Christoph predigt

Saatgut und Ernte


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Und er fing abermals an, am Meer zu lehren. Und es versammelte sich eine so große Menge bei ihm, dass er in ein Boot stieg, das im Wasser lag, und er setzte sich; und alles Volk stand auf dem Lande am Meer. Und er lehrte sie vieles in Gleichnissen; und in seiner Predigt sprach er zu ihnen: Hört zu! Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen. Und es begab sich, indem er säte, fiel etliches an den Weg; da kamen die Vögel und fraßen's auf. Anderes fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. Da nun die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. Und anderes fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen empor und erstickten's, und es brachte keine Frucht. Und all das Übrige fiel auf das gute Land, ging auf und wuchs und brachte Frucht, und einiges trug dreißigfach und einiges sechzigfach und einiges hundertfach. Und er sprach: Wer Ohren hat zu hören, der höre! Und als er allein war, fragten ihn, die um ihn waren, samt den Zwölfen nach den Gleichnissen. Und er sprach zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; denen draußen aber widerfährt es alles in Gleichnissen, auf dass sie mit sehenden Augen sehen und doch nicht erkennen und mit hörenden Ohren hören und doch nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde. Und er sprach zu ihnen: Versteht ihr dies Gleichnis nicht, wie wollt ihr dann die andern alle verstehen? Der Sämann sät das Wort. Diese aber sind es, die an dem Wege sind: Wo das Wort gesät wird und sie es gehört haben, kommt alsbald der Satan und nimmt das Wort weg, das in sie gesät war. Und diese sind es, die auf felsigen Boden gesät sind: Wenn sie das Wort gehört haben, nehmen sie es sogleich mit Freuden auf, aber sie haben keine Wurzel in sich, sondern sind wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung um des Wortes willen erhebt, so kommen sie alsbald zu Fall. Und andere sind es, die unter die Dornen gesät sind: Die haben das Wort gehört, und die Sorgen der Welt und der trügerische Reichtum und die Begierden nach allem andern dringen ein und ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht. Und jene sind es, die auf das gute Land gesät sind: Die hören das Wort und nehmen's an und bringen Frucht, einige dreißigfach und einige sechzigfach und einige hundertfach. (Markus 4,1-20)


Markusevangelium. 4. Kapitel. Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.


Hört zu!

"Hört zu!", sagt Jesus. "Hört zu!" und "Siehe".

Hören und sehen. Um Hören und Sehen geht es ganz viel in diesem Kapitel. Um Hören und Sehen und Verstehen. Als könne er es gar nicht oft genug betonen, wie wichtig das ist, was er sie hier lehren will. Und uns natürlich auch. "Hört zu und seht!" Und dann nimmt er sie ganz plastisch mit hinein ins Hören und Sehen. Evangelium zum Erleben, ganz menschennah und nirgends ein theologischer Fachvortrag in Sicht.

Hört zu, Geliebte Gottes aus Albstadt, die ihr euch hier versammelt habt. Hört zu und seht.

Es ist noch früher Morgen, als er auf das Feld geht. Der Himmel ist klar. Es wird ein schöner Tag werden. Heiß, wahrscheinlich über Mittag. Da ist es gut, dass er früh losgeht. In der Kühle des Morgens singen die Vögel in den Büschen ihr Lied. Ob das wie Musik in seinen Ohren klingt? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich klingt es viel eher nach Gefahr für sein Werk: nach denen, die sich schon auf das Futter freuen, das er ihnen gleich streuen wird. Und dass da überhaupt Büsche sind, mag ihm auch nicht gefallen haben. Viel besser wäre doch ein freies Feld, wo die Saat Raum hat um sich auszubreiten und nicht erstickt wird von den Dornen. Ob er sich all das überlegt hat auf dem Weg zum Feld?

