Lebensretter - Ein Podcast der Björn Steiger Stiftung

Streitfall Tempo 30


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Was die Daten wirklich sagen - mit Verkehrsexperte Siegfried Brockmann

Diesmal ist ein vertrauter und sehr geschätzter Gast erneut dabei: Siegfried Bockmann, Verkehrsexperte und Unfallforscher. Er bringt eine neue, umfassende Metastudie mit – zum hoch diskutierten Thema Tempo 30.

Für die einen ist Tempo 30 ein Symbol vermeintlicher Bevormundung, für die anderen ein zentraler Baustein moderner Verkehrssicherheit. Doch was sagen die Daten wirklich? In dieser Folge sprechen wir darüber, warum Einzelstudien aus einzelnen Städten oft nur begrenzt aussagekräftig sind, was eine Metastudie leisten kann – und welche Effekte Tempo 30 tatsächlich hat: auf Unfallzahlen, die Schwere von Unfällen, Personenschäden, Verkehrsfluss und Umweltbelastung.

Außerdem diskutiert Béla Anda mit Siegfried Brockmann, wie ein belastbarer Modellversuch in Deutschland aussehen müsste – und warum es beim Thema Verkehr letztlich nicht um Ideologie, sondern um Fürsorge, Sicherheit und pragmatische Lösungen geht.

In dieser Folge

Warum eine neue Studie zu Tempo 30?

Bockmann erklärt, warum er Einzelmeldungen aus einzelnen Städten skeptisch betrachtet (Methodik, Vergleichbarkeit, Validität) und weshalb eine Metastudie notwendig ist.

Metastudie: Was wurde ausgewertet?

Zusammenfassung von 15 Untersuchungen/Regionen – u. a. Städte (z. B. Belfast, Bilbao, Bologna, Berlin, Helsinki, London) und Regionen (z. B. Wales) sowie ein Beispiel außerhalb Europas (Toronto).
Fokus: Vorher-Nachher-Vergleiche, Studiendesigns, Zeitraum und Untersuchungszuschnitte.

Welche Effekte wurden betrachtet?

Durchschnittsgeschwindigkeit

Unfallhäufigkeit

Unfallschwere / Personenschäden (insbesondere schwere Verletzungen)

teils: Luftschadstoffe (u. a. NOx, Feinstaub), Lärm, Bürgerbefragungen

Zentrale Ergebnisse (Kernaussagen aus der Aggregation)

Unfälle und vor allem schwere Personenschäden gehen in den Studien, die das messen, deutlich zurück – in der Spitze bei schweren Personenschäden über 30 %.

Durchschnittsgeschwindigkeit ist als Kennzahl nur begrenzt aussagekräftig, u. a. weil Stausituationen (z. B. London) Effekte „verdecken“ können.

Bockmann betont zusätzlich die Bedeutung von Geschwindigkeitsspitzen (Peaks) – sie wurden selten direkt gemessen, sind aber für Risiko und Sanktionierung relevant.

Verkehrsfluss und Reisezeiten: Entwarnung

Dort, wo untersucht: Der Durchsatz sinkt nur gering (genannt: ca. 2 %), Reisezeiten steigen nur marginal – keine dramatischen Effekte.

Tempo 30 in Deutschland: Warum Modellversuche jetzt realistischer sind

Bockmann erläutert veränderte Rahmenbedingungen in der StVO: Tempo 30 ist nicht mehr nur bei „konkreter Gefahrenlage“ möglich; es gibt neue Möglichkeiten für Versuchsgebiete, die wissenschaftlich begleitet werden müssen – mit klaren Zielgrößen, Messmethoden und Endpunkt.

Regel-Ausnahme-Umkehr: 30 als Standard, 50 als Ausnahme?

Diskussion der Idee, innerorts grundsätzlich 30 km/h als Regel zu setzen und 50 km/h dort zu erlauben, wo es begründbar ist.
Vorteil: weniger Schild-Wirrwarr, schnellere Gewöhnung.
Nachteil: Wegfall der „Appellfunktion“ sichtbarer Tempo-30-Schilder (z. B. Zusatz „Schule/Kinder“).

Warum Tempo zählt: Physik & Reaktionsweg

Verständliche Erklärung über kinetische Energie (steigt quadratisch) und den Unterschied zwischen Bremsweg/Reaktionszeit – besonders relevant für Fußgänger und Kinder.

Kinder, Laufräder und unterschätzte Risiken

Beobachtungen zu Situationen, in denen Kinder sehr schnell in den Fahrraum geraten können, und warum Eltern das Tempo und die Dynamik im Straßenraum häufig unterschätzen.

Perspektive Rettungsdienst

Tempo 30 wird nicht als Nachteil für Rettungseinsätze gesehen, da Einsatzfahrzeuge nicht an die Limitierung gebunden sind; entscheidender sind Stau, Verkehrsdynamik und das Verhalten der übrigen Verkehrsteilnehmenden.

Takeaways

Tempo 30 ist in der Gesamtbetrachtung kein „Symbolthema“, sondern eine Maßnahme mit messbaren Sicherheitsgewinnen.

Für die politische Debatte in Deutschland wäre ein gut kontrollierter, polizeilich begleiteter Modellversuch zentral.

Verkehrssicherheit ist keine Frage individueller Freiheit, sondern auch staatlicher Fürsorgepflicht.

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Lebensretter - Ein Podcast der Björn Steiger StiftungBy ABC Communication