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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Bitz/Burladingen,
Ein Zeichen! Eine Gottesbegegnung! Das könnte er jetzt gerade richtig gut brauchen. Es ist halt nicht immer so einfach, mit dem Glauben. Und mit dem Leben auch nicht. Manchmal bist du völlig am Boden zerstört. Manchmal werden deine Träume auf einen Schlag zerschmettert. In einem einzigen Moment ändert sich alles. So ist es ihm wohl auch gegangen. Dabei ist es gar nicht lange her, da schien alles wunderbar. Er hat großartige Dinge mit Gott erlebt. Gott hat ihn gebraucht. Gott hat zu ihm geredet. Gott hat ihm einen Auftrag gegeben und ein Versprechen.
Auf einmal scheint das alles schon Jahre her zu sein. Jahre, seit er dort stand, am Ufer des Roten Meers, hinter sich das verängstigte Volk und am Horizont die Armee des Pharao. Keiner wusste, was zu tun war. Alle hatten Angst. Nur er stand da, in dem Bewusstein, dass Gott mit ihm war. Sein Glaube war so groß. So stark. Er stand da, souverän und mit erhobenem Stab, der immer schon Zeichen von Gottes Macht mit ihm war. Und dann teilte sich das Meer. Ganz Israel zog trockenen Fußes hindurch. Die Feinde -- sagen wir mal: Die blieben nicht so trocken. Geglaubt - gerettet. Und das war erst der Anfang: Wasser in der Wüste, Manna vom Himmel, Führung durch eine Wolken- und Feuersäule... Schließlich die Ankunft am Sinai, die Wolken und Blitze um den Gipfel ein Zeichen von Gottes Herrlichkeit und Stärke, dass selbst dem Ungläubigsten angst und bang werden musste. Keiner durfte den Berg auch nur berühren. Keiner, außer ihm. Nur er durfte sich nähern. Er durfte sogar hinauf. Am Sinai bestätigt Gott, dass er mit Mose ist. Am Sinai schließt er einen Bund mit seinen Leuten. Am Sinai ruft er Mose zu sich und erklärt ihm seine Pläne, seine Gesetze, seine Verheißungen.
Vierzig Tage und vierzig Nächte war er dort oben. Ganz nahe bei Gott. Die Zeit verging wie im Flug. Alles war so gut. Gottes Pläne so großartig. Seine Gegenwart so einzigartig. Seine Versprechen so atemberaubend.
Vierzig Tage und vierzig Nächte.
Es hätte unendlich weitergehen können.
Doch dann ändert sich der Ton plötzlich. "Der Herr sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt. Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben's angebetet und ihm geopfert und gesagt: Dies sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt haben." (Exodus 32,7-8)
Verwirrt stolpert er den Berg hinunter. Die Enttäuschung wächst mit jedem Schritt. Mit jedem Schritt ist die große Gottesbegegnung eine Meile weiter weg. Wut steigt in ihm auf. Von unten hört er wildes Feiern. Wie eine Furie fährt er mitten hinein. Er schlägt das goldene Kalb in Stücke. Er zertrümmert die Tafeln mit den 10 Geboten, Zeichen des wunderbaren Bundes mit einem gnädigen Gott, den dieser treulose Haufen wohl gar nicht will. Er wirft nur so um sich mit Strafen für die Gotteslästerer. Er ruht nicht, bis er das schamlose Fehlverhalten restlos ausgetilgt hat. Dann verlässt auch ihn die Kraft.
Noch einmal steigt er auf den Berg. Er sucht nach Anschluss an das, was da vorher war. An die kraftvolle Begegnung mit Gott. An die Freude und den Frieden, die ihm da so nahe waren. Er findet sie nicht. Deprimiert und enttäuscht sitzt er jetzt im Zelt, am Rande des Lagers. Er klagt Gott sein Leid: "Siehe, du sprichst zu mir: Führe dies Volk hinauf!, und lässt mich nicht wissen, wen du mit mir senden willst!"
Ein Zeichen! Eine Gottesbegegnung! Das könnte er jetzt gerade richtig gut brauchen.
Wo ist er denn jetzt, der Gott, der einst das Rote Meer teilte? Der den mächtigen Pharao besiegte? Der Wasser aus dem Felsen sprudeln ließ und den Berg mit Wolken und Blitz umhüllte. Wo ist er denn jetzt?
Ist er noch da? War er je da? War das alles nur Einbildung, nur Selbstbetrug? Nur romantisierte Erinnerungen an etwas, was gar nie der Realität entsprach?
