
Sign up to save your podcasts
Or


Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Korinther, aus dem 11. Kapitel:
23 Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, 24 dankte und brach's und sprach: Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis. 25 Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. 26 Denn sooft ihr von diesem Brot esst und von dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. (1. Korinther 11,23-26)Da sitzen sie nun: Die hitzköpfigen Söhne des Zebedäus. Der Fischer, der seinen Mund nicht halten kann. Der Revolutionsbegeisterte, der Jesus folgt, weil er sich Freiheit erhofft. Der Bibelkenner aus Kapernaum. Da sitzt auch der stille Träumer, der lieber fragt als behauptet. Der Skeptiker, der sehen will, um glauben zu können. Der Zöllner, der einst in römischen Diensten stand und jetzt dem Himmel dient. Da ist der Unscheinbare, den kaum jemand kennt, aber der da ist, treu und still. Der andere, der alles mitträgt, ohne Spuren zu hinterlassen. Der junge Jünger, der mit staunenden Augen auf Jesus blickt. Und der, der den Geldbeutel trägt. Die Silbermünzen für seinen Verrat brennen ihm in der Tasche.
Da sitzen sie alle. Um einen Tisch. Mit einem, der ihnen die Füße wäscht. Der ihnen Brot reicht und Wein. Der sagt: Für euch.
Sie sind eingeladen.
Da sitzen sie nun: Die wohlhabende Händlerin mit ihren eigenen Hausangestellten. Der Tagelöhner, der nicht weiß, ob morgen genug Arbeit für ihn da ist. Die Sklavin, die in der Gemeinde einen Namen hat, aber draußen nur eine Nummer ist. Der römische Beamte, der heimlich gekommen ist, weil sein Glaube nicht in den Dienstplan passt. Die Hafenstadt Korinth ist bunt und vielfältig. Da sitzt der griechische Philosoph, der noch immer Fragen stellt. Der Seemann, dem noch der Salzgeruch in den Kleidern hängt. Die junge Frau, die im Tempel gearbeitet hat und jetzt einen neuen Weg sucht. Der Jude aus der Synagoge, der von Jesus, dem Messias, fasziniert ist. Da ist der ehemalige Tempeldiener, der immer noch den Rhythmus der Opfer kennt. Die verwitwete Mutter mit zwei Kindern, die mit leerem Blick, aber offenem Herzen dasitzt. Der Handwerker, der stolz auf seine Schwielen ist – und auf seinen Glauben. Die Fremde aus Afrika, deren Sprache kaum jemand versteht, aber deren Lächeln alles sagt.
Da sitzen sie alle. Um einen Tisch. Mit einem, der sie verbindet. Der ihnen Brot reicht und Wein. Der sagt: Für euch.
Sie sind eingeladen.
Hier sitzt ihr nun. Wer ist denn heute da? Vielleicht die Witwe, die noch weiß, wie man mit bloßen Händen Kartoffeln ausgräbt. Der Rentner, der früher bei Mercedes am Band stand. Der Architekt aus dem Iran, der hier keine Arbeit findet. Der Senior, der aus einem pietistischen Elternhaus kommt und jeden Vers auswendig kennt. Schaut euch mal um: Wen seht ihr da? Vielleicht sitzt da die Mutter aus der Neubausiedlung, die oft zu spät kommt, aber immer dabei ist. Der ehemalige Landwirt, der seinen Hof längst verpachtet hat, aber sonntags pünktlich auf seiner Bank sitzt. Die Lehrerin, die im Ort aufgewachsen ist und jetzt ihre Kinder im Gottesdienst neben sich hat. Der Mann aus der Ukraine, der den Krieg im Blick trägt, aber den Frieden in der Kirche sucht. Vielleicht ist da die Ehrenamtliche, die im Besuchsdienst war, solange sie laufen konnte. Der stille Nachbar, der nie singt, aber jedes Mal zuhört. Die Jugendliche, die eigentlich nicht wollte, aber von ihrer Oma mitgebracht wurde. Die Frau mit Rollator, die sich von nichts und niemandem vom Kirchgang abhalten lässt. Und die Konfis, die noch einen Punkt brauchen.
