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Herr Baklayan:
Interviewer:
Herr Baklayan:
Interviewer:
Herr Baklayan:
Das hatte den Vorteil, dass ich selbst im reinen Strom der Gurdjieff-Lehre erzogen wurde. Und die Gefahr der Vermischung war bei mir durchaus gegeben, da ich zu dieser Zeit bereits die Tradition der Shaolin-Mönche praktizierte und sogar eine Schule eröffnet hatte.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Umgekehrt habe ich in meiner inzwischen sehr alten Shaolin-Schule nie vom Vierten Weg gesprochen. Die Schule blieb und bleibt bis heute eine reine traditionelle Shaolin-Kung-Fu-Schule. Dr. Peterfalvi hat das alles sehr genau beobachtet, bis er sich über die Jahre ohne den geringsten Zweifel davon überzeugen konnte, dass ich die beiden Wege nicht nur formal und äußerlich, sondern auch aus innerer Überzeugung getrennt habe. Und damit hatte ich wohl diese Prüfung bestanden.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Der Strom des Vierten Weges ist etwas sehr Spezifisches. Der innere Kern, die Essenz dieser Lehre, ist mit etwas verbunden, das buchstäblich Zeit und Raum sprengt.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Das heißt nicht, dass man andere Traditionen und Methoden nicht betrachten oder würdigen darf. Aber in der Praxis führen Vermischungen langfristig nur zu schwächeren Ergebnissen.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Mein Lehrer hat nie etwas befohlen. Er legte einem etwas nahe und beobachtete dann, ob man es tat oder nicht. So schwieg ich etwa sieben Jahre lang. Irgendwann war er offenbar davon überzeugt, dass ich wirklich schweigen konnte.
Dann ergab sich, dass ich Vorbereitungsgruppen leitete, immer in enger Absprache mit ihm. Ich bereitete die Anwärter über Jahre hinweg vor, und wenn diese Gruppen so weit waren, stellte ich sie meinem Lehrer vor und übergab sie ihm.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Dr. Peterfalvi ging darin sehr weit. Schon der Gedanke oder das Gefühl „Das ist meine Gruppe“ ist eine Form der Aneignung und damit bereits falsch. Das entspricht auch einer objektiven Wahrheit, denn nichts gehört einem in diesem Leben.
Die Gruppe ist immer eine Gruppe von individuellen Wahrheitssuchern, die mit demjenigen, der die Aufgabe der Weitergabe erhalten hat, zusammenkommen und sich gegenseitig bei der Suche unterstützen. Danach kehrt natürlich jeder wieder in sein eigenes Leben zurück. Der Vierte Weg ist der Weg im Leben, nicht wahr? Es gibt keine Abhängigkeiten und es darf auch keine geben.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Den Menschen wird suggeriert, dass man etwas Besonderes ist, dass wir etwas Besonderes sind und dass die anderen nicht dazugehören und uns natürlich nicht verstehen. Der Anführer ist dann ebenfalls etwas ganz Besonderes.
In einer wahren Schule ist es genau umgekehrt. Dieses „wir und die anderen“ gibt es dort nicht. Es gibt lediglich einen aufrichtigen Wunsch, den Sinn und Zweck der eigenen Existenz zu verstehen, an sich selbst zu arbeiten und im Zuge dessen auch die Mitmenschen besser zu verstehen und zu dienen. „Wir und die anderen“ – das gibt es nicht. Herr Tracol hat immer gesagt: „Die Vereinigung der Schwächen ergibt niemals Stärke.“
Interviewer:
Herr Baklayan:
Darüber gibt es in der Literatur viele Anekdoten, und ich habe auch persönlich viele gehört, wie er es immer verhindert hat, dass man aus ihm etwas Besonderes machte. So hat es auch mein Lehrer praktiziert, und so wird es auch von mir weitervermittelt. Es geht immer nur um das Thema der inneren Arbeit, um innere Entwicklung, niemals um eine Person.
