Christoph predigt

Offen geht


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Gnade mit euch und Friede von Gott dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

"Offen geht." Die Predigt zum Motto der Interkulturellen Woche hätte von meinen zwei Katern geschrieben werden können. Die stehen nämlich gerne mit äußerst vorwurfsvollem Blick und entsetzlich kläglichem Miauen vor oder hinter irgendeiner Tür in der Wohnung und warten darauf, dass ihnen endlich jemand aufmacht. Findus, der größere von beiden, versucht es immer wieder selbst, und wenn er sich auf die Hinterpfoten stellt, schafft er es tatsächlich schon fast bis zur Klinke. Aber eben nur fast. Und so muss er eben auch rufen und klagen und miauen und kratzen, bis endlich einer kommt, dem er es verständlich machen kann: "Offen geht!" Wenn nämlich die Tür sich dann endlich öffnet, dann schaut die betreffende Katze oft etwas seltsam Richtung Türschwelle, um dann trotzdem genau da sitzen zu bleiben, wo sie bisher war. Es ging eigentlich gar nicht ums Durchgehen-Wollen. Sondern ums Prinzip: "Offen geht". Geschlossene Türen sind doof.

So die Kater.

Aus dem Buch der Offenbarung -- Auszüge aus der großen Schlussvision im 21. und 22. Kapitel. Das sind die beiden letzten Kapitel der Bibel:

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 22 Und ich sah keinen Tempel darin; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm. 23 Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm. 24 Und die Völker werden wandeln in ihrem Licht; und die Könige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in sie bringen. 25 Und ihre Tore werden nicht verschlossen am Tage; denn da wird keine Nacht sein. 26 Und man wird die Herrlichkeit und die Ehre der Völker in sie bringen. 27 Und nichts Unreines wird hineinkommen und keiner, der Gräuel tut und Lüge, sondern die geschrieben sind in dem Lebensbuch des Lammes. 1 Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes, 2 mitten auf ihrer Straße und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens, die tragen zwölfmal Früchte, jeden Monat bringen sie ihre Frucht, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker. (Offenbarung 21,1-2.22-27;22,1-2)

Offen geht.

Ich bin mir nicht sicher, dass irgendjemand in der Antike -- oder bis hinein in die frühe Neuzeit, ins 17. Jahrhundert -- dieses Motto gutgeheißen hätte. Wichtigste Ausstattung jeder damaligen Stadt war die Stadtmauer, die den Bürgern im Falle eines Angriffs Schutz und Sicherheit bieten sollte. Auf den Dörfern, wo das nicht so einfach ging, baute man, wie hier in Tailfingen an der Peterskirche, Wehrtürme, in die man sich notfalls zurückziehen konnte -- mit meterdicken Mauern und kleinen, hoch angebrachten Türen. Die großen Städte wiederum hatten natürlich auch Türen in ihren Stadtmauern. Wo sich in Friedenszeiten tagsüber ganze Ströme von Menschen -- Arbeitern, Händlern -- und Waren in die Stadt wälzten, da baute man große Durchgänge, die abends mit massivsten Toren verschlossen und die ganze Nacht über scharf bewacht wurden. Mit Einbruch der Dunkelheit traute man sich nicht mehr, Fremde einfach frei in die Stadt hereinspazieren zu lassen. Und das aus gutem Grund.

Offen geht.

Die große Vision am Ende der Bibel beschreibt Gottes endgültige Verwandlung der Welt zum Guten. Alles neu. Kein Leid, kein Tod, kein Schmerz, keine Krankheit mehr. Kein Krieg, kein Streit, kein Terror. Und Gott mitten drin. Ganz nah bei den Menschen. Dieser Text erzählt von einer Verwandlung, die so umfassend und komplett ist, dass sich das Ergebnis auch unseren kühnsten Vorstellungskräften entzieht. Deshalb muss der Text in Bildern reden. Gleichnishaft, zeichenhaft. Weil es noch viel größer, besser, schöner und wohltuender wird als alles, was wir kennen und beschreiben können. Der Text wählt das Bild einer Stadt -- groß und herrlich, mit Platz für alle und Gott in der Mitte. Wo nichts den Frieden trübt. Wo Heil im vollsten Wortsinn da ist: Wo man heil wird, geheilt von allen Verletzungen und Schäden von vorher.