Auf jeden Fall bist du da. Mit deinen Gedanken, deinen Fragen, deinem Glauben oder deinem Zweifel.
Ihr seid gekommen. In unsere Kirche. Zusammen an einem Tisch. Mit einem, der euch Brot reicht und Wein. Der sagt: Für euch.
Ja, der ist auch da. Ihn seht ihr nicht, und doch hat er den Ehrenplatz. Er selbst hat eingeladen. Er selbst teilt aus. Wir leihen ihm nur unsere Stimmen und unsere Hände.
Er selbst ist da und wie damals ist er es, um den sich alles dreht. Er spricht uns an. Er beschenkt uns. Er gibt uns alles, was er hat: "Das ist mein Leib. Für euch. Das ist mein Leben." (Dafür steht ja das Blut.) "Für euch."
Was damals geschah, wird hier unter uns real, weil er selbst da ist, mit uns am Tisch. Über die Zeiten hinweg, über Sprachgrenzen und Kulturbarrieren ist er derselbe. Christus. Der Herr.
Das ist mein Leib.
Er selbst bricht das Brot mit uns.
Das ungesäuerte Matzah-Brot ist hart. Es knackt, wenn man es zerbricht, um es zu teilen. Das berstende Geräusch klingt hart, so wie das, was nach dem Mahl folgen wird.
Das ist mein Leib.
Das ist ja erst der Anfang des Abends, der mit Festnahme und Hohn, mit falschen Zeugen und harten Schlägen enden wird. Und der sich im Morgengrauen fortsetzt, bis dort hin ans Kreuz.
Die, die da sitzen, starren ihn an. Sie verstehen vieles von dem, was er sagt noch nicht. Von dem, was dann folgt, werden sie noch weniger verstehen. Kann man das sinnlose Grauen, die Zerstörung eines Unschuldigen, das Zerbersten all ihrer Hoffnungen, das Leiden des Gottessohns denn wirklich verstehen?
Verstehen wir es denn wirklich besser? Seit 2.000 Jahren ringt seine Kirche mit dem leidenden Christus und in all unseren Erklärungen merken wir nur immer wieder neu, wie sehr wir an der Oberfläche kratzen. Wie wenig es sich überhaupt in Worte fassen lässt, was dort geschieht, wo Gott selbst sich in Gottverlassenheit und Tod begibt.
Schaut doch hinauf! Lasst euch nicht von barocken Schnitzereien verzaubern. Begreift ihr's denn wirklich, sein Kreuz und sein Leiden?
Das ist mein Leib.
Das Brot und der Kelch werden zur Auslegung des Geschehens. Noch haben sie's nicht verstanden. Erst später wird es ihnen dämmern, wie uns und wenn das Brot wieder gebrochen wird, in Emmaus und Jerusalem, in Korinth und Gäufelden, dann brennen die Herzen derer am Tisch. Sie erfahren, viel mehr als Worte erzählen können. Viel mehr als Erinnerungen transportieren können. Sie erfahren ihn selbst. Den Christus, der sich mit ihnen teilt. Mit uns.
Das ist mein Leib. Für euch. Das tut zu meinem Gedächtnis.
Denn jedes Mal wenn ihr das tut, "verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt."
Im Nehmen, im Essen, im Kauen, im Trinken, werden wir miteinander eine Verkündigungsgemeinschaft. Nicht nur in dem, was gesprochen wird. Wir stehen im Kreis. Wir schauen uns an. Wir sehen einander empfangen, danken, teilhaben an dem, was Gott schenkt. Jeder Bissen, jeder Schluck wird zu einer ganzen Predigt: Seht, welche Liebe Gott uns gezeigt hat. Das hat er für uns getan. Er hat sich für uns gegeben. Für uns.
