
Sign up to save your podcasts
Or


Harald Wolf (Linke) feiert die Linken-Triggerpunkte-Strategie, übersieht dabei die strukturelle Erosion in Ostdeutschland und ignoriert den Erfolg der Volkspartei AfD auf Kosten der CDU und Linker.
Harald Wolf feiert den Bundestagswahlkampf der Linken als geschickten „Tanz auf Triggerpunkten“. Doch seine Erfolgsdiagnose übersieht die strukturelle Erosion der Partei in Ostdeutschland. Während Wolf taktische Manöver bejubelt, erobert die AfD einen Wahlkreis nach dem anderen in den einstigen Stammgebieten der Linken. Eine Analyse der Entfremdung.
Der Beitrag „Auf Triggerpunkten tanzen“, der in der Ausgabe 7.2025 der Blätter für deutsche und internationale Politik erschienen ist, feiert der ehemalige Berliner Wirtschaftssenator Harald Wolf die Linkspartei für ihren vermeintlich so geschickten Bundestagswahlkampf 2025. Während andere Parteien ängstlich alle Triggerpunkte vermieden hätten, habe seine Partei „fröhlich auf den Triggerpunkten einen Stepptanz vollführt“ und sei damit erfolgreich gewesen. Eine zumindest bemerkenswerte Selbstgewissheit für jemanden, dessen Partei gerade dabei zusieht, wie ihr in Ostdeutschland das Fundament unter den Füßen wegbricht.
Gewiss, die Linke hat den Wiedereinzug in den Bundestag geschafft und kann auf einen Mitgliederzuwachs verweisen. Zwei Drittel der Mitglieder seien seit 2021 eingetreten, schreibt Wolf, das komme einer „Neugründung von unten nahe“. Allerdings ist diese Beobachtung betriebsblind. Sie übersieht, dass dort, wo die Partei einst ihre stärksten Wurzeln hatte, längst andere das Sagen haben. Und sie ignoriert, dass die neue Galionsfigur dieser vermeintlich ostdeutschen Erneuerung – Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek – bis 2023 Landesvorsitzende der Linken in Niedersachsen war. Auch hier stimmt der Mythos der ostdeutschen Linken nicht so richtig.
In Marzahn-Hellersdorf, jenem Berliner Bezirk, den PDS und später die Linke jahrzehntelang mit haushohen Mehrheiten direkt gewonnen hatten, steht heute die AfD als Sieger da. In Lichtenberg, wo Gesine Lötzsch einst unangefochten herrschte, trennen die Linke mit 23,5 Prozent nur noch anderthalb Prozentpunkte von der AfD mit 22,4 Prozent. Von den ostdeutschen Flächenwahlkreisen konnte die Linke gerade noch drei halten – Leipzig mit Sören Pellmann, Erfurt mit Bodo Ramelow und Potsdam-Mittelmark, das Olaf Scholz gewann. Drei Wahlkreise in einem Landstrich, der einst als die Heimat der Linken galt.
Wolf registriert diese Erosion durchaus, doch seine Antwort darauf ist bezeichnend oberflächlich. Die Triggerpunkt-Strategie habe funktioniert, weil die Partei endlich wieder mit einer Stimme gesprochen habe. Mit Forderungen nach einem Mietendeckel und der Senkung von Lebensmittelpreisen habe sie die soziale Frage alltagsnah thematisiert. Als dann CDU, CSU, FDP und BSW gemeinsam mit der AfD für eine Verschärfung der Migrationspolitik stimmten, habe die Linke den Kampf um den Triggerpunkt Migration, doch das tun die Union und die AfD auch, die aufgenommen und sei zur „einzigen relevanten politischen Partei“ geworden, die sich gegen diesen Rechtsruck wandte.
Das klingt nach einer kohärenten Strategie, ist aber in Wahrheit ein aus dem amerikanischen Hochschulsystem kopierter Schreihalsaktivismus. Die Linkspartei empört sich gern und lauthals, zeigt aber in der Konsequenz keine Lösungen für die Menschen und deren Probleme auf. Sie spricht zwar das Großstadtproblem der zu hohen Mietkosten an, aber ausgerechnet in Berlin hat der Senat unter Gysi den Verkauf der städtischen Wohnungen zu Spottpreisen Anfang der 2000er-Jahre mitgetragen. Die Stadt Leipzig wurde damals sogar gefeiert für den Verkauf all ihrer Sozialwohnungen, um sich zu entschulden. Man hatte die Wasserwerke verkauft, man hatte 1997 die Bewag, das Berliner Energieversorgungsunternehmen, privatisiert – der Erlös betrug rund 2,9 Milliarden D-Mark, ging an ein Konsortium aus Veba, Viag und Southern Company, später an den schwedischen Vattenfall-Konzern.
Was Wolf in seiner Analyse völlig übersieht, ist die spezifische Mentalität jener Menschen, die seine Partei verloren hat. Es waren nicht die Ärmsten der Armen, die zur AfD wechselten, sondern Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Angestellte in Bundesministerien, denen es eigentlich sehr gut geht, mittlere Positionen in Unternehmen, selbstständige Handwerker, Kleinbürger – und ja, auch aussortierte Dauerarbeitslose. Sie alle verband eine Erfahrung, die Wolf nicht zu verstehen scheint.
diese Menschen wuchsen in einer intrikaten Gesellschaft auf, die bei aller berechtigten Kritik an der DDR eine bestimmte Form der Geborgenheit bot. Man hatte sich eingerichtet im klassischen Rollenbild, mit Kindern und relativer Sorglosigkeit. Dann kamen die Zeiten, in denen Deutschland als „kranker Mann Europas“ bezeichnet wurde, die Agenda 2010 fegte jedes Gefühl von Sicherheit weg und begehrenswerte Wohnlagen wurden zu Abstiegsvierteln. Trotzdem hatte man sich im Kleingartenverein, der als Kleinod der Geselligkeit diente, abends zu Bier und Grillgut an der Hollywoodschaukel getroffen.
Es war die Zeit, als der Hausmeister zum Facility Manager wurde, die Bundespost zur börsennotierten Telekom AG und das Highspeed-Internet mit Chats und E-Mails die Telefonleitung mit Anrufbeantworterkassetten ablöste. Eine Welt im Umbruch, in der das Bedürfnis nach geordneten Verhältnissen und etablierten Traditionen wuchs. Diese Sehnsucht war weder DDR-Erbe noch Reaktion auf die Wende – sie war einfach da. Die geborgene Ruhe in einer Welt, die sich zu schnell zu drehen begann.
Weder die Linke als „unsere Ostpartei“ – wie es die Erwachsenen in meinem Umfeld immer sagten – noch die CDU mit ihren westdeutschen Normalitätsverheißungen konnten diese Sehnsucht langfristig stillen. Die CDU hatte anfangs durchaus große Erfolge im Osten errungen, sogar eine aus dem Osten schaffte es ins Kanzleramt. Doch die CDU konnte die Sehnsucht nach dem Konservativen im sozialen Gefüge nicht langfristig erfüllen und enttäuschte zeitgleich mit der Linken.
