Orte. Menschen. Geschichten. Kulturhistorische Reportagen

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Orte. Menschen. Geschichten. Kulturhistorische Reportagen episodes

  • Kann man Romeo und Julia wirklich in Verona besichtigen? OMG 07
    Shakespeares Tragödie „Romeo and Juliet“ hat Verona zu einem der bekanntesten literarischen Reiseziele Europas gemacht. Besonders der sogenannte Balkon der Julia zieht jährlich zahlreiche Besucher an. Doch wie viel historische Grundlage hat dieser Ort tatsächlich? Die Folge beleuchtet die Entstehung des Ortes und seine Entwicklung zum touristischen Highlight.

    Der Balkon in Verona

    Anmoderation
    Viele Menschen verreisen, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Alle Sehenswürdigkeiten haben etwas Wichtiges gemeinsam: Man kann sie sehen. Vielleicht sogar anfassen, wenn man nahe genug herandarf. Es gibt aber auch solche Sehenswürdigkeiten, die man nur gezeigt bekommt, weil man sie unbedingt sehen will. Wie beispielsweise den Balkon am Haus der Julia in Verona.

    Beitrag
    Auch Dinge, die man nicht sehen kann, können begeistern. Denken Sie nur an den Film „Tanz der Vampire“. Der Schüler des Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen. Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und weg.

    O-Ton: Professor: „Ich würde was drum geben, das zu sehen.“ Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts.“

    Genau dieses Problem hatte die Stadt Verona. Wer sie besucht, wird nämlich wahrscheinlich irgendwann in der Via Capello 23 landen. Dort steht zwischen Modeboutiquen und Eiscafés ein mittelalterliches Haus. Hier hat angeblich Julia gelebt, die Geliebte von Romeo. Die Geschichte der beiden ist durch die Tragödie von William Shakespeare weltbekannt. Es geht um die Liebe eines jungen Paares, das unglücklicherweise aus zwei verfeindeten Familien stammt. Romeo ist ein Montague, Julia eine Capulet. Die Geschichte geht, wie Tragödien es so an sich haben, nicht gut aus. Die beiden bringen sich verzweifelt selbst um. Ihre Eltern versöhnen sich zwar, aber zu spät – erst über den Gräbern ihrer Kinder.

    Dass sie sich lieben, gestehen sich die beiden eines Abends im Hof des Capulet-Hauses. Romeo unten im Garten, Julia oben im ersten Stock. Eine besonders gelungene Szene, findet auch Vera Kreyer. Sie gehört zur Shakespeare Company Berlin, einem Theater, das nur Shakespeare-Stücke spielt.

    O-Ton Vera Kreyer 1
    Wir sehen Julia, die oben auf dem Balkon steht. Unten im Garten, verborgen in der Dämmerung, steht Romeo. Und er wird Zeuge, wie Julia über die Liebe zu ihm spricht. Er gibt sich später dann zu erkennen, und am Schluss schwingt er sich zu Julia über die Mauer hoch auf den Balkon. Ich finde das sehr romantisch, und das ist eine besondere Szene in dem Stück, mit einer besonderen Bedeutung, denn dieses Heraufschwingen zu Julia (...) erzählt quasi bildlich das Überwinden der Kluft zwischen den zwei Liebenden.

    Die herzzerreißende Geschichte stammt übrigens eigentlich gar nicht von Shakespeare. Der hat sie wahrscheinlich 1562 veröffentlicht, ja. Aber gute 30 Jahre vorher ist die Novelle des Italieners Luigi Da Porto mit derselben Handlung erschienen. Verschiedene Versionen davon waren in ganz Europa bekannt, auch in England. Es stimmt natürlich: Erst die Shakespeare‘sche Fassung hat Romeo und Julia unsterblich werden lassen. Und in Verona scheut man wirklich keinen Aufwand, damit das so bleibt. Und das ist nicht einfach. Es gibt nämlich nichts.


    Fangen wir mit dem Haus an. Das Haus in der Via Capello 23, das heute als "Haus von Julia" in jedem Reiseführer steht, war noch vor hundert Jahren ein Stall mit mit Herberge. Die nach einer Aussage von Charles Dickens allerdings zu den schlechtesten in Verona gehört hat. Im Jahr 1937 hatte dann Antonio Avena, der damalige Direktor der Museen von Verona, die Idee, diesen Stall zur "Casa di Giulietta" zu machen. Am Eingangsbogen zum Innenhof war das Wappen der Familie Capulet zu sehen gewesen. Immerhin ein Indiz dafür, dass eine Familie mit diesem Namen hier möglicherweise gewohnt haben könnte. Als Modell für den Umbau diente ihm dabei weitgehend die Kulisse des amerikanischen Filmknüllers Romeo and Juliet, eine Hollywood-Produktion aus dem Jahr davor. 

    Und dann die Sache mit dem Balkon. In besagtem Film hatte der amerikanische Regisseur George Cukor Julia erstmalig auf einem Balkon auftreten lassen. Der Film und die Balkonszene, wie sie seither heißt, waren ein voller Erfolg. Und die Veroneser waren es irgendwann leid, Menschen aus aller Welt erklären zu müssen, dass es den berühmten Balkon nicht gibt. Erstens nicht im Shakespeare‘schen Original. Hier heißt eine Regieanweisung für die erwähnte Szene nämlich: „Juliet appears above at a window. Also: Julia erscheint oben an einem Fenster. Um genau darum gebe es zweitens keinen Balkon am Haus der Julia. Weil die Nachfragen aber nicht nachließen, hat der emsige Direktor der Veroneser Museen auch noch einen Balkon am ehemaligen Stall anbringen lassen. Wir haben Vera Kreyer gefragt, ob für sie als Shakespeare-Expertin diese ganze Balkon-Geschichte nicht eine Fälschung des Originals sei.

    O-Ton Vera Kreyer 2
    Für mich sind inszenatorische Mittel prinzipiell keine Fälschung – kann man einfach machen, so wie man das Stück sieht.
    (...) Wenn man sich ein Theaterstück oder einen Text vornimmt und den auf die Bühne bringen möchte, ist es sowieso notwendig, dass man seine eigene Sichtweise, seine eigenen Ideen, seinen eigenen künstlerischen Ausdruck benutzt, um sie auf die Bühne zu bringen, weil wir ja als Künstler nicht irgendwas kopieren oder nachspielen, sondern weil wir ausdrücken.
    (...) Überhaupt sieht die Umsetzung der Stücke von Shakespeare inzwischen völlig anders aus als damals zu Shakespeares Zeiten, denn im elisabethanischen Theater durften ausschließlich Männer theaterspielen. Frauen waren gar nicht zu sehen. Also alle Mädchen, Frauen wurden ebenfalls von männlichen Schauspielern gespielt. Das ist ja heute Gott sei Dank auch anders.

    Heute führen in Verona eine Schauspielerin und ein Schauspieler die berühmte Szene auf, zwei Mal pro Tag. Und gerade der Balkon kommt dabei gut weg, auch bei Vera Kreyer. 