Es liegt mir auf der Zunge, das jetzt noch einmal herunterzubrechen. Für uns. Für dich. Ganz persönlich. In einer Welt, die den Einzelnen, das Individuum, betont ist das ein gewohnter Gedanke. Aber das steht da ja gar nicht. Das ist nicht das, was Jesus sagt. Er macht keine tiefgründige Pause vor jedem Einzelnen, schaut dem Petrus ins Auge, dann dem Johannes, dem Jakobus, und sogar dem Judas, von dem er weiß, dass er ihn verraten wird: "Das ist mein Leib. Für dich."
Man kann das Abendmahl nicht alleine feiern. Man kann sich nicht selbst, alleine, den Zuspruch des Evangeliums sagen. Das Wunder, das hier geschieht, ist größer als jede:r Einzelne. Es macht uns, die wir von Gott getrennt waren, zum Teil einer eingeladenen Tischgemeinschaft.
Das sind wir gar nicht mehr gewohnt. Zu oft ist das, was uns verbindet, nur noch Zweckgemeinschaft. Damit sind wir in guter Gesellschaft. Das fing schon damals an, in Korinth. Das ist ja der Grund, warum Paulus dorthin über das Abendmahl schreibt. Auch dort schon zeigt sich, dass Einzelne nicht an das Ganze zu denken gewohnt sind. Die Einen sind noch gar nicht da, da beginnen die Anderen schon mit dem Mahl. Die Einen schlagen sich die Bäuche voll, die Anderen gehen hungrig nach Hause. Der Apostel ist entsetzt: Leute, das ist doch nicht die Verkündigung dessen, der uns durch seinen Tod verbindet!
Schaut euch hier um: Wer sitzt in euren Reihen? Mit wem würdet ihr sonst zu Abend essen? Wir sind so unterschiedlich: Jung und alt. Laut und leise. Schon lange dabei und gerade erst gekommen. Aus dem Dorf, aus der Stadt, aus einem anderen Land. Mit klarem Glauben oder mit vielen Fragen. Stellt euch vor, jemand käme von außen und suchte nach unserer Gemeinsamkeit. Würde er etwas finden? Hobbies? Musikgeschmack? Lebensphilosophie? Hintergrund? Traditionen? Das wird noch krasser, wenn wir daran denken, mit wem auf der Welt wir heute im Abendmahl verbunden sind. Gibt es überhaupt einen gemeinsamen Nenner? Was würde uns an einen Tisch bringen, wenn nicht er es wäre, der uns vereint?
Er schenkt uns sein Leben. Er gibt sich uns selbst. Das ist es, was uns verbindet.
Wir stehen im Kreis. Wir brechen das Brot und teilen den Saft.
Wir singen von unserer Hoffnung. Wir danken ihm, der uns einlädt.
Wir kauen und schlucken. Wir verkündigen. Ihn, der uns eingeladen hat.
Wir stehen im Kreis und wir reichen uns die Hände. Sein Wort macht uns Mut für die nächsten Schritte.
"Geht in seinem Frieden."
Und das tun wir. Wir gehen: hinaus in eine Welt, die wir viel zu oft nicht verstehen. Vielleicht wie die Jünger, mit Lobgesang auf den Lippen: "Meine Hoffnung und meine Freude." Mit dem Geschmack von Brot und Traubensaft auf der Zunge. Mit Hoffnung im Herzen. Wir gehen hinaus und an der Tür, da trennen sich unsere Wege -- und doch nicht, denn wir bleiben verbunden, weltweit verbunden sogar, als diese eine Gemeinschaft, die man nicht machen kann, sondern die nur geschenkt werden kann, von ihm selbst. Wir sind die Seinen. Wir tragen sein Leben an uns. Wir haben seine Hoffnung. Wir folgen seinen Wegen.
Wir gehören zusammen. Eine Gemeinde. Seine Gemeinde.
Teuer bezahlt.
Das ist mein Leib. Für euch.
Das ist der neue Bund in meinem Blut. Für euch.
Das war's ihm wert. Wir sind es ihm wert.
Wir sind seine Tischgemeinschaft.
