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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer, aus dem 8. Kapitel:
26 Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. 27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will. 28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. 29 Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. 30 Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht. (Römer 8,26–30)Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich! (Psalm 27,7)
Stumm sitzt er da. Der Schock sitzt noch zu tief. Die vielen Gefühle und Eindrücke kann er noch gar nicht verarbeiten. Und erst recht nicht das untäige Warten, zu dem er verdammt ist, seit die Türen des Rettungswagens zuschlugen. Sie haben sie mitgenommen, seine Frau, nachdem sie plötzlich zusammengebrochen war. Er hatte sie gefunden, auf dem Boden, wo sie nicht antwortete. Hatte es irgendwie zum Telefon geschafft, die richtige Nummer gewählt und -- seltsam gefasst -- Hilfe gerufen. Als sie kamen, wurde es laut und hektisch. Alles musste schnell gehen. Er konnte nicht mitfahren, musste doch auf die Kinder warten, die irgendwann heimkommen würden. Jetzt sitzt er da. Kann nichts tun. Kann nichts sagen. Nur ab und zu seufzt er tief.
Ich sitze daneben, in meiner lila Jacke. "Notfallseelsorge" steht da drauf. Man hat mich angerufen, ob ich hinfahren könnte. Hat mir die nötigsten Fakten geschildert. Er war froh, als ich kam. Dass da wenigstens irgendjemand ist. Am Anfang hat er viel geredet, hat mir berichtet, was geschehen war. Irgendwann war alles erzählt. Da wurde er still. Und seufzte nur noch ab und zu.
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
Manchmal kann man da nur still daneben sitzen. Die Stille aushalten. "Qualifiziertes Schweigen", hieß das in der Ausbildung. Wenn es nichts zu sagen gibt, was jetzt an dieser Stelle weiterhelfen könnte. Versprechen kann ich ihm nichts. "Alles wird gut", wäre an dieser Stelle bestenfalls eine leere Floskel. Vielleicht auch eine Lüge. Also bleibt nur das Schweigen. Und das Warten. Und das Seufzen.
26 Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. 27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will. (Römer 8,26-27)Das ist jetzt keine präzise Statistik, aber ich behaupte, einer der am meisten aus dem Zusammenhang gerissenen Sätze der Bibel steht im 28. Vers dieses 8. Kapitels des Römerbriefs: "Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen." Ein Durchhaltesatz: Alles wird gut. Ein Satz, der auf den ersten Blick vorgibt, die Realität nicht aus den Augen zu verlieren. "Alle Dinge", das schließt schon auch ganz bewusst die negativen Seiten des Lebens mit ein. Die packt der Satz in einen Trostversuch hinein: Mit Gott wird auch das, was gerade furchtbar schrecklich ist, noch irgendwie zum Guten. Halte durch. Am Ende wird alles gut.
Das kann man wunderbar auf eine Postkarte schreiben. Ein paar schnulzig-schöne Blumen oder ein nettes Landschaftsbild dahinter, eine schnörkelige Schriftart und fertig ist die Durchhaltekarte. Ein Bestseller für alle, die anderen in einer Leidsituation begegnen müssen, aber selbst nicht wissen, was sie sagen sollen. Alles wird gut. Das wird schon wieder. So wie auf dem Friedhof, wenn alle irgendwie an den traurigen Angehörigen vorbeidrucksen und keiner so recht weiß, was er jetzt eigentlich sagen soll.
Manchmal ist es besser, zu schweigen.
Hat eigentlich mal jemand hingehört, wie so ein "alles wird gut"-Satz bei denen ankommt, die gerade leiden? "Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen." Okay, dein Mann ist gerade gestorben. Ja, das ist schrecklich. Aber denk dran, es dient zu deinem Besten. Dein Sohn? Ein Autounfall? O nein! Zum Glück dient es ja zu deinem Besten. Du bist krank? Sicher zu deinem Besten! Depressiv? Mach dir nichts draus, da kommt was Gutes draus! Prüfung nicht geschafft? Sicher zu deinem Besten! Einsam? Das wird schon wieder! Am Boden zerstört? Keine Sorge: Gott macht was wunderbares draus!
"Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen." Vielleicht sollten wir das nicht auf Postkarten, sondern auf Plakate drucken. Die könnten auf jedem Friedhof hängen. Auf jeder Intensivstation. Im Gefängnis. In der Unterkunft für Obdachlose. Wir könnten Plakate in die Ukraine schicken und in jedes andere Kriegsgebiet, wo Menschen in zerbombten Häusern kauern und in Kellern um ihr Leben fürchten. "Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen." Echt jetzt?
Manchmal ist es besser, zu schweigen. Manchmal gibt es keine Worte mehr. Nur noch seufzen.