Um zu verstehen, was in Ostdeutschland geschah, muss man die konkreten Biografien betrachten. Meine Großeltern etwa hatten in einem Staat, den manche als System bezeichneten und der nun quasi als wertlos galt, eine gewisse Position inne – beide hatten ein Studium nach nachgeholtem Abitur absolviert, man kann es durchaus als Mittelstand bezeichnen. Dann waren sie plötzlich in diesem schwierigen und ablehnenden Umfeld, verloren ihre Arbeit und damit die gesellschaftliche Stellung. Man muss sich das so vorstellen, als wenn der Geschäftsführer eines größeren mittelständischen Unternehmens mit mehreren Dutzend Millionen Umsatz plötzlich auf die Straße gesetzt wird – nur dass nicht mal die schicke Villa am Stadtrand und das große Auto bleiben.
Meine Mutter war Datentypistin, heute würde man das wohl Data-Analyst nennen. Ich wuchs in den 1990er Jahren am Stadtrand im Osten von Berlin auf, dort wo man noch Polyestersportanzüge trug. Der Berufsabschluss meiner Mutter wurde in der BRD nicht anerkannt, also machte sie noch mal ein Grundstudium in Psychologie, um dann am Ende als Sachbearbeiterin in der Rentenversicherung zu arbeiten, ohne Aussicht auf eine Führungsposition. Eine Kollegin nahm einen längeren Arbeitsweg in Kauf, um nicht durch das ehemalige Ost-Berlin fahren zu müssen.
Stattdessen kamen mittelmäßig talentierte Westdeutsche – so die Wahrnehmung –, übernahmen mit ihrem Kapital die Unternehmen, besetzten die Richterpositionen und wurden zu empathielosen Führungspersönlichkeiten in Verwaltung und Firmen. Man fühlte sich übertölpelt und ausgetrickst. Keiner war da, um das zu heilen oder solidarisch beizustehen. Der Einzelne musste nun bestehen, obwohl man es in der DDR-Jugend anders beigebracht bekommen hatte – das allgegenwärtige Kollektiv, auf das man sich stützen sollte, war nicht mehr da oder so zerbrochen, dass es bröselte.
In diese Lücke stießen Anfang der 2010er-Jahre die Aufmerksamkeitsökonomen, die Heilsversprecher und Aufwiegler der AfD. Sie verstanden etwas, was Wolf bis heute nicht begreift. Die Menschen im Osten wollten zunächst das Gleichbleibende. Als sie das nicht bekommen konnten und das Versagen der alten Linken wie das Nichtliefern der neuen CDU bemerkten, wollten sie nicht mehr, dass es besser wird. Sie wollten einfach reaktionär anders.
Es war die Erfahrung von 1989, die sie dazu befähigte. Die Selbstwirksamkeitserfahrung, dass man einen Wirbel losbrechen lassen kann, wenn die etablierte Ordnung versagt. Die AfD griff genau das auf, unterspülte das bröselige Fundament der etablierten Parteien und drückte alles weg. Während Wolf heute noch von antifaschistischer Klassenpolitik träumt haben diese Aufwiegler längst die Deutungshoheit über das Schicksalskollektiv im Osten übernommen. Dass es gerade frustrierte Mittelschichtler waren, die zur AfD gingen, macht seine Klassenpolitikrhetorik nur noch hohler.
Hinzu kommt ein Aspekt, den Wolfs Berliner Perspektive vollständig ausblendet. Die Kinder derjenigen, die in diesem gottlos-atheistischen Landstrich in der Mitte Europas zurückgeblieben sind, gingen zu großen Teilen weg und gründeten ihre Familien im Westen. Es fehlt eine ganze Generation. Im Osten Deutschlands ist man überaltert, es fehlen die neuen Ideen, das Streben nach Neuem und nach Verbesserung der Lebensverhältnisse.
Diese demografische Leere ist schwer zu heilen. Die Leute sind weg und haben sich woanders ein Leben aufgebaut. Diese Gehirne kommen nicht mehr zurück, zumindest nicht mit Produktivkraft. Um die Lausitz als Braunkohleabbaugebiet wird so sehr gekämpft, um die Region nicht weiter aussterben zu lassen, doch das ist eigentlich müßig. Man versucht dort eine Strategie wie in den Steinkohleregionen Nordrhein-Westfalens, aber das wird nicht klappen, weil die Region schon so wenig Kohäsionskraft hat, dass es nur ein Verzögern ist.
Die AfD und ihre Vorfeldorganisationen haben das begriffen. Sie siedeln sich in den dünn besiedelten Weiten an und versuchen eine Infrastruktur zu schaffen – eine der Erregung und des Ressentiments. Während Wolf von einem öffentlichen, kostenlosen Verkehrsangebot träumt, von der Vergesellschaftung des Wohnungssektors und gebührenfreien Kitas, bewirtschaften sie erfolgreich die Aufmerksamkeitsökonomie.
Wolf spricht in seinem Text auch von der Notwendigkeit, das „Lagerdenken“ zu überwinden – ein Begriff, den er als „Campismus“ bezeichnet. Das ist eines dieser schrecklichen Worte, mit denen man sich die Welt intellektualisiert, eine Wortbildung aus dem englischen Camp, die im Deutschen schlicht Lagerdenken bedeutet. Man kann Dinge kritisieren, obschon man selbst darin steckt. Mir war es eigentlich immer fremd, in Ost- und Westkategorien zu denken, doch irgendwie scheint da etwas dran zu sein. Ich denke allerdings, dass das Ost-West-Schema nicht so schlagend wäre, wenn es die AfD und den einhergehenden Helikopterjournalismus dazu nicht gäbe. Dann wäre es wohl ein regionaler Unterschied wie zwischen Bayern – die sogar eine eigene Regionalpartei haben – und Nordfriesland.
Gleichzeitig diskutiert Wolf ernsthaft über „strukturelle Nichtangriffsfähigkeit“ der Bundeswehr, als müsse die Linke konkretisieren, was das heute bedeutet. Während im Osten die AfD Wahlkreis um Wahlkreis gewinnt, philosophiert man über Rüstungskontrolle und Abrüstung. Beide Parteien – AfD wie Linke – wissen, dass sie zu extreme Positionen vertreten, um koalitionsfähig und damit regierungsfähig zu sein. Beide wurden oder werden vom Verfassungsschutz beobachtet. Doch nur eine versteht es, daraus politisches Kapital zu schlagen.
Wolfs Infrastruktursozialismus mag auf dem Reißbrett eine gute Idee sein. Doch diese Konzepte tragen nicht mehr, da man nichts mehr hat, was man wirklich verbinden könnte. Der Tanz auf den Triggerpunkten funktioniert vielleicht noch in den wenigen verbliebenen Bastionen – dort, wo Bodo Ramelow in Erfurt gewinnt oder Gregor Gysi mit seiner besonderen Ausstrahlung in Treptow-Köpenick die Leute noch zu verstehen vorgibt. Überall anders ist er ein Tanz ins Leere.
