GKV-Chef Oliver Blatt über Beitragsdruck, zu viele Krankenhausbetten und was wir von Österreich lernen können
Deutschland leistet sich eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt – mehr als eine halbe Billion Euro fließen jedes Jahr in unsere Gesundheit. Und trotzdem steigen die Beiträge, Patienten warten auf Termine, Notaufnahmen sind überlastet und bei Lebenserwartung und Versorgungsqualität gehört Deutschland längst nicht überall zur Spitze.
Warum bekommen wir für so viel Geld nicht auch eines der besten Gesundheitssysteme der Welt?
Darüber spricht Béla Anda heute mit einem Mann, der an einer der zentralen Schaltstellen dieses Systems sitzt: Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes. Er vertritt die Interessen der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen – und damit mittelbar rund 75 Millionen Versicherte.
Oliver Blatt sagt deutlich: Deutschland hat Reformen zu lange aufgeschoben. Wir haben zu viele Krankenhausbetten, steuern Patienten nicht ausreichend durch das System und investieren noch immer zu wenig in Prävention. Gleichzeitig steigen die Ausgaben deutlich schneller als die Einnahmen.
Besonders dringend ist für ihn auch die Reform der Notfallversorgung. Überfüllte Notaufnahmen, unterschiedliche Anlaufstellen und mangelnde digitale Vernetzung zeigen, wie groß der Handlungsbedarf ist. Länder wie Österreich machen vor, wie eine intelligente Patientensteuerung funktionieren kann.
Aber Oliver Blatt redet unser Gesundheitssystem nicht schlecht. Er erklärt auch, was Deutschland nach wie vor hervorragend macht – und warum eine verlässliche medizinische Versorgung weit mehr ist als eine Frage von Kosten und Effizienz: Sie ist ein wichtiger Bestandteil unseres sozialen Zusammenhalts.
Was muss sich also ändern? Wo können Milliarden effizienter eingesetzt werden? Wie bekommen wir Krankenhäuser, ambulante Versorgung und Rettungsdienst besser organisiert? Und warum braucht es am Ende vor allem eines: Politiker, die den Mut haben, Entscheidungen zu treffen?
Aus Sicht der Björn Steiger Stiftung besonders relevant ist die Reform der Notfallversorgung. Rettungsleitstellen, die 116117 und Notaufnahmen müssen besser miteinander verzahnt und digital vernetzt werden. Österreich zeigt nach Ansicht Blatts, wie eine standardisierte Ersteinschätzung verhindern kann, dass automatisch ein Rettungswagen geschickt oder eine Notaufnahme angesteuert wird, obwohl dem Patienten auf anderem Wege geholfen werden könnte.
Ein weiteres großes Thema ist die Prävention. Denn langfristig, so Blatt, kann ein Gesundheitssystem nur finanzierbar bleiben, wenn Krankheiten möglichst verhindert werden, bevor sie überhaupt behandelt werden müssen. Dafür brauche es allerdings mehr als Appelle an den Einzelnen: Prävention müsse bereits in Kitas und Schulen beginnen und auch Ernährung, Alkohol, Tabak sowie gesellschaftliche Rahmenbedingungen einbeziehen.
Im Gespräch geht es außerdem um:
den wachsenden finanziellen Druck auf die gesetzlichen Krankenkassen
steigende Beiträge und Lohnnebenkosten
zu viele Krankenhausbetten und notwendige Spezialisierung
Wartezeiten und eine bessere Steuerung von Patienten
die geplante Reform der Notfallversorgung
die Vernetzung von 112, 116117 und Notaufnahmen
Österreich als mögliches Vorbild
Digitalisierung im Gesundheits- und Rettungswesen
Prävention als gesundheitlicher und ökonomischer Faktor
die Bedeutung einer guten Palliativversorgung
soziale Unterschiede bei Gesundheit und Lebenserwartung
die Rolle des GKV-Spitzenverbandes
Lobbyinteressen und das „Haifischbecken“ Gesundheitspolitik
und die Frage, warum Politik bei Reformen irgendwann auch den Mut haben muss, Entscheidungen zu treffen.
Oliver Blatts Botschaft ist dabei klar: Deutschland verfügt weiterhin über ein leistungsfähiges Gesundheitssystem – aber es reicht nicht mehr, immer zusätzliches Geld in bestehende Strukturen zu geben. Es braucht strukturelle Reformen, klare Prioritäten und politische Entscheidungen.
Denn eine funktionierende Gesundheitsversorgung ist nicht nur für Patienten entscheidend. Sie ist, so Blatt, auch ein wichtiger Stabilitätsanker für Demokratie und sozialen Frieden.