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  • Leben auf dem Land oder in der Stadt? – SG #248
    Leben auf dem Land oder in der Stadt?Show Podcast Information
    Ich diskutiere oft mit meinen Freundinnen, wo man besser leben kann: auf dem Land oder in der Stadt? Vielleicht magst du dir darüber ja auch einmal Gedanken machen?
    Ich selber bin in einer kleinen Gemeinde mit damals ungefähr 8000 Einwohnern aufgewachsen. Es gab Geschäfte und man konnte mit der S-Bahn in ungefähr 20 Minuten in die Innenstadt von München fahren. Das war praktisch, denn so konnten wir ins Kino gehen, in Restaurants, ins Theater oder in eine Bücherei. Oder natürlich einkaufen gehen. Alles für den sogenannten täglichen Bedarf, also Lebensmittel, gab es direkt in unserer Gemeinde. 
    Dann bin ich zum Studieren nach München gezogen, also mitten in die Stadt. Das war eine super Zeit, denn als Studentin konnte ich so in Bars gehen, in Kneipen, in Cafés, ins Kino. Alles war nah zu erreichen, ich konnte mit dem Fahrrad zur Uni fahren und danach in den Englischen Garten, das ist der große Park mitten in München. Die Wege waren sehr kurz. Praktisch war natürlich auch der öffentliche Nahverkehr, also Busse und Bahnen. Ich brauchte in dieser Zeit kein Auto, weil ich öffentlich überall hinfahren konnte. 
    Und heute? Heute lebe ich eigentlich genau in der Mitte zwischen diesen beiden Orten. Ich lebe am Stadtrand, wir nennen das auch gerne den Speckgürtel der Stadt. Der große Vorteil: wir haben hier ein Haus mit Garten, und das ist für unser Kind natürlich toll. In der Stadt hatten wir nur eine Wohnung im dritten Stock ohne Aufzug. Das war sehr mühsam. Wir mussten alle Lebensmittel nach oben schleppen. Jetzt haben wir viel mehr Platz, die Miete ist günstiger als in der Innenstadt. Zur Arbeit kann ich fahren, ohne lange im Stau zu stehen oder abends ewig einen Parkplatz suchen zu müssen. Ich parke einfach in unserer Garage. 
    Ein Aspekt ist ein Vorteil und ein Nachteil zugleich, finde ich: auf dem Dorf kennen die Menschen einander, und das gilt auch für unsere Gemeinde hier am Stadtrand. Wenn ich spazieren gehe, treffe ich eigentlich immer jemanden, den ich kenne. Das kann nerven, weil es keine Anonymität gibt wie in der Stadt. Andererseits helfen wir einander, und das ist schön. 
    Auf dem Land ist es natürlich auch viel grüner, hier gibt es mehr Natur, mehr Bäume, mehr Felder, die Luft ist besser und es ist auch nicht so laut. Und für Kinder ist der Verkehr in einem kleinen Dorf nicht so gefährlich wie in der Stadt. Sie können sich hier mit dem Fahrrad selber fortbewegen und ihre Freunde treffen, sind selbständiger. Meistens ist auch die Kriminalitätsrate niedriger. 
    Das klingt, als würde ich lieber auf dem Land wohnen, oder? Das stimmt aber eigentlich nicht. Am liebsten hätte ich etwas dazwischen. Ein Häuschen in einem ruhigen Teil der Stadt, wo ich aber trotzdem schnell zur Eisdiele, zum Restaurant oder ins Kino gehen kann. Aber um mir das leisten zu können, müsste ich schon Millionärin sein, oder? Wie ist es bei Dir - wo möchtest Du lieber leben? Schreib mir gerne eine Mail an [email protected] oder in die Kommentare!
    Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg248kurz.pdf
    6 min
  • Auswanderung aus Deutschland – SG #247
    Auswanderung aus DeutschlandShow Podcast Information
    In den Nachrichten hört man viel von Menschen, die nach Deutschland einwandern wollen. Aber wusstest du auch, dass jedes Jahr 180.000 Menschen Deutschland verlassen, um im Ausland zu leben? Drei Viertel von ihnen sind Akademiker. 
    Aber wie war das in der Vergangenheit? Ich habe die Geschichte von Franz Daniel Pastorius gefunden. Er wanderte mit einer Gruppe deutscher Siedler im Jahr 1683 nach Pennsylvania in den Vereinigten Staaten von Amerika aus. Mit 13 Familien aus Krefeld gründete er die Siedlung Germantown, die heute ein Vorort von Philadelphia ist. 
    In den kommenden Jahren verließen viele Deutsche ihre Heimat. Der Grund war eine große Hungersnot, später auch die Überbevölkerung der Gegend. Denn durch die Industrialisierung und Fortschritte in der Medizin starben immer weniger Kinder, die Familien waren also sehr groß. Es gab aber nicht für alle genug zu essen, die Arbeitslosigkeit war groß. Die Menschen hofften auf ein neues Leben in der Fremde. 
    Die USA waren das Hauptziel der deutschen Auswanderer. Manche zogen aber auch nach Brasilien, Kanada oder Argentinien. Und einige gingen in die deutschen Kolonien, das habe ich ja schon in einer anderen Slow German-Episode erzählt. In der ersten Phase bis 1865 wanderten meistens ganze Familien aus. Das heißt die Auswanderer hatten Kinder dabei. Die meisten von ihnen hatten einen Beruf erlernt und konnten im neuen Land daher gut arbeiten.
    In den nächsten 30 Jahren waren es dann eher einzelne Menschen, die auswanderten. Sie hatten oft keinen Beruf. Auch wenn man meinen könnte, dass das vor allem Männer waren, stimmt das nicht: auch Frauen machten sich alleine auf den Weg in die Ferne.
    Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs kamen noch viele Industriearbeiter nach Amerika. Zwei Drittel der Auswanderer waren alleine unterwegs, fast 40% von ihnen waren Frauen.
    Im 20. Jahrhundert wurde es immer schwieriger, in andere Länder auszuwandern. Denn die weltweite Wirtschaftskrise sorgte dafür, dass zum Beispiel die USA die Immigration kontrollierten. Es gab neue Gesetze, damit nicht zu viele Menschen ins Land kamen. 
    Und dann waren da die beiden Weltkriege, vor allem der Zweite Weltkrieg mit der Judenverfolgung durch die Nazis. Viele Juden verließen Deutschland, dazu noch viele Künstler und Wissenschaftler oder Politiker. Eine halbe Million Menschen verließ Deutschland, weil sie die Gefahr zum Glück rechtzeitig erkannt hatten. Viele der Emigranten sind heute noch berühmt, Albert Einstein zum Beispiel, Marlene Dietrich, Thomas Mann oder Bertolt Brecht.
    Nach dem Krieg blieb Nordamerika das Land, in das die Deutschen auswandern wollten. Eine halbe Million Menschen wanderten in den 50er-Jahren dorthin aus. 
    Was sind die Gründe dafür, sein eigenes Land zu verlassen, um woanders ein neues Leben zu beginnen? Man spricht in diesem Zusammenhang von Push- und Pullfaktoren. Entweder man wird aus dem eigenen Land sozusagen vertrieben durch Krieg, Bedrohung oder Hunger, oder man wird von einem anderen Land angezogen, beispielsweise weil es dort mehr Land gibt, ein besseres Klima oder andere Vorteile. 
    Die OECD schätzt, dass 3,4 Millionen in Deutschland Geborene in einem anderen OECD-Land leben. Sie arbeiten dort, viele von ihnen als Führungskräfte, als Akademiker, Techniker oder im Bildungs- und Gesundheitswesen. Wer von Deutschen im Ausland spricht, spricht heute also eher von hochqualifizierten Arbeitskräften. 
    Deutschland gilt als Migrationsland. Viele Menschen ziehen weg, andere kommen neu hinzu. Zum Beispiel die Gastarbeiter, aber davon habe ich dir ja schon erzählt. 
    Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg247kurz.pdf
    7 min
  • Mental Load – SG #246
    Mental LoadShow Podcast Information
    Ja, du hast recht: Der Titel dieser Podcastepisode ist nicht Deutsch, sondern Englisch. Aber wir hier in Deutschland benutzen nunmal gerne englische Wörter. Und für „Mental Load“ gibt es im Deutschen nur komische Übersetzungen, zum Beispiel „Kümmerarbeit“ oder „psychische Belastung“. Was das ist, erkläre ich Dir heute. Ich bin sicher, auch Du bist von Mental Load betroffen.
    Stell Dir mal einen ganz normalen Tag vor. Wie sieht dieser Tag aus? Gehst du morgens zur Arbeit oder arbeitest im Homeoffice und abends hast du frei? Das ist schön! Für die meisten von uns sieht es aber anders aus. Denn wir müssen nicht nur arbeiten, sondern viele weitere Pflichten erfüllen. Wir müssen Wäsche waschen, den Rasen mähen, einen Kindergeburtstag organisieren, das Auto in die Werkstatt bringen, einkaufen gehen, kochen, Kinder in die Schule oder in den Kindergarten bringen und abholen, Rechnungen bezahlen und so weiter und so fort. 
    Das sind alles Kleinigkeiten. Sie brauchen weder viel Zeit noch müssen wir uns besonders konzentrieren, um sie zu erledigen. Aber dennoch verursachen diese vielen kleinen Dinge Stress. Es ist eine unsichtbare Verantwortung, die wir tragen. Es geht um Verantwortung, um Organisation, um Koordination. All diese Dinge sind unbezahlte Arbeit. Dazu gehört auch die Pflege von Angehörigen, also zum Beispiel von den kranken Großeltern.
    Ich finde es fühlt sich manchmal so an, als wären all diese Aufgaben kleine Bälle, die wir in der Luft halten müssen. Passen wir einmal nicht auf, fällt ein Ball auf den Boden. Unsere To-Do-Liste im Kopf wird immer länger und länger, je mehr Aufgaben wir haben. Mit Kindern ist diese Liste meist länger als ohne Kinder. 
    Was passiert nun aber, wenn uns dieser Stress zu viel wird? Im schlimmsten Fall landen wir dann im Burnout, also in einem Zustand, der uns wirklich krank macht. Die französische Comic-Zeichnerin Emma hat dazu eine Graphic Novel gezeichnet, die sehr bekannt geworden ist. 
    Und du ahnst es schon: es leiden mehr Frauen als Männer unter dieser unendlichen To-Do-Liste im Kopf. Das soll sich aber ändern. Deswegen gibt es den Equal-Care-Day, der entweder am 29. Februar oder am 1. März stattfindet. Dieser Tag soll daran erinnern, wie ungleich die Last auf Männer und Frauen verteilt ist. Eine Oxfam-Studie hat ergeben, dass Frauen täglich mehr als 12 Milliarden Stunden unbezahlte Sorgearbeit übernehmen. 
    Früher war das etwas anders. In vielen Familien in Deutschland gab es eine klare Rollenverteilung. Der Mann ging in die Arbeit und brachte Geld nach Hause. Die Frau kümmerte sich um Haushalt und Kinder. Heute ist das anders. Sehr oft arbeiten beide Elternteile, und das nicht nur weil sie müssen, sondern weil viele Frauen das auch wollen. Sie möchten sich weiterentwickeln in ihrem erlernten Beruf, wollen unabhängig sein von ihrem Mann. So selbstverständlich das heute in Deutschland ist, leider ist es noch nicht selbstverständlich, dass auch alle anderen Haushalts- und Familienangelegenheiten gerecht aufgeteilt werden. Belastend ist das Gefühl, für alles alleine die Verantwortung zu tragen.
