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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Kinder Gottes in Burladingen,
Das ist ja ein höchst spannendes Fleckchen Erde, auf dem wir hier sitzen. Schaut euch einmal um! Nichts von dem, was ihr hier seht, besteht schon seit langer Zeit. Stellt euch vor, wir könnten in der Zeit zurückreisen und uns einmal früher hier umsehen. Was würden wir staunen! Stellt euch vor, wir gingen zurück bis in die Frühzeit. Bronze- und Eisenzeit. Da wäre nur Wildnis hier. Bäume und Büsche. Ein paar einsame Familien, die in Höhlen oder einfachen Zelten hausen, würden wir vielleicht finden. Ihre Spuren jedenfalls sind bis heute geblieben. Und wir müssten aufpassen. Wir könnten nämlich auch auf Kelten stoßen, die hier im Fehlatal auf Nahrungssuche gingen. Denen sollten wir besser nicht in die Hände fallen.
Wir spulen vor in der Zeit. Weit im Süden entsteht das mächtige römische Reich. Es wird immer größer, dehnt sich immer weiter nach Norden aus. Lange ist an der Donau die Grenze, während hier immer noch verschiedene germanische Stämme siedeln. Um 80 nach Christus stoßen die Römer noch einmal weiter nach Norden vor. Hier im Kleineschle steht jetzt plötzlich ein römisches Kastell. Und nebendran eine geschäftige Siedlung.
Noch einmal vorwärts. Das römische Reich ist längst wieder gefallen. Wieder sind die Stämme in Kontrolle. Diesmal sind es die Alemannen, die frei über die Gegend herrschen. Bis zum 17. September 772. Da schenkt ein alemannischer Stammesfürst namens Bleon gemeinsam mit seinem Sohn Otto der Fürstabtei des Klosters Lorsch Güter zu Ehren des heiligen Märtyrers Nazarius, der dort begraben liegt. Darunter auch "Burdlaidingen" im "Gau der Alemannen".
Ein Klostergut nun also. Vor allem aber ein Gut, mit dem man handeln kann. In der Zeit nach 1300 wechselt der Ort hier immer wieder den Besitz, hin und her zwischen den Hohenzollern und den Württembergern. Ab 1473 gehört er endgültig zur damaligen Grafschaft Zollern-Hechingen. 1623 heißt das dann Fürstentum Hohenzollern-Hechingen. 1849 gehört Burladingen plötzlich zu Preußen -- genauer, zu den "Hohenzollernschen Landen". 1919 liegt Burladingen weiter als Teil Preußens in der Weimarer Republik. Fürsten gibt es jetzt keine mehr. (Das haben bis heute noch nicht alle mitbekommen.) 1933 liegt es in der Hitlerdiktatur, dem angeblichen "3. Reich", das tausend Jahre bestehen sollte. Nach 12 Jahren, davon 6 im Krieg, ist es in Flammen untergegangen. Schutt und Asche. In der neuen Bundesrepublik ab 1949 gehörte Burladingen zum Bundesland Württemberg-Hohenzollern. Das gab es aber auch nur 5 Jahre lang. Dann wurde es nach einer umstrittenen Volksabstimmung Baden-Württemberg. Seit 1955 liegt Burladingen auch im Territorium der NATO, seit 1990 im vereinten Deutschland, seit 1992 in der europäischen Union. Und vor allem: Seit 77 Jahren hat dieses Fleckchen Erde keinen Krieg mehr gesehen.
Wo die Reise hingeht? Das wissen wir nicht. In den letzten 77 Jahren, und besonders seit dem Fall des "Eisernen Vorhangs" hat sich bei vielen der Eindruck breit gemacht, als hätten wir hier den Höhepunkt erreicht: Frieden, Demokratie, Freiheit. Als gäbe es kein Zurück mehr. Nicht erst seit Putins Angriff auf die Ukraine am 24. Februar machen sich aber auch die Zweifel daran breit, dass die Menschheit nun auf einen immer weiter ausgebreiteten Frieden zusteuert. Wer zurückschaut, sieht, wie kurzlebig alle menschlichen Organisationsformen und Konstrukte waren. Wie oft gute Zeiten auch von neuem Bösen jäh beendet wurde. Wo die Reise hingeht? Wir wissen es nicht.
