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"Your Majesty: I look forward to welcoming you in Germany."
Zitat: Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident, in einer kürzlich veröffentlichten Videobotschaft. Und dann kam er, Charles III., der einstmals ewige Prinz, der König mit den Segelohren. In den vergangenen Tagen hat er die Herzen vieler Deutschen im Sturm erobert. "Dem Bild des wenig nahbaren Monarchen wird Charles bei seinem Besuch in Berlin nicht gerecht", schrieb der ZAK am Freitag. Der noch Ungekrönte ist witzig und charmant, spricht deutsch vor dem Bundestag, zitiert Monty Python und "Dinner for One", macht in einem Ökodorf in Brandenburg selbst Käse und fachsimpelt über den Einsatz von Kuhmist als Dünger. Vor allem aber berührt er die Herzen mit Referenzen an seine verstorbene Mutter, die Queen, die viele inzwischen hoch verehren. Ihr habe die Freundschaft zu Deutschland immer viel bedeutet, erklärt Charles und die Herzen schmelzen dahin. Manche träumen gar von einem eigenen König für Deutschland, der uns hierzulande regelmäßig so viel fürs Herz bescheren könnte. Ein rundum gelungener Staatsbesuch also, und das noch vor der offiziellen Krönung!
Wie soll ich dich empfangen und wie begegn' ich dir, o aller Welt Verlangen, o meiner Seele Zier?
12 Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, 13 nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! 14 Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): 15 »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« 16 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte. 17 Die Menge aber, die bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, bezeugte die Tat. 18 Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. 19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach. (Johannes 12,12-19)Da freut sich die Tochter Zion.
Auch ohne Medien ist er ein Superstar. Längst der König der Herzen: Der, der sich im ganzen Land mit Wundern einen Namen machte. Der, der den Menschen freundlich begegnet -- egal wer sie sind -- und der ihnen Gott nahebringt, wie keiner je zuvor. "Dem Bild des wenig nahbaren Rabbi wird Jesus bei seinen Begegnungen in Israel nicht gerecht", hätte der ZAK damals vermutlich geschrieben, wenn es ihn schon gegeben hätte. Und wie sollte man ihn nicht lieben? Er bereichert Hochzeiten mit gutem Wein, gibt Tausenden zu Essen, geht auf dem Wasser, heilt Blinde und Lahme. Gerade hat er auf dem Weg nach Jerusalem in Betanien noch einen Toten wieder auferweckt. Viele, die jetzt am Wegrand stehen, waren live mit dabei.
Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin.
"Dein Zion." Da freut sich die Tochter Zion.
Zion ist der Berg, an dessen Hang sich die Jerusalemer Altstadt schmiegt. Ganz oben steht, weithin sichtbar, der Tempel. Wohnung Gottes bei den Menschen. Zion ist das Sinnbild für diese Stadt, für die Hauptstadt des Volkes, das Gott sich erwählt hat; für das ganze Land, das er ihnen geschenkt hat; für die Menschen darin, mit denen er einen ewigen Bund geschlossen hat. Die Tochter Zion, das sind sie: seine Menschen. Sein Israel.
Da freut sich die Tochter Zion.
Als sie hörten, dass er kommt, sind sie an die Straßenränder geströmt. Keiner wollte sich das entgehen lassen. Die nächste Sensation? Vielleicht gar die ganz große: Man munkelt ja, er sei der Messias, der seit langem von Gott versprochene Retter. Er selbst spricht von dem Friedensreich, das Gott aufrichten will. Mit ihm habe es begonnen. Wird er jetzt als König in die Hauptstadt kommen? Wird er, für alle Welt sichtbar, Gottes ewige Herrschaft aufrichten? Wird er die verhassten Römer, die Besatzer, Sinnbild für alle Ungerechtigkeit dieser Welt, besiegen und aus dem Land werfen?
An ihnen wird es jedenfalls nicht scheitern. Sie sind zu allem bereit. Sie stehen in den Startlöchern, um ihn, den Wundermann, zu krönen. Er soll sich vom ersten Moment an willkommen fühlen. So stehen sie da: Palmzweige in den Händen. Lob auf den Lippen: "Hosianna. Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn."
