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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)
Geliebte Gottes in Tailfingen,
Vielleicht brauchen wir einfach wieder ein paar von der Sorte der altorientalischen Propheten. Vielleicht fehlt uns einfach einer vom Kaliber eines Micha von Moreschet, dem unser Wochenspruch zugeschrieben wird. Einer, der sich hinstellt, und mal Klartext redet -- überall da, wo wir in dieser Welt nur rumeiern oder keine Ahnung zu haben scheinen, was wir tun sollen.
Wen so einer da wäre, würden wir ihn bei diversen Regierungen vorbeischicken -- angefangen in Moskau, aber auch in Washington und London, in Peking und Pjöngjang, in Paris und Istanbul und genauso in Berlin und Stuttgart. Wir würden ihn in den Kreistag des Zollernalbkreises schicken und ins Albstädter Rathaus und in die Ebinger Fußgängerzone genauso wie auf den Tailfinger Wochenmarkt. Wir würden ihn in unsere Betriebe schicken und in die Schulen und Kindergärten, in die Kantinen und an die Stammtische. In die Redaktionen diverser Presseorgane und in die Kommentarspalten der sozialen Medien. Wir würden ihn in unsere WhatsApp-Gruppen und Telegram-Kanäle einladen. Und vielleicht, wahrscheinlich, würde er anschließend auch bei uns zu Hause klingeln und in unserem Wohnzimmer den gleichen Klartext reden wie überall sonst.
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)
So einfach ist es nämlich. Der Rest sind Ausreden.
Gottes Wort halten. Liebe üben. Demütig sein vor Gott.
Oder sogar noch kürzer: Gottes Wort halten, das ist Liebe üben und demütig sein vor Gott.
Wir müssen es nur tun.
Klartext. Keine weiteren Fragen. Over and out.Bis mir dieser alte Howard-Jones-Song dazwischenfunkt: "What is love... anyway?"
Was ist denn Liebe überhaupt?
Kann jeder jeden so sehr lieben, dass sich nie einer fürchtet? Sich nie Sorgen macht, nie traurig ist? Die Antwort ist: So sehr kann doch keiner lieben. Niemand kann das. Deswegen stört es mich auch nicht, wenn du zweifelst.Was ist denn Liebe überhaupt? Liebt überhaupt irgendjemand irgendjemanden?Sorry, Howard, das ganze kommt schon ein wenig schnulzig rüber. Aber irgendwie hast du ja recht -- du, und all die anderen, die ähnliche Lieder singen. Oder die vielen hundert "Liebe ist..."-Bildchen malen, die uns seit Jahrzehnten verfolgen.
Vielleicht müssen wir uns das nochmal anschauen, das Ding mit der Liebe?
Frag 10 Personen, was Liebe ist und du bekommst 15 verschiedene Antworten. Frag Experten, was Liebe ist, und du hörst komplizierte Formulierungen über emotionale Bindungen in Verbindung mit Verhaltensweisen, die von Leidenschaft, Intimität und Verbindlichkeit geprägt sind. Frag Theologen und du hörst etwas über den Unterschied zwischen Eros, Phileia und Agape -- zwischen erotischer Liebe, Freundschaft und der selbstlosen Liebe. Aha. Bist du jetzt schlauer?
Das Ding mit der Liebe scheint sich jeder so hinzudrehen, wie er es gerade braucht.
Dabei sollte es doch das Selbstverständlichste der Welt sein. Wir kennen das doch, aus unseren Beziehungen: zu zweit, als Familie, als Freunde, als Gesellschaft. Stell dir die Welt ohne Liebe vor! (Lieber nicht!) Wir wissen doch eigentlich aus eigenem Erleben Bescheid über all die verschiedenen Aspekte der Liebe: Wenn es knistert. Wenn Schmetterlinge im Bauch kribbeln. Wenn freundschaftliche Unterstützung uns gut tut. Wenn es lang wird und schwierig und Liebe durchhält, trotz allem. Das kennen wir doch alles.
Warum ist das dann so schwer?
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)
Gerade in Zeiten in denen es spannend wird, scheint Liebe auf ganz andere Weise zur Lösung zu werden. Liebe wird zum Zufluchtsort, wenn nach Krieg und Zerstörung und Auschwitz in den 50ern seicht-romantische Sissyfilme gedreht werden. Weg von all dem Schrecklichen, eine Flucht in die Schnulze. In den 70 Jahren seither hat sich nichts Wesentliches geändert. Schaut mal auf Netflix und Amazon Prime oder ins ZDF zu Rosamunde Pilcher, was da so läuft. Liebe als Märchen aus einer idealen romantischen Welt, bei der man nicht an den Stress im Job denken muss. Oder an die Nachrichten. Oder an die Gasrechnung. Das kann man sogar alleine schauen, wenn man sich gerade mit dem Partner verkracht hat. Nur weg in die rosarote Liebeswolkenwelt.