Im Grunde genommen gibt es in diesem Sinn auch nicht wirklich einen Lehrer, sondern nur einen Vermittler. Im Vierten Weg soll jegliche Imitation des Lehrers oder irgendeiner anderen Person unterbunden werden. Jedes Individuum muss selbst entdecken, wer es ist und was es ausmacht. Das war eine ganz wichtige Lektion. „Der wahre Meister ist das Leben“, sagte mir mein Lehrer immer wieder.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Ich wollte unbedingt, dass sie mit ihm arbeiten, aber er blieb beharrlich dabei und bestand darauf, dass ich weitermache. Er wusste, dass seine Tage gezählt waren. Er war damals fast 90 Jahre alt und wollte offensichtlich, dass ein organischer Übergang stattfindet.
Am Ende sah er sich diese letzte Gruppe und ihre Mitglieder doch noch einige Male an. Als er überzeugt war und gesehen hatte, dass der authentische Strom bereits in ihnen wirksam war, war klar: Das war die wichtigste Prüfung.
Nachdem dies geschehen war, bekam ich den Auftrag, einen Zweig dieser Schule in Deutschland weiterzuführen. Dabei habe ich auch das erhalten, was man im Orient Baraka nennt – den entsprechenden Segen. Ein solcher Segen verbindet einen endgültig und verpflichtet einen auch.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Interviewer:
Herr Baklayan:
Interviewer:
Herr Baklayan:
In meiner Jugend war es oft umgekehrt. Damals war es ein Ideal, eine Gruppe zu führen. Doch ich machte einschneidende Erfahrungen, man könnte sagen eine Art Bekehrung oder Erweckung.
Ich durfte ganz andere Dimensionen der inneren Arbeit erfahren, und mir wurde klar, welche lebenslange Verantwortung man für die innere Welt eines Menschen übernimmt und welchen Einsatz das erfordert. Die Schüler sind frei zu kommen und zu gehen. Doch derjenige, der den Prozess anstößt, muss jederzeit für das zur Verfügung stehen, was begonnen wurde. Ich fühlte mich dem damals nicht gewachsen. Das geht weit über das hinaus, was man sich gewöhnlich vorstellt.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Ich zeigte meinem Lehrer die ersten 60 Seiten und fragte ihn, ob ich weiterschreiben solle. Er ermutigte mich sehr und sagte: „Ja, es wird Zeit für Sie.“ Das war 2002. Ich schrieb etwa sieben Jahre lang, man könnte sagen unter seinem Einfluss. Anfang 2009 wurde das Buch veröffentlicht. Wer versucht, dieses Buch ernsthaft zu verstehen, merkt sofort, dass man in unbekannte Welten eintaucht.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Wenn es jedoch mit der inneren Arbeit zu tun hatte, hätte ich niemals etwas getan ohne seine Erlaubnis. Im Übrigen hat er mir im Laufe der Jahrzehnte auch vieles verweigert. Er machte klar, dass er es nicht wünschte.
Für mich kam es nie infrage, einen solchen Wunsch nicht zu respektieren. Auch das gehörte zu diesen Prüfungen, denn er ließ mir stets die Freiheit, seinen Wunsch zu ignorieren. Aber ich bin im Orient aufgewachsen und hätte diese Beziehung nie verraten können. Bis heute nicht. Ich saß praktisch 38 Jahre lang zu seinen Füßen, bis er 2014 von uns ging. Ich würde heute noch dort sitzen, wenn er noch leben würde.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Im Internet kann jeder behaupten, was er will, und dabei anonym bleiben. Anonymität bedeutet, dass jede Hemmung, falsche Behauptungen aufzustellen, verschwindet. Manchmal ist das Netz für mich zu einem weltweiten Stammtisch geworden, an dem getratscht und schlechtgemacht wird.
Das ist traurig, aber kaum zu vermeiden. Die Suggestibilität des Menschen hat Gurdjieff als eine der größten Schwierigkeiten auf dem Weg zur inneren Befreiung bezeichnet – wenn nicht sogar als die Schwierigkeit überhaupt. Die gröbste Suggestibilität ist, zu glauben, was andere sagen, ohne eigene Anstrengungen zu unternehmen, um der Sache selbst auf den Grund zu gehen.
