Christoph predigt

Platsch!


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Aus dem Josuabuch, aus dem 3. Kapitel:

5 Dann sagte Josua zum Volk: »Sorgt dafür, dass ihr heilig seid! Denn morgen wird der HERR unter euch Wunder tun.«  6 Und zu den Priestern sagte er: »Hebt die Bundeslade hoch und zieht vor dem Volk her!« Da hoben sie die Bundeslade hoch und gingen voraus.  7 Der HERR aber sprach zu Josua: »Heute will ich beginnen, dich vor den Augen aller Israeliten groß zu machen. Dann werden sie erkennen, dass ich mit dir bin, wie ich es mit Mose gewesen bin.  8 Du selbst sollst nun den Befehl geben und zu den Priestern, die die Bundeslade tragen, sagen: Wenn ihr am Wasser des Jordan angekommen seid, dann bleibt dort stehen!«  9 Schließlich wandte sich Josua an die Israeliten: »Kommt hierher und hört, was der HERR, euer Gott, zu sagen hat!«  10 Dann sagte Josua: »Daran sollt ihr erkennen, dass ihr einen lebendigen Gott in eurer Mitte habt: Er wird vor euren Augen die Kanaaniter vertreiben, die Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und die Jebusiter.  11 Seht auf die Bundeslade! Der Herrscher über die ganze Welt wird vor euren Augen durch den Jordan ziehen.  12 Wählt aus den Stämmen Israels zwölf Männer aus, jeweils einen aus jedem Stamm.  13 Dann schaut auf die Priester, die die Lade des HERRN tragen, des Herrschers über die ganze Welt. Wenn sie das Flussbett des Jordan betreten und mit ihren Füßen im Wasser stehen, wird das Fließen des Jordan unterbrochen. Das Wasser, das sonst immer weiter fließt, wird sich aufstauen wie bei einem Damm.«  14 Inzwischen hatte das Volk seine Zelte abgebrochen und machte sich auf den Weg, den Jordan zu überqueren. Die Priester trugen die Bundeslade vor dem Volk her.  15 Dann kamen die Träger der Lade an den Jordan. Der Jordan aber war damals über die Ufer getreten, schon während der gesamten Erntezeit. Als nun die Priester ihre Füße ins Wasser setzten,  16 floss das Wasser nicht mehr weiter. Es türmte sich auf wie bei einem Damm. Es staute sich weiter oben bei der Stadt Adam, die neben Zaretan liegt. Und wo der Jordan weiter unten ins Tote Meer mündet, hatte es ganz zu fließen aufgehört. Dazwischen, ungefähr auf der Höhe von Jericho, durchzog das Volk den Fluss.  17 Die Priester, die die Bundeslade des HERRN trugen, blieben im trockenen Flussbett des Jordan stehen. So kamen alle Israeliten trockenen Fußes hinüber, bis der Durchzug durch den Jordan abgeschlossen war.  (Josua 3,5-17)


Geliebte Gottes in Gäufelden,

Der erste Schritt ist immer der schwerste.

Kommt mit mir an den Jordan...

Es ist der Traum einer ganzen Generation. Jahrzehnte haben sie darauf hin gefiebert. Ihre ganze Hoffnung haben sie darauf gesetzt. Sie sind die, die in der Wüste geboren wurden. Kinder Israels, nach dem Auszug aus Ägypten. Ihr ganzes Leben bisher drehte sich um eines: Gott bringt uns ins gelobte Land. Mit diesem Versprechen sind sie aufgewachsen. Ihre Eltern müssen immer und immer wieder erzählt haben vom Gott, der die Sklav:innen aus Ägypten befreit. Vom Gott, der mächtiger ist als der große Pharao. Von Gott, der das rote Meer teilt. Immer wieder erzählt, die gleichen Geschichten. 40 Jahre lang. 40 Jahre lang warten. 40 Jahre lang hoffen. 40 Jahre lang sind sie Schritt für Schritt, durch Sand, Steine und trockene Wüste, durch Kämpfe und Entbehrungen -- Schritt für Schritt -- diesem Moment näher gekommen. Die Erwartung ist ins Unermessliche gestiegen. 40 Jahre: Eine ganze Generation haben sie in der Wüste begraben. Sie sind die Nachfolger. Die, die ankommen. Die, die jetzt an der Schwelle stehen in eine ganz neue Phase: Gott bringt uns ins gelobte Land! Der Jordan ist die Grenze. Nur noch über den Jordan...


