Die Belegschaften in Deutschland müssten wieder mehr arbeiten, um den Wohlstand in der Bundesrepublik zu erhalten, findet Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Später relativierte Merz diese pauschale Aussage aus seiner ersten Regierungserklärung und konkretisierte, gerade junge Leute arbeiteten bisweilen sehr viel, doch mit jedem Jahr nehme die Motivation ab und er hoffe nun auf die sogenannte "Aktivrente". Dabei sollen Menschen im Ruhestand steuerfrei ein substanzielles Gehalt - im Gespräch sind 2.000 Euro - hinzuverdienen dürfen. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft sowie der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) hatten sich den Forderungen von Merz angeschlossen.
Skepsis bei Armutsforscher
Im Gespräch mit SWR Aktuell-Moderator Andreas Böhnisch zeigt sich der Politikwissenschaftler und Armutsforscher Christoph Butterwegge skeptisch. Der emeritierte Kölner Universitätsprofessor, den die Partei "Die Linke" 2017 zur Wahl des Bundespräsidenten aufgestellt hatte, weist darauf hin, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen "Fleiß" im Sinne von Arbeitszeit und auskömmlichen Löhnen gebe:
Wer viel arbeitet, wird deswegen noch lange nicht mit Wohlstand belohnt.
Quelle: Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler und Armutsforscher
Im Gegenteil, entstehe da besonders viel Wohlstand, wo Menschen gar nicht im klassischen Sinne arbeiteten, sondern von Kapitalerträgen lebten. Er findet: "Druck müsste nach oben entfaltet werden." Das heißt, statt Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer pauschal als arbeitsscheu abzuwerten, brauche es Druck auf die Arbeitgeberseite, in Belegschaften zu investieren.
Diskussion zieht weite Kreise
Auch die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), hatte schon Forderungen nach längeren Arbeitszeiten in Deutschland zurückgewiesen. In ihren Augen sei das eigentliche Problem der Fachkräftemangel. Viele Beschäftigte müssten mit Mehrarbeit bereits jetzt die fehlenden Fachkräfte in ihrem Betrieb ausgleichen. Die Forderung gehe an der Lebensrealität der Menschen in der Pflege oder auf dem Bau vorbei. Die "Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft" (VBW) hingegen, hatte gefordert, die Arbeitszeit durch Streichung eines kirchlichen Feiertags erhöhen. Ihr Geschäftsführer Bertram Brossardt nannte Ostermontag, Pfingstmontag oder den zweiten Weihnachtsfeiertag als Streichkandidaten, die der deutschen Wirtschaft viel bringen und die Arbeitnehmer nicht stark belasten würden.
Widerspruch von Kirchen
Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben sich gegen die Abschaffung eines Feiertags ausgesprochen. Die Landesbischöfin der Evangelischen Landeskirche in Baden, Heike Springhart, erklärte, Feiertage wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten seien zentrale Bestandteile der christlichen Tradition. Ähnlich äußerten sich mehrere katholische Bischöfe. Auch die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) hatte sich gegen die Streichung eines kirchlichen Feiertags ausgesprochen. Sie präferierte im SWR das Modell längerer Arbeitszeiten.