Ich glaube, das hast du nicht gemeint, Micha von Moreschet, oder?
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)
Ausgerechnet ein Liebeslied legt man uns heute als Predigttext vor. Ein Liebeslied aus einer Sammlung von Liebesliedern; aus dem alten Orient auch noch, wo man noch ganz anders mit Bildern arbeitete. Bollywood lässt grüßen. Aus einer Liedersammlung, die sich selbst das "Lied der Lieder" nennt und die es auf rätselhafte Weise bis in die Bibel geschafft hat, obwohl auf all ihren Seiten nur ein einziges Mal der Name Gottes in abgekürzter Form vorkommt. Im ersten Jahrhundert, das wissen wir bis heute, hat man diese Lieder noch in den Wirtshäusern gesungen -- und auf Hochzeiten sowieso. Manche haben sie dann umgedeutet, als Bild für die Liebe Gottes zu den Menschen -- ganz fromm, trotz der expliziten Bildersprache -- und vielleicht sind sie deshalb in der Bibel. Irgendwie seltsam, trotzdem, und wahrscheinlich deshalb hört man auch kaum je was davon. Heute aber also schon: Aus dem "Lied der Lieder", aus dem 8. Kapitel:
6 Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine gewaltige Flamme. 7 Viele Wasser können die Liebe nicht auslöschen noch die Ströme sie ertränken. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, würde man ihn verachten? (Hohelied 8,6–7)Es sind die ganz großen Bilder, die hier gemalt werden. Stark wie der Tod. Feurige Glut und gewaltige Flamme. Unauslöschlich selbst von Strömen und Fluten. Mehr wert als alle Habe dieser Welt.
Besonders das mit dem Tod bleibt mir hängen -- in einer Woche in der ich viermal ein Trauergespräch geführt habe. Am Freitag hatte ich zwei Beerdigungen direkt hintereinander. Als Pfarrer gehört das zu meinem Alltag. Ich sehe, was der Tod mit Menschen macht. Wie er unerbittlich hineingreift in Familien und Beziehungen. Wie er unflickbare Löcher reißt, mitten hinein ins Leben. Wie er Menschen auch Druck bereitet -- Angst gar -- wenn sie begreifen, dass das Leben endlich ist und dass das Ende unausweichlich näher kommt. Es gibt vermutlich nichts auf dieser Welt, was uns mächtiger entgegensteht als der Tod.
Doch, sagt dieser Text. Die Liebe. Die Liebe ist stark wie der Tod. Unwiderstehlich wie das Totenreich.
Dass die Liebe tatsächlich den Tod übersteht, das sehe ich bei jeder Beerdigung in den Augen der trauernden Familie. Beziehung hört auf. Umarmungen hören auf. Gespräche hören auf. Aber nie kann der Tod die Liebe einfach ausknipsen. Das ist es doch, warum wir so traurig sind, wenn jemand geht: Die Liebe bleibt und weint um das Gegenüber, das jetzt nur noch in der Erinnerung existiert.
Dass Liebe sogar den Tod überwindet, das wissen wir als Menschen des Neuen Testaments, als Kinder des Evangeliums. Das haben wir diesem Text in gewisser Weise sogar voraus. Für uns ist die Liebe nämlich eine Person. Die Liebe ist Mensch geworden in Jesus Christus. Ihn schauen wir an und sehen den sonst unsichtbaren Gott, der selbst die Liebe ist. In ihm wird Liebe konkret -- konkreter als je zuvor. In ihm sehen wir, was Paulus mit blumigen Worten umschreibt: Dass die Liebe langmütig und freundlich ist. Dass sie nicht eifert, keinen Mutwillen treibt, sich nicht aufbläht. Dass sie nicht das Ihre sucht und das Böse zurechnet. Dass sie gegen die Ungerechtigkeit und für die Wahrheit steht. Dass sie alles erträgt, alles glaubt, alles hofft, alles duldet und vor allem: niemals aufhört. Dass das mehr als poetische Worte sind, das sehen wir an Jesus. Er, Gottes Mensch gewordene Liebe geht wirklich durch alles, was das Menschsein ausmacht. Selbst ins Sterben hinein. Auch vor dem Tod macht die Liebe nicht halt. Und am Ende triumphiert sie, weil Christus auferstanden ist.
Auch der Tod kann die Liebe nicht auslöschen.