    O-Ton Vera Kreyer 3
    Auf besagtem Balkon in Verona war ich sogar mal selbst gewesen. Da war ich ungefähr 18, 19, habe den natürlich aufgesucht, da ich auch das Stück Romeo und Julia kannte. Und mir war schon klar, dass das nicht der echte Balkon ist, auf dem irgendeine Julia oder Julietta mal gestanden hat. Aber ich fand es trotzdem schön, es auf mich wirken zu lassen und mir vorzustellen, wie sich die Geschichte abgespielt haben könnte. (...) Aber nicht nur ich war von der Romantik des Ortes ergriffen. Sondern unten auf dem Hof, vor dem Balkon, stand ein junger Mann, der rief: „Giulietta!“
    7 min
  • Wie die Albaner im Zweiten Weltkrieg jüdische Flüchtlinge retteten OMG 06
    Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg nahm die jüdische Bevölkerung in Albanien nicht ab, sondern zu. Diese Folge untersucht, wie das albanische Gewohnheitsrecht der „Besa“ – ein Ehrenkodex der Gastfreundschaft und des Schutzes – dazu beitrug, jüdische Flüchtlinge zu verstecken und zu retten.Eine historische Betrachtung von Zivilcourage, kulturellen Normen und individueller Verantwortung.
    Diese Geschichte hatte ich für den Deutschlandfunk erzählt. Link auf den Beitrag im Deutschlandfunk-Archiv:
    https://www.deutschlandfunk.de/wie-das-albanische-gastrecht-juedische-fluechtlinge-rettete-100.html

    2 min
  • Was hatte Luther auf der Wartburg mit dem Teufel zu tun? OMG 05
    Auf der Wartburg bei Eisenach wird eine der bekanntesten Legenden der Reformationsgeschichte erzählt: Martin Luther soll während seiner Übersetzung des Neuen Testaments den Teufel mit einem Tintenfass vertrieben haben – zurück blieb ein Fleck an der Wand. Diese Folge geht der Frage nach, wie sich diese Erzählung entwickelt hat, warum sie bis heute präsent ist und was tatsächlich historisch belegt ist. 

    Der Tintenfleck in der Lutherstube auf der Wartburg AnmoderationViele Menschen verreisen, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Alle Sehenswürdigkeiten haben etwas Wichtiges gemeinsam: Man kann sie sehen. Vielleicht sogar anfassen, wenn man nahe genug herandarf. Es gibt aber auch solche Sehenswürdigkeiten, die man nicht sehen kann und die trotzdem jede Menge Besucher anziehen. Beispielsweise der berühmte Tintenfleck in der Lutherstube auf der Wartburg.  BeitragAuch Dinge, die man nicht sehen kann, können begeistern. Denken Sie nur an den Film „Tanz der Vampire“. Der Schüler des Vampirforschers Prof. Abronsius, Alfred, erzählt darin seinem Lehrer, dass er tatsächlich neben einem Vampir vor einem Spiegel gesessen habe. Im Spiegel sei nur er, Alfred, zu sehen gewesen. Denn Vampire spiegeln sich nicht. Der Professor ist hin und weg. O-Ton: Professor: „Ich würde was drum geben, das zu sehen. „Alfred: „Ja aber man sieht gar nichts“.  Ähnlich hin und weg sind seit jeher auch die Besucher der Lutherstube im thüringischen Eisenach. Diese Lutherstube befindet sich im hintersten Winkel der Wartburg, die sich weit über die Stadt und die üppigen Wälder ringsum erhebt. Viele, sagt die Museumsleitung, suchen hier an der Wand neben dem grünen Kachelofen den berühmten Tintenfleck. Der soll so entstanden sein: Als Martin Luther sich vor seinen Verfolgern auf der Wartburg versteckt hielt und hier die Bibel ins Deutsche übersetzt hat, soll er vom Teufel belästigt worden sein. Luther soll nach seinem Tintenfass gegriffen und nach dem Teufel geworfen haben, um ihn zu vertreiben. So sei ein Tintenfleck neben dem Ofen entstanden. Belegt ist die Geschichte keinesfalls. Aber beliebt. Wie sehr, berichtet Dr. Dorothee Menke. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin auf der Wartburg.  O-Ton Dorothee MenkeZwar gab es wohl tatsächlich mal einen Fleck., und zwar seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, also ein gutes Jahrhundert nach Luthers Tod: Damals haben sich nämlich die Kastellane der Burg die Geschichte zunutze gemacht und tatsächlich Tinte an die Wand gespritzt. Das erwies sich als publikumswirksame Maßnahme. Und so mancher der damals schon zahlreichen Lutherverehrer und Wartburgbesucher hat ein Stück Wandputz mit Tinte aus der Lutherstube mitgehen lassen. Der Fleck wurde darum immer wieder erneuert Und zwar bis ins 19. Jahrhundert hinein. Heute fehlt er ganz. Die letzte schriftliche Erwähnung einer solchen "Auffrischung" stammt aus dem Jahre 1855. Und das erste bekannte Foto der Lutherstube von 1872 zeigt schon keinen Fleck mehr.  O-Ton Dorothee MenkeDie Kollegen, die vor der Lutherstube Aufsicht stehen, werden schon sehr regelmäßig gefragt, wo denn der Tintenfleck sei. Oft sogar mehrmals täglich. So gut wie alle Besucher haben schon davon gehört oder glauben sogar sich daran zu erinnern, diesen Tintenfleck schon früher mal hier gesehen zu haben. Die können dann gar nicht glauben, dass dieser Tintenfleck nur aus einer Geschichte stammt oder sogar ihrer Fantasie entsprungen ist.  Wer den Tintenfleck dennoch und öfter sehen will, kann im Museumsladen der Wartburg einen Kühlschrankmagneten in Form eines schwarzen Kleckses kaufen: natürlich mit der Signatur "Martinus Luther". O-Ton: „Ja aber man sieht gar nichts 

    4 min
  • Hat Siegfried den Drachen wirklich am Rhein besiegt? OMG 04
    Die Sage vom Drachentöter Siegfried ist eng mit dem Rhein und insbesondere Königswinter verbunden. Diese Folge zeigt, wie sich die Erzählung aus dem Nibelungenlied entwickelte und wie sie im Zuge der Rheinromantik des 19. Jahrhunderts regional verankert wurde.

    Königswinter am Rhein
    Warum Siegfried den Drachen hier erschlagen hat

    Anmoderation
    Das malerische Königswinter am Rhein zieht von jeher viele Gäste an. Neben dem Rheinwein und dem Siebengebirge spielt dabei auch die Geschichte von Siegfried und dem Drachen eine wichtige Rolle. Dass die sich tatsächlich hier zugetragen hat, ist allerdings mehr als fragwürdig. Mit dieser Herausforderung lebt man in Königswinter aber ganz gut. Genau genommen seit der Zeit, als das Nibelungenlied ins Hochdeutsche übertragen worden war.

    Atmo Pferd
     
    Beitrag
    Siegfried kennen Sie. Das war der strahlende Held, der seinerzeit die schöne Kriemhild geheiratet hat. Und der auf seinem Weg von seiner Heimatstadt Xanten nach Worms, wo Kriemhild wohnte, einen Drachen besiegt, und zwar mit seinem Schwert Balmung. Damals hatten die Schwerter noch Namen. Er hat dann auch noch in dessen Blut gebadet, was ihn unverletzlich gemacht hätte. Wenn ihm dabei nicht das verdammte Lindenblatt zwischen die Schultern geflattert wäre. Und so weiter und so weiter. Dass sich die Geschichte so zugetragen hat, weiß heute fast jeder. Aber nicht wo.

    Musik „Es war in Königswinter“

    In Königswinter am Rhein weiß man das schon. Nämlich genau hier. Davon geht man in Königswinter jedenfalls felsenfest aus: Hier dreht sich alles um den sagenhaften Drachen. Drachenburg, Drachenloch und vor allem um den Drachenfels, felsenfester geht es nicht.
    Die Belege dafür, dass es hier tatsächlich einen Drachen gegeben haben könnte, den Siegfried dann getötet hat, sind dabei in keinster Weise gerichtsfest, um es mal so zu formulieren. Aber interessant sind sie schon. Da sei zunächst der Berg Drachenfels, der Königswinter überragt, sagt Dr. Peter Glasner, Privatdozent für Germanistische Mediävistik an der Bonner Universität.