Doch auch hier sind wir in guter Gesellschaft. Gurdjieff wurde von der Presse geradezu bestialisch angegriffen – das Internet von damals. Ich habe einige dieser Artikel gelesen und war fassungslos, was man ihm alles andichtete. Dasselbe geschah mit Jeanne de Salzmann, mit meinem Lehrer und geschieht heute in den USA mit Menschen, die ich teilweise persönlich kenne. Das sind völlig unsinnige Bewegungen.
Doch auch hier hatte mein Lehrer eine klare und saubere Haltung: Er hielt uns konsequent von jeder Gruppenpolitik fern.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Mein Lehrer hat uns von all dem konsequent abgeschirmt. Das Einzige, was ihn interessiert hat, war die intensive innere Arbeit. Für ihn saßen wir alle im selben Boot, und die anderen Gruppen hatten uns nicht zu interessieren. Ich bin ihm dafür zutiefst dankbar und auch verpflichtet. Ich versuche genau das in den Gruppen zu vermitteln, die sich mir anvertraut haben.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Erstens: Ist die Gruppe, das Gruppenangebot, ein Geschäft? Dient es dem Lebensunterhalt desjenigen, der es betreibt? Wenn ja, widerspricht das im Allgemeinen der Natur dieser Arbeit.
Zweitens: Gibt es Abhängigkeiten? Dieses „wir und die anderen“, über das wir vorhin gesprochen haben?
Drittens: Stammt der Lehrer aus einer authentischen Linie? Aus dem Kreis der Gurdjieff-Schüler, die ihn während seiner Lebenszeit zum Teil über 25 Jahre begleitet und die Essenz seiner Lehre wirklich empfangen haben, und von deren ältesten Schülern? Das ist ein sehr kleiner und überschaubarer Kreis. Aber bitte: Nicht im Internet recherchieren. Hier ist persönlicher Kontakt gefragt.
Und schließlich, als vielleicht wichtigstes Kriterium: Ist dieser besondere Einfluss spürbar? Der Strom, von dem Gurdjieff immer gesprochen hat. Er sprach von zwei Strömen: dem Strom des Lebens und dem Strom der Arbeit. Ist dieser Strom in den Gruppen spürbar?
Interviewer:
Herr Baklayan:
Man kann sich hier leicht irren. Anfangs glaubt man vielleicht, die richtige Gruppe gefunden zu haben. Aber man sollte seine Vernunft nicht ausschalten. Was nicht echt ist, wird der Prüfung der Zeit nicht standhalten. Dieser besondere Kontakt, der durch die ständige Erneuerung mit einem höheren Einfluss spürbar ist, wird fehlen.
Und wenn er fehlt, kommt es zwangsläufig zu Psychologisieren, zum Philosophieren, zum Formalisieren der Lehre und der Techniken. Es wird dogmatisch. Und am Ende kommt es doch zu Vermischungen mit anderen Systemen, weil dem selbsternannten Lehrer der innere Stoff ausgeht. Man sollte also sehr wachsam bleiben. Denn all das führt nicht zu dem, worauf Gurdjieff hingearbeitet hat. Im Übrigen hat er selbst davor gewarnt. Sein Legomonismus wird nicht lebendig weitergegeben.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Im Grunde genommen sind „Beelzebubs Erzählungen“ selbst ein Legomonismus. Ein Arbeitswerk, schwer zu entziffern. Genau wie das gesamte, unglaublich vielfältige Werk Gurdjieffs: die Bewegungen, die Musik, die Ideen, die Methoden. Wenn man sich ernsthaft damit auseinandersetzt, entdeckt man bald, dass es sich um eine der größten spirituellen Hinterlassenschaften der modernen Zeit handelt.
Die Hinterlassenschaft ist ein Legomonismus. Doch dieses Werk ist ohne eine Verbindung zu diesem Strom und ohne tiefe Bemühungen nicht zu verstehen. Beides geht Hand in Hand. Selbst nach 50 Jahren intensiver Auseinandersetzung fühlt man sich wie ein Anfänger.