Sei uns gegrüßt, neuer König. Wir setzen große Hoffnungen auf dich. Wir haben große Erwartungen an dich. Ob das wirklich die Dinge sind, die der Prophet Sacharja vorhergesagt hat, das spielt in diesem Moment keine Rolle. Wir leben aus der Sensation, aus dem Hier und Jetzt. Du begeisterst uns und dem geben wir uns gerne ohne weiter nachzudenken hin.
Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin.
Da freut sich die Tochter Zion. Das ganze Volk.
Ganz? Nicht ganz! Eine Gruppe von Unbeugsamen hört nicht auf, dem König der Herzen Widerstand zu leisten. Mit jedem populären Auftritt, den er hinlegt, verringert sich ihr Einfluss auf das Volk. Sie fürchten um ihre Position. Sie fürchten um den Status Quo. Sie fürchten um den Frieden im Land, das fragile Gleichgewicht der Kräfte mit den römischen Besatzern, die auf keinen Fall hören dürfen, dass hier jemand zum König ausgerufen wird. Doch keiner scheint mehr auf sie zu hören. Hilflos müssen sie mit ansehen, wie die Menge den Prediger aus Galiläa hemmungslos feiert.
Unter anderen Umständen hätten sie ja vielleicht mitgefeiert. Warten sie nicht alle auf den Messias? Ist nicht das Reich Gottes, das er verkündet, auch ihre Botschaft, schon seit langem? Theologisch sind sie sich gar nicht so fern. Wie haben sie sich schon immer danach gesehnt, dass etwas geschehen würde -- dass Gott endlich eingreift. Aber doch nicht so! Das ist nicht das, wofür sie sich eingesetzt haben.
Dass sie aber hier nichts ausrichten können, das ist ihnen schmerzlich bewusst. So stehen sie da, seufzen untereinander und resignieren angesichts der Menge. Irgendwann gehen sie. Ein verlorener Tag. Wenige Tage später wird das ganz anders aussehen...
Heute freut sich die Tochter Zion. Was machen eigentlich die Jünger? Was machen die, die am nächsten dran sind? Sie scheinen von dem allem völlig überwältigt zu sein. Der triumphale Einzug, das Bad in der Menge, die plötzlich scheinbar grenzenlose Begeisterung für ihren Meister -- das geht wohl alles zu schnell für sie. Der Evangelist, der rückblickend schreibt, weiß: "Das verstanden seine Jünger nicht."
Vielleicht ist es auch die Tatsache, dass er viel von seinem Leiden gesprochen hat. Dass die Spannung schon so greifbar in der Luft zu liegen scheint. Vielleicht trauen sie dem Frieden einfach nicht. Es ist zu Vieles, was unklar bleibt.
Wie soll ich dich empfangen und wie begegn' ich dir, o aller Welt Verlangen, o meiner Seele Zier?
Wir stehen am Wegrand und warten. "Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer." So einen König könnten wir gut gebrauchen, auch heute. Auch hier in Deutschland, auf der Alb in Bitz/Burladingen. Einer, auf den wir unsere Hoffnung setzen können. Einer, der die Veränderung bringt, die unsere Welt so dringend braucht. Einer, der Gottes Macht einmal so richtig durchblitzen lässt.
Auch wir sind bereit für die Sensation. Sie würde uns sogar enorm gut tun.
Wenn da einer käme, der einmal für Ruhe sorgt, in der Ukraine und ihrer Umgebung zum Beispiel. Wo alle unsere tollen Friedensideen nichts fruchten, da müsste er doch endlich eingreifen! Gott, auf dem Thron und sein Friedensreich -- endlich -- unter uns... Wenn nur einer käme, der den Mächtigen Einhalt gebietet und Weisheit austeilt, so dass sie alle rufen -- miteinander, nicht gegeneinander: "Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn."