    O-Ton Glasner 1
    Historisch gesehen gibt es natürlich einfach die mittelalterliche Burg Drachenfels und die Burggrafen vom Drachenfels, die eben auch seit dem Hochmittelalter schon den Drachen in ihrem Wappenschild führen. Das scheint für mich eine doch verlässliche Spur zu sein. Fadeout

    Fragt sich nur, woher die Burggrafen ihren Uraltnamen und ihr Wappen haben. Eine Theorie ist: vom Felsgestein Trachit, das dort abgebaut worden ist, übrigens auch für den Bau des Kölner Doms. Kann nicht stimmen, sagt Peter Glasner.

    O-Ton Glasner 2
    So funktioniert Namensgebung im Mittelalter nicht. Außerdem ist der älteste Belegt des Wortes Trachit nicht alt genug, um die Existenz eines Drachens da zu rechtfertigen.

    Woher kommt der Königswinterer Drache also dann?

    O-Ton Glasner 3
    Es ist doch eher eine Mythoszuschreibung aus verschiedensten Quellen des 19. Jahrhunderts.

    Die wichtigste dieser Quellen ist das Nibelungenlied. Das schildert den Untergang des Burgunderreiches im 5.Jahrhundert  nach Christus. Geschrieben wurde es im 13.Jahrhundert. Verfasser unbekannt. Karl Simrock,  der erste Germanistikprofessor der Bonner Universität, hat es 1827 aus dem Mittelhochdeutschen ins Hochdeutsche übersetzt. Deshalb ist der Held dieses Epos allgemein bekannt: besagter Siegfried, der den Drachen überwältigt.

    Musik Wagner Ring des Nibelungen

    Allerdings geht das Nibelungenlied nur in zwei kurzen Strophen auf dieses Thema ein. In Simrocks Übersetzung steht da beispielsweise;

    Lautenmusik
     
    Noch ein Abenteuer ist mir von ihm bekannt:
    Einen Linddrachen schlug des Helden Hand;
    Als er im Blut sich badete, ward hörnern seine Haut.
    So versehrt ihn keine Waffe: das hat man oft an ihm geschaut.

    Der Drachenfels wird hier nicht erwähnt, Königswinter schon gar nicht.  Für Karl Simrock lag der Tatort Drachenfels aber nahe. Übrigens auch im Wortsinne: Simrock wohnte sozusagen um die Ecke in Honnef, von Königswinter aus gesehen genau hinter dem Drachenfels.

    O-Ton Glasner 4
    Karl Simrock, hier aus unserer Gegend, hat sich einmal so geäußert: Der Stoff von Sagen und Legenden – ich zitiere den mal wörtlich – konnte geografisch versetzt werden, aber nicht beliebig. Die Wahl der Örtlichkeit musste dem Stoff gemäß sein.

    So könne man, sagt Peter Glasner, wie Simrock auch durchaus auf Königswinter kommen,  wenn man die Siegfried-Geschichte auf sich wirken lasse. 

    O-Ton Glasner 5
    Siegfried auf dem Weg zu seiner Krimhild in Worms, kommt aus Xanten, sozusagen in einer Linie am Rheinlauf entlang, in Königswinter vorbei. Das wäre geografisch noch so eine Plausibilisierung, die wir aber nicht historisch begründen können.

    In seinen späteren „Rheinsagen aus dem Munde des Volks und deutscher Dichter“ von 1836 schreibt Karl Simrock dann ganz ausdrücklich von einem Drachen am Drachenfels. Der soll hier in einer Höhle gehaust haben: dem Drachenloch, eine Felsspalte, die man auch heute noch vom Rhein aus gut sehen kann.

    Lautenmusik

    Noch deutlicher wird Karl Hessel, Lehrer und Heimatschriftsteller. Der schrieb 1894 in seiner Gedichtesammlung Rheinlieder:

    Jung Siegfried voller Heldenfeuer
    Schlug aber tot das Ungeheuer
    Hat sich im Drachenblut gebadet
    Dass ihm hinfort kein Schwert mehr schadet.
    An einem noch der Felsenwände
    Ist’s Drachenloch, sagt die Legende.
    Ein Wein wächst dorten, rot und gut
    Führt noch den Namen Drachenblut.

    Den Wein Drachenblut gibt es übrigens in Königswinter immer noch: ein Rotwein natürlich. Name: Königswinterer Drachenblut, trocken oder auch halbtrocken.

    Die letzten Ungewissheiten über den Tatort der Drachengeschichte beseitigte dann eine Neufassung des Nibelungenliedes, ebenfalls durch einen Dichter, der den Drachenfels von seinem Dichterzimmer gesehen haben dürfte.

    O-Ton Glasner 6
    Unweit von Königswinter, in Rheinbreitbach, residiert vor dem Ersten Weltkrieg in der niederen Burg der Dichter Rudolf Herzog, der mit seiner Neuerzählung der Nibelungen für die Jugend, so 1912, eben auch so viel verdient haben muss, dass er sich diesen Burgaufenthalt leisten konnte. Und der lokalisiert übrigens im Gegensatz zum Nibelungenlied aus der Staufferzeit ganz konkret den Drachenkampf, Siegfried, im Siebengebirge.

    Musik „Es war in Königswinter, nicht davor und nicht dahinter“

    Damit war die Sache für die Königswinterer klar. Obwohl ihr Siegfried einen ernst zu nehmenden Konkurrenten hatte. Und zwar tatsächlich hinter Königswinter, in dem erwähnten Honnef. Da ist noch Dietrich von Bern, der eigentliche tapfere und vor allem tadellose Ritter des Nibelungenliedes. Siegfried war ja im Vergleich zu ihm ein wenig zwielichtig. So hat er für seinen Schwager Gunther dessen Heirat mit seiner umworbenen Brünhild besiegelt, indem er diese mit Hilfe seiner Tarnkappe im Zweikampf heimlich besiegt: Sie wollte nämlich nur den nehmen, der das schafft. Und er hat sie, diesmal womöglich nur mit der Tarnkappe bekleidet, sogar vergewaltigt, als sie sich nämlich Gunther in der Hochzeitsnacht nicht hingeben wollte.

    Lautenmusik

    Der unverdächtige Dietrich von Bern wächst als Königssohn womöglich im rheinfränkischen Verona auf, dem späteren Bonn,  vermuten einige Experten. Also nur rund 10 Kilometer von Königswinter entfernt. Auch er hat einem bemerkenswerten Sieg auf seinem Konto: Er hat nämlich in jüngeren Jahren den Riesen Ecke im Kampf mit seinem Schwert erstochen, und zwar durch einen Schlitz in dessen Rüstung, die mit Drachenblut gehärtet und eigentlich unzerstörbar war. Kommt uns bekannt vor, oder. Nebenbei: Dietrichs Schwert hieß Mimung.

    Und wieder glaubte Karl Simrock an einen rheinischen Schauplatz dieser Geschichte. In seiner Nachdichtung der Dietrichsage tauchen Ortsnamen wie Köln, Bonn, Königswinter und auch das Siebengebirge mit dem Drachenfels auf. In unmittelbarer Nähe seines Landhauses am Honnefer Menzenberg stieß Simrock außerdem auf Flurstücke wie Dederichsloch oder Dederichskaule. Und zog daraus den messerscharfen Schluss:  Der Riese Ecke wurde von Dietrich am Menzenberg erschlagen, sozusagen vor Simrocks Haustür. Auch hier gibt es dann irgendwann den passenden Rotwein, von Simrock selbst angebaut und gekeltert und mit den Namen "Eckenblut" versehen. Das alles sei, trotz aller Wertschätzung für Karl Simrock, mit Vorsicht zu genießen, sagt Peter Glasner.

    O-Ton Glasner 7
    Simrock hatte Humor und nimmt es vielleicht gar nicht so genau mit der sogenannten historischen Realität. Simrock hatte einmal über sich selbst gesagt: Meine Kollegen, also die akademischen waren damit gemeint, trauen mir nicht recht, weil ich ein Dichter bin. Also, ein gewisses Moment der romantischen Produktivität, um es mal positiv zu formulieren, spielt bei Simrock eine sehr große Rolle.
     