Das liegt an jener Relativität, von der Gurdjieff gesprochen hat. Mit jedem Schritt ist man wieder ein Anfänger. Es erfüllt einen mit Leben, als wäre man neugeboren, und alles wird neu entdeckt. Man erfährt diese Freude am Sein, diese besondere Qualität, die mit nichts zu vergleichen ist.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Jacques Daumal, seine Frau und auch René Daumal gehörten zum inneren Kern, den Gurdjieff um sich versammelt hatte. Dieses alte Ehepaar hat für mich Unglaubliches bewirkt. Ich erinnere mich an beide mit tiefster Dankbarkeit.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Die Transmission der Linie geschieht durch diesen Kontakt und nicht durch Zugehörigkeit zu einer Institution oder einer Kirche. Und wie so oft bei Gurdjieff meinte er das mit dem „inneren Kern der Menschheit“ wortwörtlich.
Hier berühren wir die Idee der Esoterik, die mehr ist als nur eine Idee. Man muss sich von allen gängigen Vorstellungen über Esoterik lösen, um zu verstehen, was sich hinter seinen Worten verbirgt.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Der Beitrag Über die wahre Transmission des Vierten Weges erschien zuerst auf Gurdjieff Schule München.
Interviewer:
Dann folgen tiefe Meditationseinheiten, Austausch, Gruppen, Lesungen, Vorträge und Musik. Trotz der sehr dynamischen Aktivitäten ist der Ort zwischendurch von einer greifbaren Stille umgeben. Sie sind der Leiter des Hauses. Können Sie uns etwas über sich selbst erzählen? Wie kamen Sie zu dieser Lehre und was ist Ihr Ziel?
Herr Baklayan:
Dann hatte ich eine zufällige Begegnung mit bemerkenswerten Menschen aus dem ursprünglichen Kreis der Gurdjieff-Schüler. Das war etwa 1975. Menschen, die in ihrem Sein eine deutlich andere Qualität hatten. Menschen, bei denen es keine Diskrepanz gab zwischen dem, was sie sagten, und dem, was sie waren. Allein das war sehr berührend.
Die Entwicklung des Seins ist letztlich das Ziel dieser Arbeit. Schon beim ersten Kontakt mit diesen Menschen, die übrigens alle mit beiden Füßen fest im Alltag standen, wurde mir klar, dass die Antworten auf diese Fragen nur im Leben gefunden werden können. So, wie es Gurdjieff vermittelt hat. Nicht im Rückzug, nicht in einer Einsiedelei oder einem Kloster. Der vierte Weg ist also der Weg im Leben.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Interviewer:
Herr Baklayan:
Vor über hundert Jahren schrieb Ouspensky, dass die Gleichschaltung des Menschen im industriellen Zeitalter enorme Probleme erzeugen würde. Sie führt zu einer Verflachung in allen Bereichen. Auch Gurdjieff warnte immer wieder vor der stetigen Verflachung der menschlichen Vernunft, unter anderem in „Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel“.
Beide Aussagen sind heute aktueller denn je. Doch die modernen Bedingungen lassen dem Menschen kaum Zeit, darüber nachzudenken. Alles geht zu schnell. Die Ereignisse überschlagen sich.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Die sich globalisierenden Systeme und Medien verkaufen das als Fortschritt. Doch der gestresste Mensch mit mehreren E-Mail-Accounts, Social-Media-Profilen, Online-Banking, Online-Kursen und Coaching fragt sich ständig, wo die Zeit bleibt und warum sie so schnell vergeht.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Und diese Qualität oder diese Intensität hängt wiederum von den Verbindungen ab – zwischen dem, was Herr Gurdjieff die vergeistigten Prinzipien der menschlichen Natur bezeichnete. Also der mentalen, der emotionalen und physischen Intelligenz des Menschen. Diese Verbindungen dienen u. a. als Regler.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Und die Menschen spüren natürlich diese Beschleunigung und können so nichts dagegen tun. Aber zum Glück gibt es diese Regler in unserem System. Das sind diese Verbindungen, von denen ich gesprochen habe. Und diese speziellen Verbindungen haben sozusagen die Funktion des Regelns.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Herr Gurdjieff legte uns nahe, dass die Entwicklung des Menschen eben nicht die einseitige Entwicklung seiner Funktionalität sein kann, sondern die Entwicklung des Bewusstseins. Das Bewusstsein als Ergebnis einer harmonischen Verbindung und Entwicklung aller Aspekte seiner Individualität – also der mentalen, der emotionalen, der körperlichen und der instinktiven.