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
O, wenn es doch so wäre, dass alles immer gut wird! Wenn man sie doch auflösen könnte, die unsägliche Spannung des Wartens, der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins. Wenn man doch abkürzen könnte, was das Leben der Christ:innen dieser Welt seit damals an Himmelfahrt: diese Spannung zwischen "das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen" und "dein Reich komme". Wenn es doch nur schon hier wäre, das ewige Friedensreich -- verheißen, erhofft, geglaubt -- in dem Gott ein Ende macht allem Bösen, alle Tränen abwischt, alles Leid wegnimmt und selbst der Tod nicht mehr ist. Wenn doch...
Seufzen.
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
Trost finde ich in den Versen vor diesem Achtundzwanzigsten.
26 Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. 27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will. (Römer 8,26-27)Gott hört mein Seufzen. In all den Spannungen und Ungewissheiten dieser Zwischenzeit bin ich nicht allein. Gott hat mich nicht übersehen, nicht vergessen. Er hört mein Seufzen, sieht hinein in meine Not. Er kennt mein Herz. Er versteht, wo mir die Worte fehlen. Er stellt -- er setzt, er kniet -- sich an meine Seite. Er teilt mein Seufzen, meine Not. Er weiß, wie es um mich steht. Er ist da.
Immanuel. Gott mit uns.
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
Das ist mir Trost und Zuversicht. Auch wenn ich nur noch seufzen kann.
In dieser Zwischenzeit.
Alles wird gut?
"Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind."
Es gibt keine magische Zauberformel, kein richtiges Beten, Hoffen oder Glauben, das immer alle Situationen des Lebens, die uns begegnen, auf wundersame Weise wieder gerade richtet. Das ist auch nicht, was Gott uns verspricht.
Aber der Gott, der bei uns ist in der Zwischenzeit -- der sich nicht herausnimmt, die Schwierigkeiten nicht ausklammert, der immer alles mitgemacht und auf sich genommen hat; der Gott, der mit mir dasitzt und seufzt, wenn die Worte fehlen -- der gibt mir Halt, Trost in Zuversicht, auch den Ausblick zu wagen: hinaus, über die Zwischenzeit, in die große Zukunft seiner Verheißungen, die noch vor uns steht.
Dein Reich komme.
"Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen." (Apg 1,11)
Dein Reich komme.
Alles wird gut.
Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. 29 Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. 30 Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht. (Römer 8,28-30)In diesem Nach-Vorne-Blicken bekommt der 28. Vers seine Bedeutung, seinen Zusammenhang. Die Hoffnung, die uns Christ:innen trägt, ist nach vorne gerichtet, auf die Zukunft der Verheißung hin. Hoffnung nimmt im glaubenden Vertrauen schon vorweg, was längst noch nicht sichtbar ist: Alles wird gut. Es kommt, das Friedensreich, in seiner Fülle, mit "Schalom", mit Friede und Wohlergehen und ungetrübter Freude. Auch wenn wir nicht wissen, wann es kommt -- wann er kommt -- spornt uns das an, trägt uns und gibt uns Mut, vorwärts zu gehen. "Wir wissen aber...", kann der Apostel diese Gewissheit beschreiben. Wir haben gute Aussichten. Selbst aus dem tiefsten Tal heraus.
So gut diese Hoffnung tut -- die Worte wären leer, wenn alles, was wir haben, nur diese Versprechen wären. Eine Zukunft, hoffnungsvoll und doch in unbekannter Ferne. Eine Zwischenzeit, die nun schon 2.000 Jahre dauert. Wann Herr? Wann?
Seufzen.
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
Was trägt, in dieser Zwischenzeit, wenn mir die Worte fehlen und ich nur noch seufzen kann, ist das, was Paulus mir hier vor Augen stellt. Ein Gott, der mir eine Zukunft verspricht und hier und heute bei mir bleibt. Der mein Seufzen hört, meine Lasten kennt, meine Leiden teilt. Der durch seinen Geist in mir atmet, in mir lebt, in mir betet, wenn ich nicht einmal das mehr kann. Der nicht hier und heute wundersam alles gut macht, aber -- das weiß ich, da bin ich gewiss -- am Ende kommt und alles gut macht.
Diesen Gott zu kennen -- mit ihm durchs Leben zu gehen -- macht nicht automatisch immer alles leichter. Es macht mich nicht zum Überflieger. In dem, was diese Zwischenzeit mit sich bringt, kann ich auch weiterhin manchmal nur noch seufzen. Wenn ich dann still werde, weil mir die Worte fehlen -- ganz still -- dann höre ich ihn, neben / in mir: den Geist der mit mir seufzt. Und das tut gut.
