Es ist gar nicht mal so leicht, heutzutage einen Young Professional auf sich aufmerksam zu machen, ihn für das eigene Unternehmen zu gewinnen und dauerhaft zu halten. Denn Young Professionals, also die zwischen 1980 und 2000 Geborenen, sind anspruchsvoll und haben eindeutige Ausrichtungen. Werden die nicht erfüllt, dann verschwindet der Young Professional.
Ich habe kürzlich mit anderen eine großangelegte Studie zu genau diesem Thema durchgeführt. Sie erstreckte sich über sechs Länder innerhalb Europas. Sie fokussierte sich zwar auf die Baumaschinenvermieter-Branche, ist aber gerade deshalb so wahnsinnig nützlich für allgemeine Darstellungen der häufigsten Probleme und möglichen Lösungen. Weshalb? Weil die Baumaschinenvermieter-Branche eine absolute Nischenbranche ist. Sofern man nicht gerade Daimler oder Google heißt oder sonst einen großen Namen trägt, hat jedes kleine bis mittelständische Unternehmen mit denselben Problemen zu kämpfen wie die Vermieter von Baumaschinen.
Studie: Die 5 häufigsten Probleme beim Anwerben von Young Professionals
Also, wie sieht der problematische Status quo nun aus?
Erstens, Image-Probleme: Kaum eine andere Generation legt so viel Wert auf Image und Ruf eines Unternehmens (als Arbeitgeber) wie die Generation Y, also die Gruppe, aus der sich heutzutage die Young Professionals rekrutieren. Meist scheitert es schon hieran, überhaupt Young Professionals für sich zu begeistern, weil das Image schlecht oder altbacken ist oder – der Super-GAU –, weil das Unternehmen bei jungen Leuten schlicht nicht bekannt ist. Frage Dich also, wie Dein Image gegenwärtig aussieht, und was Du dafür tust. Reicht es aus?
Zweitens, Probleme bei der Außendarstellung: Das hängt eng mit dem Image-Problem zusammen, geht aber weit darüber hinaus. Wie wirkt Dein Unternehmen von außen? Gut, interessant, spannend? Langweilig, kompliziert, irgendwie in den 90ern stehengeblieben? Solche Fragen sind eminent wichtig für Young Professionals, denn jedes Unternehmen, dessen Website fad aussieht oder user-unfreundlich ist, wird von ihnen aussortiert. Sie schauen außerdem danach, ob und wie Du Dich in den Social-Media-Kanälen präsentierst. Vergiss nicht: Facebook, Twitter, Xing oder LinkedIn sind der erste Kontakt für Young Professionals mit Dir. Laut meiner Studie betrifft die Außendarstellung außerdem Deine Büros, sowohl von innen als auch von außen. Sehen sie ansprechend aus, so wie ein Arbeitsplatz, an dem man gern und heimelig arbeitet? Oder eher nach wirtschaftlichem Funktionalstil?
Drittens, Probleme mit dem War for Talents. Gerade für die Baumaschinen-Vermieter ist das Feilschen um die besten Talente ein harter Konkurrenzkampf. Da die Branche nach außen ziemlich unbekannt ist, muss aus dem brancheninternen Pool gefischt werden und da sind die Talente rar, der Kampf hart und, na ja, beliebt man sich nicht gerade, wenn man dem Konkurrenten ständig die Mitarbeiter klaut. So wie dort sieht es in vielen kleineren Branchen aus. Halte deshalb Ausschau nach Talenten außerhalb Deiner Branche. Da ist der Markt größer und Externe bringen frischen Wind in Deinen Betrieb. Das kann alte, festgefahrene Strukturen schnell aufbrechen und zu mehr Leistung und Innovation führen.
