Christoph predigt

Schirm im Sturm


Listen Later

Gnade mit euch und Friede von Gott dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Geliebte Gottes in Tailfingen,

In Belgien braucht man keinen Regenschirm. Das habe ich in den fünf Jahren gelernt, die ich in diesem schönen Land verbracht habe.

In Belgien braucht man keinen Regenschirm. Nicht, weil es dort selten regnen würde. Im Gegenteil. Im Gegensatz zu hier regnet es dort gefühlt ständig. Das Klima wird durch die nahe Nordseeküste geprägt. Ganz anders als hier. Aber mit der Nähe zur Küste kommt eben auch der Wind. Wenn es regnet und du bist draußen mit einem Schirm, dann wird dieser vielleicht nicht mehr lange halten. Schnell kommt eine Windböe und klappt den Schirm um, sorgt für Risse, Fetzen und geknickte Holme oder reißt dir den Schirm ganz einfach aus der Hand. Ein Regenschirm ist eine nette Sache, solange die Bedingungen stimmen. Aber für manche Wetterlagen taugt er einfach nicht.

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: / Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. (Psalm 91,1-2)

Das haben wir heute bereits miteinander gebetet. Mit den Bildern vom Schirm und von der Burg bringt der Psalmschreiber zum Ausdruck, dass wir bei Gott geborgen sind.

Was aber, wenn Gottes Schirm auch unter dem Sturm einknickt? Was, wenn er nur noch in Fetzen hängt oder längst davongefolgen ist?

Aus dem Hiobbuch, aus dem 2. Kapitel:

1 Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den Herrn traten, dass auch der Satan mit ihnen kam und vor den Herrn trat. 2 Da sprach der Herr zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen. 3 Der Herr sprach zu dem Satan: Hast du acht auf meinen Knecht Hiob gehabt? Denn es ist seinesgleichen auf Erden nicht, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse und hält noch fest an seiner Frömmigkeit; du aber hast mich bewogen, ihn ohne Grund zu verderben. 4 Der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Haut für Haut! Und alles, was ein Mann hat, lässt er für sein Leben. 5 Aber strecke deine Hand aus und taste sein Gebein und Fleisch an: Was gilt's, er wird dir ins Angesicht fluchen! 6 Der Herr sprach zu dem Satan: Siehe da, er sei in deiner Hand, doch schone sein Leben! 7 Da ging der Satan hinaus vom Angesicht des Herrn und schlug Hiob mit bösen Geschwüren von der Fußsohle an bis auf seinen Scheitel. 8 Und er nahm eine Scherbe und schabte sich und saß in der Asche. 9 Und seine Frau sprach zu ihm: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb! 10 Er aber sprach zu ihr: Du redest, wie die törichten Frauen reden. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? In diesem allen versündigte sich Hiob nicht mit seinen Lippen. 11 Als aber die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie, ein jeder aus seinem Ort: Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama. Denn sie wurden eins, dass sie kämen, ihn zu beklagen und zu trösten. 12 Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn nicht und erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeder zerriss sein Kleid, und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt 13 und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war. (Hiob 2,1-13)

"Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb!" Sie glaubt nicht mehr an Gottes bunten Regenschirm. Zu sehr ist sie enttäuscht worden. Zu sehr verletzt. Wer soll denn all das Leid auch verstehen?

Ihren Namen kenne ich nicht. Im Hiobbuch der Bibel ist sie fast eine Randfigur. Als ob sie nicht betroffen wäre. Dabei hat sie doch so viel mitgemacht.

Die Hiobserzählung in der Bibel ist ein typisches Produkt des antiken Orients. Eine kurze Geschichte mit idealisierten Figuren, aus der man Weisheit für das Leben lernen kann. Das Hiobbuch, das wir in unserer Bibel vorfinden, besteht eigentlich aus zwei, ursprünglich einmal separaten Stücken. Die Rahmenerzählung ist recht knapp und prägnant. In plastischen Bildern setzt sie sich mit der großen Menschheitsfrage nach dem Sinn des Leidens auseinander. Sie stellt uns Hiob als Idealfigur vor, von dessen Umgang mit schwerem, unerklärlichen Leid wir lernen sollen. Zwei Kapitel am Anfang des langen Buchs gehören zu dieser Rahmenhandlung. Und elf Verse am Ende des Buchs, in denen die Geschichte eine Wende zum Guten nimmt. Irgendwann einmal kam diese Wende gleich nach dem schweren Leiden Hiobs im zweiten Kapitel, von dem wir gerade gelesen haben. Bis spätere Autoren sich noch intensiver mit dem Thema auseinandersetzten und auf der Basis der Erzählung ein zweites Werk schufen: Die Hiobdichtung. In langen, ausführlichen Reden zwischen Hiob, seinen Freunden und schließlich Gott selbst wird die Frage nach dem Leid und seinem Sinn noch einmal komplett neu aufgerollt. Fast 40 Kapitel lang!

In der Hiobdichtung kommt Hiobs Frau gar nicht vor. Zumindest kommt sie nicht zu Wort. Dreimal wird sie kurz erwähnt, als Hiob über sie redet.