Harald Wolf feiert taktische Manöver, während um ihn herum die Substanz wegbricht. Die vermeintliche „Neugründung von unten“ kaschiert nur notdürftig, dass der Osten für die Linke weitgehend verloren ist. Nicht weil die Menschen dort rechtsextrem geworden wären, sondern weil eine andere Partei ihre Sehnsüchte besser zu bewirtschaften versteht. Die Linke empört sich authentisch, wie Wolf schreibt, aber authentische Empörung funktioniert nicht bei Menschen, die sich selbst betrogen fühlen.
Am Ende bleibt eine Partei, die ihre eigene Entfremdung von jenen nicht bemerkt, für die sie einst zu sprechen vorgab. Während Wolf noch von antifaschistischer Klassenpolitik träumt, haben andere längst begriffen, wie man das Schicksalskollektiv im Osten anspricht – nicht mit Infrastruktursozialismus, sondern mit der Verheißung, dass man wieder einen Wirbel losbrechen lassen kann.
Dieser Text wurde am 29. Juli 2025 in Berlin veröffentlicht.
Der Beitrag Linkspartei tanzt auf bröselndem Fundament erschien zuerst auf Patrick Pehl.
Eine Kritik von Patrick Pehl zur Inszenierung von Regisseurin Christina Tscharyiski im Jahr 2024 mit Schwerpunkten in der metaphysischen Ebene des Theaterstücks Liliom von Ferenc Molnár aus dem Jahr 1909.
Kann ein Gewalttäter erlöst werden? Ferenc Molnárs „Liliom“ stellt diese existenzielle Frage mit katholischer Metaphysik und Rummelplatz-Romantik. Christina Tscharyiskis Inszenierung am Berliner Ensemble verwandelt das Jenseits in rosa Pastelltöne und macht aus Kyrre Kvam einen modernen Charon. Ein Stück über zweite Chancen in Zeiten, wo Berliner Theater um ihre Existenz bangen müssen.
Ferenc Molnárs Liliom kehrt zurück nach Berlin, ein Jahrhundert nach dem Berthold Brecht das Theater hier revolutionierte. Im Neuen Haus des Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm verwandelt Regisseurin Christina Tscharyiski die ungarische Vorstadtlegende von 1909 in eine intensive Betrachtung über Schuld, Vergebung und die Möglichkeit menschlicher Wandlung. Jannik Mühlenweg, der den namensgebenden Liliom darbietet, ist ihr hier durch Wandelbarkeit und Rohheit im Spiel ein hilfreiches Werkzeug.
Die 110-minütige pausenlose Aufführung, die am 5. Dezember 2024 Premiere feierte, entstammt einer Epoche des Friedens – 37 Jahre waren seit der deutschen Reichsgründung 1871/72 vergangen, Wien war diplomatisches Weltzentrum der Donaumonarchie. Molnár schreibt aus einer Zeit, die noch nichts ahnt vom Leid, das fünf Jahre später vom Balkan ausgehen wird.
Liliom – sein bürgerlicher Name Endre Závoczki kommt erst im Jenseits zur Sprache, „mütterlicherseits“, wie er präzisiert – ist ein Bastard ohne Ordnung. Niemand hat ihm gezeigt, wie man anständig lebt: Pass beantragen, Quittungen sortieren, einen Hausstand führen. Als Frau Muskát ihn rauswirft, steht nur eine seesackgroße Tasche da, die „auch noch immer einfach rum steht“ – sein ganzer Besitz, Symbol einer Heimatlosigkeit, die ihn zum Habenichts macht.
Die 18-jährige Julie, gespielt von der begabten Österreicherin Lili Epply, selbst ein Dienstmädchen ohne Sicherheit, verliert für diesen Mann ihre Anstellung. „Seit zwei Monaten sitzt du hier mit ihr“, konstatiert Frau Muskát – eine Beziehung, intensiv wie ein Fiebertraum, die in wenigen Wochen vom ersten Blick zur Schwangerschaft führt. Alleinerziehende Mütter waren zur damaligen Zeit nicht selten, aber problematisch.
Der Zeitdruck wird existentiell: Das Kind kommt in sechs Monaten, die Raubbeute aber braucht sechs Monate vergraben in der Erde und weitere sechs Monate Wartezeit – zwölf Monate insgesamt, zu lang für die nahende Geburt. Stutzer hatte längst den Plan gefasst, den Kassierer Linzmann zu überfallen – jenen Juden, der wöchentlich die Löhne der nahen Lederfabrik an die Arbeiter auszahlt. Die geplante Beute: 16.000 Kronen, eine weitere Sechzehn in Molnárs numerologischem System. Selbst die acht Kreuzer für die Straßenbahn – „acht hin und acht zurück“ – ergeben zusammen 16.
Molnárs Drama bewegt sich von Beginn an auf einer religiös-metaphysischen Ebene, die weit über das soziale Milieu hinausweist. Als der Raubüberfall scheitert – Linzmann ist erfahren, bietet dem Küchenmesser, das Liliom zögernd mitgebracht hatte, eine geladene Pistole auf und führt zudem bereits leere Taschen bei sich – ersticht sich Liliom, um der Schmach zu entgehen. Doch es wartet keine ewige Verdammnis, sondern ein Selbstmördergericht – Ausdruck göttlicher Barmherzigkeit selbst für die Verzweifelten.
Die 16 Jahre Fegefeuer, die ihm auferlegt werden, sind nicht Strafe, sondern Läuterung. Das Fegefeuer – jener Zwischenraum zwischen Erde und Himmel, in dem die Seelen von ihren Sünden gereinigt werden – ist die katholische Antwort auf die Frage nach göttlicher Gerechtigkeit. Hier können auch die scheinbar Verlorenen geläutert werden. Verzweiflung wird zum mildernden Umstand: Wer sich das Leben nimmt, muss zutiefst hoffnungslos gewesen sein.
Besonders bemerkenswert ist der Hinweis, dass „der Jude“ nach dem vielleicht misslungenen Überfall nicht zurückkäme – eine subtile Anspielung auf unterschiedliche Jenseitsvorstellungen. Im Judentum gibt es weder Hölle noch Fegefeuer, Seele und Leib sind nach dem Tod zunächst getrennt. Molnárs theologische Bildung zeigt sich in solchen Details.
Kyrre Kvam, der sowohl Linzmann verkörpert als auch live musiziert, fungiert als zentraler Mittler zwischen den Welten. Er ist nicht der verführerische Mephisto, sondern Charon – jener Fährmann der griechischen Mythologie, der die Toten über den Styx ins Jenseits geleitet. Diese Interpretation wird durch seine Funktion bestätigt: Kvam setzt die Drehbühne in Bewegung wie ein Karussell des Schicksals und begleitet alle Übergänge zwischen Diesseits und Jenseits.
Seine omnipräsente Bühnenpräsenz – er beginnt das Stück mit seinem Gesang – macht ihn zum eigentlichen Regisseur des metaphysischen Geschehens. Die Musik oszilliert zwischen Jahrmarktsnostalgie und Schubert’scher Melancholie, schafft Atmosphäre für die Seelenreise.