Viertens, Probleme mit dem verflixten ersten Jahr. Das erste Jahr ist die entscheidende Phase, um die Frage zu beantworten: Bleibt der Neue dauerhaft oder zieht er schon wieder weiter? Die meisten Young Professionals stellen recht zügig fest, dass ihnen etwas am Unternehmen nicht passt, und verlassen es daraufhin. Das liegt, wie die Studie erhellt, auch an den hohen Erwartungen, die Young Professionals, meist Uni-Absolventen ohne praktische Erfahrung, in puncto Gehalt und Aufstiegschancen haben. Die werden recht schnell enttäuscht und, zack, liegt die Kündigung auf dem Schreibtisch. Auf der anderen Seite beklagen Personaler vor allem, dass die jungen Uni-Abgänger zwar hohe Ansprüche stellen, aber aufgrund fehlender Praxis-Erfahrung meist keinen Nutzen für das Unternehmen mitbringen. Schiebe dieser Fehlentwicklung am besten einen Riegel vor durch eines der Tools, um das uns die halbe Welt beneidet: das Duale Studium. Studieren und gleichzeitig Praxis-Erfahrung sammeln beugt unrealistischen Erwartungen vor – und damit Kündigungen innerhalb des verflixten ersten Jahres.
Fünftens, das Problem mit der Diversität. Wie divers ist Dein Unternehmen? Hast Du Vielfalt verschlafen? Ist es nur ein Marketing-Buzzword ohne Repräsentation in der Unternehmensrealität? Oder lebst Du die Vielfalt schon auf allen Ebenen und in allen Unternehmensbereichen? Die Aufstellung Deiner Belegschaft in möglichst großer Vielfalt ist kein Trend, sondern eine Gerechtigkeits- und Effektivitätsfrage. Je diverser Dein Unternehmen, desto attraktiver und fortschrittlichster erscheinst Du Young Professionals. Je vielfältiger, desto mehr Perspektiven, unterschiedliche Erfahrungen, Ideen, Biographien und damit umso mehr und innovativere Lösungen für Dich. Diversität bedeutet nicht „nur" die paritätische Aufteilung Deiner Belegschaft in Mann und Frau, sondern auch die Vielfalt an Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, Ursprüngen oder Herkünften.
Wie kommst Du überhaupt an Young Professionals?
Erstmal: Präsent sein. Wahrgenommen werden. Wer Dich nicht kennt, wird sich nicht bei Dir bewerben. Klingt viel zu offensichtlich, aber meine Erfahrung als Unternehmensberater und Trainer für junge Mitarbeiter zeigt mir erstaunlicherweise oft das Gegenteil. Viele Unternehmen sind dort nicht präsent, wo junge Leute sind; sie versuchen nicht, diese zu umwerben und wundern sich dann, dass kaum ein Young Professional bei ihnen anheuert. Hier geht es nämlich nicht nur darum, ob man Dich als Marke, sondern auch als Arbeitgeber-Marke kennt.
Wo findest Du nun Young Professionals? Messen sind immer ein guter Anlaufpunkt, aber am besten ist es, wenn die Young Professionals nicht zu Dir kommen müssen (wie auf Messen), sondern wenn Du sie in ihrer natürlichen Umgebung aufsuchst: in den Social Media. Hier stehen Dir nämlich – im Gegensatz zu herkömmlichen Werbemaßnahmen – Top-Instrumente zur Verfügung, um ein treffsicheres Targeting für die passenden Mitarbeiter durchzuführen. Frage Dich hierzu: Wie sieht Dein perfekter Mitarbeiter aus? Verpass ihm ein Profil, verleihe ihm Eigenschaften, Hobbies, Interessen und Leidenschaften, absolute Hass-Objekte usw. Versetze Dich in ihn und frage Dich: Welche Serie schaut er an? Auf welchem Kanal erreiche ich ihn? Mit solch präzisen Profil-Typen kannst Du in den Social Media Anzeigen schalten, die dann bei Deinem idealen Bewerber angezeigt werden. Überleg Dir gut, was für ein Typ Mensch Dein idealer Mitarbeiter sein soll, denn er muss nicht nur von seinen Kompetenzen her zu Deinem Unternehmen passen, sondern auch von seiner Persönlichkeit. Denn: Fähigkeiten kann man trainieren, Persönlichkeiten nicht.
