Warum wird „Gender“ plötzlich überall als Bedrohung dargestellt? In dieser zu Judith Butlers
Who’s Afraid of Gender? sprechen wir über Butler als politische Angriffsfläche, über Anti-Gender als transnationales Muster der Angstpolitik und darüber, warum hier nicht einfach ein Begriff bekämpft wird, sondern eine ganze kritische Tradition. Es geht um moralische Panik, um Demokratie unter Druck — und um die Frage, was politisch mit „Gender“ gemacht wird.
In dieser ersten Folge unserer vierteiligen Reihe zu Judith Butler lesen wir
Who’s Afraid of Gender? als Buch über Gegenwartspolitik. Ausgangspunkt ist die Frage, was passiert, wenn Kritik nicht mehr argumentativ beantwortet, sondern affektiv blockiert wird. Butler zeigt: Das, was heute unter dem Schlagwort „Gender“ bekämpft wird, ist nicht einfach ein einzelner Begriff, sondern eine ganze kritische Tradition — das Infragestellen von Natürlichkeit, Selbstverständlichkeit und Ordnung.Wir sprechen zuerst über Judith Butler selbst: über deren philosophischen Hintergrund, die Rolle von
Gender Trouble für die Queer Theory, Butlers jüdische Prägung, die spezifische Personalisierung der Angriffe auf Butler und über die Frage, warum Butler bis heute als Symbolfigur für „postmoderne Theorie“ gelesen wird.
Im zweiten Teil der Folge fragen wir, warum
Who’s Afraid of Gender? gerade jetzt der richtige Text ist. Butler beginnt nämlich nicht mit einer Definition von Gender, sondern mit einer Diagnose: In sehr unterschiedlichen Ländern und politischen Kontexten wird „Gender“ als existenzielle Bedrohung inszeniert — für Kinder, Familien, Religion, Nation und gesellschaftliche Ordnung. Entscheidend ist, dass diese Angst überall ähnlich aussieht. Butler sieht darin ein transnationales politisches Muster.Zum Schluss arbeiten wir drei zentrale politische Funktionen von Angst heraus:
- Erstens delegitimiert sie feministische, queere und antirassistische Forderungen, indem sie sie als ideologische Angriffe framet.
- Zweitens verhindert sie demokratische Aushandlung, weil unter Bedingungen von Angst nicht mehr gestritten, sondern abgeschottet wird.
- Drittens stabilisiert sie autoritäre Machtverhältnisse, weil Kontrolle, Verbote und Repression dann als notwendige Verteidigung erscheinen.
Die Folge endet mit einer Hausaufgabe: Achtet bis zur nächsten Episode darauf, welche Schreckgespenster sich in Medien und Alltagsdebatten mit „Gender“ verknüpfen.
Zum Mitlesen:
- Butler, Judith (2024) Who's Afraid of Gender. Dublin: Penguin Books/Allen Lane.
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