„Sexuelle Orientierung“ klingt wie eine Identitätskategorie. Aber was, wenn Orientierung wörtlich gemeint ist – als Ausrichtung im Raum? In dieser Folge denken wir mit Sara Ahmed darüber nach, wie Körper Linien folgen, wie „straight“ zur Norm wird – und warum Desorientierung politisches Potenzial hat.
Was ist „sexuelle Orientierung“ eigentlich? Eine Identitätskategorie? Ein Label? Eine Eigenschaft?In dieser Folge lesen wir Sara Ahmeds
Queer Phenomenology: Orientations, Objects, Others als radikale Verschiebung: Weg von Orientierung als Identität – hin zu Orientierung als verkörpertem Ausgerichtetsein in der Welt.Ausgehend von der klassischen Phänomenologie (Husserl, Heidegger, Merleau-Ponty) fragen wir:
- Wie entsteht Welt überhaupt?
- Von wo aus erscheint sie?
- Und wem erscheint sie als „nah“, „selbstverständlich“, „gerade“?
Husserl beschreibt den Leib als „Nullpunkt der Orientierung“ – das „Hier“, von dem aus Dinge sichtbar werden. Merleau-Ponty versteht den Körper als
body-subject: als leibliche Perspektive, durch die Nähe, Ferne und Handlungsmöglichkeiten überhaupt erst Sinn bekommen. Heidegger erinnert daran, dass wir uns immer schon in einer vertrauten Welt bewegen – entlang von Gewohnheiten und Praktiken.Ahmed nimmt diese Einsichten auf – und verschiebt sie politisch. Denn wenn Orientierung bedeutet, dass Körper auf bestimmte Dinge ausgerichtet sind, dann ist diese Ausrichtung nicht neutral. Sie folgt Linien. Historischen Linien. Sozialen Linien. Normativen Linien.„Straight“ bedeutet dann nicht nur heterosexuell – sondern gerade. Eine Linie, die vorgibt, wie sich Körper bewegen sollen. Welche Beziehungen selbstverständlich sind. Welche Zukunft plausibel erscheint.Queere Orientierung heißt, diese Linie nicht zu nehmen. Nicht nur im Sinne eines anderen Begehrens – sondern im Sinne eines anderen Weltbezugs. Andere Räume werden begehrbar. Andere Körper werden sichtbar. Andere Zukunft wird vorstellbar.Wir sprechen darüber,
- wie der Schreibtisch bei Husserl unsichtbare Räume produziert
- wie Habitualität (Gewohnheit) Welt stabilisiert
- wie Städte auf bestimmte Körper ausgerichtet sind
- und warum Desorientierung kein Defizit, sondern eine Möglichkeit ist.
Queerness erscheint hier als räumliche und soziale Desorientierung: als ein anderes Wenden, Drehen, Sich-Hin-Bewegen.
Und vielleicht ist genau das politisch.
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