Wo wir's vorhin vom Dualen Studium hatten: Wenn solche Ausbildungsmaßnahmen für Deinen Betrieb eine Nummer zu groß sind, dann baue Traineeprogramme auf. Ein solches liefert den frischen Absolventen Praxis-Erfahrung und Einblicke. Viele sind darüber happy, weshalb sie bereit sind, auf ein hohes Anfangsgehalt zu verzichten. Oder biete ein Gap Year an: Viele Bachelor-Absolventen wollen nach all der Theorie mal ein bisschen Praxis-Luft schnuppern, ehe es mit dem Master weitergeht. Warum nicht ein Jahr lang bei Dir im Betrieb? Ein solches Gap Year ist auch eine gute Gelegenheit für Empfehlungsmarketing. Ist Dein Gap-Yearler zufrieden bei Dir gewesen, wird er seinen Kommilitonen davon berichten und Dich als Arbeitgeber weiterempfehlen. Auch so kommst Du (billig und ohne allzu große eigene Anstrengungen) zu Young Professionals.
Young Professionals halten – was sagt meine Studie dazu?
Du hast jetzt einige Young Professionals angeheuert, nun musst Du sicherstellen, dass sie Dir nach knapp einem Jahr – die heikle Phase! – nicht von der Stange gehen und aus Unlust kündigen. Außerdem stellt der Zeitraum von drei bis fünf Jahren eine kritische Phase dar: Innerhalb dieser Zeit erwarten Young Professionals Abwechslung, Aufstiegschancen, Veränderung o. Ä. – oder sie kündigen.
Auch hier ist es oft eine Frage der Kommunikation. Du hast Aufstiegsmaßnahmen und Karriere-Booster en masse, aber wissen Deine Young Professionals davon? Du musst ihnen das regelmäßig und auf Eigeninitiative hin kommunizieren. Einmal im Jahr ist zu wenig. Ebenso kommt es zu spät, wenn Dein Young Professional Dir eröffnet, Dich verlassen zu wollen. Antizipiere mögliche Wechselgelüste und informiere und locke ständig mit den Aufstiegsmöglichkeiten.
Gleiches gilt für Feedback. Die GenY ist sehr feedbackfreudig. Sie will immer wissen, wie sie war, ob man mit ihrer Arbeit zufrieden ist usw. Gib auch hier regelmäßig und von Dir aus Feedback. Wenn Du dazu aufgefordert wirst, reagiere schnell. Die GenY-Leute sind nämlich ungeduldig. Bekommen sie innerhalb von 24 Stunden keine Rückmeldung, dann sind sie unzufrieden.
Eine kreative Chance, um Spannung bei Young Professionals aufrechtzuhalten, ist das Job Rotating. Warum mal nicht im selben Unternehmen auf eine (komplett) andere Position mit anderen Aufgaben wechseln? Neue Herausforderungen und Aufgaben, aber die gleiche Hierarchie-Ebene – spannend!
Des Weiteren empfehle ich Dir noch die beiden Klassiker des Young-Professional-Retainings: flexible Arbeitszeiten und Home-Office. Gerade für eine gesunde Work-Life-Balance oder für eine geglückte Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind beide Maßnahmen top – und deshalb sehr beliebt. Oft knien Mitarbeiter, die flexibel von Zuhause aus arbeiten können, sich sogar mehr rein als andere, weil der Griff zum Laptop nicht weit ist oder viel Zeit durch den Wegfall von Pendeln gespart wurde.
Zum Abschluss ein Tipp, der sich immer mehr durchsetzt: Versuche, umfangreich Daten über Deine Personalentwicklung, deren Status quo etc. zu sammeln. Das Ganze nennt sich Human Ressource Controlling & Analytics und setzt sich dank moderner Digital- und EDV-Technik zunehmend durch. Je umfangreicher Dein HR-Tracking, Deine Statistiken über Deine Belegschaft ist, desto besser weißt Du über Dein Unternehmen Bescheid, kannst Trends und Probleme antizipieren, Potentiale entdecken und Dein Business auf solider Datenbasis nach vorn bringen.
Um damit gleich anzufangen, habe ich Dir ein zweiseitiges Fact-Sheet über meine oben genannte Studie erstellt. Darin findest Du die wichtigsten Erkenntnisse, die häufigsten Probleme und meine Lösungsvorschläge dazu präzise zusammengefasst. So hast Du eine Checkliste, um Dein Retaining von Young Professionals auf Herz und Nieren zu überprüfen. Die Liste ist kostenlos und natürlich ohne Verpflichtungen. Du findest sie hier: blog.danielwalzer.de
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