Wenn da einer käme, der uns befreit vom drohenden Klimakollaps -- und von unserer eigenen kollektiven Unfähigkeit, wirklich Durchgreifendes zu tun. Wenn einer käme, der uns entfesselt aus all den Abhängigkeiten, die uns bestimmen und aufhalten und zu faulen Kompromissen zwingen. Wenn da einer käme, der uns versöhnt und zusammenführt und begeistert für das Große, Ganze, Gemeinsame... Wenn da einer käme, der Klarheit schafft, was zu tun ist und zu lassen und der das in einer Art und Weise tut, die jeden mitnimmt... O, wenn er käme: "Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn."
Wenn da einer käme, der heilt, was in den Krisen der letzten Jahre zerbrochen ist -- auf allen Ebenen. Der wiederherstellt, was wir verloren haben. Der Neues schafft, wo Altes nicht mehr funktioniert wie früher. Da könnten wir reichlich jubeln: "Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn."
Wenn da einer käme, als König und Herr seiner Kirche. Einer, der dem Schrumpfen ein Ende setzt. Der nicht nur die Reduktion verwaltet, mit schmerzhaften, aber notwendigen Einschnitten, sondern, der Menschen begeistert für Gottes Reich, dass das Evangelium seine ganze Anziehungskraft entfalten kann und hier aus einem kleinen Häufchen ein mächtiger Chor wird, derer die, ihn ehren: "Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn."
Wenn da einer käme, der auch in den kleinen, ganz persönlichen Dingen Neues schafft -- Gottes Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, sicht- und spürbar in meinem Leben. Der Ordnung bringt in verfahrene Familiensituationen, zerbrechende Beziehungen wieder kittet. Der Zukunft schafft in ausweglosen Lebenssituationen, der Frieden ins Herz bringt, wo die Angst regiert. Der Sicherheit bringt, wo ich mich dem Schicksal machtlos ausgeliefert fühle.
Wenn da einer käme... Ich würde ihm auch zujubeln. "Gelobt sei, der da kommt, im Namen des Herrn."
Sei uns gegrüßt, neuer König. Wir setzen große Hoffnungen auf dich. Wir haben große Erwartungen an dich.
Dein Bitz/Burladingen streut dir Palmen und grüne Zweige hin.
Da freuen sich alle deine Töchter und Söhne. Auch wir hier.
Wir stehen am Wegrand und wir warten--vom Regen durchnässt. Die Palmzweige in unserer Hand sind vom Wind zerzaust. Unsere Hoffnungen auch. Die Hände sind schwer und es wird mühsam, die Zweige zu schwenken. Die Stimmen sind heiser und leise geworden. Die Sensation bleibt aus. Und die Frage drängt sich in unsere Herzen, unsere Gedanken, sie nagt an uns, die wir doch große Erwartungen hatten: Was bleibt eigentlich, wenn es keine Sensationen gibt? Wenn Gott sich nicht mächtig als der große Wunscherfüller erzeigt und alle Probleme auf wundersame Art und Weise einfach auflöst, vor unseren Augen? Was bleibt da noch?
Gibt es denn überhaupt noch Grund, ihn zu loben? Zu jubeln gar? Gibt es überhaupt noch genügend Grund, sich auf ihn zu verlassen? Überhaupt noch einen Gedanken an ihn zu verschwenden?
Viele sind gegangen. Sie sahen keine Gründe mehr.
Was bleibt, wenn es keine Sensationen gibt? Die Frage nagt an unseren Herzen, sie sticht mitten hinein. Sie macht uns Angst, dass wir vielleicht daneben liegen. Dass das worauf wir, dass der, auf den wir bauen, sich nicht als sicherer Grund erweist. Dass wir am Ende doch allein dastehen könnten mit allen unseren Nöten.
Freut sie sich wirklich, die Tochter Zion?
Und seine Töcher und Söhne in Bitz/Burladingen?
Auf einem Esel kommt er. Das sieht zunächst gar nicht königlich aus, schon gar nicht, wenn man es mit anderen Herrschern vergleicht, die auch triumphal irgendwo einziehen. Ein Esel ist bescheiden. Er steht nicht für Gewalt und Macht. Die Botschaft ist dennoch nicht von der Hand zu weisen -- auch wenn manche etwas länger gebraucht haben, um das zu begreifen: Als er sich auf den Esel schwingt, nimmt er für sich in Anspruch, der König aus dem Sacharjabuch zu sein. Der Grund zur Freude für die Tochter Zion.