    Während es bei der Dietrich-von-Bern-Geschichte in Honnef beim Eckenblut-Wein und einer gepflegten Simrock-Verehrung bleibt, geht in Königswinter die Post ab. Dazu trägt bei, dass das Nibelungenlied und seine Geschichte bis ins   20. Jahrhundert zu einer Art Nationalepos geworden ist, zu einer deutschen Ilias mit Siegfried als deutschem Helden. Darum pflegt man hier die Drachentöter-Geschichte so gut man kann.
     
    Besonders gut konnte das Stephan Sarter, Sohn eines Bonners Gastwirts, der an der Börse zu großem Reichtum gekommen war. Er begann 1882 mit dem Bau der Drachenburg, einer wilden Mischung aus Villa, Burg und Schloss.
     
    O-Ton Glasner 8
    Das ist aber eigentlich mehr ein Neuschwanstein am Rhein.
    Auch ein Hort deutscher Mythen. Vor allen Dingen der Kern des Gebäudes mit dem Nibelungenzimmer, also mit der ersten Strophe des Nibelungenlides in Holz geritzt, hält dann auch quasi in der großbürgerlichen Wohnkultur den Nibelungen- und Siegfried-Mythos präsent.
     
    Musik Wagner Ring des Nibelungen

    Das tut auch die Nibelungenhalle. Die wurde 1913 zum 100. Geburtstag Richard Wagners eröffnet. In diesem Kuppelbau in Später-Jugendstil-Optik sind  Gemälde zum Opernzyklus „Der Ring“  zu besichtigen, das Ganze zu leisen Wagner-Klängen. Unter den Bildern findet sich übrigens auch ein besonders beeindruckender Versuch, die Nibelungen-Geschichte in den Bergen um Königswinter herum spielen zu lassen, ein Versuch des damals beauftragten Kunstmalers Herman Hendrich, …
     
    O-Ton Glasner 9
    …der zum Beispiel einen weiblichen Frauenakt der liegenden Brunhild so ins Bild zu setzen verstanden hat, dass die Spitzen der Füße und anderer Körperteile die sieben Bergkuppen des Siebengebirges bildeten.
     
    Zu Wagners 50. Todestag, im Jahre 1933, kam dann noch die Drachenhöhle dazu, ein dämmriger Gang, der um die Nibelungenhalle herum führt. Und schon vorher, in der Zeit des 1. Weltkriegs, war im Arkadengang des Rathauses in Königswinter ein Notnagel-Siegfried entstanden.

    O-Ton Glasner 10
    Eine überlebensgroße Holzfigur von Siegfried und dem Drachen, gestiftet vom Frauen-Kriegsverein, wo man eben gegen Kriegsanleihe eiserne Nägel einschlagen sollte, eben auch um den patriotischen Geist zu schüren. Und das Kuriose ist: Siegfried gilt ja nach dem Bad im Drachenblut als unverwundbar. Also kriegen Sie da auch gegen Kriegsspende eigentlich keinen Nagel eingeschlagen. Das hat irgendjemand dann mal bemerkt. Es gibt noch einen Nagel in der Kniescheibe, und dann nagelte man den Drachen, um dem Mythos keinen Schaden zuzufügen.
     
    Diese geballte Ladung Romantik, mit Rheintal, Drache und Siegfried plus Rheinwein blieb nicht ohne Folgen. Die Touristen kamen. Sollten sie auch. Klar war, sagt Peter Glasner, …

    O-Ton Glasner 11
    …dass Siegfried das überregionale Ausstrahlungspotenzial hat. Mit Siegfried könnte man von Xanten bis Worms Reklame machen.
    Und das interessiert dann irgendwann Engländer und Franzosen ganz genauso. Lord Byron ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Werbeträger in Anführungszeichen für die Attraktivität des Mittelalters am Rhein. Also, die Tradition der Grand Tours für den englischen Adel ist eigentlich die Erfindungsquelle der Rheinromantik.
     
    Mit und nach Lord Byron kamen und kommen viele Touristen. Bis heute. Und was  dieses Nibelungen-Image angeht: Da hatte Königswinter - trotz der ja nicht ganz wasserdichten Beweislage – auch Glück. Die Konkurrenz ist nämlich beträchtlich. Erstens existiert ein zweiter Drachenfels, bei Bad Dürkheim, mit Drachenkammer und Drachenhöhle und einem "Siegfriedsbrunnen“.  Und zweitens gibt es rund zehn Ortschaften, die einen solchen Brunnen vorzuweisen haben, an dem Siegfried getrunken haben soll, als Hagen von Tronje ihn hinterrücks erstochen hat. Stichwort Lindenblatt, Sie erinnern sich. Diese Orte liegen übrigens alle im Odenwald oder nicht weit davon entfernt.

    Dass Königswinter und das Siebengebirge das Rennen um den Drachen gegen den Odenwald gewonnen haben, soll angeblich auch daran liegen, dass der Odenwald nicht das richtige Ambiente für Drachen sei, wird scherzhaft gemunkelt.. Im Vergleich zum Siebengebirge sei der Odenwald nämlich viel zu klein. Er soll sogar der kleinste Wald Deutschlands sein. Den Beweis liefere dieses Volkslied:

    Musik: Im Odenwald da steht ein Baum…

    15 min
  • Wann erwacht Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser? OMG 03
    Unter dem Kyffhäuserdenkmal in Thüringen schläft der Sage nach Kaiser Friedrich Barbarossa, um eines Tages zurückkehren. Die Folge untersucht, wie diese Sage entstand, welche politischen Interessen dahinter stecken und warum sie im 19. Jahrhundert nationale Bedeutung erhielt.

    Der Kyffhäuser-Mythos und der alte Barbarossa

    Anmoderation
    Der Kyffhäuser ist ein Mittelgebirge südlich des Harzes, in Thüringen.
    Im Nordosten steht hier das Kyffhäuserdenkmal. Gebaut wurde der Riesenklotz zu Ehren Kaiser Wilhelms I., nach dessen Tod. Dennoch wurde es mehr und mehr zur sagenumwobenen Gedenkstätte für Kaiser Friedrich Barbarossa, der 700 Jahre vorher gestorben war. Wie ist dieser Mythos um Kaiser Barbarossa entstanden? Wie und durch wen hat er immer mehr Fahrt aufgenommen? Und was ist davon übrig geblieben, und was bis heute am Kyffhäuserdenkmal und drum herum  davon zu sehen? Diesen Fragen ist Bernd Geisen nachgegangen.
     
     
    Beitrag
     
    Marschmusik
     
    So in etwa sieht auch das Kyffhäuser-Denkmal aus: pompös, soldatisch und, ja, hochtrabend. Dieses Kyffhäuser-Denkmal, das eigentlich ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal ist, steht im Kyffhäusergebirge. Das liegt südlich vom Harz, nicht weit weg von Orten mit so schönen Namen  wie Nordhausen, Sondershausen oder  Sangershausen. Das Denkmal selbst sieht so aus: Oben drauf ist die Kaiserkrone, darunter gibt es ein kupfernes Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I., siehe hochtrabend. Und darunter dann eine aus Sandstein gemeißelte Figur Kaiser Friedrichs I. Der alte Kaiser auf dem Pferd wurde zu seiner Zeit gern mal Barbablanca genannt, Weißbart. Der unten auf den Sockel ist als Rotbart in die Geschichte eingegangen: der Staufer Friedrich Barbarossa.