Die Hiobserzählung widmet ihr einen einzigen Vers. Hier darf sie immerhin etwas sagen:

"Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb!"

Und irgendwie kann ich sie ja auch verstehen.

Den meisten ist sicher bekannt, dass Hiob viel zu leiden hatte. Im ersten Kapitel wird erzählt, wie er in kurzer Zeit von einem frommen, reichen Mann mit großer Familie, viel Besitz und allem, was man sich wünschen könnte, zu einem armen, geschlagenen Leidenden wurde. Die Diener von Räubern erschlagen, Kamele und Vieh geraubt und verbrannt, zehn Kinder beim Einsturz eines Hauses gestorben. So viel Unglück auf einmal! Das zweite Kapitel legt noch einen drauf: Nun trifft es Hiob auch körperlich, mit bösen Geschwüren von Kopf bis Fuß. Mittellos, hoffnungslos und voller Schmerzen sitzt er auf dem Aschehaufen am Rande seines Dorfes und schabt sich die juckende Haut.

Genau da kommt seine Frau zu Wort.

"Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb!"

Dass die Geschichte sie in ein so schlechtes Licht rückt, finde ich äußerst unfair. "Du redest, wie die törichten Frauen reden.", sagt Hiob. Dabei hat sie doch selbst auch alles mitgemacht. Hat sie nicht auch gerade 10 Kinder verloren? Ihren Reichtum und Status in der Gesellschaft gleich mit dazu? Muss sie nicht gerade mit ansehen, wie ihr Ehemann, einst fromm, reich und angesehen, nach seinem Absturz gerade noch so am Leben hängt und buchstäblich am Rande der Gesellschaft zugrunde geht? Ist ihre Aussage denn wirklich so daneben?

Wo ist denn Gott?

Wo ist denn Gott in all dem Leid?

Die Konfrontation mit dem unendlichen Leid in dieser Welt hat schon viele zu dieser Frage, zum Zweifeln an Gott, an seiner Güte, oder einfach an seiner Existenz, getrieben. Wo ist Gott denn in all dem Schrecklichen? Warum lässt er das zu? Warum greift er nicht ein, wenn er die Menschen liebt?

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: / Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. (Psalm 91,1-2)

"Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret." Nach Ausschwitz könne sie diese Liedstrophe nicht mehr singen, hat die bekannte Theologin Dorothee Sölle einmal gemeint. Nach dem Schrecken von Krieg und Holocaust, nach den entsetzlichen Bildern von Ausschwitz, könne man so über Gott nicht mehr reden. Wenn überhaupt, müsse man neue Redensweisen von ihm finden.

"Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb!"

Vielleicht reichen auch die Bilder von Butscha und Mariupol. Oder von den Erdbebenopfern in der Türkei und Syrien. Für viele reichen auch die immer neuen Skandale von Missbrauch im Rahmen der Kirche. "Not lehrt schon lange nicht mehr beten", titelte der ZAK vergangenen Dienstag einen seitenfüllenden Artikel auf Seite 3. Darin kamen auch die Eltern des kleinen Tim, irgendwo vom Heuberg, zu Wort. Sie wollen ihren Jungen nicht taufen lassen. Zu groß sind ihre Fragen: "Wo ist Gott? ... Hilft Gott in den ganzen Krisen? Im Krieg, in der Klimakatastrophe, in der Energieknappheit, in der Corona-Pandemie?"

"Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb!"

In der antiken Hiobserzählung mit ihren stark überzeichneten Charakteren wird die namenlose Ehefrau zur advocata diaboli, ganz explizit zum Sprachrohr Satans. Mit ihr wird die Geschichte eine Versuchungsgeschichte und deshalb ist der Text auch heute, an Invocavit, wo es um Versuchung geht dran. Zu groß, zu logisch, zu nachvollziehbar ist er nämlich, der Drang, ihr zuzustimmen, der verzweifelten Ehefrau. Zu logisch, zu nachvollziehbar scheint der Schluss, angesichts der drängenden Fragen und des unverständlichen Schweigens Gottes einfach Schluss zu machen mit dem Vertrauen auf ihn. Wo er doch sowieso nicht hilft.

Ich vermute bedrückt, dass ich das auch schon getan habe. Man muss ihn ja gar nicht erst fluchen, um dieser Versuchung nachzukommen. Es reicht ja schon, dass wir ihn gedanklich ausklammern aus so vielem, was uns die Welt an Schrecken entgegenwirft, weil wir nicht das Gefühl haben, dass er da noch irgendetwas damit zu tun hätte. Mit Ausschwitz und Butscha, mit Syrien und der Türkei, mit dem, was uns hier, in unserem kleinen Rahmen an Leid begegnet.

Hältst du wirklich noch fest an deiner Frömmigkeit?