Und damit sind wir dem heutigen Predigttext ganz nahe. Denn wir sind ja beileibe nicht die ersten, denen es so geht. Wer die Hebräische Bibel -- das, was wir das "Alte Testament" nennen -- aufschlägt, der landet unweigerlich in einem noch viel umstritteneren Fleckchen Erde: in Israel. Jahrhundertelang war dieser kleine Küstenstreifen am östlichen Ende des Mittelmeers nur Durchgangsstation für die großen Weltmächte. Und Kriegsschauplatz in der Mitte. Im Süden Ägypten. Im Norden wechselnd: Mal die Syrer, mal die Hethiter, die Assyrer und dann die Babylonier. Spätestens die machten dann 587 vor Christus dem Staatswesen Israels ein Ende. 70 Jahre lang waren kaum mehr Israeliten im Lande, weil die Politik der Babylonier die besiegten Völker innerhalb des riesigen Reichs zwangsumsiedelte. Erst nach dieser langen Zeit durften einige wieder zurückkehren. Nicht in ein freies Land. In eine aus der Ferne regierte Reichsprovinz. Übrigens keine babylonische Provinz. Die Babylonier waren da nämlich auch schon wieder Geschichte. Die waren in der Zwischenzeit von den Persern überrannt worden, die jetzt die Kontrolle hatte. Die wiederum verloren 333 bei Issos die entscheidende Schlacht gegen Alexander, genannt "der Große", König von Mazedonien und Griechenland. Jetzt war man also griechisch in Israel.
Als Alexander 323 in Babylon starb, gab es keinen Nachfolger. Seine mächtigsten Heerführer stritten sich um das Reich, teilten die Gebiete schließlich unter sich auf. Wieder war Israel Spielball der Machtspiele: Im Süden Ägypten, im Norden die Seleukiden in Syrien. Herrschaften kamen und gingen. Milde Herrscher. Diktatoren. Tyrannen. Einer davon unterdrückte die Religion Israels besonders, trieb gar im Tempel schändlichen Götzenkult. Und, neben all den lokalen Kämpfen, wuchs am Horizont im Westen schon die nächste Macht heran: das römische Reich wurde immer größer. Wo die Reise hinging? Keiner wusste es.
Mitten drin in all den politischen Tumulten wird in Israel ein Buch geschrieben. Ein Buch voller Visionen. Ein Buch voller Hoffnung. Es beschreibt das Reden und Handeln eines Weisen, eines Propheten, damals, ein paar Jahrhunderte zuvor, im Exil in Babylon. Was dem damals Hoffnung gab, könne auch heute den Glauben stärken, meinte man in Israel. Und man las die prächtig ausgemalten Bilder der Visionen dieses Mannes namens Daniel.
Im ersten Jahr Belsazars, des Königs von Babel, hatte Daniel einen Traum und Gesichte auf seinem Bett; und er schrieb den Traum auf: Ich, Daniel, sah ein Gesicht in der Nacht, und siehe, die vier Winde unter dem Himmel wühlten das große Meer auf. Und vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, ein jedes anders als das andere. (Daniel 7,1-3)In den schrillsten Tönen beschreibt Daniel diese bedrohlichen Tiere aus dem Meer und der Kundige kann darin schnell Symbole für die großen, einander ablösenden Weltreiche der damaligen Zeit erkennen. Die Leser in Israel haben sicher mit dem Kopf genickt, als sie die Beschreibung dieser furchteinflößenden Monster lasen. Schließlich lebten sie ja mittendrin, in der Gewalt dieser ständig wechselnden Mächtigen.