Wo ist er denn jetzt, der Gott all der Bibelgeschichten aus der Kinderkirche? Der Gott von dieser packenden Nacht auf der Konfifreizeit am Lagerfeuer, als du da saßst und bis tief in die Nacht mit den anderen Lieder sangst und du wusstest --ohne jeden Zweifel--, dass dieser GOTT das ganze Leben bei dir sein würde. Wo ist er jetzt, der Gott der mutmachenden Bibelverse aus dem Losungsbuch am Morgen? Der Gott, von dem man manchmal so packende Predigten hören kann, so dass man mindestens für ein paar Minuten in der Kirche alle Glaubenszweifel vergisst? Wo ist er, wenn du am Boden bist? Wo ist er, wenn du ihn brauchst?
Ist er noch da? War er je da?
O, wenn da doch jetzt ein Zeichen wäre! Eine Gottesbegegnung!
18 Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! 19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des Herrn vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. 20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. 21 Und der Herr sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. 22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23 Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen. (2. Mose 33,18-23)Nein, so einfach ist das nicht!
"Lass mich deine Herrlichkeit sehen!" Gottes wunderbare Macht ist nicht einfach verfügbar. Er handelt nicht auf Abruf. Er tanzt nicht unserem Pfeifen. Gottesbegegnungen und Wundererlebnisse kann man nicht einfach "machen." Wem er gnädig und barmherzig ist, entscheidet er ganz allein selbst.
Je näher ich selbst versuche, Gott zu kommen, desto mehr merke ich erst, wie groß der Graben ist, der mich von ihm trennt. Gott ist anders. Gott ist größer. Ich bin mit ihm nicht auf Augenhöhe. Gott ist kein Kumpel, dem man mal ins Angesicht schauen kann. Gott hat kein Insta-Profil, auf dem man in die Tiefen seines Wesen schauen kann und dann hinterher einen flapsigen Kommentar hinterlässt. Sein Handeln kann man nicht auf Amazon bestellen.
"Lass mich deine Herrlichkeit sehen!" Selbst Mose kassiert da erst einmal eine Abfuhr. Die ist ganz anders, als das flauschig-romantische Gottesbild, mit dem wir oft unterwegs sind. Gott ist nicht einfach der nette Knuddelbär und ich bin schon gar nicht sein Besitzer. Gott kann man nicht fassen, nicht haben, nicht für sich ergreifen. Im Gegenteil: Seine Größe wirkt hier geradezu bedrohlich im Kontrast mit meiner Menschlichkeit: "Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht."
Das ist zunächst einmal ganz schön frustrierend! Am "deus absconditus", am Eindruck der Abwesenheit Gottes, sind manche schon fast zerbrochen. Gott passt nicht in das einfache Schema, in das ich ihn gerne stecken würde, weil es meinen Bedürfnissen so sehr entgegen käme. Und damit muss mein Glaube lernen, umzugehen. Gott ist keine nette Lebensformel, kein einfach anzuwendendes Trostpflaster, wenn ich gerade wieder einmal am Boden bin. Gott ist Gott und jeder Versuch, den gewaltigen Unterschied zwischen uns zu umgehen, muss von Anfang an scheitern.
"Lass mich deine Herrlichkeit sehen!" Die Forderung nach spontan abrufbaren Gotteserlebnissen war schon für Mose keine Lösung. Nicht, weil er es falsch angepackt hätte. Sondern, weil Gott selbst sich dem verwehrt.
Was nun? Was bleibt - zwischen verblassenden Erinnerungen an Glaubensmomente der Vergangenheit und einem Gott, der sich meiner Suche nach Herrlichkeitserlebnissen auf Wunsch nicht unterwirft?
Was bleibt?
Gott bleibt. Gott -- in seiner ganzen Größe, in seiner unumgänglichen Andersartigkeit, und doch immer den Menschen zugewandt.
Nein, Mose bekommt nicht das gewünschte Herrlichkeitserlebnis. Auch für ihn bleibt Gott Gott, und die Grenzen des Menschseins werden nicht aufgehoben. Trotzdem zeichnet dieser Text auch ein -- finde ich -- ganz zärtliches Bild von Gott. Denn es ist ja gar nicht so, dass er Mose einfach ersatzlos abblitzen lässt. Nur, was er anbietet, bleibt seine eigene Entscheidung. Und das ist ganz anders, als Mose es sich vorgestellt hat. Wo er sich "Herrlichkeit" gewünscht hat, verspricht Gott "Güte", "Gnade" und "Erbarmen".
