Walk & Talk mit Ida

Perspektive. Macht Scheitern mich wertvoll?


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Spaziergang 43: Perspektive. Macht Scheitern mit wertvoller?

Motto: Umarme Fehler mit Würde

Hallo und herzlich willkommen zu unserem Spaziergang im Westerwald. Heute ist das ein Abendspaziergang, hier gemeinsam mit Pauli und der untergehenden Sonne. Ich freue mich, dass du wieder dabei bist. Die Folge heute schließt an die Folge gestern an, aber ich fasse dir nochmal zusammen, worüber wir gestern geredet haben.

Wenn du Lust hast, hör dir die Folge an, und ansonsten kannst du hier jetzt auch einfach weiterhören. Gestern haben wir darüber gesprochen, dass es einige Gründe geben kann, dass es sinnvoll ist, ein Projekt oder etwas Projektähnliches, auch im Privatbereich, abzubrechen. Auch dann, wenn man schon Geld investiert hat oder Zeit oder irgendeine andere Art von Arbeit.

Du hast schon drei Monate reingesteckt, ganz viel daran rumgebastelt und merkst, das wird so nichts. Und es ist für uns Menschen unglaublich schwer, das aufzugeben dann. Man nennt das Sunken Cost Fallacy, die Falle der versenkten Kosten. Und das ist ganz oft verbunden mit der Frage, tja, bin ich jetzt gescheitert?

Dem Regret der Reue, das gemacht zu haben, der Hoffnung, wenn ich jetzt doch weitermache, vielleicht wird es ja noch was, obwohl ich eigentlich weiß, dass es garantiert nichts wird. Es ist häufig damit verbunden, dass man in der eigenen Entscheidung oder sich fragt, warum habe ich mich damals dafür entschieden.

Und ich möchte dir heute ganz bewusst eine andere Perspektive auf das Thema bieten. Denn gestern habe ich ganz bewusst von Aufgeben gesprochen. Und das klingt alles irgendwie so ein bisschen negativ. Es gibt aber eben diese ganz andere Perspektive. Und die bringt uns erst nach Japan, dann in die USA und als Letztes wieder hierher zurück in den Westerwald.

In Japan gibt es eine alte Kunst, eine sehr bekannte dort und sehr geliebte. Und die beschäftigt sich mit kaputtem Geschirr. Klingt erstmal relativ banal, oder? Ist aber was Wunderschönes. Das heißt, stell dir vor, eine alte Tasse fällt runter und zerbricht in mehrere Stücke. Vielleicht fehlt sogar ein Stück.

Und dann hat man einen ganz speziellen, ich glaube, es ist eine Art Harz oder Lack, der wird mit Goldstaub versetzt und macht dadurch eine goldene Oberfläche überall da, wo man klebt. Das heißt, das Gefäß, was man wieder zusammenklebt und wo man sogar an manchen Stellen Stücke ersetzt, die dann komplett golden sind, die sind höher wertgeschätzt häufig als das vorherige. Selbst banale Keramik kann mit dieser Kunst zu einem wunderschönen Kunstwerk werden.

Das heißt, nicht der Moment, dass etwas kaputt geht oder aufgegeben wird, sondern das, was man daraus macht, ist entscheidend. Und wenn man sich das Ganze liebevoll betrachtet, liebevoll annimmt und wirklich mit Mut rangeht und diese Veränderung in Form dieser Klebestellen und Ausbesserungen vornimmt, dann kann danach was ganz Wertvolles draus werden.

Nicht alles, was kaputt geht, ist für immer kaputt. Und damit meine ich nicht Projekte, die wieder auferstehen, sondern eher das, was in dir passiert. Normalerweise, wenn wir so Projekte aufgeben oder uns eingestehen, dass wir vielleicht einen Fehler gemacht haben, dass wir ein Projekt total ändern müssen, damit es noch erfolgreich wird, dann macht das ja auch was mit uns Menschen.

Ich erzähle dir auch nachher meine ganz persönliche Geschichte dazu. Und da wirst du sehen, dass es auch darauf ganz verschiedene Perspektiven gibt. Nicht nur die, ich bin ein Loser, ich habe das falsch gemacht, die Entscheidung war falsch, warum hat sich alles um mich herum geändert, sondern auch, hey, ich kann darüber reflektieren, und ich kann davon lernen.

Genau wie die Keramik, die kaputt ist, repariert wird und dann etwas viel Kunstvolleres, etwas viel Wertvolleres auch wird, kann das auch mit uns und unseren Einsichten passieren. Und damit springen wir in die USA, spezifisch in Silicon Valley, denn dort ist es so, soweit ich zumindest weiß, dass Gründer, die bereits zuvor gegründet haben und auch die, die bereits zuvor gescheitert sind, vielleicht sogar mehrfach gescheitert sind, dass die einfacher an Unterstützung kommen, wenn sie denn reflektiert haben.

Wenn man merkt, derjenige hat verstanden, was falsch gelaufen ist, derjenige hat seine Art zu arbeiten, eine Art, Dinge zu tun, angepasst und ist da auch bewusst von, dann hat man eher eine größere Chance. Das heißt auch hier, aus dem, was am Anfang doof erscheint, als Versagen erscheint. Wir in der westlichen Welt haben ja tatsächlich einen unglaublichen Perfektionismusdrang oft, nicht jeder.

