
Sign up to save your podcasts
Or


Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.
Lesung aus dem 94. Psalm, aus dem 16. Vers:
Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)
Da klagt einer.
Aus gutem Grund: Das Unrecht schreit zum Himmel. Unvernunft ist an der Tagesordnung. Ungerechtigkeit regiert. Die Schwachen werden unterdrückt und ausgebeutet. So überwältigend, so greifbar ist das Böse, dass man sich fast körperlich bedrückt fühlt. "Sie zertreten dein Volk, Herr."
Da klagt einer.
Aber klagen allein hilft ja nicht. Es muss etwas geschehen. Es muss sich etwas ändern. Das Böse darf nicht die Oberhand behalten.
Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)
Wie dankbar kann die Welt sein für Menschen, die angesichts von Ungerechtigkeit und Unterdrückung nicht nur wegsehen. Das ist ja die einfache Lösung, solange es nur andere betrifft. Wegsehen. Mund halten. Weg ducken. Nicht auffallen, damit es einen nicht selber trifft.
Gott bewahre, ich will kein Urteil fällen über viele, die lieber geschwiegen haben. Lieber nichts gewusst, nichts geahnt hatten. Ich bin ja nicht in ihren Schuhen. Ich weiß nicht, was sie für Familie und Freunde, für Haus und Hof, für Leib und Leben zu befürchten hatten. Die unsäglichen Geschichten der Opfer von Tailfingen-Hailfingen und so vieler Tausend anderer lassen es mich ahnen. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wäre ich gefragt gewesen. Ich weiß nur, was ich mir wünsche, ich würde es an ihrer Stelle tun.
Gott sei Dank für die Menschen, die nicht schweigen. Die dem Bösen widerstehen, nicht nur um ihrer selbst, sondern auch um der anderen Willen. Gerade für die, die sich selbst nicht wehren können. Widerstand. Résistance.
Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)
In der Theorie sind sich da schnell alle einig. Aber Widerstand hat immer seinen Preis. Actio gleich reactio, das gilt nicht nur in der Physik. Wer widersteht, muss damit rechnen, bald selbst auch betroffen zu sein. Dietrich Bonhoeffers berühmtes Bild vom Rad spricht eine deutliche Sprache davon: Man müsse, schreibt er im April 1933 in seinem Aufsatz "Die Kirche und die Judenfrage", "nicht nur die Opfer unter dem Rad [zu] verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen [zu] fallen." Wer schon einmal seine Hand in die Speichen eines Fahrrads gebracht hat, weiß, wie schmerzhaft das ist. Man muss es gar nicht ausprobieren, um das zu verstehen. Widerstand gegen das Böse hat seinen Preis.
Wenn wir heute in der Kirche davon reden, dann ist kein geringerer als Jesus Christus selbst das beste Beispiel davon. Sein Widerstand gegen das Böse hat ihn auf grausame Weise das Leben gekostet. Und denen, die er in seine Nachfolge ruft -- also auch uns -- sagt er sehr deutlich, man müsse dazu "sein Kreuz auf sich nehmen."
Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)
Es reicht nämlich nicht, liebe Brüder und Schwestern, an die Opfer derer vor uns zu erinnern, die der Widerstand gegen das Böse so viel gekostet hat. Nicht, wenn wir nicht selbst auch die Frage an uns, an unsere Zeit hören: Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN) Denn auch wenn wir nicht verantwortlich für die Schrecken der Vergangenheit sind, nehmen sie uns in die Verantwortung, jeden auch noch so kleinen Ansatz einer Wiederholung dieser Schrecken zu verhindern.