Das ist es, was wir verkündigen -- heute und bis er kommt.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Korinther, aus dem 11. Kapitel:
23 Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, 24 dankte und brach's und sprach: Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis. 25 Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis. 26 Denn sooft ihr von diesem Brot esst und von dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. (1. Korinther 11,23-26)Da sitzen sie nun: Die hitzköpfigen Söhne des Zebedäus. Der Fischer, der seinen Mund nicht halten kann. Der Revolutionsbegeisterte, der Jesus folgt, weil er sich Freiheit erhofft. Der Bibelkenner aus Kapernaum. Da sitzt auch der stille Träumer, der lieber fragt als behauptet. Der Skeptiker, der sehen will, um glauben zu können. Der Zöllner, der einst in römischen Diensten stand und jetzt dem Himmel dient. Da ist der Unscheinbare, den kaum jemand kennt, aber der da ist, treu und still. Der andere, der alles mitträgt, ohne Spuren zu hinterlassen. Der junge Jünger, der mit staunenden Augen auf Jesus blickt. Und der, der den Geldbeutel trägt. Die Silbermünzen für seinen Verrat brennen ihm in der Tasche.
Da sitzen sie alle. Um einen Tisch. Mit einem, der ihnen die Füße wäscht. Der ihnen Brot reicht und Wein. Der sagt: Für euch.
Sie sind eingeladen.
Da sitzen sie nun: Die wohlhabende Händlerin mit ihren eigenen Hausangestellten. Der Tagelöhner, der nicht weiß, ob morgen genug Arbeit für ihn da ist. Die Sklavin, die in der Gemeinde einen Namen hat, aber draußen nur eine Nummer ist. Der römische Beamte, der heimlich gekommen ist, weil sein Glaube nicht in den Dienstplan passt. Die Hafenstadt Korinth ist bunt und vielfältig. Da sitzt der griechische Philosoph, der noch immer Fragen stellt. Der Seemann, dem noch der Salzgeruch in den Kleidern hängt. Die junge Frau, die im Tempel gearbeitet hat und jetzt einen neuen Weg sucht. Der Jude aus der Synagoge, der von Jesus, dem Messias, fasziniert ist. Da ist der ehemalige Tempeldiener, der immer noch den Rhythmus der Opfer kennt. Die verwitwete Mutter mit zwei Kindern, die mit leerem Blick, aber offenem Herzen dasitzt. Der Handwerker, der stolz auf seine Schwielen ist – und auf seinen Glauben. Die Fremde aus Afrika, deren Sprache kaum jemand versteht, aber deren Lächeln alles sagt.
Da sitzen sie alle. Um einen Tisch. Mit einem, der sie verbindet. Der ihnen Brot reicht und Wein. Der sagt: Für euch.
Sie sind eingeladen.
Hier sitzt ihr nun. Wer ist denn heute da? Vielleicht die Witwe, die noch weiß, wie man mit bloßen Händen Kartoffeln ausgräbt. Der Rentner, der früher bei Mercedes am Band stand. Der Architekt aus dem Iran, der hier keine Arbeit findet. Der Senior, der aus einem pietistischen Elternhaus kommt und jeden Vers auswendig kennt. Schaut euch mal um: Wen seht ihr da? Vielleicht sitzt da die Mutter aus der Neubausiedlung, die oft zu spät kommt, aber immer dabei ist. Der ehemalige Landwirt, der seinen Hof längst verpachtet hat, aber sonntags pünktlich auf seiner Bank sitzt. Die Lehrerin, die im Ort aufgewachsen ist und jetzt ihre Kinder im Gottesdienst neben sich hat. Der Mann aus der Ukraine, der den Krieg im Blick trägt, aber den Frieden in der Kirche sucht. Vielleicht ist da die Ehrenamtliche, die im Besuchsdienst war, solange sie laufen konnte. Der stille Nachbar, der nie singt, aber jedes Mal zuhört. Die Jugendliche, die eigentlich nicht wollte, aber von ihrer Oma mitgebracht wurde. Die Frau mit Rollator, die sich von nichts und niemandem vom Kirchgang abhalten lässt. Und die Konfis, die noch einen Punkt brauchen.