    Kaiser Wilhelm I. starb im Jahr 1888. Aus diesem Grunde wurde ihm hier ein Denkmal gebaut. Für die Gestaltung gab es ein Preisausschreiben - nur für deutsche Künstler. Darin heißt es, dass das Denkmal der weit sichtbaren Lage des Standortes entsprechen sollte. Bauplatz war der Kyffhäuserburgberg, genau auf den Ruinen der alten Reichsburg Kyffhausen. Die war immerhin irgendwann einmal eine Stauferburg gewesen, das passte zumindest zu Barbarossa. Und die künstlerische Gestaltung sollte sich an einer militärischen Auffassung orientieren. Das tut sie.

    Marschmusik kurz

    Den Zuschlag bekam ein Spezialist für das ganz große Kino, so würde man heute dazu sagen. Auch wenn sein Name das nicht vermuten lässt: Bruno Schmitz. Der hat danach auch die Porta Westfalica und ein Jahr vor Beginn des 1. Weltkriegs das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig gebaut. Wie diese beiden ist auch das Kyffhäuser-Denkmal von seinen Ausmaßen her überwältigend. Allein der Turm der Anlage ist über 80 Meter hoch. Wie so oft in der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II., dem Nach-Nachfolger Wilhelms I., „zeugen Gestaltung und Ausmaße auch des Kyffhäuser-Denkmals nicht unbedingt von Selbstgewissheit und Zukunftssicherheit“. Schreibt der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Sie seien vielmehr „eher Ausdruck der Angst vor äußeren und vor inneren Feinden“. Gegen die sollte Barbarossa helfen. Daher kam seine Figur mit aufs Denkmal, allerdings nur ganz unten.

    Dieser Friedrich I. Barbarossa war im Jahr 1155 zum deutschen Kaiser gekrönt worden, vor gut 900 Jahren also. Er war der erste in insgesamt 130 Jahren Staufer-Herrschaft  über weite Teile Mittel- und Südeuropas. Und ausgerechnet dieser strahlende Kaiser Friedrich Barbarossa stirbt unerwartet auf dem dritten Kreuzzug am 10. Juni 1190, erzählt Dr. Peter Glasner. Er ist Experte für die Literatur des Mittelalters bei den Germanisten an der Bonner Universität.

    O-Ton Peter Glasner 1
    Friedrich Barbarossa ist eben ein ganz mit großer Fama versehener Kaiser. Und der ist dann auch noch auf dem Kreuzzug im Fluss Saleph ertrunken, hat also ein abruptes Ende genommen. Dadurch war auf einmal auch dieses Kreuzzugsunternehmen kopflos und eben auch die ganze Regentschaft.
    Und das ist glaube ich auch ein guter Nährboden für Mythenbildung, dieses völlig unverständige plötzliche Verschwinden. Und das verbindet sich dann auch mit Sehnsüchten, Hoffnungen der Wiederkehr und vielleicht eben auch der Eignung als Projektionsfläche für eine ideale Regentschaft.

    Als Vorbild für eine ideale Regentschaft hätte man Barbarossa nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 gut gebrauchen können, wenn wenigstens sein Grab in der Heimat gewesen wäre. Darum brach schon drei Jahre nach der Gründung eine Expedition deutscher Wissenschaftler  in den nahen Osten auf: im Auftrag Fürst Bismarcks und unter der Leitung des Historikers Johann Nepomuk Sepp. Man vermutete nämlich die sterblichen Überreste von Friedrich Barbarossa in der Kathedrale der Hafenstadt Tyros im Libanon. Er sollte den Heldenhaften ins Deutsche Reich zurückbringen. Die Absicht dahinter war auch  Sepp klar. Er schreibt im Vorwort seines Reiseberichts:

    „[Die] Zurückführung der Überreste des alten Barbarossa [wird] die deutsche Nation in heilige Begeisterung versetzen. Welch ein Triumphzug, unseren größten Kaiser in den Kölner Dom zu übertragen, der als Sinnbild des längst in’s Stocken geratenen alten Reiches beim Aufbaue des neuen sich vollendet!“

    Barbarossa-Lied

    Die Expedition kam aber unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Anstelle eines Mausoleums im Kölner Dom gibt es seit 1896 im Kyffhäuser-Denkmal die schon erwähnte Barbarossa-Sandsteinfigur. Ein wilder Geselle sitzt da, auf dem Kopf die Krone, die ihm der Papst höchstpersönlich aufs Haupt gesetzt hatte, die rechte Hand umklammert ein Schwert, die linke greift in den wallenden Bart, der fast bis zu den Knien reicht. Und der Kaiser sieht aus, ist zuweilen zu lesen, als würde er gerade aufwachen. Das hätte man wohl gern gehabt.

    Nebenbei: Dass Johann Nepomuk Sepp den alten Barbarossa nicht gefunden hat, wird wohl an den Gebräuchen im nahen Osten gelegen haben. Wie bei ranghohen Personen üblich, war Barbarossas Leiche nach seinem Tod nämlich gekocht worden, um das in der Hitze schnell verwesende Fleisch, mit dem man es zu keiner offiziellen Beerdigung mehr geschafft hätte, von den Knochen zu lösen. Die Knochen wiederum, so schreibt ein Barbarossa-Biograph, nahmen die Kreuzfahrer  anschließend in einem Ledersack mit ins Heilige Land. Heer und Knochen kamen aber nur bis zur genannten Hafenstadt Tyrus. Darum vermutet man, wie Johann Nepomuk Sepp eben auch, dass die Gebeine hier in der Kathedrale beigesetzt wurden. Fehlanzeige. Den Deutschen muss der Barbarossa-Mythos reichen, ohne Knochen.

    O-Ton Peter Glasner 2
    Wenn man daran denkt, an die napoleonische Kriege, dann auch Wiener Kongress, Restauration, also die Enttäuschung auch weiter Kreise, dass mit diesen Befreiungskriegen eben nicht die Einheit und die Freiheit gekommen ist. Da kriegt auf einmal dieser Mythos, wie übrigens auch der Mythos der Nibelungen, eine unheimliche Konjunktur und unheimlichen Aufwind.

    Die Entstehungsbedingungen für den Barbarossa-Mythos waren dabei ideal: Erstens war der Friedrich Barbarossa  sozusagen über Nacht verschwunden. Wobei man das wortwörtlich verstehen muss. Er war ja nicht nur tot. Auch sein Leichnam war weg. Und ein Grab gab es nicht. Zweitens war er viel zu früh und auf dem Höhepunkt seiner Macht gestorben. Da kommt der Wunschgedanke auf: Vielleicht kommt er ja noch mal wieder. Drittens herrschte Heldenmangel in einer Zeit, in der Napoleon auch die Deutschen Lande unaufhaltsam gedemütigt h tte. Und viertens, nicht zu vergessen: Nach dem Wiener Kongress gab es erst einmal kein Kaiserreich mehr. Und auch das spätere Deutsche Kaiserreich von 1871 hatte immer wieder mit den Rangeleien der vielen deutschen Kleinstaaten zu tun. Ein nationaler Mythos musste her.

    Barbarossa-Lied

    Da kam die Barbarossa-Sage gerade recht: dass der Staufer in einer Höhle des Kyffhäuserbergs nur schlafe, um eines Tages zu erwachen und das Reich wieder zu neuer Größe zu führen. In dieser Höhle sitzt er mit seiner goldenen Krone auf dem Kopf an einem Tisch, um den sein Bart schon zweimal herum gewachsen ist. Und wenn die dritte Runde beendet ist, so die Sage, beginnt das Ende der Welt. Vorher wacht Kaiser darum vorsichtshalber alle hundert Jahre auf.