    Wie ist das bei Dir? Es gibt eine interessante Tabelle, die du ausfüllen kannst um zu sehen, welche Aufgaben du alle erledigst, ich verlinke sie auf slowgerman.com: https://equalcareday.de/mentalload-test.pdf.
    Text der Episode als PDF: https://slowgerman.com/folgen/sg246kurz.pdf
    7 min
  • Das Brandenburger Tor – SG #245
    Das Brandenburger TorShow Podcast Information
    Petra aus Holland hat mich gebeten, etwas über das Brandenburger Tor zu erzählen. Das hat mich neugierig gemacht, denn ich wusste selber nicht viel darüber. Also habe ich nachgeforscht und kann dir jetzt etwas erzählen.
    Zunächst einmal: das Brandenburger Tor steht in Berlin. Und zwar genauer gesagt am Pariser Platz im Berliner Bezirk Mitte. Es ist eine Sehenswürdigkeit und das Wahrzeichen Berlins - und ein Symbol der deutschen Einheit. Ich erkläre dir gleich, warum das so ist. Aber erstmal ein wenig Geschichte.
    Eigentlich war das Brandenburger Tor eines von 18 Stadttoren in Berlin. Es ist das einzige, das heute noch steht. Und weil es in Richtung Brandenburg wies beziehungsweise die Straße die hindurchführte, wurde es Brandenburger Tor genannt. 
    König Friedrich Wilhelm II. wollte ein Tor für den prächtigen Boulevard Unter den Linden. Das ist eine sehr breite Straße mit Bäumen und imposanten Häusern. Also gab er den Auftrag, ein Tor aus Sandstein zu bauen. Dieses sollte am Ende der Straße stehen. Von 1788 bis 1791 wurde es gebaut. Es ist 62,5 Meter breit, 20,3 Meter hoch und 11 Meter tief. Der Architekt orientierte sich dabei an der Athener Akropolis. Kennst du das Brandenburger Tor? Es hat zwei hohe Säulenreihen, die von einem Dach getragen werden. (Das ist natürlich falsch! Es ist andersrum: Es hat ein Dach, das von zwei hohen Säulenreihen getragen wird. Tut mir leid!) Die Säulen stehen aber nicht alleine da, sondern sind mit Mauern verbunden. Das war statisch nötig, sonst wäre das schwere Dach eingebrochen. Es ist eines der ersten klassizistischen Bauwerke in Preußen.
    Zwei Jahre nach der Fertigstellung des Tores setzte man noch die Quadriga auf das Tor, also einen Streitwagen, der von vier Pferden gezogen wird. Im Wagen steht die Siegesgöttin Victoria. Die Quadriga ist 6 Meter hoch. Das Gespann sollte den Frieden symbolisieren, der in die Stadt kommt. In der Hand hielt sie einen Stab mit einem eisernen Kreuz und einem Lorbeerkranz sowie mit einem preußischen Adler. Diese Skulptur war übrigens nicht immer auf dem Brandenburger Tor. 1806 schnappte sich Napoleon die Quadriga und nahm sie mit nach Paris. Acht Jahre später kam sie wieder nach Berlin zurück. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Tor stark beschädigt, die Quadriga wurde in den Jahren danach entfernt und durch eine Kopie ersetzt. Vom Original ist nur noch ein Pferdekopf erhalten, der im Museum ist.
    So, jetzt kommen wir zum wichtigen Teil: wie du weißt, wurde Berlin in zwei Teile geteilt. Da war der östliche Teil, der nach dem Krieg zur DDR gehörte, und der westliche Teil, der zur BRD gehörte. Die Berliner Mauer wurde 1961 gebaut. Mitten durch die Stadt. Und das Brandenburger Tor lag genau auf dieser Grenze und landete so im Sperrbereich. Niemand konnte mehr näher heran. Wenn du heute mal in Berlin unterwegs bist und zum Brandenburger Tor gehst, dann schau mal auf den Boden. Dort siehst du eine Linie aus Pflastersteinen, die hinter dem Tor verläuft. Dort stand die Mauer. Du kannst dir auch im Internet alte Fotos ansehen - für uns heute ist das kaum zu glauben, wie das Brandenburger Tor damals aussah.
    Die DDR-Führung ließ damals den Adler und das Kreuz entfernen. Nach der Wiedervereinigung wurde beides wieder hinzugefügt und das Tor renoviert. Am 22. Dezember 1989 feierten 100.000  Menschen die Öffnung des Tores. Deswegen gilt es als Symbol der deutschen Einheit. Sie kletterten auch hoch bis zur Quadriga und stahlen zum Beispiel das Zaumzeug. Da das Bauwerk seit dem Mauerbau kaum gepflegt worden war, musste es restauriert werden. Heute kostet es 200.000 Euro im Jahr, um das Brandenburger Tor so zu erhalten, wie es ist. 
    Heute steht das Tor nicht mehr so alleine da wie zu Zeiten der Mauer. Außenrum sind viele Gebäude entstanden, es sind Banken, Botschaften, die Universität der Künste, Cafés und natürlich steht auch das berühmte Hotel Adlon in der Nähe.
