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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.
Jetzt muss ich erst einmal meine Brille putzen.
So.
Jetzt sehe ich besser.
Jetzt kann ich für euch lesen--aus dem Evangelium nach Lukas, aus dem 18. Kapitel. Hört auf die gute Nachricht von Jesus, dem Messias:
Jesus nahm die zwölf Jünger zur Seite. Er sagte zu ihnen: Schaut: Wir gehen jetzt nach Jerusalem. Schon die Propheten haben über den Menschensohn geschrieben. Alles, was sie geschrieben haben, wird dort geschehen. Er wird an Fremde ausgeliefert. Sie werden ihn verspotten. Sie werden ihn misshandeln. Sie werden ihn anspucken. Sie werden ihn auspeitschen. Sie werden ihn töten. Und am dritten Tag wird er auferstehen.Die Jünger verstanden nichts davon. Sie konnten den Sinn nicht erkennen. Sie wussten nicht, was Jesus meinte.Als Jesus in die Nähe von Jericho kam, geschah etwas. Ein blinder Mann saß am Weg. Er bettelte. Der Mann hörte viele Menschen vorbeigehen. Er fragte: Was ist da los? Man sagte ihm: Jesus aus Nazaret geht vorbei. Da schrie der blinde Mann: Jesus, Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir! Die Leute vorne in der Menge fuhren ihn an. Er sollte still sein. Aber er schrie noch viel lauter: Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen. Er ließ den Mann zu sich bringen. Als der Mann nahe bei ihm war, fragte Jesus ihn: Was willst du? Was soll ich für dich tun? Der Mann sagte: Herr, ich möchte sehen können. Jesus sagte zu ihm: Sieh! Dein Vertrauen hat dich gerettet. Sofort konnte der Mann sehen. Er folgte Jesus nach. Er lobte Gott. Und alle, die das sahen, lobten Gott. (Lukas 18,31-43; von mir in leichte Sprache übertragen)Es ist dunkel.
Nicht Abenddunkel. Nicht dieses weiche Licht, wenn der Tag langsam geht. Es ist einfach: nichts.
Ich halte die Augen offen. Oder geschlossen. Es macht keinen Unterschied.
Früher wusste ich, wo ich bin. Ich kannte die Wege. Die Ecken. Die Stufen vor der Tür. Jetzt stoße ich an. An Kanten. An Menschen. An Worte.
Man sagt mir, wo es langgeht.
„Hier entlang.“ „Pass auf.“ „Da vorne.“
Da vorne.
Ich höre Schritte. Ich höre Stimmen. Alle scheinen zu wissen, was geschieht. Nur ich nicht.
Ich frage: Was ist da los?
Man antwortet schnell. Mit Namen. Mit Erklärungen. Mit festen Sätzen. Aber ich verstehe nicht, was das für mich bedeutet.
Ich höre so viel. Ich weiß so wenig.
Und dann dieser Satz: Wir gehen nach Jerusalem.
Es klingt nach Ziel. Nach Höhe. Nach Erfüllung.
Aber was ich weiter höre, macht mir Angst.
Ausgeliefert. Verspottet. Misshandelt. Getötet.
So spricht man doch nicht von Hoffnung.
Ich hatte anderes erwartet. Klarheit. Kraft. Ein Zeichen, das alles verändert.
Wenn Gott handelt, dann sichtbar. Wenn er rettet, dann stark. Wenn er eingreift, dann so, dass niemand mehr zweifelt.
Aber dieser Weg klingt anders. Er klingt nach Verlust. Nach Scheitern. Nach Ende.
Die anderen gehen weiter. Vielleicht verstehen sie es. Vielleicht tun sie nur so.
Ich jedenfalls nicht.
Ich höre die Worte. Aber ich erkenne den Sinn nicht.
Vielleicht liegt es an mir. Vielleicht sehe ich zu wenig. Vielleicht sehe ich nur das, was ich sehen will.
Ein Weg nach Jerusalem. Und ich frage mich: Warum gerade dieser Weg?
Ich versteh das nicht.
Im Lukasevangelium ist es nicht der Mann am Wegrand, dem der Durchblick fehlt.
Der Blinde sieht mehr als die Sehenden.
Wirklich blind sind die, die mit Jesus gehen.
Wie ich. Wie wir.