Natürlich hat die Stadt in diesem Text auch Mauern und Tore. Niemand zu der Zeit, als dieser Text geschrieben wurde, hätte sich eine Stadt ohne Mauern und Tore vorstellen können. Genau deshalb macht ein kleines Detail in einem eigentlich noch viel längeren Text hier auch besonders stutzig: "Ihre Tore werden nicht verschlossen am Tage, denn da wird keine Nacht sein." Die Tore dieser Stadt stehen immer offen. Für die Völker der Welt. Für alle. Es gibt keine Zeiten, keine Momente, in denen man Offenheit einschränken muss in diesem Bild. Aufeinander zugehen, miteinander leben, kommen und gehen ist immer möglich. Frieden, Freiheit und Sicherheit sind keine Widersprüche. Allen geht es miteinander gut.

Offen geht.

Ihre Tore werden nicht verschlossen.

Offen geht.

Klar, würden viele sagen -- auch viele Christ:innen, die vertrauensvoll in der Nachfolge Jesu Christi unterwegs sind. Klar, am Ende geht das. Wenn Gott alles verwandelt, geht das. Wenn er alles Böse wegnimmt, alles Krumme geraderückt, wenn er "richtet" in diesem vollen Sinn des Wortes, dann geht offen immer. Da spricht dann nichts mehr dagegen. Und so glauben und hoffen und ersehnen wir, dass dieser Tag kommt. Maranatha! Komm, Herr Jesus, komm bald! Damit endete schon vor fast 2.000 Jahren der Text dieses Offenbarungsbuchs, ja, der ganzen Bibel. Komm, Herr, und mach diese Offenheit möglich.

Was mich bedrückt, ist dass in dieser Zukunftshoffnung so oft der Eindruck mitschwingt, diese Offenheit sei etwas, das notwendigerweise exklusiv für die von Gott verwandelte Welt reserviert bleiben müsse. Hier und heute leben wir wohl in einer Welt, die -- leider gerade durch uns Menschen -- so viel Schaden genommen hat, dass man sich diese Offenheit nun nicht leisten kann. Was könnte da alles passieren, wenn man zu offen ist. Wer da dann alles kommt. Was "die" dann wohl alles wollen. Mitbringen. Und mitnehmen. Was uns da zugemutet werden könnte. Vielleicht sogar aufgezwungen. Was da an Veränderung nötig sein könnte. Was wir da teilen müssten. Was wir da lernen müssten.

Nein, da verschieben wir die Offenheit lieber auf eine verwandelte Welt in ungewisser Zukunft -- und auch da bin ich nicht immer überzeugt, dass das "Komm bald!" an allen Stellen immer ganz ernst gemeint ist. Manches ist doch vielleicht auch einfach ganz gut so, wie es ist. Oder?

Offen geht.

Während wir uns sicher nicht anmaßen dürfen, Gottes große Verwandlung der Welt irgendwie jetzt aus eigener Kraft selbst vorwegnehmen können zu wollen, scheint es mir doch ein wenig kurzsichtig, das alles nur auf die Zukunft verlagern zu wollen. Schließlich hat die Bibel noch ein paar Seiten mehr vor diesen letzten zwei Kapiteln. Und obwohl die nicht von meinen Katern geschrieben wurden, finde ich da trotzdem schon ab Seite 1 immer wieder das gleiche Prinzip: Offen geht. Zu allermindest da, wo Gott doch jetzt schon am Werk ist.

"Offen geht", sagt Gott und schafft Menschen "in seinem Bilde", mit einer unveränderlichen, unentreißbaren Würde. Jeden Menschen. In anderen Schöpfungserzählungen aus der gleichen Zeit sieht man das Bild Gottes immer nur in den Mächtigen. Im König, im Herrscher vielleicht. Und auf jedenfall, garantiert und sowieso nur in Männern. Ist ja klar! Die biblischen Texte beginnen ganz anders: Er schuf den Menschen zu seinem Bilde, männlich und weiblich schuf er sie.