    9 min
  • Der große Zapfenstreich – SG #243
    Der große ZapfenstreichShow Podcast Information
    Angela Merkel war 16 Jahre lang die Kanzlerin von Deutschland. Jetzt wurde sie verabschiedet. Wie immer, wenn ein Kanzler oder eine Kanzlerin verabschiedet wird, wird das mit einer besonderen Zeremonie getan. Diese Zeremonie heißt „Der große Zapfenstreich“. Darüber möchte ich dir heute etwas erzählen.
    Fangen wir mal mit dem Wort Zapfenstreich an. Was bedeutet das? Dieses Wort ist sehr alt. Damit wurden sozusagen die Soldaten oder Söldner abends ins Bett geschickt. Nach dem Zapfenstreich sollten sie in ihrem Quartier bleiben, also nicht mehr draußen sein. Auch heute noch wird das Wort beim Militär verwendet. Wenn ein junger Mann oder eine junge Frau bei der Bundeswehr die Grundausbildung macht, dann ist der Zapfenstreich um 23 Uhr. Als Hintergrund kann man sagen, dass die Soldaten eben schlafen gehen sollten, anstatt zum Beispiel Alkohol zu trinken. Sie sollten ja am nächsten Tag wieder fit für den Kampf sein.
    Der erste „Große Zapfenstreich“ als Ehre bei einem besonderen Anlass fand 1838 statt. Damals war der russische Zar Nikolaus I. zu Besuch und das Militär ehrte ihn mit der Zeremonie. Dieser „Große Zapfenstreich“ ist bis heute eine Militärzeremonie am Abend, also im Dunkeln, bei der es sowohl Musik als auch Fackeln und Soldaten in Formation zu sehen und zu hören gibt. Es ist heute die höchste Auszeichnung, die das Militär einer nicht militärischen Person geben kann. Drei Politikerposten bekommen einen großen Zapfenstreich bei ihrer Verabschiedung: Die Bundeskanzlerin, der Bundespräsident und die Verteidigungsministerin. Aber natürlich bekommen auch wichtige Militärs wie Generäle eine derartige Verabschiedung. Die Zeremonie dauert ungefähr 20 Minuten und hat einen ganz genau festgelegten Ablauf. 
    Am 2. Dezember 2021 wurde Angela Merkel in Berlin mit dem „Großen Zapfenstreich“ aus dem Amt verabschiedet. Die Zeremonie wurde natürlich im Fernsehen übertragen. Zunächst hielt Angela Merkel eine kleine Rede, in der es um ihre Zeit als Kanzlerin ging, aber natürlich auch um die aktuelle Situation in der Pandemie. Sie hätte ihre Arbeit immer mit „Fröhlichkeit im Herzen“ erledigt, sagte sie. 
    Danach kam der Aufmarsch. Das bedeutet, dass die Soldaten zur Musik des „Yorckschen Marsches“ von Ludwig van Beethoven auf den Platz kamen. Die Musik kam natürlich nicht vom Band, sondern wurde vom Musikkorps der Bundeswehr und einem Spielmannszug live gespielt. Danach kamen drei Stücke, die sich Angela Merkel ausgesucht hatte: „Du hast den Farbfilm vergessen“ von Nina Hagen, einer frühen deutschen Punk-Ikone. Dann „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, das Hildegard Knef gesungen hatte. Und am Schluss ein Kirchenlied.
    Es ist immer interessant, welche Lieder sich die scheidenden Kanzler aussuchen. Merkels Vorgänger Gerhard Schröder beispielsweise ließ die Blaskapelle „My Way“ von Frank Sinatra spielen und „Summertime“ von George Gershwin. Bei Helmut Kohl war es 1998 die Europahymne.
    Wegen der Pandemie waren weniger Gäste eingeladen als sonst. Die Gäste waren natürlich vor allem hochrangige Politiker und Politikerinnen. Sie saßen mit Abstand auf einer Tribüne und mit 2G+ - waren also alle genesen oder geimpft und zusätzlich getestet. Soweit ich sehen konnte trugen zudem alle eine Maske. Es war sehr kalt und windig, aber der Zapfenstreich dauert ja nicht lange. 
    Nach den drei Liedern, die Angela Merkel sich ausgesucht hatte, folgten weitere festgelegte Stücke - und dann natürlich die deutsche Nationalhymne. Danach fuhr Angela Merkel mit ihrem Mann in einer schwarzen Limousine davon und winkte ein letztes Mal. Sie ist 67 Jahre alt und geht jetzt nach turbulenten 16 Jahren im Amt in den wohlverdienten Ruhestand.
    Ein Wort noch zum Schluss: Am großen Zapfenstreich wird oft Kritik geübt. Militärparaden, wie andere Länder sie kennen, sind in Deutschland unüblich. Also wird auch diese Militärzeremonie vor allem von Pazifisten kritisiert.
    9 min
  • Die deutschen Kolonien – SG #242
    Was für eine komische Vorstellung: Nach Afrika fahren und dort die deutsche Sprache zu hören. Die europäischen Kulturen haben sich gerne in der ganzen Welt ausgebreitet. So auch Deutschland. Über die deutschen Kolonien spricht aber heute kaum noch jemand. Ich erzähle Dir etwas darüber.
    Was brauchte man, um eine Kolonie aufzubauen? Zunächst mal braucht man Schiffe, um überhaupt in die anderen Länder fahren zu können. Und natürlich politische Ziele, das eigene Land auszuweiten. Andere Länder wie England, Frankreich, Portugal und Spanien hatten beides und waren sehr erfolgreich mit ihren Kolonien. Deutschland nicht. Ein paar Versuche gab es, aber sie waren ohne Erfolg. Gut, eine einzige Kolonie schaffte es früh: 1683 wurde eine deutsche Festung in Ghana gebaut, um mit Gold und Sklaven zu handeln. Mehr passierte lange Zeit nicht. Gut, Deutschland war auch kein geeintes Land, sondern bestand aus vielen kleinen Einzelstaaten. Das war sicher ein Grund dafür. Erst 1871 wurde das Deutsche Reich gegründet - dazu gibt es mehr in der Slow German-Episode 172 zu Otto von Bismarck.