Dem Mann aus Nazareth hinterher. Seit Jahren vielleicht. Seit Kindertagen. Mit Liedern. Mit Gebeten. Mit vertrauten Worten.
"Jesu, geh voran auf der Lebensbahn."
Und doch stehen wir manchmal da und verstehen Jesus nicht mehr.
Und denken: Das kann doch nicht Gottes Weg sein.
So kann Gott doch nicht handeln. So rettet Gott doch nicht.
Und wir fragen uns, ob unser Glaube überhaupt trägt.
Unsere Blindheit besteht nicht darin, dass wir nichts sehen. Sondern vielleicht darin, dass wir Gott nur in Stärke denken.
Der Weg nach Jerusalem entzieht sich unserem Sicherheitsbedürfnis.
Vielleicht sind wir nicht blind, weil wir nichts wissen. Sondern weil wir genau wissen, wie Gott handeln müsste.
Er müsste doch eingreifen. Klar. Sichtbar. Unübersehbar.
Wenn er der Menschensohn ist – dann doch mit Macht. Das wäre dann wirklich eine "Erfüllung der Propheten". Macht. Herrschaft. Sichtbarer Sieg.
Und was sehen wir?
Einen, der ausgeliefert wird. Verspottet. Misshandelt. Getötet.
Einen, der sich auf die Seite der Schwachen stellt. Derer, die keinen Einfluss haben. Die am Rand sitzen und rufen.
Einen, der selbst zum Inbegriff der Schwäche wird.
Das passt nicht zu unserem Bild von Stärke.
Manchmal machen wir aus Jesus einen Garanten unserer Sicherheiten. Er soll unsere Welt stabil halten. Unsere Werte bestätigen. Unsere Ordnung verteidigen. Unsere Nation vor allen anderen segnen.
Dann sehen wir in ihm vor allem Bestätigung.
Manchmal machen wir aus ihm das Gegenteil. Einen sanften Begleiter. Einen, der niemandem weh tut. Der einfach gut tut.
Dann sehen wir in ihm vor allem Trost.
Und manchmal bleibt er einfach „Jesus aus Nazareth“. Ein Name. Eine Figur der Geschichte. Einer, der vorbeigeht.
Aber hören wir noch, was er von sich selbst sagt?
Menschensohn.
Nicht nur Macht. Sondern Gottes Zukunft. Und ein Weg, der durch Leiden geht.
Vielleicht sind wir blind, weil wir nur die Hälfte sehen wollen.
Die Herrlichkeit – ohne das Kreuz. Die Hoffnung – ohne den Weg dorthin. Die Auferstehung – ohne das Ausgeliefertsein.
Der Blinde am Weg sieht mehr.
Er ruft: "Sohn Davids." Er reiht Jesus ein in die Geschichte Israels. In die Hoffnung auf einen gerechten König.
Er sieht das kommende Reich, auch wenn er von Jesus nicht einmal ein Gesicht erkennt. Er sieht mit dem Herzen.
Er ruft: "Herr, erbarme dich." "Kyrie, eleison." Ein Bittruf an einen Mächtigen. Wie bei einer Audienz am Königshof.
Er verlässt sich darauf, dass Jesus mehr ist, als der Augenschein der anderen hergibt. Er vertraut, bevor er versteht.
Wir dagegen hören „Menschensohn“ und denken vielleicht an Triumph.
Oder wir hören „Jesus aus Nazareth“ und denken: harmlos.
Und übersehen den Weg, den er wirklich geht.
Warum sieht der Blinde mehr?
Nicht, weil er klüger ist. Nicht, weil er die Schrift besser kennt.
Er hat nichts. Keinen Besitz. Keine Stellung. Keinen Überblick.
Er sitzt am Weg.
Und genau das ist vielleicht seine Stärke.
Kurz vorher erzählt Lukas von den Kindern.
Sie dürfen zu Jesus kommen. „Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen.“
Ein Kind kommt nicht mit Ansprüchen. Nicht mit Sicherheiten. Nicht mit einem Plan.
Es kommt mit leeren Händen.
Der Blinde kommt auch mit leeren Händen.
Und kurz davor steht der reiche Mann. Er fragt nach dem ewigen Leben. Er hält die Gebote. Er weiß viel.
Aber er kann nicht loslassen.