Hans Fründts Lichtkonzept ist Dramaturgie in Farbe. Die rosa Grundbeleuchtung evoziert Zuckerwatte und gebrannte Mandeln, während sie gleichzeitigt die Abgründe der Geschichte konterkariert. Diese rosa Unschuldsästhetik hebt das brutale Geschehen auf eine parabelhafte Ebene – der Rummel ist nicht unschuldig, doch das Rosa bringt eine verklärende Süße.
Dominique Wiesbauers Bühnenbild verwandelt den Theaterraum in ein surreales Rummelzelt. Die fragmentarischen Karussell-Teile bilden eine „längst morbide Karussell-Landschaft“, der Airbrush-Hintergrund mit dem Frauenabbild hat einen Spalt, durch den die Schauspieler wie durch einen Vorhang verschwinden können.
Besonders eindrucksvoll ist der Farbwechsel zu Grün bei Lilioms Rückkehr nach 16 Jahren Fegefeuer. Die grüne Beleuchtung signalisiert Hoffnung und Neubeginn – visueller Kommentar zur Möglichkeit der Erlösung. Die subtil fahrenden Lichtröhren schaffen eine Atmosphäre zwischen Sakralraum und Vergnügungspark.
Die Inszenierung des Selbstmördergerichts durch Bühnennebel, verfremdete Stimmen und absurde Masken schafft eine traumähnliche Sequenz. Die vier Richter-Figuren werden durch Masken wieder erkennbar, doch ihre Verfremdung macht sie zu Archetypen göttlicher Gerechtigkeit.
Hier zeigt sich Molnárs theologische Raffinesse: Das Gericht fragt nicht nach Schuld, sondern nach Bereitschaft zur Wandlung. „Haben Sie bereut?“ ist die entscheidende Frage. Die katholische Beichtpraxis wird zur Dramaturgie des Jenseits – nicht die Tat zählt, sondern die Reue.
Wenn Liliom seine wahre Identität preisgeben muss – „Endre Závoczki. Nach meiner Mutter“ – kommt beim göttlichen Gericht alles auf den Tisch, auch das Verborgene. Der uneheliche Sohn trägt den Mutternamen, sozialer Makel einer Zeit, die solche Kinder als „Bastarde“ brandmarkte.
Das Paar Marie (Joyce Sanhá) und Hugo (Adrian Grünewald) verkörpert den Gegenentwurf zu Liliom und Julie – sie zeigen, wie es gehen kann, wenn man sich zusammenreißt. Hugo, einst Kofferträger, wird Gerichtsdiener, dann Cafébesitzer. Sie leben spießig-glücklich, haben fünf Kinder, siezen sich aus Höflichkeit.
Doch selbst in der Justiz, im Herstellen irdischer Gerechtigkeit herrscht Klassenjustiz, wie Stutzer erklärt: „Für die feinen Leute gibt’s den Himmel. Für arme Schlucker wie wir gibt’s die Polizei.“ Das Diesseits spiegelt sich im Jenseits – wer mehr zahlt, bekommt schönere Musik.
Die Neuübersetzung von Terézia Mora, eigens für das Berliner Ensemble angefertigt, ist kulturpolitischer Gewinn. Während Alfred Polgárs berühmte Wiener Fassung das Stück ins Österreichische verlegte, holt Mora es ins zeitgemäße Hochdeutsche zurück. Ihre behutsame Modernisierung bewahrt Molnárs poetische Kraft, korrigiert aber entscheidende Übersetzungsfehler: „Ficsúr“ wird wieder zu „Stutzer“, denn das bedeutet der ungarische Name – und Oliver Kraushaar verkörpert diese Figur mit der nötigen gefährlichen Eleganz. Umgekehrt erhält Hugo seinen ursprünglichen Namen zurück, den Polgár in Wolf geändert hatte. „Hugo ist ein wunderbarer Name für eine Figur, die einen Füllfederhalter ‚Selbstfüllfeder‘ nennt“, begründet Terézia Mora ihre Entscheidung.
Im Originaltext lässt Molnár Liliom am Ende sagen: „Dass ich dich geschlagen habe … du weißt, dass ich recht hatte … und du musst dich daran nicht erinnern … sag: soll doch der Liliom recht haben … weil mir eh gleich ist, wer recht hat …“ Diese Passage zeigt psychologische Präzision – Liliom kann bis zuletzt nicht um Vergebung bitten, obwohl er seine Schuld erkennt.
Die Zahl 16 durchzieht das Stück wie ein numerologisches Leitmotiv: 16 Jahre Fegefeuer, sechzehntausend Kronen Raubbeute, sechzehn Kreuzer für die Straßenbahn, Luisa wird 16 Jahre Alt bei Lilioms Rückkehr. In der christlichen Zahlensymbolik steht die Zahl sechzehn wohl für Vollendung durch Läuterung – vier (irdische Vollkommenheit) mal vier.
Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet ein überwiegend österreichisches Ensemble – Christina Tscharyiski, Lili Epply, Oliver Kraushaar – dieses Alpen-Flair in den märkischen Streusand bringt. Lili Epply, die an der Wiener Ballettschule begann, erweist sich als Geschenk für Berlin. Ihre Julie ist eine Frau von stiller Stärke.
Wenn Julie am Ende zu ihrer Tochter sagt: „Kann es sein, dass jemand einen so heftig schlägt … und es einem nicht weh tut?“ und antwortet: „Ja, mein Kind. Das ist mir schon einmal passiert“, wird Liebe zur metaphysischen Kraft, die Schmerz in Zärtlichkeit verwandelt.
Dass in Zeiten, da Berlins Senat unter Kai Wegner und der glücklose Senator Joe Chiallo die Theaterlandschaft mit Sparmaßnahmen bedrohen, noch solche Neuproduktionen entstehen, grenzt an ein Wunder. Die Mühe einer eigens angefertigten Übersetzung zeigt, was möglich ist, wenn Theater als kulturelle Aufgabe verstanden wird.
„Liliom“ am Berliner Ensemble ist ein Stück, das Emotionen weckt und Menschen, die sich berühren lassen wollen, packt – alle anderen streichelt es wenigstens im Herzen. Die metaphysische Erlösungsthematik wurde überzeugend getroffen, Bühnenbild, Licht und Dramaturgie haben gemeinsam mit Christina Tscharyiski bedeutende Arbeit geleistet.
Das menschliche Sein bleibt ein Rätsel – aber manchmal, wie in dieser Liliom-Inszenierung, erhalten wir für 110 Minuten das Gefühl, seiner Lösung nahezukommen. Zwischen Fegefeuer und Zuckerwatte, zwischen Schuld und Vergebung entfaltet sich ein Theaterabend, der beweist: Auch nach 16 Jahren – oder 115 Jahren seit der Uraufführung – ist eine zweite Chance möglich.
Der Beitrag Liliom am Berliner Ensemble erschien zuerst auf Patrick Pehl.
Kolumne zur Inszenierung des Theater-Stücks „Liliom“ nach Christina Tscharyiski (2024) am Berliner Ensemble. Was ist die Anziehungskraft des Liliom?