Was das konkret heißen soll, führt Gott weiter aus -- und was ich da höre, lässt es mir ganz warm um's Herz werden:
"Siehe, da ist ein Raum bei mir..." Das Bild vom Blick aus der Felsspalte hat mich am Anfang befremdet. Es schien, als wolle Gott in erster Linie den Zugang zu sich blockieren. Als Bild des Schutzraums kann ich viel damit anfangen. (Besonders, weil ich jemand bin, der sich Nachts gerne komplett in die Bettdecke einwickelt, so dass nur noch ein kleiner Spalt übrig bleibt.) Dem deprimierten Mose verspricht Gott Geborgenheit. Schutz. Wärme. Sicherheit. Das nimmt die frustrierenden Probleme nicht auf einen Schlag weg. Das gibt auch nicht die triumphierende Überlegenheit dessen, der aus Gottes Herrlichkeit und Stärke heraus operiert. Aber in all meiner Schwachheit kann ich dem Leben begegnen mit der Sicherheit, dass Gott mich hält.
"Da sollst du auf dem Fels stehen." Gott verspricht einen festen Stand. Da kann dich nichts umwerfen. Da stehst du vielleicht, den Sturmwind im Gesicht. Aber du stehst. Du fällst nicht. Gott hält dich.
"Meine Hand über dir halten." Geradezu zärtlich hält Gott dich in seiner Hand. Er selbst stellt sich zwischen dich und allen Schaden. Er bedeckt dich in dem, was dir gerade entgegen steht.
"Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen."
Auf den ersten Blick fand ich das hart. Warum darf man Gott nur von hinten sehen? Der Text weckte Assoziationen zu einem bekannten Goethezitat aus dem Götz von Berlichingen. "Von hinten sehen." Das ist nicht das, was Mose sich vorgestellt hatte. Das ist nicht das, was ich mir vorgestellt hatte.
Jetzt lese ich das ganz anders. Der Gott, der vorübergeht und dem ich nachschaue, der geht mir ja voran. Der ebnet vor mir die Bahn. Wo ich gehe, da ist er bereits gewesen.
Nein, ich schaue seiner Herrlichkeit nicht ins Gesicht. Aber überall vor mir, selbst auf der unwegsamsten Strecke meines Lebens, sind die Spuren Gottes, der mich nie alleine gehen lässt. Geblendet von seinem Glanz hätte ich die vielleicht übersehen. Wahrscheinlich muss ich noch viel genauer hinsehen. Dann habe ich statt einer großen beständig ganz viele kleine, immer neue Gottesbegegnungen.
Ob Mose das aufgebaut hat? Am Sinai war jedenfalls lange noch nicht Endstation für ihn und das von ihm geführte Volk. Viele Stationen folgten. Viele Herausforderungen auch. Ich glaube ganz fest, dass Mose ab diesem Tag aus dem heraus lebte, was Gott da für ihn tat. Geborgen. Mit festem Stand. Sicher. Und auf den Spuren des Gottes, der vor ihm ging.
Eine ganz andere Gottesbegegnung. Die könnte ich gerade auch gebrauchen. Vielleicht gerade deshalb dieser Text, hier in der Epiphaniaszeit. Die weist mich nämlich darauf hin, dass ich Mose viel voraus habe. In Jesus Christus hat Gott nämlich ein menschliches Angesicht angenommen. Er ist uns näher gekommen als je zuvor. Er hat deutlichere Spuren gelegt, als sie je ein Mensch zuvor gesehen hat. Auch wenn ich Gott weiterhin nicht unbegrenzt erfassen kann, blitzt in Christus mehr von seiner Herrlichkeit auf, als wir es je zu träumen gewagt hätten. "Aus seiner Fülle haben wir genommen Gnade um Gnade."
Ich will im Blick auf seine Spuren durch's Leben gehen. Das heißt nicht, dass ich mir nicht auch oft die "ganz großen" Gottesbegegnungen wünsche. Auch nicht, dass ich davon nicht von Zeit zu Zeit ein wenig erleben darf. Aber die gewaltigen Wunder bleiben außergewöhnliche Ausnahmen. Der Blick "aus dem Felsspalt" auf Gottes in Christus gelegte Spuren reicht für meinen Alltag.
Deshalb -- wie meine Schüler am Ende jeder Stunde mit mir rufen: "Mit Gottes Hilfe mutig voran!"