"Offen geht", sagt Gott und erwählt sich die Nachkommen eines Mannes -- Abraham -- nicht als exklusive geschlossene Gesellschaft, sondern als Zeichen, als Botschaft, ja -- in seinen eigenen Worten: als Segen für die ganze Welt.

"Offen geht", sagt Gott und stellt sich ausgerechnet auf die Seite der Rechtlosen, der Machtlosen, der Sklaven. Die befreit er und teilt sogar das Meer, um allen zu zeigen: Was euch begrenzt, das ist mit Gott nicht unüberwindbar. Er schenkt ihnen Segen, Land, Gemeinschaft und Ordnung zum Miteinander. Er wohnt selbst mitten unter ihnen.

"Offen geht", sagt Gott und überschreitet selbst die Grenzen, die ihn ganz grundsätzlich von seinen Menschen unterscheiden: Er kommt. Er wird einer von uns. Ein kleines Baby, auf Heu und Stroh in Bethlehem. Wer darin kein Wunder sieht, der muss auf den Engel hören, der es erklärt: "Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird! Den euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr." Und dann kommen sie alle, die Engel und loben Gott für dieses Wunder: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens." Und wer darin immernoch nicht entdeckt, dass bei Gott "offen geht", dem singen wir es bald wieder zu in dem alten Weihnachtslied: "Heut schließt er wieder auf die Tür zum ew'gen Paradeis!"

"Offen geht", sagt Gott, der jetzt durch diesen Jesus spricht wie nie zuvor und dessen ganzes Wesen sichtbar wird in diesem Menschen. Er geht zu denen, die am Rand stehen. Er sitzt am Tisch mit denen, die als Sünder gelten: zwielichtige Gestalten, korrupte Staatsdiener, Sexarbeiterinnen. Er nähert sich denen in Quarantäne und legt ihnen ohne jede Furcht die Hände auf. Er macht keinen Unterschied nach Herkunft, Alter oder Geschlecht.

"Offen geht", sagt Gott. Und während bei anderen höchstens der Mund schockiert offen steht und sie alle Hebel in Bewegung setzen, um ihm Einhalt zu gebieten, ist er schon wieder an der nächsten geschlossenen Tür angelangt. Sein Christus macht auch vor der Grenze aller Grenzen nicht halt. Er geht hinein in den Tod, der uns allen so unüberwindbar erscheint.

"Offen geht", sagt Gott, und zerreißt im Tempel den Vorhang, der göttliches und menschliches trennt.

"Offen geht", sagt Gott, und rollt selbst den Stein weg, den sie vor das Grab des Jesus von Nazaret gewälzt hatten. "Offen geht", sagt Gott, und schenkt ihm neues Leben. Und mit ihm auch uns, das hat er versprochen.

"Offen geht", sagt Gott, und seine Kirche beginnt mit einem Sprachwunder. Wo Unverständnis Menschen vorher trennte, baut Gottes Geist plötzlich neue Brücken.

"Offen geht", sagt Gott, und was als innerjüdische Erweckungsbewegung begann, das wird zu einer internationalen Gemeinschaft, die seit 2.000 Jahren Nationen, Grenzen, Länder und die Zeiten überspannt.

Wer glaubt, dass bei Gott "offen" erst in der Zukunft "geht", der hat wohl ein Bisschen was verpasst!

Offen geht.

Wenn meine Aufzählung gerade mit seiner Kirche endete, dann täuscht das jetzt ein wenig. Von einem Ende kann man ja gar nicht reden. Schon allein deshalb nicht, weil eben diese Kirche, die Gemeinschaft derer, für die sich Gott geöffnet hat, ja immer noch aktuell ist. Wer wissen möchte, wie offen Gott ist, der braucht nur in den Spiegel schauen. Wir alle -- und die Tatsache, dass wir in ihm verbunden sind -- sind Teil davon. Ein Zeichen dafür. Und dazu gerufen, die offene Liebe unseres Gottes in seine Welt zu tragen.

