Christoph predigt

Tanz der Weisheit


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn.

Ein Bibeltext. Ein Gedicht. Ein Lied. Das Lied der Weisheit, aus dem Sprüchebuch, aus dem 8. Kapitel:

22 Der HERR hat mich, die Weisheit, am Anfang seiner Schöpfung erschaffen. Ich war das erste seiner Werke vor aller Zeit.  23 In längst vergangenen Tagen wurde ich geschaffen, am Anfang der Erde, vor unvorstellbar langer Zeit.  24 Ich wurde geboren, als es noch keine Meere gab und kein Wasser aus den Quellen der Tiefe strömte.  25 Bevor die Berge in der Erde verankert wurden und die Hügel entstanden, kam ich zur Welt.  26 Gott hatte das Land noch nicht geschaffen und auch nichts anderes. Nicht einmal Staub gab es auf der Erde.  27 Ich war dabei, als er das Dach des Himmels baute, als er den Horizont über dem Meer bildete.  28 Ich war dabei, als er die Wolken oben festmachte und die Quellen unten aus der Tiefe sprudeln ließ.  29 Ich war dabei, als er dem Meer eine Grenze setzte und dem Wasser verbot, sie zu überschreiten. Als er dann die Fundamente der Erde legte,  30 stand ich ihm als Handwerkerin zur Seite. Tag für Tag war es für mich eine Freude, die ganze Zeit lachte ich an seiner Seite.  31 Ich war fröhlich, dass es den Erdkreis gab, und hatte meine Freude an den Menschen.  32 Ihr jungen Leute, hört jetzt auf mich! Glücklich zu preisen sind alle, die mir folgen.  33 Hört genau hin, damit ihr klug werdet! Schlagt die Erziehung nicht in den Wind!  34 Glücklich ist der Mensch, der auf mich hört – der Tag für Tag an meiner Haustür wacht und am Türpfosten auf mich wartet.  35 Wer mich findet, hat Leben gefunden, und der HERR hat Gefallen an ihm gefunden.  36 Wer mich aber verfehlt, schadet sich selbst. Alle, die mich hassen, lieben den Tod.  (Sprüche 8,22-36)

Ah! Dieser erste Morgen -- am Anfang der Erde, vor unvorstellbar langer Zeit. Die Sonne geht auf, leuchtend und prächtig. In tausend Tautropfen spiegelt sich ihr Licht mitten im satten Grün einer neuen Erde. Ein Garten, Paradies, wunderbar und schön. Ein leichter Wind bringt die Blätter zum Raschen. Blüten öffnen sich und wiegen sich in der Brise, der Sonne entgegen. Neugierige Ameisen erkunden die Umgebung. Ein Specht klopft, eine Amsel singt. Ein Hase hoppelt übermütig über das Feld.

Im warmen Licht des Morgens kräuselt sich das Wasser eines kleinen Sees. Libellen tanzen über der Oberfläche. Ein Fisch springt. Das Schilf wiegt sich sacht. Moos bedeckt sanfte Felsen. Farne entrollen sich, zart und frisch. In einem Baum recken sich junge Zweige dem Licht entgegen. Die Luft ist klar. Alles atmet Ruhe. Kein Laut ist zu viel. Kein Blatt zu viel.

Ein Reh tritt aus dem Wald, bleibt stehen. Ein Vogel flattert auf.

Alles hat seinen Platz. Alles beginnt gerade erst.

Und Gott ist mittendrin. Seine Schöpferkraft, seine unendliche Kreativität entfaltet sich in mehr Schönheit, als wir je gesehen haben. Er tanzt durch seinen Garten. Er schafft, er pflanzt, er hat Ideen, er probiert sich aus. Farben, Formen, Leben in allen Varianten.

Wie viel Spaß muss er gehabt haben als er das Schnabeltier schuf. Den Riesentukan und das Pfauenauge. Wer außer Gott hätte sich den Kuhfisch ausdenken können, den Glasfrosch, Manati und Dugong, Spiegeleiqualle und Streifentenrek? Seine ganze Fantasie, Ideenreichtum und Leidenschaft, seine ganze Liebe zum Schaffen, zu seiner Schöpfung, investiert er in die Welt, die uns umgibt. Wunderschön, prächtig, zauberhaft und herrlich, traumhaft, glanzvoll, strahlend und märchenhaft präsentiert sich seine hinreißende Schöpfung im Licht ihres ersten Morgens.

Jubilate! Freut euch! Welche Anmut, welches Wunder!

Gott mittendrin: Das ist das beste Feature. Der Kern der Schöpfung. Alles, was Gott schafft, ist (wie er selbst) auf Gemeinschaft hin geschaffen. Auf Teilhabe. Auf Ergänzung. Auf ein Miteinander-Leben mitten in diesem bunten Paradiesgarten.