    Diese Höhle gibt es tatsächlich, zur Fuß gut zwei Stunden vom Denkmal entfernt. Sie wurde rein zufällig bei der Suche nach Kupfer im Kyffhäuser entdeckt. 800 Meter ist sie lang, mit hohen Gewölben und klaren Seen, “von beeindruckender Größe und Schönheit“, schreibt der Barbarossahöhle Eigenbetrieb der Gemeinde Kyffhäuserland. Im Jahr 1866 wurde die Falkenburger Höhle, wie sie zuerst hieß, darum als sogenannte Schauhöhle eröffnet. Schon kurz darauf benannte man sie in Barbarossahöhle um, also lange vor dem Bau des Kyffhäuser-Denkmals und der Gründung des Kaiserreichs. Der Mythos lebte also schon, wie gewünscht.

    Barbarossa-Lied

    Dabei war dieser Mythos auch vorher schon so populär und verführerisch, dass es vor allem im Mittelalter immer wieder Hochstapler gab, die sich als auferstandene Friedriche ausgaben, entweder als Friedrich II. oder eben als sein Großvater Barbarossa.  Bekannt geworden ist vor allem Tile Kolup. Der hatte mit der Rolle Friedrich II. fast ein Jahr lang Erfolg, hielt Hof in der Nähe von Neuss, stellte mit einem gefälschten Siegel Urkunden aus und bestätigte sogar Privilegien, beispielsweise die der Äbtissin zu Essen. Irgendwann geriet er in die Hände des damals herrschenden Königs Rudolf von Habsburg. Der ließ ihn hinrichten.

    Der Mythos lebte derweil unbehelligt weiter. So richtig bekannt machte ihn das Gedicht „Der alte Barbarossa“ von Friedrich Rückert aus dem Jahr 1817. Aus dem spricht vor allem die Enttäuschung, dass es zwei Jahre nach dem Wiener Kongress das alte Kaiserreich nicht mehr gab und ein neues nicht in Sicht war, erzählt Dr. Peter Glasner.

    O-Ton Peter Glasner 3
    Da wird eben beschrieben, wie der dort eben da sitzt mit seinem verwachsenen Bart in dieser Tischplatte, die da eben monströs beschrieben wird. Sogleich oszilliert aber dann dieses körperliche Moment des langen, endlosen roten Bartes in etwas Feuerartiges. Und der unterhält sich dann auch mit einem mythischen Knaben und fragt ihn dann: Ziehen die Raben eben noch durch die Gegend? Und solange das der Fall ist, ist noch seine Stunde nicht gekommen.

    „Und wenn die alten Raben
    Noch fliegen immerdar,
    So muß ich auch noch schlafen
    Verzaubert hundert Jahr.“

    Der Dichter Max von Schenkendorf legt hier noch eine Schippe drauf. Das liegt sicher daran, dass der als Freiwilliger an den Befreiungskriegen gegen Napoleon und die Franzosen teilgenommen hat. In seinem Gedicht „Das Bild in Gelnhausen“ träumt er von einem Sieg über die Franzosen.

    O-Ton Peter Glasner 4
    Das ist dann also auch keine harmlose Märchenerzählung, sondern eher der Versuch, auch mobil zu machen mit diesem Mythos. Und es geht natürlich um die Welschen. Das sind die Franzosen. Und die Welschen sind geschlagen und es siegt das heil’ge Kreuz. Wiederkehrt aus deinen Tagen, Lebensfülle, Lebensreiz. Also Frankreich bringt Tod und Verzweiflung. Der Sieg über Frankreich dann wieder mit dem Barbarossa-Mythos Fülle und die Freude des Lebens.

    Irgendwann kommen dann aber doch Zweifel an dem Barbarossa- Volksglauben auf. Beispielsweise bei Karl Simrock, dem ersten Germanistikprofessor der Bonner Universität und sozusagen dem Vorgänger-Kollegen von Peter Glasner. Er hat die Barbarossa-Sage in einer Ausgabe seiner Volksbücher in den 1840er Jahren aus seiner Sicht nacherzählt. Also auch noch weit vor der neuen Kaiserreichsgründung.
     
    O-Ton Peter Glasner 5
    Es ist ganz bezeichnend, dass er eigentlich den Hauptbestandteil des Mythos, der plötzlich verschwundene Kaiser, der irgendwo auf seine Wiederkehr wartet, als Motiv ganz, ganz klein und ganz am Ende erzählt. Das interessierte überhaupt nicht. Er erzählt quasi am nationalen Mythos-Kern vorbei.
     
    Weil er erstens der Mythos-Geschichte nicht traut. Dazu schreibt Karl Simrock:
     
    O-Ton Peter Glasner 6
    Also das sei irgendwie überliefert, aber eben nur von Bauern und Schwarzkünstlern – das sind glaube ich nicht besonders glaubwürdige Kandidaten. Bauern und Schwarzkünstler. Der kommt wieder.

    Wer glaubt denn so was. Und außerdem, zweitens, zweifelt er an der Kompetenz des Personals, das da – im übertragenen Sinne - in der Kyffhäuserhöhle aufwachen könnte.
     
    O-Ton Peter Glasner 7
    Zitat Simrock: Welcher Kaiser das dann sein wird, das weiß Gott.

    Kein gutes Haar mehr lässt dann Heinrich Heine an diesen vaterländischen Sentimentalitäten. Diese ganze Barbarossa-Sehnsüchtelei sei, schreibt er, „ein Gemisch  von gotischem Wahn und modernem Lug, das weder Fleisch noch Fisch ist.“

    „Das alte Heilige Römische Reich,
    Stell's wieder her, das ganze,
    Gib uns den modrigsten Plunder zurück
    Mit allem Firlifanze.“

    O-Ton Peter Glasner 8
    Da ist dann der Erste 1844 Heinrich Heine mit Deutschland „Ein Wintermärchen“, der also da ganz kritisch auch rangeht mit solchen Versen wie „Geh‘, leg dich schlafen, wir werden uns auch ohne dich erlösen. Eine Absage an diesen Mythos und auch an dieses politische Programm, eine Absage an diese Deutschtümelei, die damit verbunden ist.

     „Herr Rotbart - rief ich laut - du bist
    Ein altes Fabelwesen.
    Geh, leg dich schlafen, wir werden uns
    Auch ohne dich erlösen.

    Das beste wäre, du bliebest zu Haus
    Hier in dem alten Kyffhäuser.
    Bedenk ich die Sache ganz genau
    So brauchen wir gar keinen Kaiser.“

    Einen letzten Versuch, Barbarossa oder zumindest seinen Geist wieder lebendig werden zu lassen, gab es 1939: Da wurde auf dem Kyffhäuser auch noch ein Hindenburg-Denkmal errichtet. Das wurde allerdings nach dem 2. Weltkrieg von sowjetischen Soldaten vergraben. Bis heute ist nur der Oberkörper wieder freigelegt. Seither scheint es so, als habe Barbarossa auf Heinrich Heine gehört und schläft. So gut das bei 150.000 Besuchern im Jahr geht. Die deutsche Einheit hat er jedenfalls verschlafen. Vielleicht war sie ihm, der zu Lebzeiten von der Nordsee bis zum Mittelmeer herrschte, aber auch nur eine Nummer zu klein.

    Barbarossa-Lied
     
    18 min
  • Durch Bach weltberühmt: Das Oboenkonzert des unbekannten Marcello OMG 02
    Alessandro Marcello komponierte um 1700 ein Oboenkonzert, das zunächst kaum Beachtung fand. Erst Jahrhunderte später wurde es durch Bearbeitungen Johann Sebastian Bachs und spätere Wiederentdeckungen international bekannt. Diese Folge verfolgt die Reise des Konzerts von Italien nach England und Deutschland.