Weil mit dem Fall eines bösen Regimes und dem Abbau der Lager das Böse ja nicht einfach verschwunden ist aus dieser Welt, muss uns das vor die Frage stellen: Wo ist heute, hier bei uns, Widerstand nötig? Wo sind wir gefragt, uns gegen das Böse zu erheben und den Übeltätern entgegen zu treten? Und: Was lassen wir uns das kosten
Ich möchte einen kleinen Moment innehalten, um das gerade erwähnte Bonhoeffer-Zitat korrekt zu verorten. Das ist nötig, ganz besonders in einer Zeit, in der dieses Zitat viel zu oft in ganz falschen Zusammenhängen auftaucht. Wenn die Unzufriedenen, die Selbstbezogenenen, die rückwärts gewandten Menschenverächter heute meinen, man müsse dem demokratischen Rechtsstaat "in die Speichen fallen", wenn Bonhoeffer als rechtspatriotischer Held verklärt wird wie in der auch hierzulande gut verkauften Biografie von Eric Metaxas, dann ist schon das ein Punkt, wo Widerstand nötig ist. Manchmal reicht ja dazu ein fact check noch aus. Bei Bonhoeffer geht es schon 1933 um den "rechtlosen Staat". Dem gegenüber sieht er die Kirche (wohlgemerkt: die Kirche) in der Pflicht, erstens, die Legitimität staatlichen Unrechtshandelns zu hinterfragen und, zweitens, den Opfern solchen Unrechtshandelns beizustehen. Es geht also nicht um irgendeinen Widerstand, sondern um den Widerstand der Gemeinschaft der Christen gegen das Böse. Erst die dritte Option ist für Bonhoeffer das berühmte "dem Rad in die Speichen fallen." "Solches Handeln", merkt er an, "wäre unmittelbar politisches Handeln [der Kirche] und ist nur dann möglich und gefordert, wenn die Kirche den Staat in seiner Recht und Ordnung schaffenden Funktion versagen sieht, d.h. wenn sie den Staat hemmungslos ein Zuviel oder Zuwenig an Ordnung und Recht verwirklichen sieht."
Ich danke Gott von ganzem Herzen, das dies nicht den Ist-Zustand in unserem Land beschreibt!
Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)
Heißt das, Widerstand ist für uns kein Thema? Im Gegenteil: Gerade weil wir noch in einem freien Rechtsstaat leben, ist es ja noch ein vergleichbar Leichtes, sich Entwicklungen hin zu Unrecht und Unterdrückung zu widersetzen. Wir brauchen dazu ja zum Glück keine Guerillataktiken, keine Attentate auf Machthaber, keine unter Lebensgefahr aufgebauten geheimen Netzwerke. Wir müssen auch nicht um unser Leben fürchten. Uns geht es doch gut. Aus einer äußerst privilegierten Position heraus haben wir die Freiheit, in Wort und umarmend-entwaffender Tat aufzustehen für das Gute und gegen alle Tendenzen zum Bösen. Wir müssen so gut wie nichts dafür befürchten.
Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)
Wer, wenn nicht wir, hier und heute? In Gesprächen, durch unser Dasein, durch Widerspruch und Fakten, durch Zeichen von Liebe, Annahme und Gemeinschaft, durch trotziges Reden von der Hoffnung, durch geduldiges Wiederholen von Fakten, durch Zuhören und Hinterfragen und durch Kreuze in der Wahlkabine -- wo immer wir Gelegenheit dazu finden oder Gelegenheit dazu schaffen können, lasst uns das tun.
Brüder und Schwestern,
Lasst das unser Gedenken an die Opfer eines grausamen Regime sein -- und heute ganz besonders an die, die für ihren Widerstand teuer bezahlten: Lasst uns mit aller Kraft und Überzeugung dafür eintreten, dass es sich nie wiederholt, was an ihnen geschehen ist! Lasst uns mit aller Kraft und Überzeugung dafür eintreten, dass das Gute, die Hoffnung, Solidarität und Gemeinschaft, Friede und Verständigung wachsen und blühen in unserer Mitte. Lasst uns mit aller Kraft und Überzeugung hoffen, glauben und leben, dass "we shall overcome", dass das Böse mit Gottes Hilfe und mit Gutem überwunden werden kann.
Dann sind wir echte Nachfolger des Menschenfreundes Jesus.
Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Römer 15,13)
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.
