Weniger bewerten, mehr beobachten.
Folge 5: Suchst du noch Probleme oder schon Lösungen?
Warum hebt mein Pferd den Kopf? Warum funktioniert das Angaloppieren nicht? Warum knickt es auf einer Seite weg? Und warum ist etwas, das gestern noch gut funktioniert hat, heute plötzlich wieder schwierig?
Im Pferdetraining sind wir schnell dabei, das zu bewerten, was wir sehen. Wir entdecken ein Problem und beginnen unmittelbar damit, nach einer Lösung zu suchen. Ein anderes Gebiss, eine andere Übung, mehr Wiederholungen, mehr Korrektur.
Doch was, wenn das sichtbare Problem gar nicht das eigentliche Problem ist?
In dieser Folge von The Missing Piece sprechen wir darüber, warum es sich lohnt, einen Schritt früher anzusetzen: beim Beobachten.
Das Sichtbare ist nicht automatisch die Ursache
Ein Pferd, das den Kopf hochträgt, zeigt zunächst einmal genau das: Es trägt den Kopf hoch. Was wir daraus machen – „widersetzlich“, „falsch geritten“, „muss mehr an den Zügel“ – ist bereits unsere Interpretation.
Und genau hier beginnt eine der großen Herausforderungen im Pferdetraining.
Wir sprechen darüber, warum wir so gerne am sichtbaren Symptom arbeiten und weshalb manche Lösungen kurzfristig tatsächlich eine Verbesserung bringen können, ohne den Kern des Problems zu verändern.
Wie viel „Kosmetik“ steckt in unserem Training?
Wenn wir lange genug an einer sichtbaren Auffälligkeit arbeiten, kann sie irgendwann verschwinden. Aber bedeutet das automatisch, dass sich auch die Voraussetzungen für eine gute Bewegung verändert haben?
Am Beispiel der Kopf-Hals-Haltung schauen wir darauf, warum das, was vorne am Pferd sichtbar wird, nicht isoliert betrachtet werden kann. Mittelhand, Hinterhand, Stabilität und die gesamte Organisation des Körpers spielen dabei eine Rolle.
Statt ausschließlich das sichtbare Ergebnis zu korrigieren, lohnt sich deshalb eine andere Frage:
Was muss sich im System verändern, damit das gewünschte Ergebnis von selbst entstehen kann?
Dein Pferd reagiert nicht nur auf deine Hilfen
Auch wir selbst sind Teil dieses Systems.
Gedanken, Erwartungen und frühere Erfahrungen verändern unsere Körperspannung – manchmal so subtil, dass wir selbst davon kaum etwas bemerken.
„Jetzt müssen wir angaloppieren.“
Ein einziger Gedanke kann ausreichen, damit sich im eigenen Körper bereits etwas verändert. Und das Pferd bekommt diese Veränderung mit, lange bevor wir bewusst wahrnehmen, dass wir gerade anders sitzen, atmen oder Spannung aufbauen.
So können sich über die Zeit Muster zwischen Pferd und Mensch entwickeln, die sich gegenseitig verstärken.
Ein Problem darf da sein, ohne zur dunklen Wolke zu werden
Wir sprechen außerdem darüber, was passiert, wenn tatsächlich eine körperliche Auffälligkeit vorhanden ist.
Denn natürlich bedeutet „weniger bewerten“ nicht, Probleme zu ignorieren.
Es macht jedoch einen Unterschied, ob ich etwas wahrnehme und überlege, wie ich mein Pferd sinnvoll unterstützen kann, oder ob ich während des gesamten Trainings nur noch nach diesem einen Problem suche und jede Bewegung darauf zurückführe.
Manchmal verändert sich eine Trainingseinheit bereits deutlich, wenn wir aufhören, permanent nach dem Fehler zu suchen.
Beobachten ist eine Trainingskompetenz
Gutes Pferdetraining braucht deshalb nicht nur Wissen über Bewegung, Übungen und Hilfengebung.
Es braucht die Fähigkeit, hinzusehen.
Was verändert sich tatsächlich? Was funktioniert heute? Was funktioniert nicht? Unter welchen Bedingungen wird etwas leichter? Und welche kleinen Veränderungen übersehen wir vielleicht, weil wir zu sehr auf das schauen, was noch nicht funktioniert?
Trainingstagebuch, Fotos und Videos können dabei wertvolle Werkzeuge sein. Besonders spannend wird es, wenn Bilder aus vergleichbaren Perspektiven über mehrere Wochen entstehen. Plötzlich werden Entwicklungen sichtbar, die im Alltag leicht untergehen.
Denn der Körper des Pferdes erzählt uns viel darüber, was unser Training bewirkt.
Deine kleine Hausaufgabe aus dieser Folge
Beobachte dich selbst einmal dabei, wie schnell du bewertest.
Wie schnell wird aus einer Beobachtung ein „gut“, „schlecht“, „richtig“, „falsch“ oder „das ist ein Problem“?
Und dann probiere beim nächsten Training etwas aus:
Beobachte zuerst. Bleib neugierig. Und entscheide erst danach, was deine Beobachtung bedeuten könnte.
Vielleicht entdeckst du dabei etwas, das du bisher übersehen hast.
🎧 The Missing Piece – der Podcast für alle, die Pferdetraining neu denken möchten.
Weniger schnelle Lösungen. Mehr Verständnis für die Zusammenhänge hinter Bewegung, Verhalten und Lernen.