Vielleicht macht Besitz blind. Nicht nur Geld. Auch Besitz an Vorstellungen. An Bildern von Gott. An Sicherheiten.
Der Blinde hat nichts festzuhalten. Also hält er sich an Jesus.
Er ruft. Er lässt sich nicht zum Schweigen bringen. Er vertraut.
Er versteht nicht alles. Aber er traut Jesus alles zu.
Vielleicht beginnt Sehen genau dort.
Nicht im Durchblick. Sondern im Vertrauen.
Nicht in der Kontrolle. Sondern im Loslassen.
Vielleicht ist Vertrauen die erste Sehhilfe.
Der Blinde hat kein Konzept. Er hat nur eine Hoffnung.
„Herr, erbarme dich.“
Mehr nicht.
Und das genügt.
Genau da beginnt das, was Jesus Nachfolge nennt.
Aber selbst das heißt noch nicht, dass man schon alles versteht.
Die Jünger gehen mit. Sie haben ihre Netze verlassen. Ihre Häuser. Ihre Sicherheiten.
Und doch heißt es: Sie verstanden nichts davon. Der Sinn blieb ihnen verborgen.
Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Feststellung.
Sie konnten es noch nicht sehen.
Denn der Weg nach Jerusalem erschließt sich nicht von selbst. Er widerspricht allem, was wir unter Macht verstehen. Er widerspricht unserem Gefühl für Erfolg. Er widerspricht unserem Bild von göttlicher Herrschaft.
Erst später wird es hell.
Erst im Licht der Auferstehung bekommt dieser Weg Kontur.
„Und am dritten Tag wird er auferstehen.“
Das steht schon hier. Mitten zwischen Ausgeliefertsein und Tod.
Aber wie ein leiser Satz. Noch ohne Gewicht.
Erst Ostern wird ihn ausleuchten.
Erst dann wird sichtbar: Dieser Weg war kein Scheitern. Er war Gottes Weg.
Nicht die Niederlage Gottes. Sondern seine Art, zu herrschen.
Gott hat Jesus, seinen Messias nicht im Tod gelassen. Gott hat ihn ins Leben gerufen.
Der auferstandene Christus ist selbst unsere Sehhilfe.
Nicht ein Gedanke. Nicht eine Theorie.
Sondern er selbst.
In der Begegnung mit dem Auferstandenen auf dem Weg nach Emmaus, im Reden und Brotbrechen mit dem, der Gottes neues Leben hat--da geschieht es:
"Da wurden ihnen die Augen geöffnet, und sie erkannten ihn." (Lukas 24,31).
Paulus sagt es so:
„Jetzt sehen wir nur ein rätselhaftes Spiegelbild.“
Jetzt erkennen wir Stückwerk.
Das gilt auch für die Jünger. Und es gilt für uns.
Wir sehen nicht alles. Wir verstehen nicht alles.
Aber wir gehen.
Wir vertrauen.
Und wir leben aus einer Hoffnung, die größer ist als unser Durchblick.
Vielleicht heißt Glauben nicht: alles erkennen. Sondern im Halbdunkel weitergehen.
Im Vertrauen darauf, dass Gott am Ende mehr sieht als wir.
Vielleicht heißt Glauben, im tastenden Suchen immer neu seine Nähe zu suchen.
Dort, wo er redet.
Dort, wo er das Brot mit uns bricht.
Dort, wo der Auferstandene selbst die Augen öffnet.
Wir leben zwischen Blindheit und Aufblick. Zwischen Kreuz und Auferstehung. Zwischen Stückwerk und Vollendung.
Der Weg nach Jerusalem bleibt eine Zumutung. Ganz viele Wege im Leben bleiben eine Zumutung für uns.
Wir verstehen manches nicht. Wir tasten uns oft nur vorsichtig vorwärts.
Aber wir dürfen bitten, dass uns die Augen geöffnet werden.
Nicht auf einmal. Aber Schritt für Schritt.
Am Anfang habe ich meine Brille geputzt.
Manchmal braucht es eine Brille.
Aber für diesen Weg braucht es mehr.
Der auferstandene Christus selbst ist unsere Sehhilfe.
Ihm vertrauen wir.
So bete ich, wie es bereits angeklungen ist:
Herr, öffne du mir die Augen. Herr, öffne du mir das Herz. Ich will dich sehen.
Ich will dich sehen.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.