Er nannte sein Institut nicht umsonst das „Institut für die harmonische Entwicklung des Menschen“. Und er hinterließ sehr spezifische Methoden, um unter anderem die Verbindung dieser einzelnen Aspekte des Menschen zu entwickeln, also die Beziehung dieser verschiedenen Funktionen zueinander.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Sie können nicht sagen, woher es kommt, möchten aber wieder zur Ruhe kommen und verstehen, was der tiefere Sinn des Ganzen ist. Wenn das der Fall ist, wäre es töricht, die Suche aufzuschieben. Ein Leben ohne Suche ist ein verlorenes Leben.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Der allgemeine Grund ist ganz einfach der, dass Herr Gurdjieff Anfang des letzten Jahrhunderts in den Westen kam und die Menschen auf ihre Mechanizität, ihre Einseitigkeit und vor allem ihre Suggestibilität aufmerksam machte. Man könnte sagen, es war prophetisch, vorausschauend, als ob gewisse intelligente Kräfte bereits vor über hundert Jahren wussten – nicht nur, in welcher Lage sich die Menschheit befindet, sondern auch, wohin die Entwicklung gehen würde.
Denn im Grunde genommen sind genau diese Probleme inzwischen viel größer geworden. Und die entsprechenden sehr alten, bewährten Methoden, die er von seinen Reisen mitgebracht hatte – Methoden, die seit Urzeiten überliefert sind –, mussten in bestimmten Schulen oder Zentren Wurzeln schlagen. Für einen kleinen Kreis von Menschen, die ein ernsthaftes Interesse haben, praktisch und nicht nur theoretisch gegen diese Tendenzen zu kämpfen und sich davon zu befreien.
Für das Individuum ist der Grund der, dass wir Menschen meist dazu tendieren, alles auf bessere Zeiten zu verschieben. „Wenn es mir besser geht, wenn ich wieder Ruhe habe, dann werde ich an mir arbeiten.“ Weil wir überzeugt sind, dass wir es später besser machen können. Das ist das, was Gurdjieff die Krankheit „morgen“ nannte. Er sagte, wer an dieser Krankheit leidet, wird im Leben nichts erreichen.
Vielleicht klingelt da etwas in uns. Im Verschieben auf bessere oder günstigere Zeiten, um, wie es in der alten Sprache hieß, an der Rettung seiner Seele zu arbeiten, liegt ein tiefer Irrtum. Wenn man sich in einer Krise befindet, wenn die Frage nach dem Sinn in einem lebt, wenn die Bedingungen gegen einen sind, dann ist die Zeit reif.
Beantworten Sie sich selbst eine einfache Frage: Sind Sie in Ihrem Leben gewachsen, als es Ihnen gut ging, als Sie sorglos waren, oder als Sie sich in einer Krise befanden? Erinnern Sie sich eher an die guten Zeiten oder an die schwierigen? Sie werden feststellen, dass die Erinnerung an die schwierigen Zeiten meist tiefere Spuren hinterlässt. Wenn wir Lebenskrisen und Herausforderungen angenommen haben, sind wir im Leben gewachsen.
Man könnte sagen, das gilt seit unserer Kindheit. Viele Menschen fragen sich: Was geschieht mit mir? Wofür leben, wofür schuften und wofür leiden? Dann ist die Zeit gekommen, mit dieser Arbeit zu beginnen.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Denn als Nächstes bilden wir uns ein, dass durch das Wort bereits eine Lösung gefunden wurde. Aber wie sieht es in der täglichen Praxis aus? Aus der Sicht dieser Lehre hat man nur das verstanden, was man auch wirklich praktiziert, nicht das, was man weiß.
