Interpreten: Cuarteto Casals
Label: harmonia mundi
Seit Jahrhunderten beschäftigt „Die
Kunst der Fuge“ von Johann Sebastian Bach die Musikwissenschaft. Abfolge der
Sätze und Instrumentierung sind dabei nur zwei der nach wie vor diskutierten
Punkte. Mozart, Beethoven, Busoni, Krenek und viele andere haben Ausschnitte
daraus für eigene Werke verwendet und nun gibt es eine neue Aufnahme in der
Version mit Streichquartett, die das Cuarteto Casals vorgelegt hat. Wenn mit
Streichquartett, dann genau so, findet Michael Gmasz.
Weder im Bach’schen Autograph, noch im
Erstdruck finden sich Angaben zur Originalbesetzung der „Kunst der Fuge. Auch
wenn sich die Wissenschaft mittlerweile fast einig ist, dass die 14 Fugen und
vier Kanons wohl für Tasteninstrument verfasst wurden, bleibt doch aufgrund der
Notation in Partiturform eine Möglichkeit, dass die Originalbesetzung anders
gedacht war. Eine frühe Form des Streichquartetts könnte man sich dabei
durchaus vorstellen und so haben sich in den vergangenen Jahrzehnten auch immer
wieder namhafte Quartettformationen mit dieser „Geburt des aberwitzigen
Altertums“ (Marpurg im Vorwort des Erstdrucks) beschäftigt. Auf beeindruckende
Weise hier das spanische Cuarteto Casals.
Ganz im Goethe’schen Sinn sehen die
vier Musikerinnen und Musiker dieses Werk als „geistvolle Unterhaltung von vier
Leuten“, bei der alle gleichberechtigt agieren. Und trotzdem ist es natürlich
kein gefühlloses reines Abspielen von Tönen. Es ist ein Hervortreten und
Zurücknehmen, dynamische Steigerungen und ein Zurückkehren zum pianissimo. Das
Fugenthema ist immer irgendwo präsent, ohne mit dem Vorschlaghammer präsentiert
zu werden. Der Einsatz von Vibrato ist äußerst dezent bzw. fast nicht vorhanden,
was eine absolute Reinheit in der Intonation bedingt, die hier vollauf gegeben
ist. Klang wird somit vorwiegend über die Geschwindigkeit des Bogenstrichs
erzeugt. Absolut hohe Kunst des Streichquartettspiels! Ist man der Kunst der
Fuge bisher eher skeptisch gegenübergestanden, kann man es spätestens nach dem
Anhören dieser Aufnahme fast nur mit Alban Berg halten, der seiner Frau Helene
nach einer Aufführung 1928 in Zürich geschrieben hat: „Gestern Kunst der
Fuge gehört. Herrlich!! Ein Werk, das bisher für Mathematik gehalten wurde.