Vielleicht war es auch einfach nur ein fröhlicher Start in den Tag, mit frischer Luft und singenden Vögeln und guter Laune. Vielleicht gar Vorfreude auf die Ernte, auch wenn die noch weit in der Zukunft liegt. So macht er sich ans Werk, ein großes Tuch als Schärpe umgeschlungen, in dem er die Weizenkörner trägt. Bedächtig setzt er einen Fuß vor den anderen. Er folgt den Furchen, die er kurz zuvor mit dem Pflug gezogen hat. Einen Fuß vor den anderen. Nach jedem Schritt, ein Griff ins Tuch. Eine Handvoll Samen packen.

Die weite Wurfbewegung hat er von seinem Vater gelernt. Und der vom Großvater. Und der von den vielen anderen vor ihm. Im Halbbogen wirft er geschickt die Samen vor sich aufs Feld, so dass sie in weitem Umkreis verstreut sind. Nicht alle auf einen Haufen. Schön verteilt, so dass jede Ähre Platz hat, um zu wachsen.

Ein Fuß vor den anderen. Bei jedem Schritt ein Griff ins Tuch. Werfen. Weitergehen.

Routine. Erfahrung. Er weiß, was er tut.


"Hört zu! Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen."

Gibt es eigentlich auch Säfrauen?

In der kleinbäuerlichen Landwirtschaft wird nicht gegendert. Da hilft sowieso die ganze Familie mit. Oft waren sie gemeinsam auf dem Feld und es war sicher auch ein fröhliches Miteinander, wenn sie da so nebeneinander die Furchen entlangschritten, immer ein paar Schritte von einander entfernt. Einen Fuß vor den anderen. Bei jedem Schritt ein Griff ins Tuch. Samen packen. Werfen. Weitergehen. Das geht fast ohne nachzudenken, so dass man Zeit hat füreinander. Oder zum nachdenken. Warum er heute allein unterwegs ist, weiß ich nicht.

Gibt es eigentlich auch Säfrauen?

Ich will euch von einer davon erzählen. Sie geht auf den Acker in Albstadt. Sie sät hier bei uns auf dem Feld unserer Kirchengemeinden. Auf dem Feld der Ehrenamtlichen, auf dem Feld der 25- bis 50-Jährigen. Sie hat sich rufen lassen für diese Aufgabe. Sie hat sich ausbilden lassen für diese Aufgabe -- lässt sich noch ausbilden, immer weiter, bis sie sich im Herbst dann auch ganz offziell hier in Württemberg "Diakonin" nennen darf. Sie steht hier auf dem Feld, die Schärpe voll Ideen und Zielen und Visionen und vor allem: voll Evangelium. Sie steht hier, am Anfang der ersten Furche und der Tag liegt vor ihr, mit blauem Himmel und singenden Vögeln und Verheißung liegt in der Luft.

Manches von dem, was sie jetzt tun wird beim nächsten Schritt hat sie schon lange gelernt, auch schon an anderer Stelle ausprobiert. Routine. Erfahrung. Sie weiß, was sie tut. Manches wird sie auch neu entwickeln, gemeinsam mit denen, die sich begeistern lassen. Gemeinsam mit uns?

Ein Fuß vor den anderen. Ein Tag nach dem anderen. Und immer wieder der Griff ins Tuch. Samen ausstreuen. Weitergehen.

Natürlich gibt es auch Säfrauen.


"Der Sämann sät das Wort.", sagt Jesus. Die Säfrau auch.

Es ist das Evangelium, das hier gesät wird. Das ist es doch, was wir miteinander tun. Nicht immer in Worten, schon gar nicht immer in Vorträgen und Predigten. In Worten und Taten, im Zuhören, in Gesten, in der Zugewandtheit zu den Menschen, in Begegnungen, die von der Liebe Gottes geprägt sind. Wir säen Evangelium aus. Auf jede mögliche Art. Damit noch viel Wort Gottes aufgeht hier im Norden von Albstadt und Frucht bringt im Leben der Menschen und im Leben der Menschen um sie herum und in immer weiteren Kreisen. Damit das, was Jesus "Reich Gottes" nennt, hier unter uns wächst und Boden gewinnt.

Das schöne an der Frucht des Weizens ist ja, dass man sie auch wieder aussäen kann und dann immer noch mehr Frucht wächst und reift.