Die antike Hiobserzählung setzt dieser Versuchung einen idealisierten Hiob entgegen. Einen, der durchhält. Der stark ist im Glauben. Der nach dem Leid des ersten Kapitels sagen kann: "Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen; der Name des HERRN sei gelobt!" (Hiob 1,21) und der auf dem Aschehaufen im zweiten Kapitel die Überlegungen seiner Frau brüsk zurückweist: "Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?" (2,10). "In diesem allen versündigte sich Hiob nicht mit seinen Lippen.", heißt es von ihm. Der ideale Fromme.

Ich weiß nicht, ob ich das könnte. Ich weiß ehrlich nicht, ob die Versuchung nicht viel zu stark wäre, an Gott zu verzweifeln. Ich weiß nicht, ob ich so stark wäre angesichts des Leids, das er erlebt in dieser Geschichte. Ich weiß nicht, ob ich jemals so stark war.

Je mehr ich über ihn nachdenke, desto mehr stößt er mich ab, der idealisierte Hiob. Ich weiß genau, dass ich nie in seine Fußstapfen treten könnte. Ich bin mir sicher, dass ich keinen solchen idealen Glauben hätte. Wer hat das schon, außer Figuren in einer Erzählung -- einen idealen Glauben?

Trotzdem: Dass es sich um eine Erzählung handelt, versöhnt mich dann auch wieder ein Stück mit dieser Figur. Im alten Orient wurde diese Erzählung geschrieben, damit man von der Lebensweisheit darin lernen könne. Darauf will ich mich einlassen. Lernen. Wachsen. Stärker werden in einem Glauben, der weit davon weg ist, groß und stark und ideal zu sein.

"Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?", fragt der ideale Hiob. Für ihn ist das Vertrauen auf Gott die Grundlage seiner gesamten Lebenswahrnehmung. Alles, was kommt, nimmt er aus Gottes Hand. Die Erfahrung von Segen und vielem Guten hat ihn von der Güte Gottes überzeugt. Von so einem Gott ist er auch bereit, Schweres zu akzeptieren. Er weiß, dass er sich auf Gott verlassen kann.

Worte von Dietrich Bonhoeffer kommen mir in den Sinn. Worte, geschrieben nur wenige Monate vor seinem Tod. Worte, unsterblich gemacht in dem Lied, das schon so viele getröstet hat:

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar, ohne Zittern, aus deiner guten und geliebten Hand.

"Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?"

Das Vertrauen auf Gottes Gnade klingt darin mit. Im Gegensatz zu so vielen, auch seinen Freunden in den langen Reden der Hiobsdichtung, sieht der hier beschriebene Hiob sein Leiden nicht als Gottes Strafe. Er weiß, das Gott anders ist. Dass sein Segen nicht verdient, sondern geschenkt war, hat Hiob selbst erlebt. Dass Gott grundsätzlich nicht menschlichen Verdienst als Maßstab für sein Verhältnis zu uns nimmt, hat Hiob wohl auch kapiert. Gottes Handeln an uns ist Güte und Gnade. Darauf kann er sich verlassen.

Und damit ist er nicht verlassen. In der ursprünglichen Hiobserzählung wendet sich nach diesem Bekenntnis das Blatt. Hiobs Vertrauen hat sich gelohnt. Gott stellt ihn wieder her. Er heilt ihn. Er beschenkt ihn. Er segnet ihn mehr als je zuvor. Ob Hiob Gott so gut kannte, dass er das schon ahnte? Hoffnung würden wir das nennen.

Wir leben aus der Hoffnung. Anders als die Schreiber des alten Orient haben wir eine noch viel stärkere Grundlage dafür: Jesus Christus. In ihm schenkt uns Gott Hoffnung, die über das tiefste Leid, über die schwersten Schicksalsschläge, selbst über den Tod hinausgeht. Vor allem aber sehen wir in ihm Gott, der den Menschen unbedingt nahe kommt -- selbst im tiefsten Leid. Selbst in Sterben und Tod. Wer Christus anschaut, der begreift, wo Gott war und ist in allem Leid. Der sieht den Gott, der mit in Ausschwitz war, in Butscha und Mariupol. Der begreift, dass Gott in den Ruinen der Erdbebengebiete mit dabei ist. Am Krankenbett und im letzten Lebenskampf. In Einsamkeit, Verzweiflung und Trauer. Wer Christus sieht, der sieht Immanuel, Gott mit uns. Gott an unserer Seite.

Das ist der Blick, für den ich für mich und uns bete, wenn der nächste Sturm kommt:

Möge mein Glaube auch noch so klein sein, Herr, lass mich dich sehen, im Sturm, an meiner Seite in Wind und Regen. Wenn mich das Leid umzuwerfen droht, dann lass mich dich sehen, mit mir im Regen und gemeinsam, so hoffe ich, halten wir unseren Schirm, vielleicht zerfleddert und verbogen, trotzig dem Unwetter entgegen.

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: / Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. (Psalm 91,1-2)

Amen.

...more
View all episodesView all episodes
Download on the App Store

Christoph predigtBy Christoph Fischer


More shows like Christoph predigt

View all
Hoffnungswort - Predigten von Pfarrer Andreas Roß by Andreas Roß

Hoffnungswort - Predigten von Pfarrer Andreas Roß

0 Listeners