Doch dann ändert sich plötzlich der Ton:
Da sah ich: Throne wurden aufgestellt, und einer, der uralt war, setzte sich. Sein Kleid war weiß wie Schnee und das Haar auf seinem Haupt wie reine Wolle; Feuerflammen waren sein Thron und dessen Räder loderndes Feuer. Da ergoss sich ein langer feuriger Strom und brach vor ihm hervor. Tausendmal Tausende dienten ihm, und zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht wurde gehalten und die Bücher wurden aufgetan. Ich sah auf um der großen Reden willen, die das Horn redete, und ich sah, wie das Tier getötet wurde und sein Leib umkam und in die Feuerflammen geworfen wurde. Und mit der Macht der andern Tiere war es auch aus; denn es war ihnen Zeit und Stunde bestimmt, wie lang ein jedes leben sollte. (Daniel 7,9-12)Was hier erzählt wird, passt nicht mehr zur damals sichtbaren Weltgeschichte. Throne werden aufgestellt und auf dem Platz des Herrschers sitzt kein Perserkönig. Kein griechischer Feldherr. Und kein Abkömmling eines der Generale Alexanders. Auf dem Thron sitzt einer, der ganz anders ist. Uralt. Weiß wie Schnee. Feuerflammen als Thron. Loderndes Feuer um ihn her.
Erinnerungen an die Gottesbeschreibungen der Propheten Israels werden wach. So haben schon andere von Gott geredet. Gott! Er selbst ist es, der auf dem Thron sitzt. Er hält Gericht über die Mächtigen dieser Welt. Das Tier, das im Moment zu herrschen schien, wir verurteilt, getötet und verbrannt. Die Monster verlieren ihre Macht. Gott ist es, der "ihnen Zeit und Stunde bestimmt."
Könnt ihr euch vorstellen, welche Hoffnungsbotschaft das für die Unterdrückten in Israel war? Für alle, die dem Toben der Weltmächte, dem Tosen der immer neuen Wellen der Machtspiele, schutzlos ausgeliefert waren. Für alle, die selbst überhaupt keine Kontrolle über ihre Lebensumstände hatten, sondern sich hilflos in der Gewalt der jeweils Herrschenden sahen?
Gott -- unser Gott -- sitzt auf dem Thron. Gott -- unser Gott -- ist in Kontrolle. Gott -- unser Gott -- hat die Macht über alle Mächte der Welt. Und er behält am Ende den Sieg!
Könnt ihr die Hoffnung hören? Spüren?
Wo die Reise hingeht? Gott weiß es. Gott lenkt die Richtung. Gott macht am Ende alles gut.
Das ist Trost mitten im Chaos.
Und noch nicht einmal das Ende.
Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Ihm wurde gegeben Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende. (Daniel 7,13-14)Denn jetzt kommt einer, "wie des Menschen Sohn." Einer dem Gott "Macht, Ehre und Reich" gibt über alle Völker. Dessen Macht ewig besteht und dessen Reich kein Ende hat.
In Israel, wo es längst keinen König mehr gab, Hoffnung. Hoffnung, dass eines Tages wieder einer auf dem Davidsthron sitzen würde. Einer, bei dem Gott sein Versprechen einlöst, ewig bei seinem Volk zu sein. Ein gerechter Herrscher. Ein Friedefürst. Wer das wohl sein wird?
Wenn sich diese Hoffnungen damals mit einer konkreten Person verbanden, dann sind sie politisch nicht wahr geworden. Egal, ob in Israel oder in Burladingen -- wechselnde Herrscher, politisches Hin- und Her, Krieg- und Friedenszeiten und ganz viel Ungerechtigkeit zeichnen den Lauf der Geschichte auch mehr als 2.000 Jahre nach der Niederschrift des Danielbuchs. Hat sich der Prophet geirrt? War das alles nur eine leere Hoffnung?
Schaut: Keine zwei Jahrhunderte nachdem diese Worte geschrieben wurden, zieht ein Wanderprediger aus Nazaret in Galiläa durch das Land. Auch er spricht von der Hoffnung. Und vom Reich. Für ihn ist es noch einmal viel näher als für alle vor ihm: "Tut Buße und bekehrt euch", sagt er, "das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen." Er sieht sich selbst als den, mit dem das Reich Gottes anbricht. Er lädt Menschen ein, dazuzugehören. Teil dieses wachsenden Reichs zu sein. Er nimmt für sich in Anspruch, Gottes Sohn zu sein. Und er nennt sich "der Menschensohn" -- kommt der Begriff euch nicht bekannt vor?