Jetzt muss ich erst einmal meine Brille putzen.
So.
Jetzt sehe ich besser.
Jetzt kann ich für euch lesen--aus dem Evangelium nach Lukas, aus dem 18. Kapitel. Hört auf die gute Nachricht von Jesus, dem Messias:
Jesus nahm die zwölf Jünger zur Seite. Er sagte zu ihnen: Schaut: Wir gehen jetzt nach Jerusalem. Schon die Propheten haben über den Menschensohn geschrieben. Alles, was sie geschrieben haben, wird dort geschehen. Er wird an Fremde ausgeliefert. Sie werden ihn verspotten. Sie werden ihn misshandeln. Sie werden ihn anspucken. Sie werden ihn auspeitschen. Sie werden ihn töten. Und am dritten Tag wird er auferstehen.Die Jünger verstanden nichts davon. Sie konnten den Sinn nicht erkennen. Sie wussten nicht, was Jesus meinte.Als Jesus in die Nähe von Jericho kam, geschah etwas. Ein blinder Mann saß am Weg. Er bettelte. Der Mann hörte viele Menschen vorbeigehen. Er fragte: Was ist da los? Man sagte ihm: Jesus aus Nazaret geht vorbei. Da schrie der blinde Mann: Jesus, Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir! Die Leute vorne in der Menge fuhren ihn an. Er sollte still sein. Aber er schrie noch viel lauter: Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir! Jesus blieb stehen. Er ließ den Mann zu sich bringen. Als der Mann nahe bei ihm war, fragte Jesus ihn: Was willst du? Was soll ich für dich tun? Der Mann sagte: Herr, ich möchte sehen können. Jesus sagte zu ihm: Sieh! Dein Vertrauen hat dich gerettet. Sofort konnte der Mann sehen. Er folgte Jesus nach. Er lobte Gott. Und alle, die das sahen, lobten Gott. (Lukas 18,31-43; von mir in leichte Sprache übertragen)Es ist dunkel.
Nicht Abenddunkel. Nicht dieses weiche Licht, wenn der Tag langsam geht. Es ist einfach: nichts.
Ich halte die Augen offen. Oder geschlossen. Es macht keinen Unterschied.
Früher wusste ich, wo ich bin. Ich kannte die Wege. Die Ecken. Die Stufen vor der Tür. Jetzt stoße ich an. An Kanten. An Menschen. An Worte.
Man sagt mir, wo es langgeht.
„Hier entlang.“ „Pass auf.“ „Da vorne.“
Da vorne.
Ich höre Schritte. Ich höre Stimmen. Alle scheinen zu wissen, was geschieht. Nur ich nicht.
Ich frage: Was ist da los?
Man antwortet schnell. Mit Namen. Mit Erklärungen. Mit festen Sätzen. Aber ich verstehe nicht, was das für mich bedeutet.
Ich höre so viel. Ich weiß so wenig.
Und dann dieser Satz: Wir gehen nach Jerusalem.
Es klingt nach Ziel. Nach Höhe. Nach Erfüllung.
Aber was ich weiter höre, macht mir Angst.
Ausgeliefert. Verspottet. Misshandelt. Getötet.
So spricht man doch nicht von Hoffnung.
Ich hatte anderes erwartet. Klarheit. Kraft. Ein Zeichen, das alles verändert.
Wenn Gott handelt, dann sichtbar. Wenn er rettet, dann stark. Wenn er eingreift, dann so, dass niemand mehr zweifelt.
Aber dieser Weg klingt anders. Er klingt nach Verlust. Nach Scheitern. Nach Ende.
Die anderen gehen weiter. Vielleicht verstehen sie es. Vielleicht tun sie nur so.
Ich jedenfalls nicht.
Ich höre die Worte. Aber ich erkenne den Sinn nicht.
Vielleicht liegt es an mir. Vielleicht sehe ich zu wenig. Vielleicht sehe ich nur das, was ich sehen will.
Ein Weg nach Jerusalem. Und ich frage mich: Warum gerade dieser Weg?
Ich versteh das nicht.
Im Lukasevangelium ist es nicht der Mann am Wegrand, dem der Durchblick fehlt.
Der Blinde sieht mehr als die Sehenden.
Wirklich blind sind die, die mit Jesus gehen.
Wie ich. Wie wir.