Lesung aus dem 94. Psalm, aus dem 16. Vers:
Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)
Da klagt einer.
Aus gutem Grund: Das Unrecht schreit zum Himmel. Unvernunft ist an der Tagesordnung. Ungerechtigkeit regiert. Die Schwachen werden unterdrückt und ausgebeutet. So überwältigend, so greifbar ist das Böse, dass man sich fast körperlich bedrückt fühlt. "Sie zertreten dein Volk, Herr."
Da klagt einer.
Aber klagen allein hilft ja nicht. Es muss etwas geschehen. Es muss sich etwas ändern. Das Böse darf nicht die Oberhand behalten.
Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)
Wie dankbar kann die Welt sein für Menschen, die angesichts von Ungerechtigkeit und Unterdrückung nicht nur wegsehen. Das ist ja die einfache Lösung, solange es nur andere betrifft. Wegsehen. Mund halten. Weg ducken. Nicht auffallen, damit es einen nicht selber trifft.
Gott bewahre, ich will kein Urteil fällen über viele, die lieber geschwiegen haben. Lieber nichts gewusst, nichts geahnt hatten. Ich bin ja nicht in ihren Schuhen. Ich weiß nicht, was sie für Familie und Freunde, für Haus und Hof, für Leib und Leben zu befürchten hatten. Die unsäglichen Geschichten der Opfer von Tailfingen-Hailfingen und so vieler Tausend anderer lassen es mich ahnen. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wäre ich gefragt gewesen. Ich weiß nur, was ich mir wünsche, ich würde es an ihrer Stelle tun.
Gott sei Dank für die Menschen, die nicht schweigen. Die dem Bösen widerstehen, nicht nur um ihrer selbst, sondern auch um der anderen Willen. Gerade für die, die sich selbst nicht wehren können. Widerstand. Résistance.
Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)
In der Theorie sind sich da schnell alle einig. Aber Widerstand hat immer seinen Preis. Actio gleich reactio, das gilt nicht nur in der Physik. Wer widersteht, muss damit rechnen, bald selbst auch betroffen zu sein. Dietrich Bonhoeffers berühmtes Bild vom Rad spricht eine deutliche Sprache davon: Man müsse, schreibt er im April 1933 in seinem Aufsatz "Die Kirche und die Judenfrage", "nicht nur die Opfer unter dem Rad [zu] verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen [zu] fallen." Wer schon einmal seine Hand in die Speichen eines Fahrrads gebracht hat, weiß, wie schmerzhaft das ist. Man muss es gar nicht ausprobieren, um das zu verstehen. Widerstand gegen das Böse hat seinen Preis.
Wenn wir heute in der Kirche davon reden, dann ist kein geringerer als Jesus Christus selbst das beste Beispiel davon. Sein Widerstand gegen das Böse hat ihn auf grausame Weise das Leben gekostet. Und denen, die er in seine Nachfolge ruft -- also auch uns -- sagt er sehr deutlich, man müsse dazu "sein Kreuz auf sich nehmen."
Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)
Es reicht nämlich nicht, liebe Brüder und Schwestern, an die Opfer derer vor uns zu erinnern, die der Widerstand gegen das Böse so viel gekostet hat. Nicht, wenn wir nicht selbst auch die Frage an uns, an unsere Zeit hören: Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN) Denn auch wenn wir nicht verantwortlich für die Schrecken der Vergangenheit sind, nehmen sie uns in die Verantwortung, jeden auch noch so kleinen Ansatz einer Wiederholung dieser Schrecken zu verhindern.
