Christoph predigt

Tag des Heils


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Geliebte Gottes in Tailfingen,

Ich bringe gute Nachrichten -- und das können wir ja brauchen in dieser Zeit, wo die Nachrichten immer schlecht zu sein scheinen. Wo wir von Krieg hören, von Not und Zerstörung, von Flucht und Leid. Wo in Europa das passiert, was wir längst überwunden zu haben glaubten. Wo uns das Herz schwer wird über dem Leid der Menschen in der Ukraine, über denen, die in Russland von einem machtsüchtigen Diktator in einen Krieg hineingezwungen wurden und über uns selbst, wenn uns die Angst umtreibt, wo das wohl alles hinführen wird.

Gute Nachrichten. Sehr gute Nachrichten sogar.

Hört her: Heute ist der Tag des Heils!

Noch einmal: Heute ist der Tag des Heils!

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.

Auch wenn wir gerade ganz viel anderes hören, das ist die Wirklichkeit, die hinter allem steht.

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre. Heute ist der Tag des Heils.

Oder, wie Paulus bereits viel ausführlicher in diesem zweiten Korintherbrief geschrieben hat:

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. (2. Korinther 5,17-19)

Ihr Lieben, lasst uns in all den schweren Stunden dieser Zeit nie vergessen, dass das unser Ausgangspunkt ist. Das Fundament unseres Lebens. Das sind die Voraussetzungen, mit denen wir hineingehen in alles, was auf uns zukommt: Wir sind versöhnt mit Gott. Christus hat uns versöhnt mit Gott. Christus hat die Welt versöhnt mit Gott.

Lasst uns nie vergessen, was vor allem anderen kommt: Wir gehören zu ihm. Gott hat uns neu gemacht, mit Leben beschenkt in seinem Sohn Jesus Christus. Gott hat uns angenommen als seine Kinder, aufgenommen in seine Familie, eingesetzt als seine Erben, erfüllt mit seinem Heiligen Geist, beschenkt mit seiner Gnade. Herausgerissen aus dem Reich der Finsternis, hineinversetzt in das Reich seines Sohnes.

Lasst uns nie vergessen, dass Christus gekommen ist und die Tür zu Gottes Reich weit aufgestoßen hat für uns. Dass er uns gelöst hat aus den Fesseln von Sünde und Gericht und unsere Füße auf weiten Raum stellt.

Lasst uns nie vergessen, dass er in allen Dingen und in jeder Situation und in uneingeschränkt jedem Augenblick an unserer Seite ist: Immanuel. Gott mit uns. "Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende."

Lasst uns nie vergessen, dass es das ist, was uns Gott zugesagt hat in der Taufe. "Fürchte dich nicht. Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein."

Lasst uns nie vergessen, dass es das ist, woran er uns immer wieder erinnert im gemeinsamen Abendmahl. Wofür er selbst steht, mit seinem Leben, gegeben, für uns: "Christi Leib, für dich gegeben. Nimm uns iss vom Brot des Lebens. Christi Leib, für dich vergossen. Nimm und trink vom Kelch des Heils."

Lasst uns nie vergessen: Wir sind Kinder des Evangeliums. Der guten Nachricht:

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.

Heute ist der Tag des Heils!

Das ist der Ausgangspunkt, geliebte Gotteskinder in Tailfingen, und wir tun gut daran, uns heute daran erinnern zu lassen, damit wir, wie der Apostel schreibt, "nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangen."

Denn wenn ich heute mit dieser guten Nachricht vor euch stehe und sie hineinrufe mitten in die schlechten Nachrichten unserer Tage, dann geht es mir nicht um ein billiges Aufpuschen der Moral, um so eine Art Motivationsrede, wie man sie einer Sportmannschaft hält vor dem entscheidenden Spiel -- oder auch einem Trupp Soldaten vor Beginn der Schlacht. Es geht nicht um ein billiges "Halleluja-Christentum", das sich der Realität der Welt verweigert und sich in eine immer jubelnde Triumphspiritualität zurückzieht, um das Grauen der Wirklichkeit nicht mehr ansehen zu müssen.

Es gibt nichts schönzureden. Wir stehen mitten drin in der Realität dieser Welt. Keiner weiß das besser als der Apostel, der hier an die Korinther schreibt. Was hat der nicht schon alles mitmachen müssen. Geschlagen, verfolgt, ausgelacht, ausgepeitscht, ins Gefängnis gesteckt, gesteinigt, für tot gehalten und liegen gelassen. Glaubt mir, das ist kein Wohlstandsapostel, der uns hier anredet. Der hat alles von dem, was er hier aufzählt am eigenen Leib erfahren: Bedrängnis und Not, Angst und Schläge, Gefängnis, Aufruhr und Mühe. Alles.