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)
Das bringt uns zurück zu dir, lieber Micha. Das bringt uns zurück in den Alltag unserer Welt. In alles, was uns heute begegnet und entgegensteht. Alles, was jetzt gerade auch so überwältigend scheint. Krieg. Inflation. Nukleare Gefahr. Klima. Dramen in unserem Umfeld, in unseren Familien. Beziehungen die zerbrechen. Liebe Menschen, die dem Alkohol verfallen. Menschen, die sich selbst aufgeben. Dunkle Situationen, in die uns sprachlos zurücklassen, weil wir keine Hoffnung sehen.
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)
Wir haben dem allem nämlich etwas entgegenzusetzen. Etwas, das stärker ist, als jede Macht dieser Welt. Etwas, das alles aushält, alles überwindet, alles übersteht.
"Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;", schreibt Paulus, "aber die Liebe ist die größte unter ihnen."
Nein, damit will ich nicht die dunklen Täler dieser Welt mit romantisch-rosanen Liebeswolken übermalen. Ich rede nicht von einer Märchenliebe oder einfach einer, die wir uns solange zurechtdefiniert haben, bis wir sie überall hineindichten können -- auch ohne dass sich etwas ändert.
Ich rede von der Liebe, die stark ist wie der Tod. Ich rede von einer Liebe, die Flammen und Fluten übersteht. Ich rede von einer todesstarken, todesmutigen Liebe. Einer, die hoffnungstrotzig in jede Dunkelheit noch Gottes Licht hineinträgt. Eine die sich glaubensstark auf den Ursprung aller Liebe verlässt. Ich rede von Gottes Liebe, uns offenbart und zuteil geworden in Christus, die in uns lebt, uns stärkt und antreibt, die durch uns die Welt verändern kann.
Geliebte Gottes, lasst euch die Liebe nicht kleinreden. Lasst euch nicht täuschen von flauschig-schnulzigen Zerrbildern der Liebe, die nur für Postkarten und romantische Komödien taugen. Die Liebe ist viel mehr als das, was wir da sehen. Die Liebe ist stark wie der Tod. Die Liebe lässt sich nicht überwinden, sondern überwindet alles. Die Liebe hört nimmer auf und wenn am Ende -- wie auch immer -- alles andere vergeht, ist die Liebe das, was bleibt.
Geliebte Gottes, lasst euch nicht einreden, wir seien machtlos in dieser Welt. Die Liebe, die Gott ausgegossen hat in unsere Herzen, ist mächtiger als jede Waffe, die Menschen erdenken können. Die Liebe ist subversiv, sie arbeitet im Untergrund wie die Wurzeln eines Baumes, die irgendwann die dickste Betonschicht zerbrechen -- und dann bricht Leben auf, Wachstum und Blüte. Lasst euch nicht einschüchtern. Hört nicht auf zu träumen. Haltet an der Liebe fest und stellt euch vor, wie die Welt sich verändern kann, wenn wir glauben und hoffen und lieben.
Und dann liebt! Liebt als Geliebte Gottes, die ihr seid. Glaubt, hofft und lebt die Liebe, die in euch ist. Im Kleinen, im Kleinsten, und immer wachsend in jeder Ecke der Welt, die ihr erreichen könnt. Liebt.
Eine der großen, medial beachteten Liebesgeschichten dieser Welt ist die von Prinz Harry und der amerikanischen Schauspielerin Meghan Markle. Da steckt Stoff für manche Schnulze drin: Der Prinz und die Schauspielerin, über die viele am Hof die Nase rümpfen, in die er sich aber unsterblich verliebt hat. Diese Geschichten zu erzählen überlasse ich gerne anderen. Aber ich möchte euch heute zum Schluss ein paar Sätze mitgeben, die der ehrenwerte Michael Curry, leitender Bischof der Episkopalkirche der USA, zur Trauung der beiden in der St. Georgskapelle auf Schloss Windsor gesprochen hat. Da ging es übrigens genau um den heutigen Predigttext:
Liebe ist nicht selbstsüchtig und egozentrisch. Liebe ist aufopfernd. Und dadurch wird sie zur Erlösung, und dieser Weg der selbstlosen, aufopfernden, erlösenden Liebe verändert Leben. Und sie kann diese Welt verändern. Wenn ihr mir nicht glaubt, haltet inne und überlegt oder stellt euch vor. Überlegt und stellt euch vor, überlegt und stellt euch eine Welt vor, in der die Liebe der Weg ist. Stellt euch unsere Häuser und Familien vor, wenn Liebe der Weg ist. Stellt euch Nachbarschaften und Gemeinden vor, wo Liebe der Weg ist.Stellt euch Regierungen und Nationen vor, bei denen Liebe der Weg ist. Stellt euch Wirtschaft und Handel vor, wenn Liebe der Weg ist. Stellt euch diese