Ferenc Molnárs Theaterstück am Berliner Ensemble berührt als Neuinszenierung das Herz und beweist was eine gute Kulturpolitik erreichen kann. Der harte Stoff aus der BE-Reihe „Content Notes“ hat es in sich und lässt den letzten weich wie Zuckerwatte werden.
Manchmal sitzt man im Theater und denkt: Das kann doch nicht wahr sein. Ein Karussell-Ausrufer aus Budapest, geboren Ende der 1880er, gestorben 1909, rührt einen zu Tränen. Liliom heißt er, ein Gauner mit großen Augen und noch größeren Träumen. Christina Tscharyiskis Inszenierung am Berliner Ensemble macht aus Ferenc Molnárs Vorstadtlegende einen Abend, der unter die Haut geht.
Dabei fängt alles harmlos an. Rosa Licht taucht das Neue Haus am Schiffbauerdamm in Zuckerwatte-Atmosphäre, während Kyrre Kvam live musiziert und gleichzeitig eine rätselhafte Figur namens Linzmann spielt. Eine ausführlichere Betrachtung der metaphysischen Dimensionen dieses Stücks findet sich an anderer Stelle – doch schon in den ersten Minuten wird klar: Hier geht es um mehr als Rummelplatz-Romantik.
Liliom verliert seinen Job. Für ein Mädchen namens Julie, 18 Jahre alt, schwanger nach zwei Monaten Liebe. Jannik Mühlenweg spielt ihn als zerrissenen Mann zwischen Zärtlichkeit und Gewalt, Lili Epply verkörpert mit viel Talent eine Julie, die mehr versteht als sie sagt.
Der rote Faden: Ein Habenichts mit seesackgroßer Tasche voller Nichts will für sein ungeborenes Kind sorgen. Endre Závoczki heißt er mit bürgerlichem Namen, »mütterlicherseits«. Ein Bastard also, aufgewachsen ohne jemanden, der ihm zeigt, wie man anständig lebt.
Was macht so einer? Er lässt sich von Stutzer überreden. Der hatte längst geplant, den Kassierer Linzmann zu überfallen – jenen Juden, der wöchentlich die Löhne der nahen Lederfabrik an die Arbeiter auszahlt. 16.000 Kronen führt er bei sich, hatte Stutzer ausgekundschaftet. Eine Summe, die sechs Monate vergraben werden muss, dann weitere sechs Monate Wartezeit. Das Kind aber kommt früher.
Doch der Raub geht schief. Linzmann ist erfahren, wo Liliom zögert – er bietet dem Küchenmesser, das Liliom zögernd mitgebracht hatte, eine geladene Pistole auf. Zudem lief er mit leeren Taschen nach Hause, hatte das Geld bereits ausgezahlt. Liliom ersticht sich, um der Schmach zu entgehen.
Und hier wird Molnárs katholische Seele sichtbar: Kein höllisches Tribunal erwartet den Selbstmörder, sondern ein »Selbstmördergericht« voller Verständnis. 16 Jahre Fegefeuer – jener Läuterungsort zwischen Erde und Himmel – als Chance, nicht als Strafe. Die Zahl 16 durchzieht das Stück: Luisa wird 16 bei Lilioms Rückkehr, selbst die Straßenbahnfahrt kostet acht Kreuzer hin und acht zurück.
Dann geschieht das Wunder: Liliom schlägt seine Tochter – und sie spürt keinen Schmerz. »Kann es sein, dass jemand einen so heftig schlägt und es einem nicht weh tut?«, fragt sie ihre Mutter. »Ja, mein Kind. Das ist mir schon einmal passiert.«
Hans Fründts Lichtkonzept macht den Übergang sichtbar: Rosa weicht grüner Hoffnung, wenn Liliom nach 16 Jahren zu seiner Tochter zurückkehrt. Julie hat ihn verklärt, Louisa Beck spielt die Tochter als selbstbewusstes Mädchen, das vom Vater nur Gutes gehört hat.
Liebe wird zur metaphysischen Kraft, die Gewalt in Zärtlichkeit verwandelt.
Terézia Moras Neuübersetzung holt das Stück ins zeitgemäße Hochdeutsche zurück. »Ficsúr« wird wieder zu »Stutzer« – Oliver Kraushaar verkörpert diese Figur mit gefährlicher Eleganz. Hugo erhält seinen Originalnamen zurück, weil, so die Übersetzerin: »Ein wunderbarer Name für eine Figur, die einen Füllfederhalter ›Selbstfüllfeder‹ nennt.«
Joyce Sanhá und Adrian Grünewald zeigen als Marie und Hugo den Gegenentwurf: Wie es geht, wenn man sich zusammenreißt, spießig-glücklich wird, fünf Kinder bekommt.
Dass in Zeiten von Senator Chiallos Sparmaßnahmen noch solche Produktionen entstehen, grenzt selbst an ein Wunder. 110 pausenlose Minuten, die beweisen: Theater kann berühren, wenn es Ernst macht mit den großen Fragen nach Schuld und Vergebung.
Man geht nach Hause und denkt: Vielleicht gibt es sie doch, die zweite Chance. Für Gauner, für Habenichtse. Für uns alle.
Der Beitrag Liliom: Ein Gauner im Fegefeuer erschien zuerst auf Patrick Pehl.
Eine kritische Reflexion über John F. Kennedys Appell und die Stärke europäischer Gemeinschaftstraditionen
Neulich bin ich mal wieder über das Zitat von John F. Kennedy gestoßen, man solle zunächst fragen was man für sein Land tun solle und nicht was das Land für einen selbst. Ich habe schon oft über diese Phrase nachgedacht und sie nie ganz verstanden. Sie transportiert aber ein mir fremdes Weltbild – sicher geht es bei näherer Betrachtung vielen Menschen so.
Es gibt Sätze, die werden mit solcher Inbrunst zitiert, als hätte man das Evangelium der Demokratie entdeckt: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.” In Festreden, politischen Manifesten und staatstragenden Sonntagsreden wird dieser Satz des verstorbenen US-Präsidenten john F. Kennedy wie ein Orakelspruch vorgetragen. Dabei steht man fassungslos daneben und fragt sich: Woher rührt diese andächtige Verehrung des Banalen?
Wer wie ich in den 1990er Jahren in Ostberlin aufwuchs, kann über diese vermeintliche Erleuchtung nur befremdet den Kopf schütteln. Als wäre es eine epochemachende Erkenntnis, dass Menschen füreinander einstehen. Als bedürfte es erst der Mahnung eines Präsidenten, um die Selbstverständlichkeit des Miteinanders zu begreifen. Der pathetisch vorgetragene Appell hallt in unseren Ohren wie ein überflüssiges Echo längst gelebter Wirklichkeit.