Weil mit dem Fall eines bösen Regimes und dem Abbau der Lager das Böse ja nicht einfach verschwunden ist aus dieser Welt, muss uns das vor die Frage stellen: Wo ist heute, hier bei uns, Widerstand nötig? Wo sind wir gefragt, uns gegen das Böse zu erheben und den Übeltätern entgegen zu treten? Und: Was lassen wir uns das kosten
Ich möchte einen kleinen Moment innehalten, um das gerade erwähnte Bonhoeffer-Zitat korrekt zu verorten. Das ist nötig, ganz besonders in einer Zeit, in der dieses Zitat viel zu oft in ganz falschen Zusammenhängen auftaucht. Wenn die Unzufriedenen, die Selbstbezogenenen, die rückwärts gewandten Menschenverächter heute meinen, man müsse dem demokratischen Rechtsstaat "in die Speichen fallen", wenn Bonhoeffer als rechtspatriotischer Held verklärt wird wie in der auch hierzulande gut verkauften Biografie von Eric Metaxas, dann ist schon das ein Punkt, wo Widerstand nötig ist. Manchmal reicht ja dazu ein fact check noch aus. Bei Bonhoeffer geht es schon 1933 um den "rechtlosen Staat". Dem gegenüber sieht er die Kirche (wohlgemerkt: die Kirche) in der Pflicht, erstens, die Legitimität staatlichen Unrechtshandelns zu hinterfragen und, zweitens, den Opfern solchen Unrechtshandelns beizustehen. Es geht also nicht um irgendeinen Widerstand, sondern um den Widerstand der Gemeinschaft der Christen gegen das Böse. Erst die dritte Option ist für Bonhoeffer das berühmte "dem Rad in die Speichen fallen." "Solches Handeln", merkt er an, "wäre unmittelbar politisches Handeln [der Kirche] und ist nur dann möglich und gefordert, wenn die Kirche den Staat in seiner Recht und Ordnung schaffenden Funktion versagen sieht, d.h. wenn sie den Staat hemmungslos ein Zuviel oder Zuwenig an Ordnung und Recht verwirklichen sieht."
Ich danke Gott von ganzem Herzen, das dies nicht den Ist-Zustand in unserem Land beschreibt!
Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)
Heißt das, Widerstand ist für uns kein Thema? Im Gegenteil: Gerade weil wir noch in einem freien Rechtsstaat leben, ist es ja noch ein vergleichbar Leichtes, sich Entwicklungen hin zu Unrecht und Unterdrückung zu widersetzen. Wir brauchen dazu ja zum Glück keine Guerillataktiken, keine Attentate auf Machthaber, keine unter Lebensgefahr aufgebauten geheimen Netzwerke. Wir müssen auch nicht um unser Leben fürchten. Uns geht es doch gut. Aus einer äußerst privilegierten Position heraus haben wir die Freiheit, in Wort und umarmend-entwaffender Tat aufzustehen für das Gute und gegen alle Tendenzen zum Bösen. Wir müssen so gut wie nichts dafür befürchten.
Wer wird sich für mich gegen die Bösen erheben, wer tritt gegen die Übeltäter für mich ein? (Psalm 94,16 EIN)
Wer, wenn nicht wir, hier und heute? In Gesprächen, durch unser Dasein, durch Widerspruch und Fakten, durch Zeichen von Liebe, Annahme und Gemeinschaft, durch trotziges Reden von der Hoffnung, durch geduldiges Wiederholen von Fakten, durch Zuhören und Hinterfragen und durch Kreuze in der Wahlkabine -- wo immer wir Gelegenheit dazu finden oder Gelegenheit dazu schaffen können, lasst uns das tun.
Brüder und Schwestern,
Lasst das unser Gedenken an die Opfer eines grausamen Regime sein -- und heute ganz besonders an die, die für ihren Widerstand teuer bezahlten: Lasst uns mit aller Kraft und Überzeugung dafür eintreten, dass es sich nie wiederholt, was an ihnen geschehen ist! Lasst uns mit aller Kraft und Überzeugung dafür eintreten, dass das Gute, die Hoffnung, Solidarität und Gemeinschaft, Friede und Verständigung wachsen und blühen in unserer Mitte. Lasst uns mit aller Kraft und Überzeugung hoffen, glauben und leben, dass "we shall overcome", dass das Böse mit Gottes Hilfe und mit Gutem überwunden werden kann.
Dann sind wir echte Nachfolger des Menschenfreundes Jesus.
Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Römer 15,13)

0 Listeners