Auf einem Esel kommt er in die Stadt. Er reitet den Weg hinunter, vom Ölberg. Er reitet hindurch zwischen sensationslüsternen Menschen, resignierten Pharisäern und fragenden Jüngern. Er reitet durch das Tor, hinein in die Stadt. Er steigt vom Esel ab und geht weiter. Er kennt seinen Weg.
Sein Weg führt nicht in den Thronsaal. Sein Weg führt nicht auf die große Bühne. Sein Weg führt nicht von einem Triumph zum nächsten.
Sein Weg endet am Freitag am Kreuz.
So sieht die lang verheißene Erhöhung des Menschensohn aus.
Das hat keiner erwartet. So hat sich niemand einen König vorgestellt.
Wie soll man das begreifen?
Wie soll ich dich empfangen?
"Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen."
Fürchte dich nicht.
Heimlich still und leise hat der Johannesevangelist den Text des Sacharjabuchs ein wenig verändert. Statt "Tochter Zion, freue dich!" heißt es hier "Fürchte dich nicht."
Der, der da kommt, ist Gottes ganz reale Antwort auf unsere Angst. Diese Antwort findet sich nicht in den großen Sensationen. Sie würde es nie auf die Titelseite der Bildzeitung schaffen. Gottes Antwort besteht nicht in einem das Unterste zuoberst kehrenden Durchgreifen. Und dennoch ist sie weltverändernd.
Der König auf dem Esel geht den Problemen nicht aus dem Weg. Der König auf dem Esel macht keinen Bogen um Not und Leiden. Der König auf dem Esel reitet mitten hinein in das Angesicht des Bösen, er reitet hinein in Hass und Ablehnung, in Schmerz und Sorgen, in Intrigen und Hetze. Er reitet mitten hinein in jedes nur vorstellbare Problem. Er schnippt nicht mit dem Finger und alles löst sich auf, als seien unsere Nöte nur lächerliche Nichtigkeiten. Er nimmt sie ernst. Er nimmt sie an. Er nimmt sie auf sich, nimmt sie mit auf seinem Weg. Er trägt das, was uns so schwer auf dem Herzen liegt. Er trägt es mit sich auf seinem Esel. Er trägt es mit sich an sein Kreuz.
Er nimmt es an sich. Alles. Selbst den Tod, den größten Feind unseres Lebens.
Schau diesen König an: Du wirst in nicht verstehen, so lange du die bekannten Schablonen der König:innen dieser Welt daneben hältst.
Schau diesen König an: Du wirst es sehen, dass Gott in ihm alle unsere Not mit auf sich nimmt. Dass es nichts geben wird, nichts geben kann, wo Gott sich einfach raushält.
Schau diesen König an: Er geht ans Kreuz und trägt das Böse mit sich.
Fürchte dich nicht, du Tochter Zion!
Am Palmsonntagmorgen ahnen wir schon, dass er bald kommt, der frohe Ostertag, an dem er aufersteht. An dem er triumphiert mit neuem Leben und uns zeigt: Es ist überwunden! Christus ist Sieger! Das Böse hat die Macht verloren!
Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?
Am Palmsonntagmorgen ahnen wir schon, auch mit zerzausten Palmzweigen in der Hand, mit Fragen und Zweifeln im Herzen und fern von der großen Sensation, die wir uns heute gewünscht haben: Es ist überwunden! Christus ist Sieger! Auch in den Nöten, die uns heute beschäftigen, wird er den Sieg behalten. Das Böse hat die Macht nicht, die es zu haben scheint. Dafür hat er gesorgt, der König auf dem Esel.
Fürchte dich nicht, du Tochter Zion!
Fürchte dich nicht! Nein: Freue dich!
"Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!"
So lasst uns ihn empfangen:
Das schreib dir in dein Herze, du hochbetrübtes Heer, bei denen Gram und Schmerze sich häuft je mehr und mehr; seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür; der eure Herzen labet und tröstet, steht allhier.Amen.