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer, aus dem 8. Kapitel:
26 Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. 27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will. 28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. 29 Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. 30 Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht. (Römer 8,26–30)Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich! (Psalm 27,7)
Stumm sitzt er da. Der Schock sitzt noch zu tief. Die vielen Gefühle und Eindrücke kann er noch gar nicht verarbeiten. Und erst recht nicht das untäige Warten, zu dem er verdammt ist, seit die Türen des Rettungswagens zuschlugen. Sie haben sie mitgenommen, seine Frau, nachdem sie plötzlich zusammengebrochen war. Er hatte sie gefunden, auf dem Boden, wo sie nicht antwortete. Hatte es irgendwie zum Telefon geschafft, die richtige Nummer gewählt und -- seltsam gefasst -- Hilfe gerufen. Als sie kamen, wurde es laut und hektisch. Alles musste schnell gehen. Er konnte nicht mitfahren, musste doch auf die Kinder warten, die irgendwann heimkommen würden. Jetzt sitzt er da. Kann nichts tun. Kann nichts sagen. Nur ab und zu seufzt er tief.
Ich sitze daneben, in meiner lila Jacke. "Notfallseelsorge" steht da drauf. Man hat mich angerufen, ob ich hinfahren könnte. Hat mir die nötigsten Fakten geschildert. Er war froh, als ich kam. Dass da wenigstens irgendjemand ist. Am Anfang hat er viel geredet, hat mir berichtet, was geschehen war. Irgendwann war alles erzählt. Da wurde er still. Und seufzte nur noch ab und zu.
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
Manchmal kann man da nur still daneben sitzen. Die Stille aushalten. "Qualifiziertes Schweigen", hieß das in der Ausbildung. Wenn es nichts zu sagen gibt, was jetzt an dieser Stelle weiterhelfen könnte. Versprechen kann ich ihm nichts. "Alles wird gut", wäre an dieser Stelle bestenfalls eine leere Floskel. Vielleicht auch eine Lüge. Also bleibt nur das Schweigen. Und das Warten. Und das Seufzen.
26 Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. 27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will. (Römer 8,26-27)Das ist jetzt keine präzise Statistik, aber ich behaupte, einer der am meisten aus dem Zusammenhang gerissenen Sätze der Bibel steht im 28. Vers dieses 8. Kapitels des Römerbriefs: "Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen." Ein Durchhaltesatz: Alles wird gut. Ein Satz, der auf den ersten Blick vorgibt, die Realität nicht aus den Augen zu verlieren. "Alle Dinge", das schließt schon auch ganz bewusst die negativen Seiten des Lebens mit ein. Die packt der Satz in einen Trostversuch hinein: Mit Gott wird auch das, was gerade furchtbar schrecklich ist, noch irgendwie zum Guten. Halte durch. Am Ende wird alles gut.
Das kann man wunderbar auf eine Postkarte schreiben. Ein paar schnulzig-schöne Blumen oder ein nettes Landschaftsbild dahinter, eine schnörkelige Schriftart und fertig ist die Durchhaltekarte. Ein Bestseller für alle, die anderen in einer Leidsituation begegnen müssen, aber selbst nicht wissen, was sie sagen sollen. Alles wird gut. Das wird schon wieder. So wie auf dem Friedhof, wenn alle irgendwie an den traurigen Angehörigen vorbeidrucksen und keiner so recht weiß, was er jetzt eigentlich sagen soll.
Manchmal ist es besser, zu schweigen.
Hat eigentlich mal jemand hingehört, wie so ein "alles wird gut"-Satz bei denen ankommt, die gerade leiden? "Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen." Okay, dein Mann ist gerade gestorben. Ja, das ist schrecklich. Aber denk dran, es dient zu deinem Besten. Dein Sohn? Ein Autounfall? O nein! Zum Glück dient es ja zu deinem Besten. Du bist krank? Sicher zu deinem Besten! Depressiv? Mach dir nichts draus, da kommt was Gutes draus! Prüfung nicht geschafft? Sicher zu deinem Besten! Einsam? Das wird schon wieder! Am Boden zerstört? Keine Sorge: Gott macht was wunderbares draus!
"Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen." Vielleicht sollten wir das nicht auf Postkarten, sondern auf Plakate drucken. Die könnten auf jedem Friedhof hängen. Auf jeder Intensivstation. Im Gefängnis. In der Unterkunft für Obdachlose. Wir könnten Plakate in die Ukraine schicken und in jedes andere Kriegsgebiet, wo Menschen in zerbombten Häusern kauern und in Kellern um ihr Leben fürchten. "Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen." Echt jetzt?
Manchmal ist es besser, zu schweigen. Manchmal gibt es keine Worte mehr. Nur noch seufzen.