Der erste Schritt ist immer der schwerste.

Man könnte meinen, sie seien plötzlich festgefroren. "Morgen", sagt Josua zum Volk. Er hat ja am allerlängsten von allen gewartet. Nur Kaleb und er sind noch übrig von der Vätergeneration, die Ägypten verlassen hatte. Wie lange haben sie diesen Moment ersehnt? Nur noch über den Jordan... "Morgen", sagt Josua. "Morgen wird der Herr unter euch Wunder tun."

Der Morgen kommt. Josua spricht mit den Priestern. Der Herr spricht mit Josua. Josua hält eine Rede. Und immer noch hat kein einziger auch nur einen Zeh ins Wasser getaucht.


Der erste Schritt ist immer der schwerste.

Kennst du den Jordan? Bist du auch schon da gestanden?

Am ersten Schultag vielleicht – voller Spannung und Neugier, aber auch der Unsicherheit, ob man neue Freunde finden und den Anforderungen gerecht werden kann.

Oder du hast geheiratet -- den Partner, die Partnerin deiner Träume. Aber der erste Schritt ins gemeinsame Leben kommt auch mit Fragen daher: "Wird es gelingen? Können wir Krisen gemeinsam meistern?"

Eine neue Arbeitsstelle: Der erste Tag im Job – geprägt von dem Wunsch, sich zu beweisen, und der Sorge, ob man die Erwartungen erfüllen wird.

Ein Umzug in eine neue Stadt: Alles neu – Menschen, Orte, Routinen. Die Hoffnung auf einen Neuanfang, aber auch das Gefühl, plötzlich fremd zu sein.

Die Geburt deines Kindes: Ein Traum wird wahr, doch gleichzeitig verändert sich das ganze Leben. Freude und Verantwortung treffen aufeinander. "Werden wir diesem jungen Leben gerecht werden? Kann ich das -- ein guter Vater, eine gute Mutter sein?"

Vielleicht warst du lange weg. Die Sehnsucht nach der Heimat war groß. Jetzt bist du auf dem Heimweg. Du freust dich auf die vertrauten Gesichter, auf Familie und Freunde. Und gleichzeitig nagt an dir die Frage: "Wie wird es jetzt sein, nach all der Zeit?"

Dann kommt eines Tages der Ruhestand. Endlich nicht mehr arbeiten müssen. Aber was dann? Was jetzt? Wer bist du, wenn du nicht auf ein bestimmtes Ziel hinarbeitest? Wenn du vielleicht gar nicht mehr das Gefühl haben wirst, gebraucht zu werden?

Oder deine Kirchengemeinde fusioniert mit zwei anderen. Du hast die Reden gehört, dass das alles gar nicht zu befürchten sei und sogar Hoffnung mache für die Zukunft. Das klingt alles nachvollziehbar. Aber wie wird es denn nun wirklich? Wirst du am Ende das verlieren, was dir Heimat gibt, was du kennst und liebst, woran du dich immer festhalten konntest?

Da liegt er vor dir, der Jordan. Am anderen Ufer: das Neue mit seinen Hoffnungen und Versprechen. Zum Greifen nahe. Nur noch über den Jordan...


Der erste Schritt ist immer der schwerste.

Kennst du den Jordan?