By Christoph Fischer"Your Majesty: I look forward to welcoming you in Germany."
Zitat: Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident, in einer kürzlich veröffentlichten Videobotschaft. Und dann kam er, Charles III., der einstmals ewige Prinz, der König mit den Segelohren. In den vergangenen Tagen hat er die Herzen vieler Deutschen im Sturm erobert. "Dem Bild des wenig nahbaren Monarchen wird Charles bei seinem Besuch in Berlin nicht gerecht", schrieb der ZAK am Freitag. Der noch Ungekrönte ist witzig und charmant, spricht deutsch vor dem Bundestag, zitiert Monty Python und "Dinner for One", macht in einem Ökodorf in Brandenburg selbst Käse und fachsimpelt über den Einsatz von Kuhmist als Dünger. Vor allem aber berührt er die Herzen mit Referenzen an seine verstorbene Mutter, die Queen, die viele inzwischen hoch verehren. Ihr habe die Freundschaft zu Deutschland immer viel bedeutet, erklärt Charles und die Herzen schmelzen dahin. Manche träumen gar von einem eigenen König für Deutschland, der uns hierzulande regelmäßig so viel fürs Herz bescheren könnte. Ein rundum gelungener Staatsbesuch also, und das noch vor der offiziellen Krönung!
Wie soll ich dich empfangen und wie begegn' ich dir, o aller Welt Verlangen, o meiner Seele Zier?
12 Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, 13 nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! 14 Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): 15 »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« 16 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte. 17 Die Menge aber, die bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, bezeugte die Tat. 18 Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. 19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach. (Johannes 12,12-19)Da freut sich die Tochter Zion.
Auch ohne Medien ist er ein Superstar. Längst der König der Herzen: Der, der sich im ganzen Land mit Wundern einen Namen machte. Der, der den Menschen freundlich begegnet -- egal wer sie sind -- und der ihnen Gott nahebringt, wie keiner je zuvor. "Dem Bild des wenig nahbaren Rabbi wird Jesus bei seinen Begegnungen in Israel nicht gerecht", hätte der ZAK damals vermutlich geschrieben, wenn es ihn schon gegeben hätte. Und wie sollte man ihn nicht lieben? Er bereichert Hochzeiten mit gutem Wein, gibt Tausenden zu Essen, geht auf dem Wasser, heilt Blinde und Lahme. Gerade hat er auf dem Weg nach Jerusalem in Betanien noch einen Toten wieder auferweckt. Viele, die jetzt am Wegrand stehen, waren live mit dabei.
Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin.
"Dein Zion." Da freut sich die Tochter Zion.
Zion ist der Berg, an dessen Hang sich die Jerusalemer Altstadt schmiegt. Ganz oben steht, weithin sichtbar, der Tempel. Wohnung Gottes bei den Menschen. Zion ist das Sinnbild für diese Stadt, für die Hauptstadt des Volkes, das Gott sich erwählt hat; für das ganze Land, das er ihnen geschenkt hat; für die Menschen darin, mit denen er einen ewigen Bund geschlossen hat. Die Tochter Zion, das sind sie: seine Menschen. Sein Israel.
Da freut sich die Tochter Zion.
Als sie hörten, dass er kommt, sind sie an die Straßenränder geströmt. Keiner wollte sich das entgehen lassen. Die nächste Sensation? Vielleicht gar die ganz große: Man munkelt ja, er sei der Messias, der seit langem von Gott versprochene Retter. Er selbst spricht von dem Friedensreich, das Gott aufrichten will. Mit ihm habe es begonnen. Wird er jetzt als König in die Hauptstadt kommen? Wird er, für alle Welt sichtbar, Gottes ewige Herrschaft aufrichten? Wird er die verhassten Römer, die Besatzer, Sinnbild für alle Ungerechtigkeit dieser Welt, besiegen und aus dem Land werfen?
An ihnen wird es jedenfalls nicht scheitern. Sie sind zu allem bereit. Sie stehen in den Startlöchern, um ihn, den Wundermann, zu krönen. Er soll sich vom ersten Moment an willkommen fühlen. So stehen sie da: Palmzweige in den Händen. Lob auf den Lippen: "Hosianna. Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn."