Offen geht.

Heute sind Stadttore höchstens noch eine nette Sehenswürdigkeit. Ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Unsere Städte machen sichtbar, dass wir uns als Gesellschaft verändert haben. Eine "offene Gesellschaft" ist zum Leitbild für viele geworden. Ich bin unglaublich froh und dankbar über so viele Grenzen, die dabei überwunden wurden. Ich bin froh und dankbar über ein viel größeres Maß an Freiheit und Gleichberechtigung als es sich vergangene Generationen je erträumen lassen hätten. Und ich bin dankbar für alle Menschen -- besonders auch für Christ:innen -- die daran mitgearbeitet haben und weiter mitarbeiten.

Trotzdem darf uns das nicht darüber hinwegtäuschen, wie weit der Weg an vielen Stellen noch ist. Und mir ist an dieser Stelle wohl bewusst, dass ich als weißer, hetersexueller Mann ohne Behinderung, aus einer bürgerlich-bildungsnahen Familie in einem der reichsten Länder der Welt jetzt gerade hier als einer der privilegiertesten Menschen überhaupt auf dieser Welt spreche. Und dass ich es ganz oft übersehe, wie wenig Offenheit für viele andere noch da ist und wahrscheinlich auch, wie wenig offen ich selbst an manchen Stellen bin.

Deshalb muss ich -- auch für mich selbst -- immer wieder klarstellen:

"Offen geht" muss für Menschen gelten, deren Behinderung sie an Stellen vor Hindernisse stellt, die für die Mehrheit von uns keine Grenzen sind.

"Offen geht" muss sich in fairer Bezahlung für alle (unabhängig von Faktoren wie ihrem Geschlecht) genauso ausdrücken wie in fairer Teilhabe an Bildung, Sicherheit und Wohlstand.

"Offen geht" heißt, das ich mich und meine Art zu leben, zu lieben und zu glauben nicht zur Norm für alle anderen machen darf.

"Offen geht" darf sich nicht beeindrucken lassen, wenn eine laute Minderheit von Egoisten im Internet Stimmung macht oder auf den Straßen von Ebingen trommelt.

"Offen geht" bedingt eine Bereitschaft zum Frieden, die nicht da endet, wo unsere Lebenskosten steigen, und einen Mut, zu den Schwachen zu stehen, der sich nicht einschüchtern lässt.

"Offen geht" erlaubt es nicht, Menschen unterschiedlicher Nationalitäten pauschal zu beurteilen oder gegeneinander auszuspielen.

"Offen geht" darf nicht ins Wanken geraten, wenn sich anderswo Menschen auf die Flucht begeben, weil sie ihre Existenz von Krieg und Armut bedroht sehen. Unser Traum vom offenen Europa darf sich nicht auf Stacheldrahtzäune und bewaffnete Patrouillenboote stützen. Flüchtlingscamps mit menschenunwürdigen Zuständen, die Rücksendung von Menschen in Gebiete mit Krieg, Terror und Folter, und ein endloses Taktieren mit bürokratischen Hürden sind nicht das, was "offen geht" bedeutet. Und nie, nie, aber auch gar nie, gibt es irgendeinen Grund, der es rechtfertigen würde, sehenden Auges Menschen ertrinken zu lassen.

"Offen geht" muss auch heißen, mit Blick auf zukünftige Generationen, auf unsere Kinder und Enkel; aber auch auf die Kinder und Enkel von Menschen am anderen Ende der Welt, alles für den Schutz der Umwelt und des Klimas zu tun.

Wo mir jetzt beim Lesen, beim Hören dieser Zeilen, die stellvertrend für noch ganz vieles andere stehen, der Mut sinkt und die schiere Größe der verbleibenden Aufgaben mich zu erdrücken scheint, lasse ich mich von den Texten der Bibel neu an Gott erinnern, der Verwandlung wirken kann und Verwandlung vollenden wird.

"Offen geht", sagt Gott.

Und ich bete: "Herr, dann mache mich zu einem Türöffner. Nicht nur für meine Kater."

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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