TIPP: Polyester im Plattenbau
.In der katholischen Kirchengemeinde, wo sich das Gemeindeleben in der Eucharistie als Gemeinschaft der Gläubigen in der Gemeinschaft als Teil der Weltkirche manifestiert, war die Sorge um den Nächsten keine präsidiale Direktive, sondern gelebter Alltag. Die katholische Soziallehre, die seit Generationen das Gemeinwohl als Richtschnur allen Handelns begreift, musste nicht erst von einem Staatsoberhaupt in Erinnerung gerufen werden. Wenn Papst Franziskus heute von der „Kultur der Begegnung“ spricht, knüpft er an diese tiefverwurzelte Tradition an, die das „Wir“ nicht erst mühsam aus der Taufe heben muss.
Der Kontrast zwischen dem alten Kontinent und Amerika offenbart hier einen geradezu tektonischen Kulturbruch: Während die USA von rastlosen Siedlertrecks und einem geradezu mythisch überhöhten Pionierindividualismus geprägt wurden, entfaltete sich in Europa über Jahrhunderte eine vielschichtige Kultur der Verbundenheit. Die europäischen Nationalstaaten erwuchsen nicht aus der Vereinzelung, sondern aus dem dichten Gewebe gewachsener Gemeinschaften. Bis heute durchdringt diese Haltung unsere Verfassungen: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Was Kennedy als moralische Großtat beschwört, ist hier schlichter Verfassungsalltag.
Diese gemeinschaftliche Verwurzelung durchzieht wie ein roter Faden alle Schichten des europäischen Lebens: vom quirligen Stadtviertel über das pulsierende Vereinsleben bis hin zum sprichwörtlichen Berliner „Kiez“ mit seiner eigenen sozialen Gravitationskraft. Das Miteinander beschränkt sich nicht auf die Blutsbande oder den engen Familienkreis, sondern umspannt die vielfältigen Lebenswelten des Alltags. Vor diesem Hintergrund erscheint der individualistische Appell Kennedys wie ein verzweifelter Versuch, etwas heraufzubeschwören, das in Europa nie zur Disposition stand.
Gerade die seltsame Strahlkraft des Kennedy-Zitats im heutigen Deutschland nährt die Besorgnis. Sie zeugt von einer schleichenden Erosion gesellschaftlicher Bindungen, die ihre Selbstverständlichkeit einzubüßen drohen. Der Kontrast zur puritanisch-calvinistischen Tradition der USA tritt hier besonders scharf hervor: Während dort der Individualismus theologisch verklärt und die Gemeinschaft zum Gegenstand präsidialer Beschwörungen wird, war in Europa die Balance zwischen Einzelnem und Gesellschaft stets natürlicher Bestandteil der sozialen DNA.
Meine Position im Zwischenreich der Welten – herangewachsen im vereinten Deutschland, eingebettet in eine katholische Gemeinde und umgeben von Menschen, deren moralischer Kompass noch von kollektiver Verantwortung geeicht war – macht diese Kluft besonders augenfällig. Die Generation der Nachwendekinder wurde Zeuge eines tektonischen Übergangs: von einer Gesellschaft, die das Miteinander als Ausgangspunkt allen Handelns verstand, zu einer Ordnung, die den Individualismus glorifiziert und dann händeringend nach gesellschaftlichem Kitt sucht.
Vielleicht liegt gerade in dieser kritischen Distanz zum Kennedy-Mythos eine Chance zur Besinnung: Sie könnte den Blick schärfen für die Wiederbelebung jener gemeinschaftlichen Traditionen, die in Europa nie gänzlich verschüttet wurden – vom lebendigen Kiez bis zur weltumspannenden Kirche, vom vitalen Vereinsleben bis zum fürsorgenden Sozialstaat. Eine solche Renaissance wird sich allerdings kaum aus präsidialen Floskeln speisen können, sondern nur aus der Revitalisierung jener vielschichtigen Gemeinschaftskultur, die Europa seit Jahrhunderten prägt. Der viel beschworene Kennedy-Satz wäre dann endlich das, was er aus europäischer Warte immer war: eine überflüssige Fußnote der Geschichte.
Dieser Text wurde am 6. Januar 2025 in Berlin veröffentlicht.
Der Beitrag Kennedys überflüssiger Appell erschien zuerst auf Patrick Pehl.
Ein Plädoyer für mehr persönliche Freiheit durch die Emanzipation des Kochens
Die Stadt wird von Lieferdiensten und Restaurants dominiert, während die Brotbüchse zum Symbol vergangener Zeiten verkümmert. Doch in dieser unscheinbaren Box verbirgt sich mehr als ein Behältnis – sie steht für eine Esskultur der Selbstbestimmung. Ist die Rückeroberung kulinarischer Freiheit der Luxus, den wir uns heute wirklich leisten sollten?
Meine Brotbüchse ist aus Metall und früher hatte ich eine aus halbtransparentem Plastik mit einem Trennfach gegen verrutschende Brote. In meiner Familie kamen die Speisen ohne zusätzliche Umhüllung hinein, andere wickelten ihre Stullen noch in Papier oder Alufolie. Die Stulle wird in der Brotbüchse konserviert und zum selbstbestimmten Mahl eleviert. Heute sieht man das immer seltener – wann geriet unsere Welt aus den Fugen und stellte auf Restaurantbesuche um statt sich was mitzunehmen?
Es war Auguste Escoffier, der vor etwa 150 Jahren dem Restaurantbesuch seinen Nimbus der Exklusivität verliehen hat. Was damals distinguierte Freizeitgestaltung des Bürgertums war, ist in unserer Gegenwart zur merkwürdigen Selbstverständlichkeit geworden. Die Metamorphose vollzog sich etappenweise: In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden die ersten Betriebsküchen als pragmatische Antwort auf die Schichtarbeit – eine Mahlzeit außer Haus aus wirtschaftlicher Notwendigkeit, nicht als lifestylegetriebener Konsum.
Wie obskur erscheint heute die Epoche der allgegenwärtigen Brotbüchse! Sie war mehr als Behältnis – sie war Ausdruck von Eigenständigkeit, häuslicher Fürsorge und ökonomischer Vernunft. In ihrer Funktionalität verkörperte sie eine Selbstbestimmung, die wir heute mit erstaunlicher Leichtfertigkeit preisgeben. Ein Anachronismus, so scheint es – dabei ist sie Symbol einer kulinarischen Haltung, die wir wieder zu schätzen lernen sollten.
Doch wann vollzog sich dieser Wandel? Die mediale Darstellung suggeriert eine Normalität des Auswärtsessens, die sich jeder kritischen Überlegung entzieht. In Lifestyle-Magazinen und sozialen Medien wird der tägliche Restaurantbesuch oder die Lieferdienstbestellung als natürlicher Bestandteil modernen Lebens inszeniert. Als wäre tägliches Bedientwerden das apodiktische Erfordernis unserer Zeit.
Die Stadt ist der Monotonie anheimgefallen. Wo einst der Schreibwarenladen, der Fisch-, der Blumenladen oder der Fleischer das Straßenbild prägten, dominieren nun Restaurants fragwürdiger Qualität. Die vermeintliche Vielfalt täuscht: Überall die gleichen auf deutschen Geschmack abgewandelten Speisen in oller gebundener Soße, Pommes aus der Tüte mit frittiertem Schnitzel, Dönerläden, die auch Pizza anbieten. Die Stadt verliert ihr Gesicht – ein kulinarischer Einheitsbrei, der die Viertel in gastronomische Wüstenlandschaften verwandelt.