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Bitz/Burladingen,
Ein Zeichen! Eine Gottesbegegnung! Das könnte er jetzt gerade richtig gut brauchen. Es ist halt nicht immer so einfach, mit dem Glauben. Und mit dem Leben auch nicht. Manchmal bist du völlig am Boden zerstört. Manchmal werden deine Träume auf einen Schlag zerschmettert. In einem einzigen Moment ändert sich alles. So ist es ihm wohl auch gegangen. Dabei ist es gar nicht lange her, da schien alles wunderbar. Er hat großartige Dinge mit Gott erlebt. Gott hat ihn gebraucht. Gott hat zu ihm geredet. Gott hat ihm einen Auftrag gegeben und ein Versprechen.
Auf einmal scheint das alles schon Jahre her zu sein. Jahre, seit er dort stand, am Ufer des Roten Meers, hinter sich das verängstigte Volk und am Horizont die Armee des Pharao. Keiner wusste, was zu tun war. Alle hatten Angst. Nur er stand da, in dem Bewusstein, dass Gott mit ihm war. Sein Glaube war so groß. So stark. Er stand da, souverän und mit erhobenem Stab, der immer schon Zeichen von Gottes Macht mit ihm war. Und dann teilte sich das Meer. Ganz Israel zog trockenen Fußes hindurch. Die Feinde -- sagen wir mal: Die blieben nicht so trocken. Geglaubt - gerettet. Und das war erst der Anfang: Wasser in der Wüste, Manna vom Himmel, Führung durch eine Wolken- und Feuersäule... Schließlich die Ankunft am Sinai, die Wolken und Blitze um den Gipfel ein Zeichen von Gottes Herrlichkeit und Stärke, dass selbst dem Ungläubigsten angst und bang werden musste. Keiner durfte den Berg auch nur berühren. Keiner, außer ihm. Nur er durfte sich nähern. Er durfte sogar hinauf. Am Sinai bestätigt Gott, dass er mit Mose ist. Am Sinai schließt er einen Bund mit seinen Leuten. Am Sinai ruft er Mose zu sich und erklärt ihm seine Pläne, seine Gesetze, seine Verheißungen.
Vierzig Tage und vierzig Nächte war er dort oben. Ganz nahe bei Gott. Die Zeit verging wie im Flug. Alles war so gut. Gottes Pläne so großartig. Seine Gegenwart so einzigartig. Seine Versprechen so atemberaubend.
Vierzig Tage und vierzig Nächte.
Es hätte unendlich weitergehen können.
Doch dann ändert sich der Ton plötzlich. "Der Herr sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt. Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben's angebetet und ihm geopfert und gesagt: Dies sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt haben." (Exodus 32,7-8)
Verwirrt stolpert er den Berg hinunter. Die Enttäuschung wächst mit jedem Schritt. Mit jedem Schritt ist die große Gottesbegegnung eine Meile weiter weg. Wut steigt in ihm auf. Von unten hört er wildes Feiern. Wie eine Furie fährt er mitten hinein. Er schlägt das goldene Kalb in Stücke. Er zertrümmert die Tafeln mit den 10 Geboten, Zeichen des wunderbaren Bundes mit einem gnädigen Gott, den dieser treulose Haufen wohl gar nicht will. Er wirft nur so um sich mit Strafen für die Gotteslästerer. Er ruht nicht, bis er das schamlose Fehlverhalten restlos ausgetilgt hat. Dann verlässt auch ihn die Kraft.
Noch einmal steigt er auf den Berg. Er sucht nach Anschluss an das, was da vorher war. An die kraftvolle Begegnung mit Gott. An die Freude und den Frieden, die ihm da so nahe waren. Er findet sie nicht. Deprimiert und enttäuscht sitzt er jetzt im Zelt, am Rande des Lagers. Er klagt Gott sein Leid: "Siehe, du sprichst zu mir: Führe dies Volk hinauf!, und lässt mich nicht wissen, wen du mit mir senden willst!"
Ein Zeichen! Eine Gottesbegegnung! Das könnte er jetzt gerade richtig gut brauchen.
Wo ist er denn jetzt, der Gott, der einst das Rote Meer teilte? Der den mächtigen Pharao besiegte? Der Wasser aus dem Felsen sprudeln ließ und den Berg mit Wolken und Blitz umhüllte. Wo ist er denn jetzt?
Ist er noch da? War er je da? War das alles nur Einbildung, nur Selbstbetrug? Nur romantisierte Erinnerungen an etwas, was gar nie der Realität entsprach?