Auf jeden Fall bist du da. Mit deinen Gedanken, deinen Fragen, deinem Glauben oder deinem Zweifel.
Ihr seid gekommen. In unsere Kirche. Zusammen an einem Tisch. Mit einem, der euch Brot reicht und Wein. Der sagt: Für euch.
Ja, der ist auch da. Ihn seht ihr nicht, und doch hat er den Ehrenplatz. Er selbst hat eingeladen. Er selbst teilt aus. Wir leihen ihm nur unsere Stimmen und unsere Hände.
Er selbst ist da und wie damals ist er es, um den sich alles dreht. Er spricht uns an. Er beschenkt uns. Er gibt uns alles, was er hat: "Das ist mein Leib. Für euch. Das ist mein Leben." (Dafür steht ja das Blut.) "Für euch."
Was damals geschah, wird hier unter uns real, weil er selbst da ist, mit uns am Tisch. Über die Zeiten hinweg, über Sprachgrenzen und Kulturbarrieren ist er derselbe. Christus. Der Herr.
Das ist mein Leib.
Er selbst bricht das Brot mit uns.
Das ungesäuerte Matzah-Brot ist hart. Es knackt, wenn man es zerbricht, um es zu teilen. Das berstende Geräusch klingt hart, so wie das, was nach dem Mahl folgen wird.
Das ist mein Leib.
Das ist ja erst der Anfang des Abends, der mit Festnahme und Hohn, mit falschen Zeugen und harten Schlägen enden wird. Und der sich im Morgengrauen fortsetzt, bis dort hin ans Kreuz.
Die, die da sitzen, starren ihn an. Sie verstehen vieles von dem, was er sagt noch nicht. Von dem, was dann folgt, werden sie noch weniger verstehen. Kann man das sinnlose Grauen, die Zerstörung eines Unschuldigen, das Zerbersten all ihrer Hoffnungen, das Leiden des Gottessohns denn wirklich verstehen?
Verstehen wir es denn wirklich besser? Seit 2.000 Jahren ringt seine Kirche mit dem leidenden Christus und in all unseren Erklärungen merken wir nur immer wieder neu, wie sehr wir an der Oberfläche kratzen. Wie wenig es sich überhaupt in Worte fassen lässt, was dort geschieht, wo Gott selbst sich in Gottverlassenheit und Tod begibt.
Schaut doch hinauf! Lasst euch nicht von barocken Schnitzereien verzaubern. Begreift ihr's denn wirklich, sein Kreuz und sein Leiden?
Das ist mein Leib.
Das Brot und der Kelch werden zur Auslegung des Geschehens. Noch haben sie's nicht verstanden. Erst später wird es ihnen dämmern, wie uns und wenn das Brot wieder gebrochen wird, in Emmaus und Jerusalem, in Korinth und Gäufelden, dann brennen die Herzen derer am Tisch. Sie erfahren, viel mehr als Worte erzählen können. Viel mehr als Erinnerungen transportieren können. Sie erfahren ihn selbst. Den Christus, der sich mit ihnen teilt. Mit uns.
Das ist mein Leib. Für euch. Das tut zu meinem Gedächtnis.
Denn jedes Mal wenn ihr das tut, "verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt."
Im Nehmen, im Essen, im Kauen, im Trinken, werden wir miteinander eine Verkündigungsgemeinschaft. Nicht nur in dem, was gesprochen wird. Wir stehen im Kreis. Wir schauen uns an. Wir sehen einander empfangen, danken, teilhaben an dem, was Gott schenkt. Jeder Bissen, jeder Schluck wird zu einer ganzen Predigt: Seht, welche Liebe Gott uns gezeigt hat. Das hat er für uns getan. Er hat sich für uns gegeben. Für uns.
