber vielleicht morgen..." Überhaupt, wie lange kann man das sich selbst immer wieder sagen? Kommen da nicht auch irgendwann die Zweifel? Habe ich mir das alles nur eingebildet? Wie komme ich überhaupt drauf, dass ausgerechnet ich so besonders sein sollte?
Was hat Simeon all die Jahre (nehme ich jetzt einfach mal an) bei der Stange gehalten? Ich behaupte, die Antwort darauf steht im Text: "Der Heilige Geist leitete ihn." Gottes Ansprache an Simeon war also nicht nur etwas Einmaliges. Simeon wusste sich beständig in Verbindung mit dem Gott, der ihm etwas versprochen hat. Sicher war es das, was ihn auch durch die unumgänglichen menschlichen Zweifel getragen hat.
Was hat Gott dir gesagt, Johannes? Welche Verheißungen trägst du in deinem Herzen, liebe:r Zuhörer:in? Glaubst du noch daran? Wartest du noch darauf?
"Das Beste kommt noch", höre ich immer wieder--ganz besonders in christlichen Kreisen. "Das Beste kommt noch", klingt für mich ganz oft nach Vertröstung. Ich sehe Menschen, die mit dem Ist-Zustand ihres Lebens nicht ganz zufrieden sind. Die enttäuscht sind, von dem was ist, im Vergleich zu dem, was hätte sein können. "Das Beste kommt noch", sagen sie, um sich selbst Hoffnung zu machen. Es kann ja alles noch besser werden. Das Blatt kann sich ja vielleicht noch wenden. Oft genug stehe ich irgendwann am Grab dieser Menschen. Nicht immer hat das Blatt sich gewendet. "Das Beste kommt noch" -- sind das nur leere Worte?
"Das Beste kommt noch" hat nur einen Inhalt, wenn es sich auf Gottes Verheißungen stützt. Menschlicherseits kann man höchstens informiert raten, was die Zukunft bringt. Gottes Versprechen dagegen sind "Ja und Amen", wie Paulus sagen würde. Sicher, gewiss und Grund zur beständigen Hoffnung. Sie tragen durch die Wartezeit. Denn das ist das Dritte, was sich über Simeon sagen lässt: Er ist ein Wartender. "Er wartete auf den Trost, den Gott Israel schickt." Sein Vertrauen auf Gott ist nicht nur der Modus der Gegenwart. Es ist auch das, was ihn in die Zukunft trägt. Jeden Tag neu. Jeden Morgen und jeden Abend. Bis...
"Jetzt". Jetzt ist das Schlüsselwort in diesem Text. "Jetzt kann dein Diener in Frieden sterben." Jetzt hast du nämlich gehandelt, Gott, wie du es versprochen hast. Das wünsche ich dir, lieber Johannes, und dir, liebe:r Zuhörer:in, dass du dieses göttliche "Jetzt", in dem Verheißung zum Heilshandeln wird, erleben und entdecken kannst. Immer wieder neu, an ganz unterschiedlichen Tagen und unterschiedlichen Orten, auf unterschiedliche Weise, so wie unser immer wieder überraschender Gott eben ist.
"Jetzt kann dein Diener in Frieden sterben, wie du es versprochen hast. Denn mit eigenen Augen habe ich gesehen: Von dir kommt die Rettung." Ich wünsche dir, lieber Johannes, und mir und uns allen, dass das eines Tages unser Gebet sein darf. Dann, wenn die Stunde gekommen ist und wir im Vertrauen auf Gott für immer unsere Augen schließen. Aber auch vorher, immer wieder schon. Das mag jetzt vielleicht überraschend sein: Für viele Christ:innen rund um die Welt ist dieses Gebet des Simeon Teil ihres täglichen Abendgebets, der Komplet. "Jetzt kann dein Diener in Frieden sterben" ist dabei kein sehnlicher Wunsch nach einem schnellen Lebensende, sondern einfach ein tiefer Ausdruck ihres Glaubens, dass Gottes "Jetzt" für uns durch Christus gestern, heute und alle Tage ein "Jetzt" geworden ist und dass jeder Atemzug unseres Lebens, jeder Augenblick des Lebens und des Sterbens, in seiner Hand liegt. Diese Glaubensgewissheit wünsche ich dir, Johannes, und euch, für jeden Tag -- mit 60,70,80 oder in jedem beliebigen anderen Moment eures Daseins.
Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Römer 15,13)
Amen.

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