Nein, also unabhängig davon, dass es natürlich krankhafte Formen gibt, kennt doch jeder diese Tendenz. Und das ist ein Grund mehr, die Entscheidung nicht mehr zu verschieben, wenn das Bedürfnis zur Suche da ist.
Interviewer:
Schüler:
Und deswegen habe ich im Laufe der Zeit Anstrengungen unternommen, mit Leuten in Kontakt zu treten, mich darüber auszutauschen, mit Leuten darüber zu sprechen. Und bin letztendlich hier gelandet. Und ich kann mich gut erinnern an die erste Begegnung, denn diese war auf jeden Fall überraschend.
Interviewer:
Schüler:
Interviewer:
Schüler:
Und ehrlich gesagt hätte ich nie gedacht, dass es in der heutigen Zeit noch eine Schule gibt, die diese Lehre so authentisch und lebendig vermittelt. Das ist etwas schwierig zu erklären. Denn normalerweise, egal wo man hingeht, stehen irgendwann wirtschaftliche oder persönliche Interessen im Vordergrund.
Aber das ist hier anders. Dass ein solches tiefes Wissen und Menschlichkeit noch existiert, hatte ich nicht gedacht. Ganz ehrlich, ich bin unbewusst davon ausgegangen, dass es das nicht gibt, und habe es gar nicht in Betracht gezogen.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Nehmen wir nur einen wichtigen Aspekt: In uns sind bestimmte körperliche Haltungen immer mit gewissen emotionalen Haltungen gekoppelt. Und diese wiederum sind mit gewissen Denkmustern gekoppelt und umgekehrt. Ein Mensch kann niemals wirklich von selbst aus diesen Mustern ausbrechen.
Diese Bewegungen mit ihrer Präzision, mit völlig unerwarteten Strukturen und gleichzeitig mit den inneren Übungen, die man dabei ausführen muss, dazu die begleitende Musik und noch einiges mehr, öffnen plötzlich den Zugang zu völlig unbekannten Gedanken, Gefühlen und Zuständen. Es öffnet etwas. Gewisse Verbindungen werden hergestellt, wo vorher keine waren. Aber wie gesagt, das ist nur ein Aspekt von vielen.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Es ist im Grunde genommen die konzentrierte Wirkung aller Aspekte dieser Methode, die zu der gewünschten Umwandlung führt. Deswegen kommt man hierher. Etwas, wofür normalerweise ein Leben nicht ausreichen würde.
Deswegen ist es ein gewisser Nonsens, Bewegungen aus dem Kontext der gesamten Lehre herauszunehmen und sie isoliert zu lehren. Natürlich führt das zu einer gewissen Erfahrung, aber sie bleibt notwendigerweise begrenzt und einseitig, denn es fehlen dann sehr viele Aspekte.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Wissen Sie, ich selbst wollte anfangs sicher auch nicht mit anderen zusammenarbeiten. Am liebsten ganz persönlich mit einem großen Meister. Aber das ist Stolz und innere Schwäche.
Lassen Sie mich Goethe etwas frei zitieren:
Es gibt auch bestimmte Stufen in der inneren Entwicklung, die man allein nicht überwinden kann. Man braucht Hilfe. Eine Gruppe von Menschen, die das Gleiche versuchen. Ich habe erst im Laufe der Jahrzehnte erfahren und verstanden, wie zutreffend dieses Prinzip ist. Genauso wie ein Mensch mehr ist als die Summe seiner Teile, ist auch eine Gruppe mehr als die Summe ihrer Teilnehmer. Darüber könnte man noch nachdenken.
Interviewer:
Schüler:
Wie ist es für mich? Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, ob das hier wirklich etwas für mich ist. Es ist anders, als ich erwartet habe. Die Atmosphäre ist sehr dicht, sehr tief. Die Leute sind total nett, hilfsbereit, offen. Daran liegt es nicht.
Aber es ist mitunter so, als würde man gewissermaßen ins Leere fallen. Ich kann das nicht wirklich erklären. Bei dem, was gesprochen wird, ist alles sehr konzentriert. Sehr direkt. Man muss wirklich genau hinhören. Wenn man nicht aufpasst, verliert man den Faden und weiß dann nicht mehr, wovon genau gesprochen wird.