Und bevor auch nur einer, nur eine von uns diesen Garten betritt, ist er selbst da. Seine Weisheit ist hineingewebt in das große Ganze. Sie ist da. Man kann ihre Spuren entdecken. Im alten Gedicht, im Lied, wird die Weisheit selbst zur Person. Sie tanzt durch den Garten. Sie spielt. Sie singt. Sie entfaltet unbändige Freude über das Wunder, das Gott hier schafft. Eine Offenbarung des Himmels. Sie hüpft und sie tanzt und sie jubelt.

Jubilate! Freut euch!

Die Weisheit ist da. Sie singt und sie ruft, sie lockt, als wir nun die sind, die den Garten zuletzt betreten -- Menschen, geschaffen in Gottes Ebenbild, männlich und weiblich, als seine Kinder, als Höhepunkt seiner Schaffenskraft, ein Wunderwerk beseelt von seinem Lebensatem. Die Weisheit ruft: "Hört!", "Glücklich zu preisen, sind alle, die mir folgen! ... Glücklich ist der Mensch, der auf mich hört!"

Jubilate! Freut euch!

Hier ist alles, was es braucht zum Leben. Hier ist alles, was es braucht zum Glücklichsein.

Jubilate! Freut euch!

Hat dich die Sonne mit ihren Strahlen an der Nase gekitzelt, als du die Augen aufgeschlagen hast heute morgen? Hast du durchs offene Fenster das Singen der Vögel gehört? Hast du tief eingeatmet, den Duft des Frühlings gerochen? Hast du vor Freude einen Purzelbaum aus dem Bett geschlagen? Hast du gesungen unter der Dusche und bist ein Teil geworden des großen Schöpfungsjubels, des Staunens über Gottes Kreativität, über das Geheimnis seiner Größe, das er hier mit uns teilt? Hast du getanzt und dich gefreut an seinem größten Geschenk -- deinem Leben? Und hast du den Lockruf seiner Weisheit gehört?

Jubilate! Freut euch!

Einige schauen mich zweifelnd an.

Vielleicht war es einfach noch zu früh, vor der ersten Tasse Kaffee am Morgen. Vielleicht war die Nacht zu kurz oder die Matratze zu hart oder die Sorgen von gestern stecken dir noch in den Gliedern. Vielleicht war dir gar nicht nach Singen an diesem Morgen und das einzige, was du durchs offene Fenster gehört hast, war das Brummen der Autos auf der Bundesstraße oder den lauten Streit der Nachbarn, schon früh am Sonntagmorgen.

Vielleicht hast du auch einfach zu früh dein Handy eingeschaltet und der erste dumme Kommentar auf WhatsApp oder Telegram oder irgendwo in den Kommentarspalten hat dir sofort den Tag verdorben. Vielleicht hast du die Zeitung aufgeschlagen und festgestellt, das die Welt nicht besser geworden ist über Nacht, dass immer noch Bomben fallen in der Ukraine und geschossen wird in Gaza und im Sudan, und dass du jetzt in einem Land lebst, in das man Menschen, die Hilfe brauchen, gar nicht erst reinlässt, sondern schon an der Grenze zur Umkehr zwingt. Dass Margot Friedländer, eine der großen erinnernden Stimmen für den Frieden gestorben ist. Dass man anderswo das Ende des Krieges vor 80 Jahren meint, am besten dadurch zu feiern, dass man möglichst viele Vernichtungswaffen zeigt. Und dass "schönes Wetter" und strahlende Sonne, so schön sie ist, eigentlich das letzte ist, was wir jetzt brauchen -- während unsere Böden austrocknen und Zeugen sind einer Welt, in der sich das Klima verändert. Was ist das für eine Zukunft, die wir haben? Unsere Kinder und Enkel? Und Luca, der heute in Nebringen getauft wird?

Vielleicht war dir gar nicht nach Jubeln. Und du hast keinen Grund zur Freude entdeckt?

In die überbordende Freude der tanzenden Weisheit mischen sich bedenkliche Töne: Man kann den Weg zum Glück auch verfehlen. Was, wenn die Menschheit nicht auf Gottes Weisheit hört? "Wer mich ... verfehlt, schadet sich selbst. Alle, die mich hassen, lieben den Tod."

Und da ist es, als habe eine dunkle Wolke sich vor die warme Morgensonne geschoben. Ein eiskalter Windstoß zerfleddert die leuchtenden Blüten. Das Singen der Amsel ist verstummt. Plötzlich ist der Tod im Bild. Dahinter steckt ein großer Gedanke der antiken Weisheit: Wer den Weg zum Lebensglück, den Weg der Weisheit verfehlt, der stirbt nicht sofort an den Folgen. Aber er lebt hier und jetzt gewissermaßen schon so, als sei der Tod Teil seines Lebens. Er fällt schon im Leben dem Tod anheim.

Gruselig. Da bleibt dir das "Jubilate" im Hals stecken.