Dem Mann aus Nazareth hinterher. Seit Jahren vielleicht. Seit Kindertagen. Mit Liedern. Mit Gebeten. Mit vertrauten Worten.
"Jesu, geh voran auf der Lebensbahn."
Und doch stehen wir manchmal da und verstehen Jesus nicht mehr.
Und denken: Das kann doch nicht Gottes Weg sein.
So kann Gott doch nicht handeln. So rettet Gott doch nicht.
Und wir fragen uns, ob unser Glaube überhaupt trägt.
Unsere Blindheit besteht nicht darin, dass wir nichts sehen. Sondern vielleicht darin, dass wir Gott nur in Stärke denken.
Der Weg nach Jerusalem entzieht sich unserem Sicherheitsbedürfnis.
Vielleicht sind wir nicht blind, weil wir nichts wissen. Sondern weil wir genau wissen, wie Gott handeln müsste.
Er müsste doch eingreifen. Klar. Sichtbar. Unübersehbar.
Wenn er der Menschensohn ist – dann doch mit Macht. Das wäre dann wirklich eine "Erfüllung der Propheten". Macht. Herrschaft. Sichtbarer Sieg.
Und was sehen wir?
Einen, der ausgeliefert wird. Verspottet. Misshandelt. Getötet.
Einen, der sich auf die Seite der Schwachen stellt. Derer, die keinen Einfluss haben. Die am Rand sitzen und rufen.
Einen, der selbst zum Inbegriff der Schwäche wird.
Das passt nicht zu unserem Bild von Stärke.
Manchmal machen wir aus Jesus einen Garanten unserer Sicherheiten. Er soll unsere Welt stabil halten. Unsere Werte bestätigen. Unsere Ordnung verteidigen. Unsere Nation vor allen anderen segnen.
Dann sehen wir in ihm vor allem Bestätigung.
Manchmal machen wir aus ihm das Gegenteil. Einen sanften Begleiter. Einen, der niemandem weh tut. Der einfach gut tut.
Dann sehen wir in ihm vor allem Trost.
Und manchmal bleibt er einfach „Jesus aus Nazareth“. Ein Name. Eine Figur der Geschichte. Einer, der vorbeigeht.
Aber hören wir noch, was er von sich selbst sagt?
Menschensohn.
Nicht nur Macht. Sondern Gottes Zukunft. Und ein Weg, der durch Leiden geht.
Vielleicht sind wir blind, weil wir nur die Hälfte sehen wollen.
Die Herrlichkeit – ohne das Kreuz. Die Hoffnung – ohne den Weg dorthin. Die Auferstehung – ohne das Ausgeliefertsein.
Der Blinde am Weg sieht mehr.
Er ruft: "Sohn Davids." Er reiht Jesus ein in die Geschichte Israels. In die Hoffnung auf einen gerechten König.
Er sieht das kommende Reich, auch wenn er von Jesus nicht einmal ein Gesicht erkennt. Er sieht mit dem Herzen.
Er ruft: "Herr, erbarme dich." "Kyrie, eleison." Ein Bittruf an einen Mächtigen. Wie bei einer Audienz am Königshof.
Er verlässt sich darauf, dass Jesus mehr ist, als der Augenschein der anderen hergibt. Er vertraut, bevor er versteht.
Wir dagegen hören „Menschensohn“ und denken vielleicht an Triumph.
Oder wir hören „Jesus aus Nazareth“ und denken: harmlos.
Und übersehen den Weg, den er wirklich geht.
Warum sieht der Blinde mehr?
Nicht, weil er klüger ist. Nicht, weil er die Schrift besser kennt.
Er hat nichts. Keinen Besitz. Keine Stellung. Keinen Überblick.
Er sitzt am Weg.
Und genau das ist vielleicht seine Stärke.
Kurz vorher erzählt Lukas von den Kindern.
Sie dürfen zu Jesus kommen. „Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen.“
Ein Kind kommt nicht mit Ansprüchen. Nicht mit Sicherheiten. Nicht mit einem Plan.
Es kommt mit leeren Händen.
Der Blinde kommt auch mit leeren Händen.
Und kurz davor steht der reiche Mann. Er fragt nach dem ewigen Leben. Er hält die Gebote. Er weiß viel.
Aber er kann nicht loslassen.