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
O, wenn es doch so wäre, dass alles immer gut wird! Wenn man sie doch auflösen könnte, die unsägliche Spannung des Wartens, der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins. Wenn man doch abkürzen könnte, was das Leben der Christ:innen dieser Welt seit damals an Himmelfahrt: diese Spannung zwischen "das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen" und "dein Reich komme". Wenn es doch nur schon hier wäre, das ewige Friedensreich -- verheißen, erhofft, geglaubt -- in dem Gott ein Ende macht allem Bösen, alle Tränen abwischt, alles Leid wegnimmt und selbst der Tod nicht mehr ist. Wenn doch...
Seufzen.
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
Trost finde ich in den Versen vor diesem Achtundzwanzigsten.
26 Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. 27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will. (Römer 8,26-27)Gott hört mein Seufzen. In all den Spannungen und Ungewissheiten dieser Zwischenzeit bin ich nicht allein. Gott hat mich nicht übersehen, nicht vergessen. Er hört mein Seufzen, sieht hinein in meine Not. Er kennt mein Herz. Er versteht, wo mir die Worte fehlen. Er stellt -- er setzt, er kniet -- sich an meine Seite. Er teilt mein Seufzen, meine Not. Er weiß, wie es um mich steht. Er ist da.
Immanuel. Gott mit uns.
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
Das ist mir Trost und Zuversicht. Auch wenn ich nur noch seufzen kann.
In dieser Zwischenzeit.
Alles wird gut?
"Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind."
Es gibt keine magische Zauberformel, kein richtiges Beten, Hoffen oder Glauben, das immer alle Situationen des Lebens, die uns begegnen, auf wundersame Weise wieder gerade richtet. Das ist auch nicht, was Gott uns verspricht.
Aber der Gott, der bei uns ist in der Zwischenzeit -- der sich nicht herausnimmt, die Schwierigkeiten nicht ausklammert, der immer alles mitgemacht und auf sich genommen hat; der Gott, der mit mir dasitzt und seufzt, wenn die Worte fehlen -- der gibt mir Halt, Trost in Zuversicht, auch den Ausblick zu wagen: hinaus, über die Zwischenzeit, in die große Zukunft seiner Verheißungen, die noch vor uns steht.
Dein Reich komme.
"Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen." (Apg 1,11)
Dein Reich komme.
Alles wird gut.
Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. 29 Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. 30 Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht. (Römer 8,28-30)In diesem Nach-Vorne-Blicken bekommt der 28. Vers seine Bedeutung, seinen Zusammenhang. Die Hoffnung, die uns Christ:innen trägt, ist nach vorne gerichtet, auf die Zukunft der Verheißung hin. Hoffnung nimmt im glaubenden Vertrauen schon vorweg, was längst noch nicht sichtbar ist: Alles wird gut. Es kommt, das Friedensreich, in seiner Fülle, mit "Schalom", mit Friede und Wohlergehen und ungetrübter Freude. Auch wenn wir nicht wissen, wann es kommt -- wann er kommt -- spornt uns das an, trägt uns und gibt uns Mut, vorwärts zu gehen. "Wir wissen aber...", kann der Apostel diese Gewissheit beschreiben. Wir haben gute Aussichten. Selbst aus dem tiefsten Tal heraus.
So gut diese Hoffnung tut -- die Worte wären leer, wenn alles, was wir haben, nur diese Versprechen wären. Eine Zukunft, hoffnungsvoll und doch in unbekannter Ferne. Eine Zwischenzeit, die nun schon 2.000 Jahre dauert. Wann Herr? Wann?
Seufzen.
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
Was trägt, in dieser Zwischenzeit, wenn mir die Worte fehlen und ich nur noch seufzen kann, ist das, was Paulus mir hier vor Augen stellt. Ein Gott, der mir eine Zukunft verspricht und hier und heute bei mir bleibt. Der mein Seufzen hört, meine Lasten kennt, meine Leiden teilt. Der durch seinen Geist in mir atmet, in mir lebt, in mir betet, wenn ich nicht einmal das mehr kann. Der nicht hier und heute wundersam alles gut macht, aber -- das weiß ich, da bin ich gewiss -- am Ende kommt und alles gut macht.
Diesen Gott zu kennen -- mit ihm durchs Leben zu gehen -- macht nicht automatisch immer alles leichter. Es macht mich nicht zum Überflieger. In dem, was diese Zwischenzeit mit sich bringt, kann ich auch weiterhin manchmal nur noch seufzen. Wenn ich dann still werde, weil mir die Worte fehlen -- ganz still -- dann höre ich ihn, neben / in mir: den Geist der mit mir seufzt. Und das tut gut.
Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!
Amen.

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