    In der Verfassung des Deutschen Reiches gab es nun auch einen Artikel über "die Kolonisation". Also war der politische Wille jetzt da. Schiffe hatte man mittlerweile auch. Reichskanzler Otto von Bismarck war aber nicht begeistert vom Gedanken der Kolonien. Die Kosten für so eine Kolonie würden oft den Nutzen übersteigen, sagte er. Und die deutsche Marine sei noch nicht weit genug entwickelt.
    Statt ganze Länder zu kolonialisieren, baute Deutschland einzelne kleine Stützpunkte auf. 1868 wurde ein deutsches Marine-Krankenhaus in Japan gebaut, es gab Stützpunkte in China und Japan für die deutschen Schiffe und Marinesoldaten. Später dann auch in Afrika. Im Deutschen Reich fanden immer mehr Menschen den Gedanken von deutschen Kolonien reizvoll. Es wurden Vereine gegründet, viele Menschen wollten auswandern. Nach der Reichsgründung im Jahr 1871 wanderten pro Jahr ungefähr 200.000 Menschen aus - viele von ihnen nach Amerika. Aber immerhin einige Zehntausend zogen auch in die neuen Kolonien in Afrika.
    1884 gab es dann eine aus heutiger Sicht skurrile Konferenz in Berlin: Bei der "Kongo-Konferenz" verhandelten die USA, Deutschland und das Osmanische Reich darum, welche Bereiche Afrikas sie unter sich aufteilen könnten. Viel war nicht übrig, weil andere Länder sie schon kolonialisiert hatten. Der Rest wurde dann also verteilt. Die afrikanische Bevölkerung wurde nicht nach ihrer Meinung gefragt. Und so reisten einige Kolonialherren nach Afrika und nahmen sich das Land - entweder sie kauften es für wenig Geld oder sie nahmen es sich mit Gewalt.
    So lief es oft ab: Privatmenschen, das waren meistens Kaufleute, gingen ins Ausland. Dort bauten sie sich etwas auf und baten dann Deutschland um Schutz. Bismarck nannte die Kolonien daher auch lieber "Schutzgebiete".
    Deutsch-Südwestafrika war das heutige Namibia, Deutsch-Ostafrika war im heutigen Tansania, Burundi und Ruanda. Man schickte Polizisten und Beamte in die neuen Kolonien, baute Schulen, Kirchen und Kultureinrichtungen. Auch christliche Missionare waren unterwegs, um die Menschen in Afrika vom christlichen Glauben zu überzeugen.
    Was gab es noch? In Afrika noch Togo und Kamerun. Im Pazifik Deutsch-Neuguinea und Deutsch-Samoa. Dort baute man Kaffee, Kakao und Kokosnüsse an. In den Kolonien gab es nunmal viele Dinge, die es in Deutschland nicht gab - für den Handel waren sie also sehr interessant. Einen Gewinn brachten die Kolonien aber dennoch nicht. Trotzdem war 1884 das deutsche Kolonialreich nach dem britischen und französischen flächenmäßig das Größte.
    Ein geflügeltes Wort wurde der Ausspruch des späteren Kanzlers Bernhard von Bülow. Er forderte einen "Platz an der Sonne". Es wurden nur noch kleine Bereiche in China erworben und ein paar kleine Inseln. Ich möchte hier auch nicht alle Gebiete aufzählen, denn darum geht es nicht. Wichtiger ist, was eigentlich der Gedanke hinter diesen Kolonien war....
    11 min
  • Bundestagswahl 2021 in Deutschland – SG #241
    Bundestagswahl 2021 in DeutschlandShow Podcast Information
    In Deutschland gibt es momentan nur drei Themen: Die Corona-Pandemie, die Klimakrise und die Bundestagswahl. Am 26. September wird in Deutschland gewählt, und diese Wahl ist etwas Besonderes. Denn danach haben wir einen neuen Kanzler - oder eine neue Kanzlerin. Überall hängen Wahlplakate, im Fernsehen laufen zahllose Politik-Sendungen, und sogar Kinder diskutieren über das Thema, wie ich letztens gehört habe.
    Jeder deutsche Staatsbürger und jede deutsche Staatsbürgerin darf ab dem Alter von 18 Jahren wählen. Über das Wahlalter wird übrigens diskutiert - manche Parteien möchten auch jüngeren Menschen erlauben, an Wahlen teilzunehmen. Bis jetzt liegt die Grenze aber bei 18 Jahren.
    Zum ersten Mal dürfen bei dieser Bundestagswahl auch behinderte, schuldunfähige und psychisch kranke Menschen teilnehmen - das hat das Bundesverfassungsgericht 2019 beschlossen. Das sind immerhin 85.000 Deutsche.
    Blicken wir mal zurück zur letzten Bundestagswahl. Die fand 2017 statt. Damals wählten 76,2 Prozent aller Menschen, die wahlberechtigt waren. Man kann auch sagen: Die Wahlbeteiligung lag bei 76,2 Prozent. Gewonnen hat damals die Union, das sind die beiden Parteien CDU und CSU, mit 32,9 Prozent. Danach kam die SPD mit 20,5 Prozent, die AfD mit 12,6 Prozent, die FDP mit 10,7 Prozent und die Linke mit 9,2 Prozent. Die Grünen waren damals bei 8,9 Prozent. Das bedeutete, dass die AfD zum ersten Mal in den Bundestag kam. Dafür muss eine Partei nämlich über die sogenannte 5-Prozent-Hürde kommen. Mehr zum politischen System gibt es übrigens in Folge 31 von Slow German.