Wie es schon immer war: Das Imperium schlägt zurück. Als Aufrührer, als Rebell wird er verhaftet, gefoltert und getötet. Wieder triumphieren die Mächtigen. Wieder wird die Hoffnung unter mitleidslosen Soldatenstiefeln zetreten.
Aber die, die ihm gefolgt sind, erleben und bekennen: Er ist auferstanden. Bis heute glauben wir: Er ist wahrhaftig auferstanden. Was mit ihm begonnen hat, kann keine Macht der Welt, nicht einmal der Tod, zerstören. Das Reich Gottes wächst und blüht, im Kleinen und immer Größeren.
Heute feiern wir seinen Aufstieg zum Himmel. "Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters", bekennen wir. Er sitzt auf dem Thron. Er ist in Kontrolle. "Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende."
"Von dort wird er kommen, zu richten, die Lebenden und die Toten", bekennen wir. Er wird wiederkommen und das ewige Friedensreich Gottes vollenden. Das hat er uns versprochen. Und wir sind ein Teil davon: "Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen" (Joh 12,32), hat er gesagt, unser Christus.
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit. (Lukas 1,51-55)So preist Maria Gott, als sie mit Jesus schwanger ist. Und das sei auch unser Gebet. Denn: egal, wie es heute aussieht; egal, wohin der Weg auch noch führen mag -- wir wissen, wo die Reise hingeht. Wenn wir heute Angst haben, weil selbstverständlich geglaubte Sicherheiten uns im Stich zu lassen drohen, dann ist diese alte Hoffnung noch heute unsere Hoffnung.
Reiche kommen und gehen. Mächtige grollen und toben. Lasst uns nie vergessen, zu welchem Reich wir gehören. Lasst uns nie vergessen, welche Staatsbürgerschaft die unsere ist: "Sein Reich hat kein Ende."
Gott -- unser Gott -- sitzt auf dem Thron. Gott -- unser Gott --ist in Kontrolle. Gott -- unser Gott -- hat die Macht über alle Mächte der Welt. Und er behält am Ende den Sieg!
Das ist durch Christus unsere Hoffnung. Das ist es, wo die Reise hingeht. Halleluja! Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Kinder Gottes in Burladingen,
Das ist ja ein höchst spannendes Fleckchen Erde, auf dem wir hier sitzen. Schaut euch einmal um! Nichts von dem, was ihr hier seht, besteht schon seit langer Zeit. Stellt euch vor, wir könnten in der Zeit zurückreisen und uns einmal früher hier umsehen. Was würden wir staunen! Stellt euch vor, wir gingen zurück bis in die Frühzeit. Bronze- und Eisenzeit. Da wäre nur Wildnis hier. Bäume und Büsche. Ein paar einsame Familien, die in Höhlen oder einfachen Zelten hausen, würden wir vielleicht finden. Ihre Spuren jedenfalls sind bis heute geblieben. Und wir müssten aufpassen. Wir könnten nämlich auch auf Kelten stoßen, die hier im Fehlatal auf Nahrungssuche gingen. Denen sollten wir besser nicht in die Hände fallen.
Wir spulen vor in der Zeit. Weit im Süden entsteht das mächtige römische Reich. Es wird immer größer, dehnt sich immer weiter nach Norden aus. Lange ist an der Donau die Grenze, während hier immer noch verschiedene germanische Stämme siedeln. Um 80 nach Christus stoßen die Römer noch einmal weiter nach Norden vor. Hier im Kleineschle steht jetzt plötzlich ein römisches Kastell. Und nebendran eine geschäftige Siedlung.
Noch einmal vorwärts. Das römische Reich ist längst wieder gefallen. Wieder sind die Stämme in Kontrolle. Diesmal sind es die Alemannen, die frei über die Gegend herrschen. Bis zum 17. September 772. Da schenkt ein alemannischer Stammesfürst namens Bleon gemeinsam mit seinem Sohn Otto der Fürstabtei des Klosters Lorsch Güter zu Ehren des heiligen Märtyrers Nazarius, der dort begraben liegt. Darunter auch "Burdlaidingen" im "Gau der Alemannen".
