Claudia Moll über Pflege, Fachkräftemangel, Bürokratie, Politik – und warum Deutschland mehr als nur eine Pflegereform braucht.
Mehr Personal, weniger Bürokratie, bessere Arbeitsbedingungen, eine verlässliche Finanzierung – wenn über Pflege gesprochen wird, klingt die Liste der notwendigen Veränderungen längst bekannt. Trotzdem erleben Pflegekräfte, Pflegebedürftige und Angehörige seit Jahren, dass vieles nur langsam vorankommt. Claudia Moll kennt diese Realität nicht nur aus Ausschusssitzungen und Bundestagsdebatten. Bevor sie 2017 in den Deutschen Bundestag einzog, arbeitete sie viele Jahre selbst als Altenpflegerin und bildete sich zur Fachkraft für Gerontopsychiatrie weiter. Im Gespräch mit André Puchta geht es deshalb um eine ziemlich große Frage: Kann man Deutschland eigentlich gesundpflegen?
Claudia Moll weiß, wie sich ein Dienst anfühlt, wenn Personal fehlt, das Telefon klingelt und gleichzeitig mehrere Menschen Hilfe benötigen. Sie kennt Situationen, in denen Pflegekräfte fachlich sehr genau wissen, was zu tun wäre, rechtliche oder organisatorische Vorgaben ihren Handlungsspielraum aber begrenzen. Diese Erfahrung bringt sie heute in die Politik ein. Von 2022 bis 2025 war Moll Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, inzwischen arbeitet sie wieder als Bundestagsabgeordnete schwerpunktmäßig an Pflege- und Gesundheitsthemen. Noch 2026 beteiligte sie sich im Bundestag an Debatten über die Absicherung pflegender Angehöriger und Reformen des Pflegesystems.
Im Podcast geht es um die Frage, warum sich manche Probleme der Pflege trotz jahrelanger Diskussion so hartnäckig halten. Liegt es am Geld? Am Personalmangel? An komplizierten Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern, Kassen und Einrichtungen? Oder auch daran, dass Pflege politisch häufig erst dann Aufmerksamkeit bekommt, wenn irgendwo bereits etwas nicht mehr funktioniert? Moll spricht über Bürokratie, Fachkräftemangel und die Notwendigkeit, Pflegekräften mehr Kompetenzen zu geben. Gerade bei Letzterem argumentiert sie aus eigener Erfahrung: Pflegefachkräfte könnten heute vieles, dürften es aber nicht immer eigenständig entscheiden. Der Bundestag beschäftigte sich deshalb zuletzt auch mit einer Erweiterung pflegerischer Befugnisse und dem Abbau unnötiger Bürokratie.
Dabei führt die Debatte schnell zu einer unbequemen Wahrheit: Deutschland wird älter, gleichzeitig werden Menschen fehlen, die professionelle Pflege leisten können. Wie attraktiv ist ein Beruf, wenn Beschäftigte regelmäßig einspringen, hohe Verantwortung tragen und gleichzeitig das Gefühl haben, einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit Dokumentation und organisatorischen Vorgaben zu verbringen? Reicht mehr Geld, um Menschen dauerhaft für die Pflege zu gewinnen? Oder braucht es vor allem verlässlichere Dienstpläne, bessere Führung, mehr Entscheidungsfreiheit und Arbeitsbedingungen, unter denen Beschäftigte überhaupt bis zur Rente in ihrem Beruf bleiben können? Als Pflegebevollmächtigte unterstützte Moll unter anderem Programme, die genau an solchen Arbeitsbedingungen in ambulanten und stationären Einrichtungen ansetzen.
Doch professionelle Pflege ist nur ein Teil des Systems. Millionen Menschen werden zu Hause von Angehörigen versorgt. Für Familien bedeutet das häufig, Beruf, eigenes Leben und Pflege irgendwie gleichzeitig organisieren zu müssen. Was passiert, wenn Pflegebedürftigkeit plötzlich eintritt? Wer erklärt, welche Leistungen zustehen? Wie verhindern wir, dass Menschen durch Pflege finanziell überfordert werden? Und wie viel Verantwortung darf ein Sozialstaat selbstverständlich an Familien weiterreichen? Moll beschäftigt sich auch nach ihrer Zeit als Pflegebevollmächtigte weiter mit der sozialen Absicherung pflegender Angehöriger. Gerade hier zeigt sich, dass Pflegereform nicht nur ein Thema für Pflegeheime und Krankenhäuser ist, sondern eine gesellschaftliche Frage, die früher oder später fast jede Familie betreffen kann.
Mit André Puchta spricht Claudia Moll aber nicht nur über Gesetze und Reformen, sondern auch darüber, wie eine Altenpflegerin überhaupt im Bundestag landet. Politik war nicht der selbstverständliche nächste Karriereschritt. Heute sitzt dort eine Frau, die aus eigener Berufserfahrung weiß, wie politische Entscheidungen einige Monate später auf einem Wohnbereich oder bei einem Hausbesuch ankommen. Wie verändert das den Blick auf parlamentarische Debatten? Was nervt sie an Politik? Und kann man sich in einem Betrieb, in dem Kompromiss praktisch zum Berufsbild gehören, die direkte Art aus der Pflege bewahren?
Denn Claudia Moll ist nicht unbedingt für diplomatische Floskeln bekannt. Ihre Auftritte leben von klarer Sprache, Bodenständigkeit und Humor. Genau das macht die Begegnung spannend: Auf der einen Seite steht eine Politikerin, die lernen musste, Mehrheiten für Veränderungen zu organisieren. Auf der anderen eine Altenpflegerin, die weiß, dass ein pflegebedürftiger Mensch wenig davon hat, wenn eine gute Idee nach jahrelangen Verhandlungen vielleicht irgendwann umgesetzt wird. Zwischen diesen beiden Perspektiven liegt die Realität deutscher Pflegepolitik.
Eine Folge über Fachkräftemangel und Verantwortung, Pflegeberuf und Bundestag, Bürokratie und Menschlichkeit – und über die Frage, ob ein Land, das immer älter wird, Pflege weiterhin hauptsächlich als Problem behandeln kann. Vielleicht lässt sich Deutschland nicht einfach gesundpflegen. Aber ohne Menschen, die Pflege verstehen, wird es ganz sicher nicht funktionieren.
Kann man Deutschland gesundpflegen?