Wo ist er denn jetzt, der Gott all der Bibelgeschichten aus der Kinderkirche? Der Gott von dieser packenden Nacht auf der Konfifreizeit am Lagerfeuer, als du da saßst und bis tief in die Nacht mit den anderen Lieder sangst und du wusstest --ohne jeden Zweifel--, dass dieser GOTT das ganze Leben bei dir sein würde. Wo ist er jetzt, der Gott der mutmachenden Bibelverse aus dem Losungsbuch am Morgen? Der Gott, von dem man manchmal so packende Predigten hören kann, so dass man mindestens für ein paar Minuten in der Kirche alle Glaubenszweifel vergisst? Wo ist er, wenn du am Boden bist? Wo ist er, wenn du ihn brauchst?
Ist er noch da? War er je da?
O, wenn da doch jetzt ein Zeichen wäre! Eine Gottesbegegnung!
18 Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! 19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des Herrn vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. 20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. 21 Und der Herr sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. 22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23 Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen. (2. Mose 33,18-23)Nein, so einfach ist das nicht!
"Lass mich deine Herrlichkeit sehen!" Gottes wunderbare Macht ist nicht einfach verfügbar. Er handelt nicht auf Abruf. Er tanzt nicht unserem Pfeifen. Gottesbegegnungen und Wundererlebnisse kann man nicht einfach "machen." Wem er gnädig und barmherzig ist, entscheidet er ganz allein selbst.
Je näher ich selbst versuche, Gott zu kommen, desto mehr merke ich erst, wie groß der Graben ist, der mich von ihm trennt. Gott ist anders. Gott ist größer. Ich bin mit ihm nicht auf Augenhöhe. Gott ist kein Kumpel, dem man mal ins Angesicht schauen kann. Gott hat kein Insta-Profil, auf dem man in die Tiefen seines Wesen schauen kann und dann hinterher einen flapsigen Kommentar hinterlässt. Sein Handeln kann man nicht auf Amazon bestellen.
"Lass mich deine Herrlichkeit sehen!" Selbst Mose kassiert da erst einmal eine Abfuhr. Die ist ganz anders, als das flauschig-romantische Gottesbild, mit dem wir oft unterwegs sind. Gott ist nicht einfach der nette Knuddelbär und ich bin schon gar nicht sein Besitzer. Gott kann man nicht fassen, nicht haben, nicht für sich ergreifen. Im Gegenteil: Seine Größe wirkt hier geradezu bedrohlich im Kontrast mit meiner Menschlichkeit: "Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht."
Das ist zunächst einmal ganz schön frustrierend! Am "deus absconditus", am Eindruck der Abwesenheit Gottes, sind manche schon fast zerbrochen. Gott passt nicht in das einfache Schema, in das ich ihn gerne stecken würde, weil es meinen Bedürfnissen so sehr entgegen käme. Und damit muss mein Glaube lernen, umzugehen. Gott ist keine nette Lebensformel, kein einfach anzuwendendes Trostpflaster, wenn ich gerade wieder einmal am Boden bin. Gott ist Gott und jeder Versuch, den gewaltigen Unterschied zwischen uns zu umgehen, muss von Anfang an scheitern.
"Lass mich deine Herrlichkeit sehen!" Die Forderung nach spontan abrufbaren Gotteserlebnissen war schon für Mose keine Lösung. Nicht, weil er es falsch angepackt hätte. Sondern, weil Gott selbst sich dem verwehrt.
Was nun? Was bleibt - zwischen verblassenden Erinnerungen an Glaubensmomente der Vergangenheit und einem Gott, der sich meiner Suche nach Herrlichkeitserlebnissen auf Wunsch nicht unterwirft?
Was bleibt?
Gott bleibt. Gott -- in seiner ganzen Größe, in seiner unumgänglichen Andersartigkeit, und doch immer den Menschen zugewandt.
Nein, Mose bekommt nicht das gewünschte Herrlichkeitserlebnis. Auch für ihn bleibt Gott Gott, und die Grenzen des Menschseins werden nicht aufgehoben. Trotzdem zeichnet dieser Text auch ein -- finde ich -- ganz zärtliches Bild von Gott. Denn es ist ja gar nicht so, dass er Mose einfach ersatzlos abblitzen lässt. Nur, was er anbietet, bleibt seine eigene Entscheidung. Und das ist ganz anders, als Mose es sich vorgestellt hat. Wo er sich "Herrlichkeit" gewünscht hat, verspricht Gott "Güte", "Gnade" und "Erbarmen".