Interviewer:
Interviewer:
Herr Baklayan:
Befreit davon, zu glauben, dass die Antworten aus diesen Bereichen seinem Leben noch Sinn verleihen könnten. Er glaubt nicht mehr an diese Antworten, weil er im praktischen Leben intelligent genug war, vieles wirklich zu versuchen, und ent-täuscht wurde. Es wird ihm klar, dass die Antworten nicht auf der Ebene des Lebens zu finden sind.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Auch von diesem Irrtum, von dieser Täuschung, müssen wir uns befreien. Befreit sein, aber nicht entmutigt. Denn obwohl das äußere Leben ihm keine Antwort geben kann, spürt der Mensch im Inneren, dass es Antworten gibt. Nur liegen sie viel tiefer verborgen, als erwartet. Es kann nicht sein, dass alles keinen Sinn macht.
Und hier gibt ihm die Gurdjieff-Lehre nach und nach etwas in die Hand für seine Suche. Etwas, das nicht von den Einflüssen des Alltags kommt. Und dann wirft sie ihn zurück ins Leben, um dort wieder praktisch zu suchen und zu experimentieren.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Dafür gibt es Klöster oder andere Einrichtungen, die viel geeigneter sind. Das hier ist der Weg im Leben. Der vierte Weg, wie er manchmal genannt wird.
Er ist für Menschen, die nicht vom Leben, sondern von den üblichen Antworten des Lebens und von sich selbst enttäuscht sind. Menschen, die bemerken, dass alle üblichen Antworten einer wirklichen Prüfung im Alltag auf Dauer nicht standhalten. Denn die Kräfte, die in der Lage sind, die ganze Menschheit in diesem Schlaf zu halten, sind gewaltig. Man glaubt zu erwachen und schläft tiefer als zuvor.
Interviewer:
Schülerin:
Es wird stets eine neue Sicht auf innere Prozesse vermittelt und darauf, wie diese Prozesse in Beziehung stehen zum äußeren Leben. Und das ist immer unerwartet. Ich sehe Aspekte von mir, auf die ich selbst nie gekommen wäre.
Und die Gruppe ist der einzige Ort, wo ich Dinge tun kann, ohne den Zwang zu verspüren, von mir oder von anderen Ergebnisse zu erwarten. Das ist sehr befreiend. Es ist wie ein kurzer Moment, in dem ich mich aus dem reißenden Strom des Lebens herausziehen kann. Das ist faszinierend. Und das liebe ich sehr. Der Schwerpunkt ist immer das Erlernen einer Sache über sich selbst.
Interviewer:
Herr Baklayan:
Die Ausnahme sind die schweren Krisen. Die schwierigen Zeiten, Krankheiten, Schicksalsschläge. Wenn die Persönlichkeit den Deckel nicht mehr ganz darüber halten kann, dann meldet sich das Wesen. Den wahren Charakter eines Menschen lernt man erst dann kennen, wenn er in einer Krise ist.
Wenn es schwierig wird. Dann zeigen sich oft überraschende, unbekannte Züge. Schwächen, die manchmal im Wesen liegen, manchmal in der Persönlichkeit. In anderen Worten: das, was er wirklich ist. In Krisenzeiten nähern sich Persönlichkeit und Wesen an. Sie gehen aufeinander zu.
Das ist die Zeit, in der innere Arbeit am fruchtbarsten und gleichzeitig am dringendsten ist. Es ist eine Chance, eine Gelegenheit. Was im ersten Moment wie ein Fluch aussieht, kann eine Möglichkeit werden. Wenn man sie nicht ergreift, verpasst man eine Chance. Und wir müssen im Leben die gleichen Erfahrungen immer wieder wiederholen. Wer weiß, vielleicht sogar im nächsten Leben. Wenn man das versteht, hört man auf, passiv zu warten, und ergreift die Gelegenheit jetzt.
Der Beitrag Warum die Gurdjieff Arbeit heute? erschien zuerst auf Gurdjieff Schule München.
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