Christoph predigt

Reiß die Himmel auf


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Der Himmel ist grau, neblig trüb. So wie die matschige Straße, auf der mein Auto in den Kurven rutscht. Draußen heult der Wind um die Häuserecken. Die nassen Schneeflocken kommen mir waagrecht entgegen. Es ist furchtbar.

Das Wetter passt zur tristen Stimmung. Zu den Nachrichten: Neue Regeln. Weitere Bedingungen. Noch mehr abgesagt. Zahlen die steigen. Und keine Aussicht auf Besserung.

Der Himmel ist grau.

Auch über meine Nachbarin, die mit ihrem kleinen Geschäft in der Stadt jetzt kaum noch Hoffnungen auf das Weihnachtsgeschäft hat. Über den Kindern, die sich aufs Krippenspiel gefreut hatten. Über dem alten Mann ein paar Häuser weiter, der sich nicht mehr raus traut aus Angst, und der jetzt ganz allein zu Hause hockt. Über der Familie, deren Oma auf der Intensivstation um ihr Leben kämpft. Über Pflegekräften und Ärzt:innen, die vor Erschöpfung nicht mehr wissen, wohin, während sich die allerletzten Betten auch noch füllen. Über uns.

Der Himmel ist grau. Und verschlossen.

O Heiland, reiß die Himmel auf!

Ich spüre es schon körperlich, die Not, die schlechten Nachrichten. Corona. Klimakrise. Spannungen. Spaltung. Und die immer wieder die Einzelschicksale, die ich begleiten darf. Ich starre auf den Boden. Mein Nacken ist schon ganz verspannt. Der Rücken tut weh von der gefühlten Last, die wir alle tragen in dieser Zeit.

Ich starre auf den Boden.

Der Boden ist matschig und grau.

Wie der Himmel über ihm. Der verschlossene Himmel.

O Heiland, reiß die Himmel auf.

Wo bleibst du, Trost, der ganzen Welt?

Hie leiden wir die größte Not...


Kopf hoch!

"Kopf hoch", höre ich ihn sagen. "Seht auf und erhebt eure Häupter!"

Kopf hoch!

Das klingt so nach Durchhalteparole. Nach: Nur noch ein kurzes Stück. Nur noch ein wenig ertragen. Nur noch ein kleines bisschen, dann haben wir's geschafft. Ein paar Impfungen noch. Ein paar Opfer zu bringen. Ein paar Sonderschichten im Krankenhaus. Ein paar einsame Tage zu Hause. Ein paar triste Adventssonntage ohne Singen. Ein paar Schulstunden mit Maske.

Kopf hoch!

Das wird schon. "Wir schaffen das!" Eine Art Angela Merkel und Bob der Baumeister in einem.

Kopf hoch!

Die Regenbogen vom letzten Jahr sieht man kaum noch in den Fenstern. "Alles wird gut", stand damals drauf.

Echt jetzt? Alles wird gut?

"Jetzt war sie zwei, drei Tage stabil", hat man der Familie der Oma auf der Intensivstation am Wochenende gesagt. "Wahrscheinlich ist sie jetzt langsam über den Berg." Am Sonntagabend kam der Anruf aus dem Krankenhaus. Sie konnten sich gerade noch verabschieden. Am Freitag haben wir sie beerdigt.


O Heiland, reiß den Himmel auf!


"Kopf hoch", höre ich ihn sagen. "Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht."

Erlösung.


"'Unser Erlöser', das ist von alters her dein Name", sagt der Prophet an einem ähnlich grauen Tag.

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. (Jesaja 63,15-16)

O Heiland, reiß den Himmel auf.


Da wage ich es, den Blick zu heben. Nicht zum wolkenverhangenen, grauen Himmel. Darüber hinaus.

Es ist doch Advent!

Mein Blick fällt auf ihn, den Herrn, der gekommen ist, in diese graue, triste Welt. Der schon einmal die Himmel aufgerissen hat und gekommen ist in einem Kind, in seinem Sohn. Der selbst Mensch geworden ist. Erlöser. Retter. Heiland. Heil-macher. Der Heil und Leben mit sich bringt. In dem die Herrlichkeit Gottes Fleisch wurde, Mensch. Der das menschliche Leben auf und an sich nahm, durch alle grauen Tage hindurch bis hin zum Sterben selbst, zum Tod am Kreuz. Der schon einmal einen Vorhang zerrissen hat, der uns von ihm trennte.

Und der versprochen hat, wiederzukommen.


Schaut. War das nicht ein Blinken? Schimmert da nicht etwas durch die grauen Wolken?

Eifer und Macht. Große, herzliche Barmherzigkeit. Vater. Erlöser.

Advent. Er kommt. Er wird kommen, das ist sicher.

Der Heiland reißt die Himmel auf.

Die dick grauen, wolkenverhangenen, bleiernen Himmel über uns.

Er kommt und führt mit starker Hand vom Elend hin zum Vaterland.


"Kopf hoch", höre ich ihn sagen. "Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht."

Ich starre in den Himmel. Ich kann die Augen nicht mehr abwenden von dem, was hinter all dem Grau entgegenschimmert.

Meine Nackenmuskeln straffen sich. Mein Rücken wird gerade. Ich richte mich auf. Die Schultern gehen zurück.

Ich schaue mutig nach vorne.

Meine Erlösung naht. Mein Heiland reißt die Himmel auf.


Das ist meine Hoffnung:

Auch hat man es von alters her nicht vernommen. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren. (Jesaja 64,3)


Der Himmel ist grau. Aber die Hoffnung scheint mitten hindurch.

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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