Aber häufig, und wir denken, so eine Karriere muss geradlinig verlaufen, und so ein Projekt auch. Und wenn dann mal irgendwas nicht geradlinig läuft, sondern eher dynamisch, organisch, wie auch immer, dann fühlt sich das für einige Leute schon, ja, vielleicht unangenehm oder unkonventionell an. Und sie denken, sie hätten versagt. Wie gesagt, das betrifft natürlich nicht jeden.

Aber gerade hier bei uns kann man das häufig beobachten. Mir fällt das häufig auf, lass es mich so sagen. In Japan die Keramik, die mehr wert wird, nachdem sie kaputt gegangen ist, in den USA die Gründer, die mehr Unterstützungschancen haben, wenn sie reflektiert haben über ihr Projekt. Und das ist die Perspektive, die ich dir anbieten möchte.

Und damit skizziere ich nochmal kurz meine persönliche Perspektive, Gründungsgeschichte vor 2021, das ist mittlerweile auch schon ein paar Jährchen her. Damals wollte ich gerne selbstständig werden und habe mir auch einen ganz tollen Plan überlegt. Ich bin ja von Ursprung Physiotherapeutin, ich mache zwar vor allem Psychosomatik, aber damals, weil das Becken bei Frauen auch sehr im Psychosomatik-Bereich liegt, habe ich mir überlegt, hey, es gibt unglaublich viele Frauen mit Inkontinenz.

Ich habe selber nach meinen Geburten meine Inkontinenz überwunden, unter anderem mit Physiotherapie und auch ganz speziellen Übungen, die ich mir damals überlegt habe. Und das wollte ich anderen Frauen auch anbieten. Und dann wollte ich einen Online-Kurs machen, oder dann habe ich einen Online-Kurs gemacht, damals noch völlig ohne KI, mit super viel Mühe alle Texte geschrieben und ganz viele Infos zusammengetragen und ein paar Übungen, so dass die Leute einfach selber ihren Weg gehen konnten online.

Das war noch alles mit, musste noch mit Heilmittelwerbegesetz und Hunderttausenden verschiedenen Gesetzen rausgesucht werden, dass der Weg, den wir da machen, auch funktioniert. Und dann haben wir das Ganze online gesetzt, denn wir haben unglaublich tolles Feedback bekommen, erstmal von den Leuten, und wir hatten auch unsere Werbekampagnen, total viele Leute online, die reagiert haben.

Die Leute kamen auf die Webseite, die Leute haben gratis Inhalte runtergeladen, solange sie dafür keine E-Mail-Adresse angeben mussten. Und jetzt kommt der Krux. Anscheinend hat unsere Einschätzung zum Bereich Tabuthema eben nicht gestimmt. Wir dachten, ja, es ist ein Tabuthema, aber solange ja kein anderer weiß, dass jemand den Kurs macht, das ist ja ein relativ anonymer Online-Kurs, kein anderer braucht das mitzukriegen, dann sollte das doch kein Problem sein.

Ich bin da total easy und offen mit umgegangen, auch mit meiner eigenen Problematik, die ich früher hatte. Und ich dachte wirklich, dass das funktioniert. Aber ich musste einfach feststellen, dass die Leute weder bereit waren, ihre E-Mail-Adresse zu hinterlassen, dass ich sie nicht mal kontaktieren konnte, dass ihnen nicht mal eine Newsletter schicken konnte, noch, zumindest die allermeisten, nicht bereit waren, den Kurs zu machen, den Kurs zu kaufen, weil sie da ja auch ihre Daten angeben mussten.

Und ja, es war echt total eine spannende Zeit. Ich habe das definitiv falsch eingeschätzt, weiß ich heute. Und ich habe unglaublich viel aus dieser Zeit gelernt. Ja, das Projekt und damit auch die Firma ist gescheitert am Ende, weil, hey, wenn keiner die E-Mail-Adresse hinterlässt und keiner das Produkt kauft, weil er ja auch den Namen angeben muss, ganz anonym haben wir keine Lösung gefunden.

Daher, ja, ich habe da irrsinnig viel daraus gelernt. Nicht nur, was Tabuthemen betrifft, sondern auch, was überhaupt, ja, Produkterstellung und Entwicklung, mein erstes eigenes Produkt damals. Und ja, ich bin unglaublich froh und unglaublich dankbar über diese Erfahrung. Wenn das Projekt gescheitert ist, und damit kommt meine Frage an dich: Wann war mal in deinem Leben etwas, wo du auf der einen Seite sagen würdest, das ist gescheitert, aber auf der anderen Seite sagst, hey, ich habe da so viel daraus gelernt, ich bin unglaublich dankbar für dieses Erlebnis, ich bin darin gewachsen, und ich habe danach vielleicht umso mehr tolle Dinge erlebt durch diese Erfahrung, die ich gemacht habe.

Ja, damit, oh, jetzt ist die Sonne fast ganz untergegangen, schleiche ich mich mal wieder zurück, hoffe, dass wir keinem Wildschwein begegnen, und ja, wünsche dir einen schönen Abend. Ach, da oben fliegen jetzt sogar Gänse entlang. Ach je, es wird echt wieder Herbst. Ja, einen schönen Abend. Ja, nee, das andere ist ein Flugzeug, was du da hörst.

Das ist das Flugzeug da vorhin. War das Geschnatter von den Gänsen. Ja, aber so viel dazu. Ich wünsche dir einen schönen Abend, und ich freue mich, wenn du morgen wieder dabei bist. Tschüss!

Disclaimer:

Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht.

Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge.

Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken.

Bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachkräfte oder Beratungsstellen.

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Walk & Talk mit IdaBy Ida Hameete