Sei uns gegrüßt, neuer König. Wir setzen große Hoffnungen auf dich. Wir haben große Erwartungen an dich. Ob das wirklich die Dinge sind, die der Prophet Sacharja vorhergesagt hat, das spielt in diesem Moment keine Rolle. Wir leben aus der Sensation, aus dem Hier und Jetzt. Du begeisterst uns und dem geben wir uns gerne ohne weiter nachzudenken hin.
Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin.
Da freut sich die Tochter Zion. Das ganze Volk.
Ganz? Nicht ganz! Eine Gruppe von Unbeugsamen hört nicht auf, dem König der Herzen Widerstand zu leisten. Mit jedem populären Auftritt, den er hinlegt, verringert sich ihr Einfluss auf das Volk. Sie fürchten um ihre Position. Sie fürchten um den Status Quo. Sie fürchten um den Frieden im Land, das fragile Gleichgewicht der Kräfte mit den römischen Besatzern, die auf keinen Fall hören dürfen, dass hier jemand zum König ausgerufen wird. Doch keiner scheint mehr auf sie zu hören. Hilflos müssen sie mit ansehen, wie die Menge den Prediger aus Galiläa hemmungslos feiert.
Unter anderen Umständen hätten sie ja vielleicht mitgefeiert. Warten sie nicht alle auf den Messias? Ist nicht das Reich Gottes, das er verkündet, auch ihre Botschaft, schon seit langem? Theologisch sind sie sich gar nicht so fern. Wie haben sie sich schon immer danach gesehnt, dass etwas geschehen würde -- dass Gott endlich eingreift. Aber doch nicht so! Das ist nicht das, wofür sie sich eingesetzt haben.
Dass sie aber hier nichts ausrichten können, das ist ihnen schmerzlich bewusst. So stehen sie da, seufzen untereinander und resignieren angesichts der Menge. Irgendwann gehen sie. Ein verlorener Tag. Wenige Tage später wird das ganz anders aussehen...
Heute freut sich die Tochter Zion. Was machen eigentlich die Jünger? Was machen die, die am nächsten dran sind? Sie scheinen von dem allem völlig überwältigt zu sein. Der triumphale Einzug, das Bad in der Menge, die plötzlich scheinbar grenzenlose Begeisterung für ihren Meister -- das geht wohl alles zu schnell für sie. Der Evangelist, der rückblickend schreibt, weiß: "Das verstanden seine Jünger nicht."
Vielleicht ist es auch die Tatsache, dass er viel von seinem Leiden gesprochen hat. Dass die Spannung schon so greifbar in der Luft zu liegen scheint. Vielleicht trauen sie dem Frieden einfach nicht. Es ist zu Vieles, was unklar bleibt.
Wie soll ich dich empfangen und wie begegn' ich dir, o aller Welt Verlangen, o meiner Seele Zier?
Wir stehen am Wegrand und warten. "Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer." So einen König könnten wir gut gebrauchen, auch heute. Auch hier in Deutschland, auf der Alb in Bitz/Burladingen. Einer, auf den wir unsere Hoffnung setzen können. Einer, der die Veränderung bringt, die unsere Welt so dringend braucht. Einer, der Gottes Macht einmal so richtig durchblitzen lässt.
Auch wir sind bereit für die Sensation. Sie würde uns sogar enorm gut tun.
Wenn da einer käme, der einmal für Ruhe sorgt, in der Ukraine und ihrer Umgebung zum Beispiel. Wo alle unsere tollen Friedensideen nichts fruchten, da müsste er doch endlich eingreifen! Gott, auf dem Thron und sein Friedensreich -- endlich -- unter uns... Wenn nur einer käme, der den Mächtigen Einhalt gebietet und Weisheit austeilt, so dass sie alle rufen -- miteinander, nicht gegeneinander: "Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn."