Inzwischen ist der Tag vorangeschritten. Die Sonne steht schon hoch am Himmel. Es wird heiß. Der Sämann schwitzt. Die Schritte werden schwerer. Das Tuch, das er trägt, wird leichter. Schon hat er einen guten Teil der Saat aufs Feld gebracht.

Als erfahrener Profi macht er sich keine Illusionen. Nicht jedes Korn, das er sät wird auch aufgehen. Das weiß er gut. Er kennt die Dornen, die Steine, die Vögel. Sie sind Teil seines Lebensalltags. Sicher entlocken sie ihm den einen oder anderen Seufzer. Aber das gehört zum Geschäft.

Ein Fuß vor den anderen. Bei jedem Schritt ein Griff ins Tuch. Werfen. Weitergehen.


Ich bin auf den sanften Hügeln des Korngäus bei Herrenberg aufgewachsen. Der Name der Gegend kommt nicht von ungefähr: Schließlich gehören die reichen Lößböden dort zu den besten des Landes. Die endlosen goldenen Felder am Ende des Sommers, die riesigen Mähdrescher zur Erntezeit -- das alles gehört zu den Bildern, die ich von klein auf kenne. Vielleicht ist es deshalb, dass mir die Felder auf der Alb so sehr auffallen. Mehr Steine wie Erdreich! Ein kurzer Blick im Vorbeigehen reicht, um zu ahnen, wie viel Mühe es machen muss, diesen Boden zu beackern. Nun will ich das auf gar keinen Fall direkt auf die Menschen hier übertragen -- bewahre. Der Kontrast der beiden Gegenden zeigt mir nur umso deutlicher, dass nicht jedes Fleckchen Erde mühelos guten Ertrag bringt.


Wie es wohl sein wird, wenn unsere Säfrau erst einmal eine Weile unterwegs war? Wenn ihre Körner in der Erde von Albstadt liegen und anfangen, zu treiben und das erste Grün sich zeigt. Ganz sicher gibt es da die einfache Zone in der Mitte des Ackers, wo die Körner guten Boden finden und Platz und Nährstoffe zum Wachsen und gedeihen. Darf man da von "Kerngemeinde" sprechen? Von denen, die sowieso schon einen Bezug zu Kirche und Glauben verspüren und sich einfach ansprechen lassen und gerne da sind? "A gmähds Wiesle", würde der Schwabe sagen. Das gibt es auf jedem Feld.

Aber sicher gibt es auch die anderen Ecken. Die, in denen alles Säen nicht viel zu helfen scheint. Wo andere Dinge viel wichtiger sind. Wo die Botschaft gar nicht ankommt. Wo die Motivation fehlt. Wo man viel Energie und Mühe hineinsteckt und sich manchmal vielleicht auch ausgenutzt vorkommt. Wo vielleicht kurzzeitig Begeisterung entsteht, aber eben wie ein Strohfeuer, das ganz rasch nur noch müde qualmt. Wo vielleicht eine Art von Beziehung entsteht, aber außer netten kleinen Begegnungen mit höflichen Sprüchen auch nichts weiter passiert. Wo Sorgen und Krisen und Dinge, die außerhalb unserer Macht liegen, sich hereindrängen und mühsam Gepflanztes in kürzester Zeit vernichten.

Diese Ecken wird es immer geben. Der Sämann weiß das. Die Säfrau--auch...?


Manchmal möchte man frustriert den Sack mit dem Saatgut in die Ecke schmeißen. Wozu soviel Mühe investieren--Schweiß und Kraft und manchmal auch Tränen--wenn am Ende so viele Körner gar nicht aufgehen? Wer darüber nachdenkt, der kann schon mal auch die Lust an der Feldarbeit verlieren, lange bevor an Ernte überhaupt zu denken ist.


Das Geheimnis des Sämanns ist, das er das nicht tut.

Ein Fuß vor den anderen. Bei jedem Schritt ein Griff ins Tuch. Werfen. Weitergehen.

Das Geheimnis der Säfrau ist das Gleiche.