Was das konkret heißen soll, führt Gott weiter aus -- und was ich da höre, lässt es mir ganz warm um's Herz werden:
"Siehe, da ist ein Raum bei mir..." Das Bild vom Blick aus der Felsspalte hat mich am Anfang befremdet. Es schien, als wolle Gott in erster Linie den Zugang zu sich blockieren. Als Bild des Schutzraums kann ich viel damit anfangen. (Besonders, weil ich jemand bin, der sich Nachts gerne komplett in die Bettdecke einwickelt, so dass nur noch ein kleiner Spalt übrig bleibt.) Dem deprimierten Mose verspricht Gott Geborgenheit. Schutz. Wärme. Sicherheit. Das nimmt die frustrierenden Probleme nicht auf einen Schlag weg. Das gibt auch nicht die triumphierende Überlegenheit dessen, der aus Gottes Herrlichkeit und Stärke heraus operiert. Aber in all meiner Schwachheit kann ich dem Leben begegnen mit der Sicherheit, dass Gott mich hält.
"Da sollst du auf dem Fels stehen." Gott verspricht einen festen Stand. Da kann dich nichts umwerfen. Da stehst du vielleicht, den Sturmwind im Gesicht. Aber du stehst. Du fällst nicht. Gott hält dich.
"Meine Hand über dir halten." Geradezu zärtlich hält Gott dich in seiner Hand. Er selbst stellt sich zwischen dich und allen Schaden. Er bedeckt dich in dem, was dir gerade entgegen steht.
"Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen."
Auf den ersten Blick fand ich das hart. Warum darf man Gott nur von hinten sehen? Der Text weckte Assoziationen zu einem bekannten Goethezitat aus dem Götz von Berlichingen. "Von hinten sehen." Das ist nicht das, was Mose sich vorgestellt hatte. Das ist nicht das, was ich mir vorgestellt hatte.
Jetzt lese ich das ganz anders. Der Gott, der vorübergeht und dem ich nachschaue, der geht mir ja voran. Der ebnet vor mir die Bahn. Wo ich gehe, da ist er bereits gewesen.
Nein, ich schaue seiner Herrlichkeit nicht ins Gesicht. Aber überall vor mir, selbst auf der unwegsamsten Strecke meines Lebens, sind die Spuren Gottes, der mich nie alleine gehen lässt. Geblendet von seinem Glanz hätte ich die vielleicht übersehen. Wahrscheinlich muss ich noch viel genauer hinsehen. Dann habe ich statt einer großen beständig ganz viele kleine, immer neue Gottesbegegnungen.
Ob Mose das aufgebaut hat? Am Sinai war jedenfalls lange noch nicht Endstation für ihn und das von ihm geführte Volk. Viele Stationen folgten. Viele Herausforderungen auch. Ich glaube ganz fest, dass Mose ab diesem Tag aus dem heraus lebte, was Gott da für ihn tat. Geborgen. Mit festem Stand. Sicher. Und auf den Spuren des Gottes, der vor ihm ging.
Eine ganz andere Gottesbegegnung. Die könnte ich gerade auch gebrauchen. Vielleicht gerade deshalb dieser Text, hier in der Epiphaniaszeit. Die weist mich nämlich darauf hin, dass ich Mose viel voraus habe. In Jesus Christus hat Gott nämlich ein menschliches Angesicht angenommen. Er ist uns näher gekommen als je zuvor. Er hat deutlichere Spuren gelegt, als sie je ein Mensch zuvor gesehen hat. Auch wenn ich Gott weiterhin nicht unbegrenzt erfassen kann, blitzt in Christus mehr von seiner Herrlichkeit auf, als wir es je zu träumen gewagt hätten. "Aus seiner Fülle haben wir genommen Gnade um Gnade."
Ich will im Blick auf seine Spuren durch's Leben gehen. Das heißt nicht, dass ich mir nicht auch oft die "ganz großen" Gottesbegegnungen wünsche. Auch nicht, dass ich davon nicht von Zeit zu Zeit ein wenig erleben darf. Aber die gewaltigen Wunder bleiben außergewöhnliche Ausnahmen. Der Blick "aus dem Felsspalt" auf Gottes in Christus gelegte Spuren reicht für meinen Alltag.
Deshalb -- wie meine Schüler am Ende jeder Stunde mit mir rufen: "Mit Gottes Hilfe mutig voran!"
Amen.

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