    Ihr habt es schon ausgerechnet: Eine absolute Mehrheit hatte die Union damals nicht. Also musste sie sich sozusagen einen Partner suchen. Man nennt das "Sondierungsgespräche". Da sprechen die Politiker und Politikerinnen verschiedener Parteien miteinander um zu sehen, ob eine Kooperation möglich ist. Vier Wochen dauerte das. Letzten Endes wurde es eine sogenannte Große Koalition, also eine Regierung aus SPD und Union. Soviel zum Rückblick. Kanzlerin blieb Angela Merkel, die diesen Job seit 2005 macht.
    Bei der diesjährigen Bundestagswahl sieht die Sache etwas anders aus. Angela Merkel hat gesagt, dass sie nicht mehr Kanzlerin sein möchte. Also streiten sich gerade drei Menschen in Deutschland darum, wer der beste Kanzler oder die beste Kanzlerin wäre. Man nennt sie Kanzlerkandidat und Kanzlerkandidatin. Für die SPD tritt Olaf Scholz an, er war Bürgermeister von Hamburg und ist jetzt Finanzminister. Für die Union geht Armin Laschet ins Rennen, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Und für die Grünen tritt Annalena Baerbock an, sie wäre mit 40 Jahren die jüngste Kanzlerin, die Deutschland je hatte - und die einzige mit Kindern. Diese drei liefern sich nun also Fernseh-Debatten, sie geben unzählige Interviews und machen Wahlkampf. Es gab kleine und größere Skandale - und wir sind gespannt, wer gewinnt. In der aktuellen Umfrage zwei Wochen vor der Wahl führt die SPD, gefolgt von der Union und den Grünen.
    Es gibt aber natürlich weitaus mehr Parteien als die genannten. Insgesamt machen 47 Parteien bei der Bundestagswahl mit, es ist also ein sehr langer Zettel, auf dem wir unsere beiden Kreuzchen machen dürfen. Ich kann das bestätigen, denn ich habe schon per Briefwahl gewählt. Normalerweise gehe ich in das nächste Wahllokal, um dort zu wählen. Bei uns hier ist das in der Grundschule, ich habe aber auch schon im Gebäude einer Feuerwehr-Station gewählt. Dieses Mal muss ich am Wahlsonntag arbeiten, also habe ich per Briefwahl gewählt.
    Ich konnte zwei Stimmen abgeben: Die Erststimme und die Zweitstimme. Bei der Erststimme standen die Kandidaten und Kandidatinnen, die hier bei mir in der Region für ihre Parteien antreten. Es gibt in Deutschland 299 Wahlkreise, in jedem leben ungefähr 250.000 Menschen. Und mit meiner Erststimme habe ich also einen Menschen aus meinem Wahlkreis gewählt.
    12 min
  • Homosexualität in Deutschland – SG #240
    Homosexualität in DeutschlandShow Podcast Information
    In den vergangenen Monaten wurde in Deutschland viel über Homosexualität gesprochen. Der Grund war vor allem die Fußball-Europameisterschaft. München wollte zum Beispiel sein Fußballstadion in den Regenbogenfarben beleuchten, als die deutsche Mannschaft gegen Ungarn spielte. Um ein Zeichen der Toleranz zu setzen. Es wird also Zeit, auch dieses wichtige Thema in Slow German zu besprechen.
    Fangen wir mal wieder bei den Nationalsozialisten an. Während der Nazi-Zeit wurde männliche Homosexualität als kriminell gehandhabt. Wer erwischt wurde, konnte vor Gericht oder gleich im Konzentrationslager landen. Bis 1945 wurden wohl 50.000 Männer verurteilt. Viele wurden in den Lagern getötet. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden homosexuelle Männer verurteilt. Denn im Strafgesetzbuch gab es den Paragrafen 175 - der bis 1969 in der Nazi-Fassung galt. Danach war schon ein Zungenkuss zwischen Männern strafbar. Und das führte natürlich auch dazu, dass es eine moralische Verurteilung gab. In der Gesellschaft galt es also als nicht normal, wenn sich zwei Männer liebten.
    Natürlich wurde von einigen Menschen gegen dieses Gesetz gekämpft. Lange Zeit aber ohne Erfolg. Als Grund nannte man unter anderem die Verführungstheorie. Die Menschen hatten damals also Angst, dass Jugendliche zur Homosexualität verführt werden könnten. Das bedeutet, dass sie Angst hatten, Jugendliche könnten plötzlich schwul werden. Diese Theorie wurde weiter verbreitet, obwohl sie wissenschaftlich längst widerlegt war.
    1985 gab es dann eine neue Partei, sie nannte sich "Die Grünen". Diese Partei stellte zum ersten Mal den Antrag, den §175 zu streichen. Die CDU/CSU weigerte sich aber lange. Das ist auch verständlich, denn das "C" in den Namen dieser Parteien steht für "christlich". Und die Kirche hat natürlich ein Problem mit Homosexualität. Ich spreche hier erstmal für Westdeutschland, denn Du weißt ja, dass Deutschland nach dem Krieg getrennt war in die BRD im Westen und die DDR im Osten. Und die DDR war in dieser Sache fortschrittlicher als die BRD: Homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen waren dort seit 1968 nicht mehr strafbar. Die Entwicklung in den folgenden Jahren ging so weit, dass Jugendliche immer besser vor sexuellen Handlungen geschützt werden sollten - egal ob homo- oder heterosexuell.