Der Jordan ist kein besonders reißender Fluss. Er ist weder sehr tief noch extrem breit. Zu fast allen Jahreszeiten kann man ihn an der richtigen Stelle gut überqueren. Da braucht es kein besonderes Wunder -- schon gar nicht für die krisenerfahrenen Wüstenwanderer. Aber der Jordan steht für viel mehr als ein bisschen Wasser. Er steht für die Fragen, die die Wüstengeneration mit sich bringt. Wird das wirklich alles wie erwartet? Ist Gott wirklich bei uns, wie wir es immer gehört haben? Sind die alten Geschichten unserer Eltern vertrauenswürdig? Und sind wir, ihre Erben, ihrer würdig -- derer, die vor uns ausgezogen sind aus Ägypten?

"Dann werden sie erkennen, dass ich mit dir bin, wie ich es mit Mose gewesen bin.", sagt Gott zu Josua.

Noch hat kein einziger den Zeh ins kalte Wasser getaucht.

Der erste Schritt ist immer der schwerste.


Was wohl die Priester in der ersten Reihe gedacht haben? Ganz vorne dran--aller Augen erwartungsvoll auf sie gerichtet.

Langsam nähern sie sich dem Ufer, die Bundeslade, Zeichen der Anwesenheit Gottes bei seinem Volk, auf ihren Schultern. Sie bahnen sich einen Weg durch das Schilf. Der feuchte Boden schmatzt unter ihren Sandalen bei jedem Schritt. Nur noch wenige Meter. Schritte nur noch. Zentimeter. Da stehen sie. Man kann schon einzelne Spritzer auf den nackten Unterschenkeln spüren. Drüben leuchtet die Weite des versprochenen Landes.

Nur noch über den Jordan...

Was sie da wohl gedacht haben?


Der Exodus, der Auszug aus Ägypten, ist die identitätsstiftende Geschichte Israels schlechthin. Wir sind die, die Gott befreit hat. Wir sind die, die Gott sich erwählt hat. Wir sind die, bei denen Gott wohnt.

Am Höhepunkt der Geschichte fand sich Israel schon einmal am Ufer. Hinten die nahende Armee eines wütenden Pharao. Vorne die gewaltigen Wassermassen des Meeres. Sie alle kennen die Geschichte. Sie haben sie tausendfach gehört. Die Worte sind tief in ihrem Gedächtnis, ja in ihrem Selbstverständnis eingeprägt.

Und der Herr sprach zu Mose: Was schreist du zu mir? Sage den Israeliten, dass sie weiterziehen. Du aber hebe deinen Stab auf und recke deine Hand über das Meer und teile es mitten durch, dass die Israeliten hineingehen, mitten durch das Meer auf dem Trockenen. Siehe, ich will das Herz der Ägypter verstocken, dass sie hinter ihnen herziehen, und will meine Herrlichkeit erweisen an dem Pharao und aller seiner Macht, an seinen Wagen und Reitern. Und die Ägypter sollen innewerden, dass ich der Herr bin, wenn ich meine Herrlichkeit erweise an dem Pharao und an seinen Wagen und Reitern. Da erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, und stellte sich hinter sie. Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher. Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der Herr zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich. Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. (Exodus 14,15-22 [BB])

Vierzig Jahre später stehen sie hier. Ohne Mose, wohlgemerkt.

Eine neue Generation. Ein neues Ufer.

Aber derselbe Gott.

"Dann werden sie erkennen, dass ich mit dir bin, wie ich es mit Mose gewesen bin.", sagt Gott zu Josua.

Wird er wirklich bei uns sein?


Der erste Schritt ist immer der schwerste.

Auch deine Geschichte kennt ein Wasserwunder. Heute im Evangelium haben wir von Jesu Taufe gehört. Gottes Versprechen über ihm. Gottes Geist in seinem Leben. "Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude." (Matthäus 3, 17 [BB])

Das könnte deine Geschichte sein. Das ist deine Geschichte. Hat Gott dir nicht dasselbe versprochen? Ist er nicht auch dir begegnet? "Ich habe dich erlöst." "Du bist mein." Und: "Ich bin bei dir alle Tage."