Vielleicht macht Besitz blind. Nicht nur Geld. Auch Besitz an Vorstellungen. An Bildern von Gott. An Sicherheiten.
Der Blinde hat nichts festzuhalten. Also hält er sich an Jesus.
Er ruft. Er lässt sich nicht zum Schweigen bringen. Er vertraut.
Er versteht nicht alles. Aber er traut Jesus alles zu.
Vielleicht beginnt Sehen genau dort.
Nicht im Durchblick. Sondern im Vertrauen.
Nicht in der Kontrolle. Sondern im Loslassen.
Vielleicht ist Vertrauen die erste Sehhilfe.
Der Blinde hat kein Konzept. Er hat nur eine Hoffnung.
„Herr, erbarme dich.“
Mehr nicht.
Und das genügt.
Genau da beginnt das, was Jesus Nachfolge nennt.
Aber selbst das heißt noch nicht, dass man schon alles versteht.
Die Jünger gehen mit. Sie haben ihre Netze verlassen. Ihre Häuser. Ihre Sicherheiten.
Und doch heißt es: Sie verstanden nichts davon. Der Sinn blieb ihnen verborgen.
Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Feststellung.
Sie konnten es noch nicht sehen.
Denn der Weg nach Jerusalem erschließt sich nicht von selbst. Er widerspricht allem, was wir unter Macht verstehen. Er widerspricht unserem Gefühl für Erfolg. Er widerspricht unserem Bild von göttlicher Herrschaft.
Erst später wird es hell.
Erst im Licht der Auferstehung bekommt dieser Weg Kontur.
„Und am dritten Tag wird er auferstehen.“
Das steht schon hier. Mitten zwischen Ausgeliefertsein und Tod.
Aber wie ein leiser Satz. Noch ohne Gewicht.
Erst Ostern wird ihn ausleuchten.
Erst dann wird sichtbar: Dieser Weg war kein Scheitern. Er war Gottes Weg.
Nicht die Niederlage Gottes. Sondern seine Art, zu herrschen.
Gott hat Jesus, seinen Messias nicht im Tod gelassen. Gott hat ihn ins Leben gerufen.
Der auferstandene Christus ist selbst unsere Sehhilfe.
Nicht ein Gedanke. Nicht eine Theorie.
Sondern er selbst.
In der Begegnung mit dem Auferstandenen auf dem Weg nach Emmaus, im Reden und Brotbrechen mit dem, der Gottes neues Leben hat--da geschieht es:
"Da wurden ihnen die Augen geöffnet, und sie erkannten ihn." (Lukas 24,31).
Paulus sagt es so:
„Jetzt sehen wir nur ein rätselhaftes Spiegelbild.“
Jetzt erkennen wir Stückwerk.
Das gilt auch für die Jünger. Und es gilt für uns.
Wir sehen nicht alles. Wir verstehen nicht alles.
Aber wir gehen.
Wir vertrauen.
Und wir leben aus einer Hoffnung, die größer ist als unser Durchblick.
Vielleicht heißt Glauben nicht: alles erkennen. Sondern im Halbdunkel weitergehen.
Im Vertrauen darauf, dass Gott am Ende mehr sieht als wir.
Vielleicht heißt Glauben, im tastenden Suchen immer neu seine Nähe zu suchen.
Dort, wo er redet.
Dort, wo er das Brot mit uns bricht.
Dort, wo der Auferstandene selbst die Augen öffnet.
Wir leben zwischen Blindheit und Aufblick. Zwischen Kreuz und Auferstehung. Zwischen Stückwerk und Vollendung.
Der Weg nach Jerusalem bleibt eine Zumutung. Ganz viele Wege im Leben bleiben eine Zumutung für uns.
Wir verstehen manches nicht. Wir tasten uns oft nur vorsichtig vorwärts.
Aber wir dürfen bitten, dass uns die Augen geöffnet werden.
Nicht auf einmal. Aber Schritt für Schritt.
Am Anfang habe ich meine Brille geputzt.
Manchmal braucht es eine Brille.
Aber für diesen Weg braucht es mehr.
Der auferstandene Christus selbst ist unsere Sehhilfe.
Ihm vertrauen wir.
So bete ich, wie es bereits angeklungen ist:
Herr, öffne du mir die Augen. Herr, öffne du mir das Herz. Ich will dich sehen.
Ich will dich sehen.
Amen.

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