Ein Klostergut nun also. Vor allem aber ein Gut, mit dem man handeln kann. In der Zeit nach 1300 wechselt der Ort hier immer wieder den Besitz, hin und her zwischen den Hohenzollern und den Württembergern. Ab 1473 gehört er endgültig zur damaligen Grafschaft Zollern-Hechingen. 1623 heißt das dann Fürstentum Hohenzollern-Hechingen. 1849 gehört Burladingen plötzlich zu Preußen -- genauer, zu den "Hohenzollernschen Landen". 1919 liegt Burladingen weiter als Teil Preußens in der Weimarer Republik. Fürsten gibt es jetzt keine mehr. (Das haben bis heute noch nicht alle mitbekommen.) 1933 liegt es in der Hitlerdiktatur, dem angeblichen "3. Reich", das tausend Jahre bestehen sollte. Nach 12 Jahren, davon 6 im Krieg, ist es in Flammen untergegangen. Schutt und Asche. In der neuen Bundesrepublik ab 1949 gehörte Burladingen zum Bundesland Württemberg-Hohenzollern. Das gab es aber auch nur 5 Jahre lang. Dann wurde es nach einer umstrittenen Volksabstimmung Baden-Württemberg. Seit 1955 liegt Burladingen auch im Territorium der NATO, seit 1990 im vereinten Deutschland, seit 1992 in der europäischen Union. Und vor allem: Seit 77 Jahren hat dieses Fleckchen Erde keinen Krieg mehr gesehen.
Wo die Reise hingeht? Das wissen wir nicht. In den letzten 77 Jahren, und besonders seit dem Fall des "Eisernen Vorhangs" hat sich bei vielen der Eindruck breit gemacht, als hätten wir hier den Höhepunkt erreicht: Frieden, Demokratie, Freiheit. Als gäbe es kein Zurück mehr. Nicht erst seit Putins Angriff auf die Ukraine am 24. Februar machen sich aber auch die Zweifel daran breit, dass die Menschheit nun auf einen immer weiter ausgebreiteten Frieden zusteuert. Wer zurückschaut, sieht, wie kurzlebig alle menschlichen Organisationsformen und Konstrukte waren. Wie oft gute Zeiten auch von neuem Bösen jäh beendet wurde. Wo die Reise hingeht? Wir wissen es nicht.
Und damit sind wir dem heutigen Predigttext ganz nahe. Denn wir sind ja beileibe nicht die ersten, denen es so geht. Wer die Hebräische Bibel -- das, was wir das "Alte Testament" nennen -- aufschlägt, der landet unweigerlich in einem noch viel umstritteneren Fleckchen Erde: in Israel. Jahrhundertelang war dieser kleine Küstenstreifen am östlichen Ende des Mittelmeers nur Durchgangsstation für die großen Weltmächte. Und Kriegsschauplatz in der Mitte. Im Süden Ägypten. Im Norden wechselnd: Mal die Syrer, mal die Hethiter, die Assyrer und dann die Babylonier. Spätestens die machten dann 587 vor Christus dem Staatswesen Israels ein Ende. 70 Jahre lang waren kaum mehr Israeliten im Lande, weil die Politik der Babylonier die besiegten Völker innerhalb des riesigen Reichs zwangsumsiedelte. Erst nach dieser langen Zeit durften einige wieder zurückkehren. Nicht in ein freies Land. In eine aus der Ferne regierte Reichsprovinz. Übrigens keine babylonische Provinz. Die Babylonier waren da nämlich auch schon wieder Geschichte. Die waren in der Zwischenzeit von den Persern überrannt worden, die jetzt die Kontrolle hatte. Die wiederum verloren 333 bei Issos die entscheidende Schlacht gegen Alexander, genannt "der Große", König von Mazedonien und Griechenland. Jetzt war man also griechisch in Israel.
Als Alexander 323 in Babylon starb, gab es keinen Nachfolger. Seine mächtigsten Heerführer stritten sich um das Reich, teilten die Gebiete schließlich unter sich auf. Wieder war Israel Spielball der Machtspiele: Im Süden Ägypten, im Norden die Seleukiden in Syrien. Herrschaften kamen und gingen. Milde Herrscher. Diktatoren. Tyrannen. Einer davon unterdrückte die Religion Israels besonders, trieb gar im Tempel schändlichen Götzenkult. Und, neben all den lokalen Kämpfen, wuchs am Horizont im Westen schon die nächste Macht heran: das römische Reich wurde immer größer. Wo die Reise hinging? Keiner wusste es.