KENNEDYS ÜBERFLÜSSIGER APPELL
Und das Lieferessen! Diese Stufe kulinarischer Entfremdung verdient besondere Betrachtung. Uniformierte Fahrradkuriere durchziehen die Straßen mit dampfenden Styroporschachteln, deren Inhalt mit jedem Kilometer an Qualität verliert. Die Prozession der Plastiktüten durch Treppenhäuser ist zum dystopischen Sinnbild unserer Zeit geworden. Die Wärmedeckchen in den Transportboxen kämpfen vergeblich – die Fritten labbrig, die Soße entmischt, das einst knusprige Fleisch schlaff auf durchweichtem Gemüse.
Für dieses zweifelhafte Vergnügen: dreißig Prozent Aufschlag plus Liefergebühr plus Trinkgeld für den prekär beschäftigten Fahrer. Eine absurde Kakophonie aus Kosten und Kompromissen. Diese Form des Speisens ist weder ökonomisch, noch ökologisch, noch kulinarisch zu rechtfertigen – ein Symptom kollektiver Bequemlichkeit, die Qualität, Geschmack und finanzielle Vernunft opfert. Dabei sitzt der Konsument doch zuhause! Die Zeit für ein einfaches selbstzubereitetes Gericht wird stattdessen vor dem Bildschirm vertrödelt, wartend auf die enttäuschende Lieferung.
Selbstversorgung ist Freiheit. Es ist ein Gewinn an Autarkie, nicht von Öffnungszeiten oder Liefergebühren eines börsennotierten Unternehmens abhängig zu sein. Eine simple Kartoffel birgt mehr kulinarische Möglichkeiten als so manches Restaurantmenü: Als Püree, als Salat oder neben Brechbohnen serviert – ohne Warten, ohne Gang durch den Regen, ohne Plastiktüten.
Die Rückbesinnung auf die Kunst der Selbstversorgung ist kein nostalgischer Reflex, sondern ein Plädoyer für kulinarische Autonomie. Es geht um die Freude am eigenen Tun, um Kontrolle über Zutaten und nicht zuletzt um eine Unabhängigkeit, die in Zeiten allgegenwärtiger Verfügbarkeit zum wahren Luxus geworden ist. Eine authentische Esskultur entsteht nicht durch täglichen Konsum, sondern durch bewusste Zubereitung.
Letztlich liegt es an jedem Einzelnen, welche Rolle der Gastronomie im Leben zugestanden wird – und welcher Wert der vergessenen Kunst des Sich-etwas-Mitnehmens beigemessen wird. In einer Welt scheinbar grenzenloser kulinarischer Möglichkeiten erweist sich die Fähigkeit zur Selbstversorgung vielleicht als die eigentliche Form der Distinktion.
Der Beitrag Freiheit durch die Brotbüchse erschien zuerst auf Patrick Pehl.
Der Beitrag Freiheit durch die Brotbüchse erschien zuerst auf Patrick Pehl.
Der Beitrag Der Traum ist aus! Klares kaltes Wasser für die Kultur in Berlin erschien zuerst auf Patrick Pehl.
Das Theater in Berlin als Bastion der sozialen Gleichheit: Ein Ort, an dem Kunst und intellektueller Austausch soziale Hierarchien überwinden. Erfahren Sie, wie Kultur und Gleichheit im Theater zusammenkommen.
In einer Gesellschaft, die von Statussymbolen und finanziellen Unterschieden geprägt ist, hebt sich das Theater als ein Raum hervor, in dem soziale Hierarchien eine geringere Rolle spielen. Trotz gewisser Einschränkungen wird das Theater als ein Ort betrachtet, der Kunst und intellektuellen Austausch in den Vordergrund stellt, während der finanzielle Hintergrund der Besucher an Bedeutung verliert.
In einer Gesellschaft, die zunehmend von Statussymbolen und materiellen Unterschieden geprägt ist, erhebt sich das Theater als eine bemerkenswerte Ausnahme – ein Ort, an dem die üblichen Regeln des sozialen Prestiges weitgehend außer Kraft gesetzt sind. Während diese These sicherlich Nuancen und Einschränkungen unterliegt, lohnt es sich, die einzigartige Position des Theaters als einen Raum zu betrachten, in dem Geld und Status eine deutlich geringere Rolle spielen als in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens.
Im Gegensatz zu Großveranstaltungen wie Konzerten von Superstars, wo VIP-Pässe und exklusive Meet-and-Greets die soziale Hierarchie zementieren, bietet das Theater eine erfrischend egalitäre Erfahrung. Selbst die teuersten Theaterkarten sind im Vergleich zu anderen Luxusgütern erstaunlich erschwinglich. Ein Millionär mag sich zwar den besten Platz im Haus leisten können, doch der Preisunterschied zu den günstigeren Plätzen ist oft überraschend gering. Mit Vergünstigungen wie der BE Card des Berliner Ensembles, die 50% Rabatt auf alle Tickets gewährt, wird hochwertige Kultur sogar für ein breites Publikum zugänglich.
Tipp: Der Traum ist aus! Klares kaltes Wasser für die Kultur in Berlin
Es ist bezeichnend, dass weder die superreiche Elite noch statusbewusste Influencer das Theater als ihre bevorzugte Plattform zur Selbstdarstellung wählen. Im Theater gibt es schlichtweg weniger Möglichkeiten, durch extravagante Ausgaben oder exklusive Privilegien zu glänzen. Die Aufmerksamkeit gilt hier nicht dem Publikum, sondern den Künstlern auf der Bühne. Diese Fokussierung auf die Kunst selbst, statt auf oberflächliche Statussymbole, macht das Theater zu einem Zufluchtsort für jene, die echte kulturelle Bereicherung suchen.
Das Theater lockt ein Publikum an, das offen ist für intellektuelle und emotionale Herausforderungen. Es erfordert eine gewisse Vorbildung und die Bereitschaft, sich auf komplexe Narrative und Ideen einzulassen. Diese gemeinsame geistige Einstellung schafft eine Art Gleichheit unter den Zuschauern, die soziökonomische Unterschiede in den Hintergrund treten lässt. Hier zählt nicht der Kontostand, sondern die Fähigkeit und Bereitschaft, sich kritisch mit dem Dargebotenen auseinanderzusetzen.
Natürlich wäre es naiv zu behaupten, das Theater sei vollkommen frei von sozialen Unterschieden. Es gibt durchaus Distinktionsmerkmale, wie etwa die Wahl der Garderobe oder das Verhalten in den Pausen. Doch im Vergleich zu vielen anderen kulturellen Räumen sind diese Unterschiede oft subtil und spielen für das eigentliche Theatererlebnis eine untergeordnete Rolle.