Nein, man kann sie nicht wegreden, die grausamen Wahrheiten dieser Welt und man kann sich auch nicht hinter irgendeinem geistlichen Triumphzug vor ihnen verstecken. Im Gegenteil: Wer den Text vom letzten Sonntag Estomihi noch im Ohr hat, der weiß, dass unser Jesus uns zur Nachfolge ruft und zwar mitten hinein in alles das: "Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich."

Es gibt nicht nur gute Nachrichten. Es gibt sogar ganz viele schlechte. Auch für Menschen, die Jesus von Herzen nachfolgen wollen. Manchmal sogar gerade für die.

"Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich."

Aber es gibt gute Nachricht, die eine gute Nachricht, von der wir immer und immer noch und für immer herkommen, wenn wir Jesus auf diesem Weg folgen:

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.

Heute ist der Tag des Heils!

Wir sind Kinder des Evangeliums.

Das macht die Welt nicht automatisch gut und angenehm, aber es ändert unsere Perspektive auf das, was uns begegnet. Da steckt ganz viel Vergewisserung drin und Glaubenskraft, wenn wir auf das vertrauen, was wir von Gott schon haben und was uns keiner nehmen kann.

Wir sind Kinder des Evangeliums.

Aber da steckt noch mehr drin, und genau das ist die Herausforderung dieser Ermahnung, die auch wir heute wieder hören müssen.

Dieses Evangelium ist für uns Gotteskraft und Gnadenquelle. Dieses Evangelium ist für uns auch Verantwortung und Aufgabe.

Hört noch einmal, was Paulus bereits gesagt hat in seinem Brief:

So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt. (2. Korinther 5,20-21)

Wir sind Kinder des Evangeliums. Wir sind Botschafter Christi.

Denn die gute Nachricht gilt ja nicht nur uns. Wenn Gott in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, dann sind da doch alle gemeint. Die ganze Welt.

Die ganze Welt muss es hören und gerade jetzt, in dieser Flut von schlechten Nachrichten, brauchen doch alle ganz dringend, diese eine, gute Nachricht, die ganz wesentlich alles verändert.

Wir sind Botschafter Christi.


Das ist Herausforderung genug in guten Zeiten. In einer Mehrheitskultur, bei wohlwollenden, kirchlich geprägten Menschen, in Friedenszeiten und in freundschaftlichen Beziehungen. In Bedrängnis und Not, Angst und Schlägen, im Gefängnis, in Aufruhr und Mühe, in Kriegszeiten, nimmt es noch einmal ganz andere Dimensionen an.

"In allem erweisen wir uns als Diener Gottes", weiß ein Paulus zu berichten und ich kann gar nicht anders, als ihn zu bewundern und mich zu fragen, wie er das schaffen konnte angesichts aller Widerstände. Ich kann gar nicht anders, als mich zu fragen, ob ich nur zu einem Bruchteil dessen fähig wäre. Und dankbar zu sein für das viele, was mir in meiner Situation davon erspart bleibt.

Ich glaube nicht, dass es meine Aufgabe ist, ein zweiter Paulus zu werden. Ich glaube schon, dass mich sein Beispiel anspornen soll, in meiner Situation -- und ja, damit meine ich genau all das, was uns heute gerade drückt -- eben auch Botschafter Christi zu sein.

"In allem erweisen wir uns als Diener Gottes." Was das für Paulus damals hieß, ist in seinen Briefen und in den Berichten der Apostelgeschichte ausführlich dokumentiert. Unsere Situation heute ist eine andere. Unsere Herausforderungen heute sehen anders aus als damals und die Welt um uns herum hat sich sehr verändert seit der römischen Antike.

"In allem erweisen wir uns als Diener Gottes." Das müssen wir immer wieder neu für uns in unserem Kontext durchbuchstabieren, was das heißt.

Die gute Nachricht bleibt die selbe. Gott bleibt derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit.

Die Liste, die Paulus damals für sich aufzählt -- das sind ja mehrere Listen, ineinander verschlungen, die uns in diesem Predigttext begegnen -- lässt sich sicher genauso auf heute übertragen. Die konkrete Umsetzung ist dann etwas, was wir persönlich neu und passend finden müssen.

"Große Geduld" brauchen gewiss auch wir in Situationen, die sich eben nicht so schnell verändern, wie wir es gerne hätten. Geduld mit den anderen. Geduld mit uns selbst und unseren Reaktionen auf das, was um uns herum passiert. Geduld vielleicht auch mit Gott, den wir immer gerne als den schnellen Wunscherfüller hätten und dessen Wege wir oft nicht verstehen. Geduld, die uns gerade da hilft, mit Dietrich Bonhoeffer zu beten: "Ich verstehe deine Wege nicht. Aber du weißt den Weg für mich."