Mitten drin in all den politischen Tumulten wird in Israel ein Buch geschrieben. Ein Buch voller Visionen. Ein Buch voller Hoffnung. Es beschreibt das Reden und Handeln eines Weisen, eines Propheten, damals, ein paar Jahrhunderte zuvor, im Exil in Babylon. Was dem damals Hoffnung gab, könne auch heute den Glauben stärken, meinte man in Israel. Und man las die prächtig ausgemalten Bilder der Visionen dieses Mannes namens Daniel.
Im ersten Jahr Belsazars, des Königs von Babel, hatte Daniel einen Traum und Gesichte auf seinem Bett; und er schrieb den Traum auf: Ich, Daniel, sah ein Gesicht in der Nacht, und siehe, die vier Winde unter dem Himmel wühlten das große Meer auf. Und vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, ein jedes anders als das andere. (Daniel 7,1-3)In den schrillsten Tönen beschreibt Daniel diese bedrohlichen Tiere aus dem Meer und der Kundige kann darin schnell Symbole für die großen, einander ablösenden Weltreiche der damaligen Zeit erkennen. Die Leser in Israel haben sicher mit dem Kopf genickt, als sie die Beschreibung dieser furchteinflößenden Monster lasen. Schließlich lebten sie ja mittendrin, in der Gewalt dieser ständig wechselnden Mächtigen.
Doch dann ändert sich plötzlich der Ton:
Da sah ich: Throne wurden aufgestellt, und einer, der uralt war, setzte sich. Sein Kleid war weiß wie Schnee und das Haar auf seinem Haupt wie reine Wolle; Feuerflammen waren sein Thron und dessen Räder loderndes Feuer. Da ergoss sich ein langer feuriger Strom und brach vor ihm hervor. Tausendmal Tausende dienten ihm, und zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht wurde gehalten und die Bücher wurden aufgetan. Ich sah auf um der großen Reden willen, die das Horn redete, und ich sah, wie das Tier getötet wurde und sein Leib umkam und in die Feuerflammen geworfen wurde. Und mit der Macht der andern Tiere war es auch aus; denn es war ihnen Zeit und Stunde bestimmt, wie lang ein jedes leben sollte. (Daniel 7,9-12)Was hier erzählt wird, passt nicht mehr zur damals sichtbaren Weltgeschichte. Throne werden aufgestellt und auf dem Platz des Herrschers sitzt kein Perserkönig. Kein griechischer Feldherr. Und kein Abkömmling eines der Generale Alexanders. Auf dem Thron sitzt einer, der ganz anders ist. Uralt. Weiß wie Schnee. Feuerflammen als Thron. Loderndes Feuer um ihn her.
Erinnerungen an die Gottesbeschreibungen der Propheten Israels werden wach. So haben schon andere von Gott geredet. Gott! Er selbst ist es, der auf dem Thron sitzt. Er hält Gericht über die Mächtigen dieser Welt. Das Tier, das im Moment zu herrschen schien, wir verurteilt, getötet und verbrannt. Die Monster verlieren ihre Macht. Gott ist es, der "ihnen Zeit und Stunde bestimmt."
Könnt ihr euch vorstellen, welche Hoffnungsbotschaft das für die Unterdrückten in Israel war? Für alle, die dem Toben der Weltmächte, dem Tosen der immer neuen Wellen der Machtspiele, schutzlos ausgeliefert waren. Für alle, die selbst überhaupt keine Kontrolle über ihre Lebensumstände hatten, sondern sich hilflos in der Gewalt der jeweils Herrschenden sahen?
Gott -- unser Gott -- sitzt auf dem Thron. Gott -- unser Gott -- ist in Kontrolle. Gott -- unser Gott -- hat die Macht über alle Mächte der Welt. Und er behält am Ende den Sieg!
Könnt ihr die Hoffnung hören? Spüren?
Wo die Reise hingeht? Gott weiß es. Gott lenkt die Richtung. Gott macht am Ende alles gut.