    Und dann kam die Wiedervereinigung. Beide Seiten mussten sich in vielen Punkten einig werden, um ein Land zu werden. Auch in Sachen Homosexualität. Was also tun? Entweder auch in der DDR wieder zurück zu Strafbarkeit - oder in der BRD lockerer werden. Zunächst mal einigte man sich gar nicht. Man diskutierte lieber. 1994 beschloss endlich der Bundestag die Streichung des Paragraphen.
    Nächster Schritt: Die sogenannte Homo-Ehe. Erstmal gab es so ein Mittelding, das nannte sich "Eingetragene Lebenspartnerschaft". Die gab es ab 2001. Seit 1. Oktober 2017 dürfen in Deutschland nun aber auch zwei Frauen oder zwei Männer richtig heiraten. Im Bürgerlichen Gesetzbuch steht dazu: "Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen". Das ist also alles noch relativ frisch - und das war jetzt auch alles nur die historische oder gesetzliche Seite. Kommen wir zu unserer Gesellschaft.
    Ist es "ganz normal", in Deutschland schwul oder lesbisch zu sein? Ich glaube, so weit sind wir noch nicht. Es gibt große Unterschiede, was die Region angeht. Die Städte sind in der Regel durch ihre Anonymität offener und aufgeschlossener. In vielen Städten gibt es Straßen oder Viertel, in denen sich viele Bars und Clubs angesiedelt haben, die gerne von Homosexuellen besucht werden. In diesen Gegenden ist es ganz normal, zum Beispiel Männer zu sehen, die Händchen halten. Manchmal gibt es auch spezielle Ampelmännchen, die zwei Frauen oder zwei Männer zeigen mit einem Herzchen dazwischen. Auf einem bayerischen Dorf würden sich allerdings viele Menschen nach einem homosexuellen Paar umdrehen un...
    11 min
  • Adele Spitzeder – Schauspielerin, Sängerin, Betrügerin – SG #239
    Adele Spitzeder - Schauspielerin, Sängerin, BetrügerinShow Podcast Information
    Es gibt ein Bild von Adele Spitzeder. Da ist sie sehr züchtig gekleidet, mit einem hohen Kragen und einer Brosche am Hals. Um den Hals trägt sie ein großes Kreuz, die Frisur ist akkurat gescheitelt. 1832 wurde Adele Spitzeder in Berlin geboren. Sie war Schauspielerin und Sängerin - und vor allem war sie eine großartige Betrügerin. Ich erzähle Dir heute ihre Geschichte.
    Ihr Leben fing prunkvoll an. Ihre Eltern waren Sänger und Schauspieler und schickten die Tochter auf teure Privatschulen. Sie wurde selbst auch Schauspielerin und trat auf verschiedenen Bühnen auf. Anstatt in einer Wohnung zu wohnen, lebte die Spitzeder in Hotels. Eine Angestellte kümmerte sich um sie. Adele hatte sechs Hunde und eine Lebensgefährtin. Das alles kostete natürlich viel Geld - und die Einnahmen aus der Schauspielerei waren nicht hoch. Sie war kein Star. Also musste Adele sich etwas ausdenken, um an mehr Geld zu kommen.
    Sie begann mit Geldgeschäften. Sie versprach einem Zimmermann zehn Prozent Zinsen im Monat. Das machte der Mann natürlich sofort, es war ein gutes Geschäft für ihn. Er gab Adele also 100 Gulden und bekam dafür jeden Monat 10 Gulden Zinsen. Und zwar bar auf die Hand und zwei Monate im Voraus. Das war damals alles unüblich. Der Mann erzählte anderen Leuten von diesem Geschäft und so konnte Adele immer neue Kunden begrüßen. Sie konnte ihre eigenen Schulden endlich abbezahlen.
    Gemeinsam mit ihrer damaligen Lebensgefährtin gründete sie eine Bank in München. Die "Spitzedersche Privatbank" wurde immer größer und erfolgreicher. Später hieß sie "Dachauer Volksbank". Adele konnte sich sogar ein eigenes großes Haus kaufen. Hinter den Kulissen herrschte das Chaos. Das Geld war in Säcken verstaut und lag zum Teil einfach so in ihrer Wohnung herum. Es gab keine ordentliche Buchführung, und aus heutiger Sicht kennen wir solche Betrügereien als Ponzi-System oder Schneeballsystem. Adele hatte sich ein kluges System ausgedacht, das sie reich machte.
    Sie gab Journalisten Geld, damit diese positiv über die Bank schrieben. Sie zahlte hohe Provisionen und verteilte großzügige Spenden. Sie war beliebt bei den Menschen und hatte einen guten Ruf, sie kümmerte sich sogar um die Armen. Adele Spitzeder war eine beeindruckende Erscheinung, vielleicht auch wegen ihres schauspielerischen Könnens. Die Menschen vertrauten ihr. Sie hatte zu ihrer besten Zeit 83 Angestellte. Adele Spitzeder fing auch an, mit Immobilien zu handeln. Lange ging der Betrug gut und niemand kam ihr auf die Schliche. Zwei Jahre lang konnte sie ihre Bank betreiben. Insgesamt 32.000 Menschen legten ihr Geld dort an, für umgerechnet 400 Millionen Euro. Es waren meist Handwerker oder Bauern, die selber nicht viel Geld hatten.
    Adele Spitzeder tat das nicht, weil sie böse war. Sie war in das Geldgeschäft hineingerutscht. Immer wieder fragte sie Anwälte, ob ihr Tun legal war. Die Anwälte sagten ja. Adele hatte also eine Grauzone entdeckt und diese für sich ausgenutzt. Sie sagte den Menschen auch immer, dass sie keine Sicherheiten bieten könne. Aber das war denen egal, sie sahen nur die hohen Gewinne.