Was machen wir denn jetzt mit einer Welt, in der ganz offensichtlich die Wege der Weisheit nicht immer begangen wurden? Was machen wir denn jetzt mit unserem Leben, das auch nicht immer nur tanzende Glückseligkeit war, weil wir -- ach so schlau und weise -- immer die besten und weisesten Lebensentscheidungen treffen (nicht!). Was machen wir denn jetzt, wo Zerstörung und Tod, Streit und Einsamkeit, Vergänglichkeit und Zerfall dunkle Wolken und Sturm über Gottes Garten gebracht haben?


Gott sei Dank ist das nicht das Ende!

Nicht das Ende der Geschichte. Nicht das Ende unseres Glücks.

Denn Gott hat sich nicht abgewandt. Er hat nicht aufgegeben, was er mit so viel Freude und Hingabe geschaffen hat. Er hat nicht weggesehen, als der Garten verwilderte, als sich der Tod in das Leben fraß.

Wir haben Hoffnung.

Nicht weil wir alles im Griff hätten. Nicht weil wir die Kurve noch kriegen. Sondern weil Gott selbst neu anfängt. Weil er einen neuen Morgen schenkt: Eine neue Schöpfung!

Nicht nur irgendwann, irgendwo, sondern ganz konkret: in einem Garten. Noch einmal. An einem frühen Morgen. Noch einmal

Ein Grab ist leer. Ein Name wird gesprochen. Ein toter Mensch steht auf – Christus.

Er ist der Erste der neuen Schöpfung.

Die Weisheit, die bei Gott war, sie ist Mensch geworden. Sie hat unter uns gewohnt, gelitten, geliebt, gelebt – und ist auferstanden.

Die Sonne geht auf. Ein neuer Tag beginnt. Und dieses Mal – hat der Tod nicht mehr das letzte Wort.

„Ist jemand in Christus, dann ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen. Siehe, Neues ist geworden.“ (2. Kor 5,17)


In der Taufe beginnt das. In diesem Wasser beginnt etwas, das nicht vergeht. Nicht verwelkt. Nicht kaputtgeht. Ein neues Leben. Ein ewiges Leben.

Und diese Kraft ist nicht fern. Nicht jenseitig, nicht vertröstend. Sondern jetzt. In dir. In mir. In jedem Menschen, der zu Christus gehört.

Der Weinstock trägt neue Frucht. Die Schöpfung beginnt neu – mitten in dieser alten Welt.


Wir haben Hoffnung!

Jubilate! Freut euch!


Und was Gott anpackt, das wird etwas werden -- schöner noch als beim ersten Mal. Was dort schon leuchtete in unbeschreiblicher Pracht -- wie wird es erst sein, wenn Gott es vollendet hat in Herrlichkeit? Dann werden noch viel mehr Farben blühen. Da wird das Leben noch saftiger grünen. Da wird kein Reh und kein Luchs und kein einziger Mensch sich mehr verstecken aus Angst vor dem, was passieren könnte. Da werden wir miteinander leben, mit Gott in unserer Mitte, völlig ohne Scheu und ohne Scham. Da wird keiner mehr einsam sein und keiner mehr leiden müssen und aller Schmerz und selbst der Tod werden ein Ende haben. Da wird Gott selbst das Leben sein und seine Weisheit wird uns umtanzen und seine Nähe ist das, aus dem wir endlos Kraft schöpfen und Glück. Er selbst wird zur Quelle, die uns alles gibt.

Und wir werden die sein, die singen und tanzen und jauchzen:

Jubilate! Freut euch!

Weil es nur noch Grund zur Freude gibt!

Jubilate! Halleluja!


Nein, es ist noch nicht jetzt, dass wir das alles so erleben. Wir verschließen nicht die Augen vor der Realität der Welt, in der wir leben. Es ist uns schmerzlich bewusst, wie viel Unheil uns noch umgibt.

Aber: Wir haben Hoffnung!

Denn es hat schon begonnen. In Christus ist die neue Welt Gottes hereingebrochen in das Alte, das vergeht -- das vollendet aufgehen wird in Gottes Herrlichkeit. Wir selbst sind Zeugen davon. Wir sind Teil der neuen Schöpfung. Neue Kreatur. "Das Alte ist vergangen. Siehe, ich mache alles neu!"

Noch sind wir auf dem Weg dorthin. Noch seufzt, mit Paulus gesprochen, die Schöpfung um uns im Warten auf das, was noch kommt. Noch ist es an uns, täglich neu zu hören auf den Ruf der Weisheit Gottes, auf den Ruf des Schöpfers der neuen Welt, der uns lockt, ihm zu folgen hin zum Glück:

"Ihr jungen Leute, hört jetzt auf mich! Glücklich zu preisen sind alle, die mir folgen.  Hört genau hin, damit ihr klug werdet! ... Glücklich ist der Mensch, der auf mich hört...  Wer mich findet, hat Leben gefunden, und der HERR hat Gefallen an ihm gefunden."


Und wo wir ihn hören, den Ruf, und wo wir ihm folgen, da weht uns die frische Brise der neuen Schöpfung, des Ostermorgens, um die Nase.

Da blüht es auf: Wir haben Hoffnung!

Da können wir tanzen:

Jubilate! Freut euch!

Halleluja.

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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