Das ist Trost mitten im Chaos.
Und noch nicht einmal das Ende.
Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Ihm wurde gegeben Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende. (Daniel 7,13-14)Denn jetzt kommt einer, "wie des Menschen Sohn." Einer dem Gott "Macht, Ehre und Reich" gibt über alle Völker. Dessen Macht ewig besteht und dessen Reich kein Ende hat.
In Israel, wo es längst keinen König mehr gab, Hoffnung. Hoffnung, dass eines Tages wieder einer auf dem Davidsthron sitzen würde. Einer, bei dem Gott sein Versprechen einlöst, ewig bei seinem Volk zu sein. Ein gerechter Herrscher. Ein Friedefürst. Wer das wohl sein wird?
Wenn sich diese Hoffnungen damals mit einer konkreten Person verbanden, dann sind sie politisch nicht wahr geworden. Egal, ob in Israel oder in Burladingen -- wechselnde Herrscher, politisches Hin- und Her, Krieg- und Friedenszeiten und ganz viel Ungerechtigkeit zeichnen den Lauf der Geschichte auch mehr als 2.000 Jahre nach der Niederschrift des Danielbuchs. Hat sich der Prophet geirrt? War das alles nur eine leere Hoffnung?
Schaut: Keine zwei Jahrhunderte nachdem diese Worte geschrieben wurden, zieht ein Wanderprediger aus Nazaret in Galiläa durch das Land. Auch er spricht von der Hoffnung. Und vom Reich. Für ihn ist es noch einmal viel näher als für alle vor ihm: "Tut Buße und bekehrt euch", sagt er, "das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen." Er sieht sich selbst als den, mit dem das Reich Gottes anbricht. Er lädt Menschen ein, dazuzugehören. Teil dieses wachsenden Reichs zu sein. Er nimmt für sich in Anspruch, Gottes Sohn zu sein. Und er nennt sich "der Menschensohn" -- kommt der Begriff euch nicht bekannt vor?
Wie es schon immer war: Das Imperium schlägt zurück. Als Aufrührer, als Rebell wird er verhaftet, gefoltert und getötet. Wieder triumphieren die Mächtigen. Wieder wird die Hoffnung unter mitleidslosen Soldatenstiefeln zetreten.
Aber die, die ihm gefolgt sind, erleben und bekennen: Er ist auferstanden. Bis heute glauben wir: Er ist wahrhaftig auferstanden. Was mit ihm begonnen hat, kann keine Macht der Welt, nicht einmal der Tod, zerstören. Das Reich Gottes wächst und blüht, im Kleinen und immer Größeren.
Heute feiern wir seinen Aufstieg zum Himmel. "Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters", bekennen wir. Er sitzt auf dem Thron. Er ist in Kontrolle. "Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende."
"Von dort wird er kommen, zu richten, die Lebenden und die Toten", bekennen wir. Er wird wiederkommen und das ewige Friedensreich Gottes vollenden. Das hat er uns versprochen. Und wir sind ein Teil davon: "Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen" (Joh 12,32), hat er gesagt, unser Christus.
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit. (Lukas 1,51-55)So preist Maria Gott, als sie mit Jesus schwanger ist. Und das sei auch unser Gebet. Denn: egal, wie es heute aussieht; egal, wohin der Weg auch noch führen mag -- wir wissen, wo die Reise hingeht. Wenn wir heute Angst haben, weil selbstverständlich geglaubte Sicherheiten uns im Stich zu lassen drohen, dann ist diese alte Hoffnung noch heute unsere Hoffnung.
Reiche kommen und gehen. Mächtige grollen und toben. Lasst uns nie vergessen, zu welchem Reich wir gehören. Lasst uns nie vergessen, welche Staatsbürgerschaft die unsere ist: "Sein Reich hat kein Ende."
Gott -- unser Gott -- sitzt auf dem Thron. Gott -- unser Gott --ist in Kontrolle. Gott -- unser Gott -- hat die Macht über alle Mächte der Welt. Und er behält am Ende den Sieg!
Das ist durch Christus unsere Hoffnung. Das ist es, wo die Reise hingeht. Halleluja! Amen.

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