Wenn da einer käme, der uns befreit vom drohenden Klimakollaps -- und von unserer eigenen kollektiven Unfähigkeit, wirklich Durchgreifendes zu tun. Wenn einer käme, der uns entfesselt aus all den Abhängigkeiten, die uns bestimmen und aufhalten und zu faulen Kompromissen zwingen. Wenn da einer käme, der uns versöhnt und zusammenführt und begeistert für das Große, Ganze, Gemeinsame... Wenn da einer käme, der Klarheit schafft, was zu tun ist und zu lassen und der das in einer Art und Weise tut, die jeden mitnimmt... O, wenn er käme: "Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn."
Wenn da einer käme, der heilt, was in den Krisen der letzten Jahre zerbrochen ist -- auf allen Ebenen. Der wiederherstellt, was wir verloren haben. Der Neues schafft, wo Altes nicht mehr funktioniert wie früher. Da könnten wir reichlich jubeln: "Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn."
Wenn da einer käme, als König und Herr seiner Kirche. Einer, der dem Schrumpfen ein Ende setzt. Der nicht nur die Reduktion verwaltet, mit schmerzhaften, aber notwendigen Einschnitten, sondern, der Menschen begeistert für Gottes Reich, dass das Evangelium seine ganze Anziehungskraft entfalten kann und hier aus einem kleinen Häufchen ein mächtiger Chor wird, derer die, ihn ehren: "Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn."
Wenn da einer käme, der auch in den kleinen, ganz persönlichen Dingen Neues schafft -- Gottes Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, sicht- und spürbar in meinem Leben. Der Ordnung bringt in verfahrene Familiensituationen, zerbrechende Beziehungen wieder kittet. Der Zukunft schafft in ausweglosen Lebenssituationen, der Frieden ins Herz bringt, wo die Angst regiert. Der Sicherheit bringt, wo ich mich dem Schicksal machtlos ausgeliefert fühle.
Wenn da einer käme... Ich würde ihm auch zujubeln. "Gelobt sei, der da kommt, im Namen des Herrn."
Sei uns gegrüßt, neuer König. Wir setzen große Hoffnungen auf dich. Wir haben große Erwartungen an dich.
Dein Bitz/Burladingen streut dir Palmen und grüne Zweige hin.
Da freuen sich alle deine Töchter und Söhne. Auch wir hier.
Wir stehen am Wegrand und wir warten--vom Regen durchnässt. Die Palmzweige in unserer Hand sind vom Wind zerzaust. Unsere Hoffnungen auch. Die Hände sind schwer und es wird mühsam, die Zweige zu schwenken. Die Stimmen sind heiser und leise geworden. Die Sensation bleibt aus. Und die Frage drängt sich in unsere Herzen, unsere Gedanken, sie nagt an uns, die wir doch große Erwartungen hatten: Was bleibt eigentlich, wenn es keine Sensationen gibt? Wenn Gott sich nicht mächtig als der große Wunscherfüller erzeigt und alle Probleme auf wundersame Art und Weise einfach auflöst, vor unseren Augen? Was bleibt da noch?
Gibt es denn überhaupt noch Grund, ihn zu loben? Zu jubeln gar? Gibt es überhaupt noch genügend Grund, sich auf ihn zu verlassen? Überhaupt noch einen Gedanken an ihn zu verschwenden?
Viele sind gegangen. Sie sahen keine Gründe mehr.
Was bleibt, wenn es keine Sensationen gibt? Die Frage nagt an unseren Herzen, sie sticht mitten hinein. Sie macht uns Angst, dass wir vielleicht daneben liegen. Dass das worauf wir, dass der, auf den wir bauen, sich nicht als sicherer Grund erweist. Dass wir am Ende doch allein dastehen könnten mit allen unseren Nöten.
Freut sie sich wirklich, die Tochter Zion?
Und seine Töcher und Söhne in Bitz/Burladingen?
Auf einem Esel kommt er. Das sieht zunächst gar nicht königlich aus, schon gar nicht, wenn man es mit anderen Herrschern vergleicht, die auch triumphal irgendwo einziehen. Ein Esel ist bescheiden. Er steht nicht für Gewalt und Macht. Die Botschaft ist dennoch nicht von der Hand zu weisen -- auch wenn manche etwas länger gebraucht haben, um das zu begreifen: Als er sich auf den Esel schwingt, nimmt er für sich in Anspruch, der König aus dem Sacharjabuch zu sein. Der Grund zur Freude für die Tochter Zion.