    Aber wie wir wissen geht so etwas meistens nicht lange gut. Es gab Menschen, die den Schwindel erkannten. Als 60 Gläubiger sich ihr Geld gleichzeitig auszahlen lassen wollten, brach die Bank von Adele Spitzeder zusammen. Kurz darauf wurde sie wegen Betrugs verhaftet und kam ins Gefängnis. Allerdings nur gut drei Jahre lang. Viele Bürger sahen ihr Geld nie wieder, manche von ihnen begingen sogar aus Verzweiflung Selbstmord. Ganze Gemeinden hatten bei Spitzeder Geld investiert und waren nun pleite.
    Heute könnte so etwas nicht mehr so leicht passieren, weil es viele Aufsichtsgremien gibt. Außerdem ist es heute Pflicht, eine Buchführung vorweisen zu können. Und was geschah mit Adele Spitzeder? Nach dem Gefängnisaufenthalt ging sie ins Ausland, kehrte dann aber nach München zurück.
    8 min
  • Was wären wir ohne Internet? SG #238
    Was wären wir ohne Internet?Show Podcast Information
    Vor einigen Wochen hatten wir knapp 24 Stunden lang kein Internet und kein Telefon. An diesem Tag haben wir als Familie gemerkt, wie abhängig wir mittlerweile von dieser Technologie sind. Du auch? Es fing mit der Unterhaltung an. Ich höre gerne und viele Podcasts - am Freitag immer einen Kinopodcast der BBC. Diesen konnte ich nicht herunterladen. Naja, das war natürlich nicht schlimm, aber ich dachte mir: Ok, dann höre ich eben Musik. Ich höre Musik mittlerweile immer über Spotify - auch das ist ein Internetdienst und war demzufolge nicht verfügbar. Kein Podcast, keine Musik. Auch kein Hörbuch von Audible, denn ich hatte keines heruntergeladen. Nichts zu hören! Selbst das Radio streamen wir heute über das Internet. CD-Player oder Schallplattenspieler haben wir nicht mehr. Nur ein DAB-Radio im Bad konnte uns helfen, kurz die Nachrichten zu hören. Mein Sohn konnte nicht Minecraft spielen, sein Tablet war nutzlos. Eine neue Episode Slow German machen oder ein neues Video für YouTube - auch nicht möglich.
    Am Abend wollten wir einen Film sehen, aber auch da wurde uns klar: Unsere Fernsehgewohnheiten haben sich geändert. Während wir früher einfach das sahen, was gerade im Live-Fernsehen kam, schauen wir heute nur noch über Netflix oder Amazon Prime und all diese Dienste fern. Wir schauen gezielt Filme oder Serien im Stream. Auch das war ohne Internet nicht möglich. Die Mediatheken der großen Sender waren ebenfalls lahmgelegt. Also blieb nur das Live-Fernsehen, und das war an diesem Abend langweilig. Für mich alles kein Problem, denn ich bin eine Leseratte. Mein Buch funktionierte auch ohne Strom und Internet. Das von meinem Sohn auch. Aber mein Mann surft gerne abends im Internet, er liest viel auf dem iPad - ihm war also langweilig.
    Der nächste Tag brachte dann noch mehr Probleme mit sich.Ich fange morgens immer an, erstmal eine halbe Stunde Yoga zu machen. Ich nutze dafür eine App, die mir die Asanas zusammenstellt. Ohne Internet konnte diese App nichts laden. Auch meine Meditations-App funktionierte natürlich nicht. Meine Arbeit ist komplett unmöglich ohne das Internet. Zum einen habe ich Konferenzen mit meinen Kolleg:innen, meistens über Microsoft Teams oder Zoom. Das war ohne Internet nicht möglich. Außerdem ist mein Job ja, dass ich als Community Managerin oder Social Media Managerin arbeite - aber Facebook, Instagram, Twitter und YouTube sind Dienste im Internet. Ich musste an diesem Tag also aufgeben und konnte nicht arbeiten, denn auch Mails erreichten mich nicht. Alleine anzurufen und meinem Chef zu sagen, dass ich kein Internet habe, war schwierig - denn normalweise rufe ich ihn über Teams an oder ich schaue in Teams nach seiner Telefonnummer. Jetzt musste ich sie anders herausfinden.
    Auch die Videokonferenz mit meinen Eltern konnte nicht stattfinden, der Kontakt zu Freunden und Familie in Zeiten der Pandemie war abgebrochen. Unsere Bestellung bei einem Lieferdienst für Bio-Lebensmittel war nicht möglich, denn auch die geht immer über das Internet. Ich konnte keine neuen Bücher für meinen Sohn bestellen, denn auch das mache ich bei einem sozialen Buchversand über das Internet. Keine neuen Klamotten kaufen, kein Lego, kein Geschenk für den nächsten Kindergeburtstag. Das Internet hat sich mittlerweile in so viele unserer Lebensbereiche eingeschlichen! Wir sind abhängig von Online-Banking und Online-Shopping, Online-Arbeit und Online-Homeschooling.
    Gut, ich gebe zu, ich habe hier etwas übertrieben. Denn natürlich habe ich sofort einen Hotspot über mein Handy eingerichtet und die wichtigsten Dinge dann über meinen mobilen Datentarif gemacht. Aber dennoch haben diese 24 Stunden uns die Augen geöffnet. Unser Leben hat sich in den vergangenen Jahren sehr geändert. Es ist normal geworden, eine gute Datenverbindung zu haben und Filme ohne Ruckeln im Stream anzusehen. Dabei ist Deutschland übrigens gar nicht so gut im Vergleich mit anderen Ländern!
    8 min

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