Wer gerne mit Zahlen spielt, kann das Ganze ja mal unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten anzuschauen versuchen. Ich mache mal eine ganz einfache Rechnung auf und behaupte, dass die vier Feldbereiche, die Jesus beschreibt, alle gleich viel Fläche haben und sich die Saat gleichmäßig über das ganze Feld verteilt. Der Sämann, die Säfrau -- das sind ja schließlich Profis! Ausgehend von diesem--zugegeben: extremen--Beispiel lässt sich gut rechnen. Wenn dreiviertel der Saat auf Teile des Felds fallen, auf denen es nie zur Ernte kommt, dann sind dreiviertel der Säarbeit umsonst. Dann sind 75% des Saatguts vergeudet. Dann ist bleibt nur eines von vier Körnern überhaupt übrig und bringt Frucht. Von tausend Weizenkörnern hätte man 750 auch gleich in den Müll werfen können. Von 40 Wochenstunden hätte man 30 Stunden lang auch im Bett liegen bleiben können--mit dem gleichen Ergebnis. Von jeder anstregenden Stunde, jeden mühevollen 60 Minuten, hätte man 45 mit demselben Resultat auch auf Netflix verbringen können oder sinnlose Reels auf Insta anschauen. Mit demselben Ergebnis! Oder, für uns als Kirchengemeinden gesprochen: Von ca. 120.000 €, die wir über 4 Jahre in diese Stelle investieren, hätten wir 90.000 € auch einfach sparen können.

Mal ehrlich: Wer geht denn unter solchen Bedingungen überhaupt noch auf's Feld?


Der Sämann macht's. Und die Säfrau. Während ich euch mit sinnlosen Zahlen quäle, sind sie auf dem Feld und streuen Samen aus.

Ein Fuß vor den anderen. Bei jedem Schritt ein Griff ins Tuch. Werfen. Weitergehen.

Warum?


Der Sämann rechnet nicht. Die Säfrau auch nicht. Sie wissen, worauf sie sich verlassen können: Dass das Evangelium nicht leer zurückkommt. Es gibt die Herzen, wo es auf fruchtbaren Boden fällt. Wo es aufgeht. Ein kleines grünes Hälmchen erst, dann ein immer längerer Stiel. Und schließlich die Ähre, die sich gold im Sommerwind wiegt. Mit vielen kleinen Weizenkörnern. Frucht. "Einige dreißigfach und einige sechzigfach und einige hundertfach.", sagt Jesus. Und dann, liebe Rechnende, hat es sich gelohnt!


Niemand von uns kann heute abschätzen, was durch die Arbeit dieser Säfrau in Albstadt wachsen wird. Niemand kann beziffern, wie groß einmal eine Ernte sein wird -- zumal die Ernte unter Menschen kaum in Zahlen auszudrücken ist und die Körner zu ganz unterschiedlichen Zeiten aufgehen. Aber wir haben Gottes Verheißung, dass sein Evangelium Frucht trägt und Frucht tragen wird. Das ist es, was uns aufs Feld treibt. Es wird eine Ernte geben!


Hört zu, Geliebte Gottes aus Albstadt, die ihr euch hier versammelt habt. Hört zu und seht und nehmt das mit auf die Felder Albstadts, auch auf die steinigen Äcker der Alb.

Hör zu, von Gott geliebte Säfrau, bereit für deinen Dienst hier bei uns. Hör zu und sieh.

Sieh den Acker, den Gott vor dich legt unter seinem blauen Himmel. Sieh die Spuren, die bereits gezogen sind. Und sieh, vor allem, vor deinem inneren Auge schon das Gold der reifen Ähren, das hier eines Tages in der Sommersonne leuchten werden.

Und dann geh. Hol tief Atem in der klaren Luft des neuen Tages und dann setz deinen Fuß an die Furche.

Ein Fuß vor den anderen. Bei jedem Schritt ein Griff ins Tuch. Werfen. Weitergehen.

Im Vertrauen auf Gott, den Herrn der Ernte und seine Verheißung von Frucht und Reife und Wachstum und Lohn.

Der ganze Tag liegt vor dir. Und die Ernte am Horizont auch.

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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