Auf einem Esel kommt er in die Stadt. Er reitet den Weg hinunter, vom Ölberg. Er reitet hindurch zwischen sensationslüsternen Menschen, resignierten Pharisäern und fragenden Jüngern. Er reitet durch das Tor, hinein in die Stadt. Er steigt vom Esel ab und geht weiter. Er kennt seinen Weg.
Sein Weg führt nicht in den Thronsaal. Sein Weg führt nicht auf die große Bühne. Sein Weg führt nicht von einem Triumph zum nächsten.
Sein Weg endet am Freitag am Kreuz.
So sieht die lang verheißene Erhöhung des Menschensohn aus.
Das hat keiner erwartet. So hat sich niemand einen König vorgestellt.
Wie soll man das begreifen?
Wie soll ich dich empfangen?
"Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen."
Fürchte dich nicht.
Heimlich still und leise hat der Johannesevangelist den Text des Sacharjabuchs ein wenig verändert. Statt "Tochter Zion, freue dich!" heißt es hier "Fürchte dich nicht."
Der, der da kommt, ist Gottes ganz reale Antwort auf unsere Angst. Diese Antwort findet sich nicht in den großen Sensationen. Sie würde es nie auf die Titelseite der Bildzeitung schaffen. Gottes Antwort besteht nicht in einem das Unterste zuoberst kehrenden Durchgreifen. Und dennoch ist sie weltverändernd.
Der König auf dem Esel geht den Problemen nicht aus dem Weg. Der König auf dem Esel macht keinen Bogen um Not und Leiden. Der König auf dem Esel reitet mitten hinein in das Angesicht des Bösen, er reitet hinein in Hass und Ablehnung, in Schmerz und Sorgen, in Intrigen und Hetze. Er reitet mitten hinein in jedes nur vorstellbare Problem. Er schnippt nicht mit dem Finger und alles löst sich auf, als seien unsere Nöte nur lächerliche Nichtigkeiten. Er nimmt sie ernst. Er nimmt sie an. Er nimmt sie auf sich, nimmt sie mit auf seinem Weg. Er trägt das, was uns so schwer auf dem Herzen liegt. Er trägt es mit sich auf seinem Esel. Er trägt es mit sich an sein Kreuz.
Er nimmt es an sich. Alles. Selbst den Tod, den größten Feind unseres Lebens.
Schau diesen König an: Du wirst in nicht verstehen, so lange du die bekannten Schablonen der König:innen dieser Welt daneben hältst.
Schau diesen König an: Du wirst es sehen, dass Gott in ihm alle unsere Not mit auf sich nimmt. Dass es nichts geben wird, nichts geben kann, wo Gott sich einfach raushält.
Schau diesen König an: Er geht ans Kreuz und trägt das Böse mit sich.
Fürchte dich nicht, du Tochter Zion!
Am Palmsonntagmorgen ahnen wir schon, dass er bald kommt, der frohe Ostertag, an dem er aufersteht. An dem er triumphiert mit neuem Leben und uns zeigt: Es ist überwunden! Christus ist Sieger! Das Böse hat die Macht verloren!
Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?
Am Palmsonntagmorgen ahnen wir schon, auch mit zerzausten Palmzweigen in der Hand, mit Fragen und Zweifeln im Herzen und fern von der großen Sensation, die wir uns heute gewünscht haben: Es ist überwunden! Christus ist Sieger! Auch in den Nöten, die uns heute beschäftigen, wird er den Sieg behalten. Das Böse hat die Macht nicht, die es zu haben scheint. Dafür hat er gesorgt, der König auf dem Esel.
Fürchte dich nicht, du Tochter Zion!
Fürchte dich nicht! Nein: Freue dich!
"Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!"
So lasst uns ihn empfangen:
Das schreib dir in dein Herze, du hochbetrübtes Heer, bei denen Gram und Schmerze sich häuft je mehr und mehr; seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür; der eure Herzen labet und tröstet, steht allhier.Amen.

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