Eine neue Generation. Aber derselbe Gott.

Wann werden wir erkennen, dass Gott mit uns ist, wie er mit Christus gewesen ist?

Die Identifikation mit Christus, mit seinem Leben, das Gott dir schenkt, ist Zentrum des christlichen Taufversprechens.

Auch deine Geschichte kennt ein Wasserwunder. Auch dir ist Gott dir begegnet.

Und wenn du am Jordan stehst, ist er immer noch bei dir.

Eine neue Generation. Ein neues Ufer.

Aber derselbe Gott.


Der erste Schritt ist immer der schwerste.

Er braucht Vertrauen, Mut, trotzige Hoffnung. Gewissheit, dass Gott der ist, der er immer war.


Platsch.

Der Priester vorne links hat den Fuß gehoben. Seine Hoffnung ist trotzig. Jetzt gilt es. Jetzt wird es sich zeigen. Er setzt alles auf eine Karte.

Der große Zeh wird nass.

Der Fuß taucht ins Wasser. Angenehm kühl nach der Wüste.

Er spürt die Strömung, den Druck nach flussabwärts.

Er taucht ein, tiefer, vielleicht bis zur Mitte des Unterschenkels.

Platsch.

Sein Nachbar hat es ihm nachgetan.

Platsch. Platsch. Platsch.

Los marschieren sie. Den Blick stur nach vorne gerichtet. Man kann nur mutmaßen, was in ihren Köpfen vorgeht.

Vertrauen. Mut. Trotzige Hoffnung.


Und dann stehen sie drin.

Es gibt wohl kaum jemand, der euch erzählen könnte, wie sich das angefühlt hat. Kaum jemand hat das je so erlebt.

Sie stehen. Sie stehen auf trockenem Boden.

Mit einem Schlag ist die frische Kühle des Wassers wieder weg. Der laue Wüstenwind bläst um ihre nassen Schenkel.

Mit einem Schlag ist das Wasser weg. Ein letztes Rinnsal noch fließt nach Süden, dem toten Meer zu. Auf trockenem Grund. Der Rest staut sich irgendwo flussaufwärts.

Mit einem Schlag ist die Ungewissheit weg. Die Fragen. Die Zweifel, ob Gottes Versprechen wirklich belastbar sind.

Mit einem Schlag stehen sie auf sicherem Grund. Sie haben's kapiert. Ungläubiges Lachen leuchtet über ihr Gesicht. Hoffen. Glauben. Vertrauen.

Das Volk jubelt. Es gibt kein Halten mehr.

Gott ist wahrhaftig bei uns.


"Ich habe dich erlöst."

"Du bist mein."

"Ich bin bei dir alle Tage."


An neuen Ufern, bei jeder neuen Generation, bis heute, hier in Gäufelden bei dir:

Der Gott, der das versprochen hat -- auch bei deiner Taufe -- ist derselbe.

Er hält sein Wort.

Man kann sich auf ihn verlassen.

Was er zusagt, das ist gewiss.


Alles was du tun must, ist, loszugehen.

Platsch.

Mit Vertrauen, Mut und trotziger Hoffnung.

Der erste Schritt ist immer der schwerste. Aber er lohnt sich.

Heb deinen Fuß und tauche ihn voll Glauben ins Wasser.


Platsch.

Nur noch über den Jordan. Zu neuen Ufern.

Und dann sieh, und staune, was möglich ist mit Gott an deiner Seite.


"Ich habe dich erlöst."

"Du bist mein."

"Ich bin bei dir alle Tage."

"Sie werden erkennen, dass ich mit dir bin, wie ich es mit Mose gewesen bin."

"Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich Freude."

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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