    Wie ein Musikstück in Venedig komponiert, auf Reisen geschickt und weltberühmt wurde: das Oboenkonzert von Allessandro Marcello
     
    Anmoderation
    Es geht um lange und weite Reise: Reisebeginn ist ungefähr das Jahr 1700. Das Ende fast dreihundert Jahre später, wahrscheinlich in den 1980er Jahren. Unterwegs war nicht etwa eine Person, sondern ein Musikstück, ein Oboenkonzert, das ein gewisser Allessandro Marcello in Venedig komponiert hatte. Von da auch gelangte es über Amsterdam, Weimar, Schwerin und London bis nach Berlin. Dort ist Albrecht Mayer Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Er hat mir dabei geholfen, den
    abenteuerlichen Weg des Konzertes zu finden. Und zu verstehen, warum dessen zweiter Satz, das Adagio, für alle Zeiten ein Hit sein wird.
     
    Beitrag

    Atmo Möwen

    Unsere Geschichte beginnt in Venedig, im Stadtteil Santa Croce. Dort steht das Haus der Familie Marcello, der Palazzo Marcello. Wo genau der steht? Ganz einfach: Sie fahren über den Canal Grande von San Marco Richtung Rialtobrücke. Hinter der Brücke dann links rein in den Kanal Rio de la Cazziola  Auf deutsch: „Kanal des kleinen Penis“. Dann die nächste wieder links abbiegen und dann auf die linke Uferseite schauen: Dort steht der Palazzo, mit seiner großartigen gotischen Fassade, genau gegenüber der Brücke del Malcanton, übersetzt etwa „Brücke des schlechten Ecks“. Woher dieser Name kommt, ist nicht herauszufinden. Vielleicht hat es etwas mit dem kleinen Penis zu tun.

    Der Palazzo Marcello war jedenfalls das Haus der wohlhabenden venezianischen Adelsfamilie Marcello, und das schon seit dem 15. Jahrhundert. Heute ist er ein Hotel. Hier wohnte von 1673 an sein Leben lang ein gewisser Allessandro Marcello. Der war damals eher unbekannt. Er wurde erst Anfang des 20.Jahrhunderts weltberühmt, als Komponist des ersten Oboenkonzerts in der Musikgeschichte. Eines der schönsten Musikstücke aller Zeiten ist dessen zweiter Satz, das Adagio.

    Musik Intro Streicher

    So fängt es an, dieses Adagio, wie mit einem Herzschlag. Den muss sich Marcello in Venedig erlauscht haben, sagt Albrecht Mayer. Er ist Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker. Die Vorlage dafür habe das Wasser der Lagune geliefert, das an die Häusermauern an den Kanälen schwappt. Erzählt er im Garten eines Cafés am Rande von Berlin.

    O-Ton Albrecht Mayer
    Wir haben den Herzschlag, die ersten drei Takte, (…)  genau wie eine Welle, eine Welle vom Canal Grande, (…) langsam repetitiv immer wieder (…) an die Stufen, wo die Gondeln liegen, beim Markusplatz, Piazza San Marco. [singt] So kommen die Wellen.
     
    Musik Intro Streicher
     
    O-Ton Albrecht Mayer
    (…) Man denkt, ach, kommt da jetzt was? Wann kommt denn was? Und dann kommt die (…) Melodie in der Oboe.
     
    Musik Oboe
     
    Diese Melodie der Oboe sei geradezu überirdisch schön, sagt Albrecht Mayer. So dass er sich als Musiker immer wieder frage: Wer kommt auf eine solche Melodie? Und wie?

    O-Ton Albrecht Mayer
    Eine überirdisch schöne Melodie ist etwas, was man sich eigentlich kaum ausdenken kann,
    (…)  sondern (…) fließt dann vielleicht aus der Feder.
     
    Und zwar eher dann, wenn man sich in einer äußerst entspannten finanziellen Lage befinde. Wie Allessandro Marcello. Als typischer Vertreter des Adels hatte er Geld genug und außerdem Philosophie, Mathematik, Kunst und Literatur studiert. Und auch mit dem Komponieren kannte er sich bestens aus.

    O-Ton Albrecht Mayer
    Ein Universalgenie, [er] hat sich (…)  mit vielen Dingen beschäftigt, musste also nicht unbedingt damit Geld verdienen. Damit fängt es erstmal an.
     
    Musik Oboe
     
    Komponisten, die mit Ihrer Musik ihr Geld verdienen mussten, gab es damals in Venedig jede Menge. Beispielsweise Antonio Vivaldi. Der war als Geigenlehrer am Waisenhaus in Venedig angestellt, am Ospedale della Pietà, wo er auch ein Mädchenorchester leitete. Außerdem bekam er Geld für das Komponieren und Aufführen von Tanzmusik. Und komponieren musste er oft unter Zeitdruck.

    Ganz anders Alessandro Marcello. Geld war da, und er nutzte seine finanzielle Unabhängigkeit für ein Experiment: Die Oboe war nämlich zu der Zeit eher ein Orchesterinstrument und kam in Venedig langsam in Mode. Und da komponierte Marcello gegen die damaligen Hörgewohnheiten das erste Konzert für Oboe als Soloinstrument. Und dann auch noch ein besonders schönes. Eigentlich in Venedig kein Wunder, sagt Albrecht Mayer.

    O-Ton Albrecht Mayer
    Wenn man sein Leben lang da zubringen darf, wenn man dieses Glück hat, so wie er, als (…) reicher Geschäftsmann, (…) wenn man es nicht nötig hat, einfache Arbeiten zu erledigen, dann ist man wahrscheinlich ein bisschen infiziert von der Schönheit und der Einfachheit. Und nichts lenkt einen ab. Wenn er also in Dresden gewesen wäre oder wenn er in Paris gewesen wäre, in Versailles gewesen wäre, wäre er vom ständigen Geklapper der Hufe der Pferdekutschen direkt verrückt geworden. Aber das gab es da natürlich nicht. (…) 
     
    Man sitzt also auf dem Balkon, guckt auf den Canal Grande und hört dann vielleicht ein bisschen Rufen, vielleicht die eine oder andere Melodie von einem Gondoliere, der singt … [singt]. Der singt irgendwas vor sich hin, und dann wird es dunkel, (…) … Über (? 8:44 Ort) geht die Sonne langsam unter und dann hören Sie nur noch dieses … [Lautmalerei] … dieses leise Wellengeräusch. Und das inspiriert dann vielleicht (…) sozusagen, diese Melodie zu schreiben.
     
    Atmo Möwen

    Marcellos Melodie ging dann erst einmal auf Reisen, und zwar von Venedig und seiner Lagune an die Nordseeküste, nach Amsterdam in den Niederlanden. Genauer gesagt an den Singel, die älteste Gracht in Amsterdam, und da in ein Haus in der Nähe der Driekoningenstraat. Dort residierte nämlich der renommierte Musikverlag Jeanne Roger, in einem der historischen Grachtenhäuser im Amsterdamer Stadtzentrum, einen Katzensprung entfernt vom königlichen Palais. „Dreiköniginnenstraße“: Das klingt doch schon ganz anders als „Schlechtes Eck“.

    Der genannte Verlag hatte damals überall in Europa seine Agenten, die nach gut verkäuflichen Musikstücken Ausschau hielten. Auch in Venedig. Und da suchten diese Agenten vor allem Musik im Stil von Vivaldi. Die fanden sie da auch, außerdem aber auch das Oboenkonzert von Alessandro Marcello. Das landete danach 1729 in Amsterdam zunächst zwischen zwei holländischen Buchdeckeln. Und Allessandro Marcello wurde ausdrücklich als Komponist genannt. Obwohl er, wie viele Künstler aus dem Adel, die meisten seiner Werke unter einem Pseudonym geschrieben hat: als Eterio Stinfalico. Was so viel bedeutet wie „Der Geist, der aus dem Dunklen spricht“. Mit dem Dunklen war dabei nicht das „Schlechte Eck“ vor der Haustür seines Palazzo gemeint, vielmehr das alltägliche Leben im Schatten der Kunst. Im alltäglichen Leben war Marcello übrigens zeitweilig Richter edig oder auch als Diplomat im Dienste der Republik Venedig. Gefragt worden ist er nicht, ob man die Noten seines Konzerts drucken dürfe. Es war allerdings damals üblich, dass Verlage Werke ohne Genehmigung der Komponisten veröffentlichten, wenn sie sich gut verkaufen ließen.

