Der größte deutsche Materialanbieter für den Kunststoffdruck ging insolvent, Marcus Rechberger hat in denselben Jahren neue Materiallinien gelauncht. Der Materialexperte von Lehmann&Voss erklärt, warum die Branche zehn Jahre lang 70-Prozent-Teile gedruckt und sich gewundert hat, dass sie keiner will. Und warum ausgerechnet billige Drucker aus China die Technologie jetzt retten.
„Wir haben die ganze Zeit 70-Prozent-Durchschnittsteile gedruckt — und uns gewundert, dass sie keiner haben will." Marcus Rechberger sagt das ohne Bitterkeit, aber es ist die härteste Diagnose, die in diesem Podcast bisher über die eigene Branche gefallen ist. Er verantwortet bei Lehmann&Voss&Co. in Hamburg die globale Geschäftsentwicklung für 3D-Druck-Materialien. Bei einem Familienunternehmen von 1894, für das der 3D-Druck nur eines von vielen Geschäften ist. Genau das ist seine Erklärung dafür, dass es die Sparte noch gibt.
Vorher eine Karrieregeschichte, die niemand so planen könnte: Bauingenieurwesen „aus Versehen", ein Bierdeckel auf einem Sechstagerennen und am nächsten Tag ein Job bei Fraunhofer. Über Prozesstechnik und eine Kryomahlanlage rutscht er in die Pulverwelt, gründet aus einem Patent heraus aus, verkauft 2012 und geht nach Hamburg. Sein Fazit: „In 90 Prozent der Fälle ist es nicht geplant."
Im Hauptteil steht die Frage, die den ganzen Markt trägt: Muss ein gedrucktes Teil so gut sein wie ein Spritzgussteil? Sein klares Ja hat ihm jahrelang Widerspruch eingebracht. Wenn der Kuchen der ganze Kunststoffmarkt ist, arbeitet die additive Fertigung an einer hauchdünnen Scheibe davon — die anderen 99 Prozent bekommt man nur mit echten Serieneigenschaften. Warum das so lange gedauert hat, beantwortet er unbequem: „Man hat die eigenen Visionen nicht geglaubt."
Dann kamen die Chinesen und das ist ausdrücklich keine Klage. Die günstigen Drucker sind für ihn der Wendepunkt, nicht als Spielzeug, sondern als Enabler: „Ich sehe das als seriengefertigte Maschine, nicht als Consumer-Maschine. Deswegen funktioniert sie so gut." Er zieht die Parallele zum Thermomix, der in jedem Labor steht, weil es kein vergleichbar günstiges heizbares Rührgerät gibt. Dazu eine Anekdote aus Shenzhen 2014, ein Materialtermin bei DJI und eine Verbindung zu Bambu Lab, die er selbst nicht beweisen kann.
Zum Schluss: Was fehlt der Branche im DACH-Raum? „Eigentlich fehlt nichts." Polyamid, PPS, PEEK, Maschinen, Know-how: alles da. Es fehlt das Geschäftsmodell und die Bereitschaft, mit einer 80-Prozent-Lösung anzufangen, statt auf die 110-Prozent-Lösung zu warten. Und warum Lehmann&Voss noch da ist, während andere aufgaben: kein Spin-off mit Milliardenerwartung, sondern ein kleines Team in einer bestehenden Organisation. „Diese Idee, 3D-Druck ist das große Ding - die haben wir nie geteilt."
Für wen diese Folge ist: alle, die im 3D-Druck über Material entscheiden — und alle, die wissen wollen, warum die Krise der Branche weniger ein Technologie- als ein Geschäftsmodellproblem war.
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