Vom "Wachen" schreibt Paulus und meint damit die Aufmerksamkeit, die es braucht, um sich nicht schnell von den Versprechen und den Behauptungen unserer Welt einlullen zu lassen. Sich nicht in falscher Sicherheit zu wiegen. Wach bleiben heißt, mit offenen Augen die Not der Welt wahrzunehmen. Zu sehen, wo es mich braucht und wo ich helfen kann. Zuzupacken, wo meine Hilfe gefragt ist. Zurückzustehen und den Mund zu halten, wo ich nichts Gutes beizutragen habe.

"Fasten" zählt er auf, und sicher heißt das für uns mehr, als auf ein Schnitzel zu verzichten. "Sieben Wochen ohne Stillstand" heißt das Motto der diesjährigen Fastenaktion und vielleicht ist es tatsächlich der untätige Stillstand, von dem ich gerade fasten muss. Vielleicht sind es auch andere Dinge, gerade in einem Land, dass an der Weltspitze steht, wenn es um Konsum geht und auf dessen Kosten viele Menschen auf der Welt in Armut und Klimawandel leben müssen. Fasten, verzichten zu lernen und unsere persönlichen Ansprüche zurückzuschrauben, würde auch da in vielem nicht nur uns selbst gut tun. Und, in dieser neuen Kriegszeit glaube ich, dass für viele von uns ein Fasten von Nachrichten und Meinungen ganz wichtig wäre. Frag dich genau, wie viel du wirklich wissen musst über das Schreckliche, was gerade geschieht. Wie viel du dir zumuten kannst, ohne selbst schaden zu nehmen. Du rettest nicht die Welt, indem du jeden Satz liest, den das Internet darüber bereit hast. Du musst nicht jedes Bild und schon gar nicht jedes Video gesehen habe. Sei weise in deinem Konsum von Medien und Meinungen und klug in der Auswahl der Quellen, aus denen du dich informierst.

"Lauterkeit", gibt es in Paulus Liste -- ein altes Wort, das in unserem Sprachgebrauch gar nicht mehr vorkommt. "Ungetrübte Reinheit", müssten wir vielleicht sagen und hätten recht, wenn wir dabei auch an die Vermischung von Glauben und allen möglichen politischen Agenden denken. Nationalismus, Militarismus, und ganz viel anderer "-ismus" kommen gerne im geistlichen Gewand da her. Aber sie passen nicht zu Jesus Christus und der frei machenden Botschaft von Gott, der die ganze Welt mit sich versöhnt. Gott denkt nicht in diesen Kategorien. Vielleicht ist es das, was "Lauterkeit" für uns heute heißen muss.

Langmut und Freundlichkeit, ungefärbte Liebe -- Gottes Zuwendung gilt allen Menschen, ob sie uns recht sind, oder nicht. Ob sie unsere Meinung teilen, oder nicht. Ob sie "auf unserer Seite stehen" oder nicht. Es schmerzt mein Herz, wenn in diesen Tagen Menschen, die aus den ehemaligen Sowjetrepubliken hier her gezogen sind und bei uns eine Heimat gefunden haben -- unsere Nachbar:innen, unsere Schulkamerad:innen und Arbeitskolleg:innen, unsere Freund:innen -- wenn diesen Menschen plötzlich Ablehung und Herzenskälte begegnet. Wenn allen ohne zu differenzieren unterstellt wird, sie seien irgendwie mit Schuld an Putins Krieg und wären alle glühende Ukrainehasser und russisch-nationalistische Putinverehrer. O, wie wünsche ich uns Langmut, Freundlichkeit und ungefärbte Liebe an dieser Stelle.

Ihr seht, wir haben da eine ganz schöne Aufgabe. "In allem erweisen wir uns als Diener Gottes."

Ich möchte heute nach Hause gehen und diesen Satz mitnehmen in die neue Woche. Mitnehmen in meine Begegnungen und Gespräche. Mitnehmen in mein Leben in dieser Welt, in dieser seltsamen Zeit. Ich möchte lernen von Christus (und von Paulus und von so vielen anderen leuchtenden Vorbildern) und mir Kraft schenken lassen durch Gottes Heiligen Geist. Ich möchte wachsen darin, mich in meiner Umgebung als Diener Gottes zu erweisen.

Ich möchte Bote sein von Jesus Christus. Von der Versöhnung Gottes mit der Welt. Vom Sohn Gottes, der erschienen ist, die Werke des Teufels zu zerstören.

Ich möchte, das man an mir sieht, was mich hält und trägt und was alle immer wieder hören und sehen müssen:

Heute ist der Tag des Heils.

Amen.

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