Es liegt mir auf der Zunge, das jetzt noch einmal herunterzubrechen. Für uns. Für dich. Ganz persönlich. In einer Welt, die den Einzelnen, das Individuum, betont ist das ein gewohnter Gedanke. Aber das steht da ja gar nicht. Das ist nicht das, was Jesus sagt. Er macht keine tiefgründige Pause vor jedem Einzelnen, schaut dem Petrus ins Auge, dann dem Johannes, dem Jakobus, und sogar dem Judas, von dem er weiß, dass er ihn verraten wird: "Das ist mein Leib. Für dich."
Man kann das Abendmahl nicht alleine feiern. Man kann sich nicht selbst, alleine, den Zuspruch des Evangeliums sagen. Das Wunder, das hier geschieht, ist größer als jede:r Einzelne. Es macht uns, die wir von Gott getrennt waren, zum Teil einer eingeladenen Tischgemeinschaft.
Das sind wir gar nicht mehr gewohnt. Zu oft ist das, was uns verbindet, nur noch Zweckgemeinschaft. Damit sind wir in guter Gesellschaft. Das fing schon damals an, in Korinth. Das ist ja der Grund, warum Paulus dorthin über das Abendmahl schreibt. Auch dort schon zeigt sich, dass Einzelne nicht an das Ganze zu denken gewohnt sind. Die Einen sind noch gar nicht da, da beginnen die Anderen schon mit dem Mahl. Die Einen schlagen sich die Bäuche voll, die Anderen gehen hungrig nach Hause. Der Apostel ist entsetzt: Leute, das ist doch nicht die Verkündigung dessen, der uns durch seinen Tod verbindet!
Schaut euch hier um: Wer sitzt in euren Reihen? Mit wem würdet ihr sonst zu Abend essen? Wir sind so unterschiedlich: Jung und alt. Laut und leise. Schon lange dabei und gerade erst gekommen. Aus dem Dorf, aus der Stadt, aus einem anderen Land. Mit klarem Glauben oder mit vielen Fragen. Stellt euch vor, jemand käme von außen und suchte nach unserer Gemeinsamkeit. Würde er etwas finden? Hobbies? Musikgeschmack? Lebensphilosophie? Hintergrund? Traditionen? Das wird noch krasser, wenn wir daran denken, mit wem auf der Welt wir heute im Abendmahl verbunden sind. Gibt es überhaupt einen gemeinsamen Nenner? Was würde uns an einen Tisch bringen, wenn nicht er es wäre, der uns vereint?
Er schenkt uns sein Leben. Er gibt sich uns selbst. Das ist es, was uns verbindet.
Wir stehen im Kreis. Wir brechen das Brot und teilen den Saft.
Wir singen von unserer Hoffnung. Wir danken ihm, der uns einlädt.
Wir kauen und schlucken. Wir verkündigen. Ihn, der uns eingeladen hat.
Wir stehen im Kreis und wir reichen uns die Hände. Sein Wort macht uns Mut für die nächsten Schritte.
"Geht in seinem Frieden."
Und das tun wir. Wir gehen: hinaus in eine Welt, die wir viel zu oft nicht verstehen. Vielleicht wie die Jünger, mit Lobgesang auf den Lippen: "Meine Hoffnung und meine Freude." Mit dem Geschmack von Brot und Traubensaft auf der Zunge. Mit Hoffnung im Herzen. Wir gehen hinaus und an der Tür, da trennen sich unsere Wege -- und doch nicht, denn wir bleiben verbunden, weltweit verbunden sogar, als diese eine Gemeinschaft, die man nicht machen kann, sondern die nur geschenkt werden kann, von ihm selbst. Wir sind die Seinen. Wir tragen sein Leben an uns. Wir haben seine Hoffnung. Wir folgen seinen Wegen.
Wir gehören zusammen. Eine Gemeinde. Seine Gemeinde.
Teuer bezahlt.
Das ist mein Leib. Für euch.
Das ist der neue Bund in meinem Blut. Für euch.
Das war's ihm wert. Wir sind es ihm wert.
Wir sind seine Tischgemeinschaft.
Das ist es, was wir verkündigen -- heute und bis er kommt.
Amen.

0 Listeners