    Atmo Hufgetrappel

    Gut zu verkaufen waren die Noten aus Amsterdam beispielsweise am Hof des Fürsten von Sachsen-Weimar in Weimar. Der Fürst liebte ein lebendiges kulturelles Leben und hatte Kontakte zu vielen anderen musikalischen Zentren Europas, auch in Italien und in den Niederlanden. Außerdem war seit 1708 Johann Sebastian Bach als Konzertmeister und Organist am Fürstenhof angestellt.

    Über seinen kultursinnigen Dienstherrn bekam Bach Zugang zu den Veröffentlichungen des Amsterdamer Verlages Roger. Den brauchte er auch: Denn als Konzertmeister und Organist war er dafür zuständig, immer wieder neue Werke für den Hof vorzubereiten und aufzuführen. Deshalb sammelte er Noten, auch aus Italien, um sich inspirieren zu lassen, erzählt Albrecht Mayer.

    O-Ton Albrecht Mayer
    Johann Sebastian Bach (…) war alles, aber kein Reisender. Er war die meiste Zeit bei seiner Familie (…) zu Hause und hat sich Partituren schicken lassen. Unter anderem aus Venedig, ein berühmtes Konvolut, das gibt es jetzt noch. Ein Konvolut von Stücken (…) von Vivaldi, von Marcello und so weiter. (…) Bach hat erstmal sich so fasziniert gezeigt von den Stücken (…) auch von Marcello, der vollkommen unbekannt war zu diesem Zeitpunkt, und hat gesagt: Mensch, das gefällt mir so gut, das bearbeite ich für Cembalo, sein Lieblingsinstrument. Und dann hat er ganz frech einfach seinen Namen (…)  Johann Sebastian Bach darüber gesetzt.
     
    Musik Marcello Cembalo
     
    Irgendwann spielte das keine Rolle mehr. Denn nach seinem Tod 1750 geriet Johann Sebastian Bach allmählich in Vergessenheit, seine Kompositionen auch. Das änderte sich erst wieder, als 150 Jahre später seine Matthäuspassion wiederaufgeführt worden war, in Berlin unter Felix Mendelssohn Bartholdy. Danach kam der alte Bach wieder in Mode. Scharen von Bewunderern strömten in die Archive, in die Privatsammlungen und in die Antiquariate und suchten nach allem, was über und von Bach zu finden war.

    Atmo Möwen

    Einige kamen auch nach Schwerin. Die Stadt war seit dem 18. Jahrhundert Residenz der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin, mit einer berühmten Bibliothek, in der auch Noten und Libretti verwahrt wurden. Die Bibliothek ist heute Teil der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern. Gelegen am riesigen Schweriner Innensee, nicht weit vom Schloss Schwerin auf der Schlossinsel.

    Hier entdeckte um das Jahr 1900 herum ein Gelehrter namens Arnold Schering die Orchesterstimmen des Oboenkonzerts aus Venedig. Als Urheber stand da nicht Antonio Vivaldi, wie man zu der Zeit noch dachte, sondern Marcello. Einfach nur Marcello. Experten feierten die Entdeckung - und den vermeintlichen endlich entdeckten Urheber: und zwar Benedetto Marcello. Das war der Bruder von Alessandro, der als Komponist der bekanntere der beiden war. Erst noch einmal 75 Jahre später präsentierte die British Library in London eine Version des Oboenkonzerts aus dem Amsterdamer Verlag Roger. Und da stand der wahre Urheber: Alessandro Marcello.

    Atmo Orchester stimmt Instrumente
     
    Schon lange vorher gehörte das Oboenkonzert von Alessandro Marcello zum Standartrepertoire vieler Konzerthäuser. Auch Albrecht Mayer hat es oft genug gespielt: als Oboe-Solist der Berliner Philharmoniker, weit weg vom schlechten Eck in Venedig in der berühmte Philharmonie in der Herbert-von-Karajan-Straße 1.

    O-Ton Albrecht Mayer
    Ich würde sagen, das ist ein One Hit Wonder. Das ist tatsächlich das einzig wirklich berühmte Stück, was Alessandro Marcello herausgebracht hat. Und dadurch, dass es geadelt wurde, das sagt man so auf Neudeutsch, von Johann Sebastian Bach, dem Größten der Großen, weil er es für sich adaptiert hat. Und witzigerweise: Er hat ja gar nichts verändert, wenn Sie so wollen. Er hat es einfach übertragen auf sein Instrument, seinen sogenannten Kielflügel, also das Cembalo.
     
    Wobei der eigentlich Hit das Adagio ist.

    O-Ton Albrecht Mayer
    (…) Am Anfang
    (…) in diesem Adagio (…)
    kommen erstmal diese berühmten drei Takte Puls. (…) Und dann kommt die (…) Melodie in der Oboe. (…)  eigentlich sehr, sehr einfach.
    (…) Alles, was überirdisch schön ist, ist ja meist sehr, sehr einfach
     
    Einfach heißt hier: Ohne die sonst üblichen barocken Schnörkel und Triller. In dieser einfachen Melodie, in der eine schlichte und ernste Melancholie mitschwingt, liege der Zauber des Adagios. In seiner Cembalobearbeitung hat sich Bach weitgehend an diese einfache Melodie gehalten.
     
    O-Ton Albrecht Mayer
    Und das bringt mich dazu … Je einfacher, desto mehr bewegt es die Menschen. Je komplizierter, desto schwieriger

    Und Albrecht Mayer wagt zum Schluss eine weitreichende Prognose:
     
    O-Ton Albrecht Mayer
    Das sind die, in England würde man sagen, External Melodies. Die bleiben immer. Und (…) wenn wir Richard Strauss, Richard Wagner und Stockhausen und Boulez schon längst vergessen haben. Diese Melodie wird auch im Jahr 5000 immer noch gespielt werden.
     
    Musik, klingt aus
     
     
     
     
    15 min
  • Warum heißt Pitigliano in der Toskana: „Klein-Jerusalem“? OMG 01
    Der Ort Pitigliano in der italienischen Toskana ist bekannt für seine romantische Altstadt und den berühmten Weißwein, den Bianco di Pitigliano. Und auch für seinen Dom: Pitigliano ist nämlich Bischofssitz, obwohl es so klein ist. Immer mehr Besucher kommen mittlerweile aber wegen seiner Synagoge und der jüdischen Geschichte Pitiglianos. Die hat dem Ort einst den Beinamen Piccola Gerusalemme eingebracht, also Klein Jerusalem.
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  • Trailer OMG 00
    Orte. Menschen. Geschichten. ist ein Podcast mit kulturhistorischen Reportagen von Bernd Geisen. Jede Folge führt an einen besonderen Ort oder zu einer außergewöhnlichen Persönlichkeit – in Deutschland und weltweit. Es geht um historische Rätsel, regionale Kultur, Kunst, Religion, Zeitgeschichte und die persönlichen Erinnerungen der Menschen vor Ort. Zeitzeugen, Expertinnen und Experten erzählen, was hinter bekannten Schauplätzen und vergessenen Geschichten sichtbar wird. Für alle, die Geschichte nicht nur aus Büchern, sondern unmittelbar an Orten und im Gespräch mit Menschen entdecken möchten 
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„Orte.Menschen.Geschichten: Kulturhistorische Reportagen“ ist ein Podcast des Radiojournalisten Bernd Geisen, der vor allem für den Deutschlandfunk gearbeitet hat. Jede Folge widmet sich einem Thema,…