In einer Zeit, in der soziale Ungleichheit in vielen Bereichen zunimmt, bietet das Theater ein bemerkenswertes Gegenmodell. Es zeigt, dass es möglich ist, einen kulturellen Raum zu schaffen, in dem der Wert einer Person nicht primär an ihrem finanziellen Status gemessen wird. Stattdessen steht hier die gemeinsame Erfahrung von Kunst und Kultur im Mittelpunkt – eine Erfahrung, die potenziell jedem offen steht, der bereit ist, sich darauf einzulassen.
Das Theater erinnert uns daran, dass wahre Bereicherung oft nicht materieller Natur ist. Es lädt uns ein, über die oberflächlichen Statussymbole hinauszublicken und uns stattdessen auf das zu konzentrieren, was uns als Menschen verbindet: unsere Fähigkeit, Kunst zu erleben, zu reflektieren und dadurch zu wachsen. In diesem Sinne ist das Theater vielleicht nicht perfekt klassenlos, aber es kommt diesem Ideal näher als viele andere Institutionen unserer Gesellschaft.
Der Beitrag Geld spielt keine Rolle Das Theater – Letzte Bastion der sozialen Gleichheit erschien zuerst auf Patrick Pehl.
Der Beitrag Das Theater: Letzte Bastion der sozialen Gleichheit erschien zuerst auf Patrick Pehl.
Eine ironische Selbstkarikatur über den Versuch, cool zu wirken, und die Freude an einem Abend mit Freunden in Berlin Prenzlauer Berg
Es ist ein heißer Sonntag, der die Stadt sanft zerschmelzen lässt. Ich bin außerordentlich gut gelaunt, denn ich habe frei und bin voller Vorfreude. Am Abend bin ich verabredet, zu einer Lesung mit Musik in Prenzlauer Berg zu gehen. Am Vormittag ist der Abend noch fern, doch in Gedanken bin ich schon dort.
Ich weiß noch nicht genau, was mich erwartet, doch eins wird mir immer klarer: Ich muss lässig aussehen, cool wirken, bella Figur machen. Aber wie genau, weiß ich noch nicht. Schon beim Aufwachen spüre ich dieses Kribbeln – pure, unverfälschte Vorfreude, die ich unbedingt hinter einer Fassade von Coolness verstecken will.
Über den Tag verteilt kippe ich mehrere Tassen Kaffee in mich hinein. Als ich einen mittäglichen Spaziergang machte, mussten meine lieben Nachbarn zu unfreiwilligen Zeugen meiner überbordenden guten Laune werden. Beim nachbarschaftlichen Spaziergang überschütte ich sie mit Vorfreude. Sie nicken höflich, vermutlich in der stillen Hoffnung, dass mein Enthusiasmus bald weicht. Der Tag fängt also schon ganz gut an – zumindest für mich.
Die Sonne steht hoch am Himmel, als ich beschließe, meinen Look für den Abend zu planen. Mein Kleiderschrank, normalerweise ein Tempel der Eleganz, wird zum Laboratorium meiner neu zu erfindenden Lässigkeit. Geschneiderte Anzüge und makellose Hemden schauen mich vorwurfsvoll an, als ich nach einem einfachen, aber sehr wohl ausgewählten weißen Baumwoll-T-Shirt ohne Markenaufdruck greife. “Verräter”, scheinen sie zu flüstern. Ich kombiniere es mit einer freundlichen lichtgrauen Trainingsjacke der Marke Adidas, die ich sportlich halboffen trage – ein Meisterwerk der Pseudo-Nonchalance.
Meine heiß geliebte Braun Uhr mit Metallarmband – ein Klassiker des Industriedesigns – findet ihren Weg an mein Handgelenk. Sie tickt im Rhythmus meiner wachsenden Aufregung. Dazu eine sorgfältig ausgewählte Nadelstreifenhose, die Seriosität und exzentrischen Look in perfekter Balance hält. Meine mit billigsten Strumpfwaren besockten Füße stecken in ziemlich bequemen handgefertigten Schuhen, die ich zwar immer trage, die aber heute als Stilbruch besonders beiläufig wirken sollen.
Die Stunden verstreichen, und meine Vorfreude wächst mit jeder Minute. Ich übe betont ausdruckslose Blicke im Spiegel, probiere verschiedene Arten aus, wie ich meine Haare verwuscheln kann, damit sie perfekt unfrisiert aussehen. Es ist eine Wissenschaft für sich, und ich bin entschlossen, sie zu meistern. Gegen 17 Uhr erreicht mein Vorfreude-Level den Anschlag. Jetzt heißt es: Ruhe bewahren und so tun, als wäre dieser Abend nichts Besonderes. Nur eine weitere Nacht im Leben eines weltgewandten Kulturkenners. Ein Hauch Schminke hier, ein Häubchen Haarstylingschaum da, und natürlich die Sonnenbrille – das ultimative Accessoire für den gewollt-lässigen Auftritt.
Als der weiße Zeiger meiner Designklassiker-Wanduhr in Richtung sechs wandert, schnappe ich mir mein Fahrrad und mache mich auf den Weg in den Nachbarbezirk. Die Straßen von Prenzlauer Berg empfangen mich mit ihrem typischen Flair aus geordnetem Kopfsteinpflaster, pittoresken Altbaufassaden und einer aus der Zeit gefallenen Tankstelle. Ich habe selbst mal in der Gegend gewohnt und fühle mich wie ein Tourist, der schon unzählige Male da war und sich über die Unveränderung freut – alles noch wie letztes Mal, nur ich bin jetzt cooler. Oder?
Vor der Spielstätte in einer alten Tanke angekommen, stehe ich unschlüssig herum. Wie stellt man sich hin, wenn man cool sein will? Ich lehne mich an eine Laterne, ein Bein lässig angewinkelt, und versuche, desinteressiert in die Ferne zu blicken. In meinem Kopf sehe ich mich als das supersüße Abbild der Lässigkeit, wie ein himmelblaues Eis in einer Honigwaffel an einem heißen Sommertag. Um besonders beiläufig herüberzukommen, denke ich mir: “Ich brauche ein Attribut!” Vielleicht eine Zigarette? Nein, ich rauche ja nicht. Ein Buch? Zu offensichtlich. Eine Tüte Gummibärchen? Jetzt wird’s albern.
Mit einem innerlichen Schulterzucken und einem nun nicht mehr unterdrückten Lächeln lasse ich meine mühsam aufgebaute Fassade fallen. Was auch immer der Abend bringen wird – es wird auf jeden Fall eine Geschichte wert sein. Und wer weiß, vielleicht werde ich ja doch noch zum erfrischendsten Typen des Abends – nicht weil ich so tue, als wäre ich cool, sondern weil ich einfach ich selbst bin. Ein leicht überdrehter, koffeingeladener Kulturenthusiast, der sich als himmelblaues Eis verkleidet hat. Prenzl’berg, mach dich bereit für einen Abend voller Überraschungen!
Dieser Text wurde am 15. September 2024 in Berlin veröffentlicht.
Der Beitrag Operation Coolness – Als ich mich selbst karikierte erschien zuerst auf Patrick Pehl.
From the publisher's feed