müde alte Welt vor, wenn die Liebe der Weg ist, selbstlos, aufopfernd, erlösend. Wenn Liebe der Weg ist, dann wird kein Kind auf dieser Welt jemals wieder hungrig zu Bett gehen. Wenn Liebe der Weg ist, wird Gerechtigkeit für immer siegen, wie eine mächtige Strömung.Wenn Liebe der Weg ist, wird Armut zur Geschichte. Wenn Liebe der Weg ist, wird die Erde ein Heiligtum sein. Wenn Liebe der Weg ist, werden wir unsere Schwerter und Schilde niederlegen, unten am Flussufer («down by the riverside»), um nicht mehr an den Krieg zu denken. Wenn Liebe der Weg ist, gibt es viel guten Platz, viel guten Raum für alle Kinder Gottes. Denn wenn Liebe der Weg ist, behandeln wir uns gegenseitig, naja, so wie wir eigentlich Familie sind. Wenn Liebe der Weg ist, wissen wir, dass Gott die Quelle von uns allen ist und wir Brüder und Schwestern, Kinder Gottes sind. Meine Brüder und Schwestern, das ist ein neuer Himmel, eine neue Erde, eine neue Welt, eine neue Menschenfamilie. Und lasst mich euch etwas sagen, der alte Salomo hatte Recht im Alten Testament, das ist Feuer.Also hört nicht auf zu Träumen, Geliebte Gottes in Tailfingen, sondern glaubt und hofft und liebt. Denn damit erfüllt ihr Gottes Gebot und seinen Traum für die Welt, die er geschaffen hat:
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)
Geliebte Gottes in Tailfingen,
Vielleicht brauchen wir einfach wieder ein paar von der Sorte der altorientalischen Propheten. Vielleicht fehlt uns einfach einer vom Kaliber eines Micha von Moreschet, dem unser Wochenspruch zugeschrieben wird. Einer, der sich hinstellt, und mal Klartext redet -- überall da, wo wir in dieser Welt nur rumeiern oder keine Ahnung zu haben scheinen, was wir tun sollen.
Wen so einer da wäre, würden wir ihn bei diversen Regierungen vorbeischicken -- angefangen in Moskau, aber auch in Washington und London, in Peking und Pjöngjang, in Paris und Istanbul und genauso in Berlin und Stuttgart. Wir würden ihn in den Kreistag des Zollernalbkreises schicken und ins Albstädter Rathaus und in die Ebinger Fußgängerzone genauso wie auf den Tailfinger Wochenmarkt. Wir würden ihn in unsere Betriebe schicken und in die Schulen und Kindergärten, in die Kantinen und an die Stammtische. In die Redaktionen diverser Presseorgane und in die Kommentarspalten der sozialen Medien. Wir würden ihn in unsere WhatsApp-Gruppen und Telegram-Kanäle einladen. Und vielleicht, wahrscheinlich, würde er anschließend auch bei uns zu Hause klingeln und in unserem Wohnzimmer den gleichen Klartext reden wie überall sonst.
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)
So einfach ist es nämlich. Der Rest sind Ausreden.
Gottes Wort halten. Liebe üben. Demütig sein vor Gott.
Oder sogar noch kürzer: Gottes Wort halten, das ist Liebe üben und demütig sein vor Gott.
Wir müssen es nur tun.
Klartext. Keine weiteren Fragen. Over and out.Bis mir dieser alte Howard-Jones-Song dazwischenfunkt: "What is love... anyway?"
Was ist denn Liebe überhaupt?
Kann jeder jeden so sehr lieben, dass sich nie einer fürchtet? Sich nie Sorgen macht, nie traurig ist? Die Antwort ist: So sehr kann doch keiner lieben. Niemand kann das. Deswegen stört es mich auch nicht, wenn du zweifelst.Was ist denn Liebe überhaupt? Liebt überhaupt irgendjemand irgendjemanden?Sorry, Howard, das ganze kommt schon ein wenig schnulzig rüber. Aber irgendwie hast du ja recht -- du, und all die anderen, die ähnliche Lieder singen. Oder die vielen hundert "Liebe ist..."-Bildchen malen, die uns seit Jahrzehnten verfolgen.
Vielleicht müssen wir uns das nochmal anschauen, das Ding mit der Liebe?
Frag 10 Personen, was Liebe ist und du bekommst 15 verschiedene Antworten. Frag Experten, was Liebe ist, und du hörst komplizierte Formulierungen über emotionale Bindungen in Verbindung mit Verhaltensweisen, die von Leidenschaft, Intimität und Verbindlichkeit geprägt sind. Frag Theologen und du hörst etwas über den Unterschied zwischen Eros, Phileia und Agape -- zwischen erotischer Liebe, Freundschaft und der selbstlosen Liebe. Aha. Bist du jetzt schlauer?
Das Ding mit der Liebe scheint sich jeder so hinzudrehen, wie er es gerade braucht.
Dabei sollte es doch das Selbstverständlichste der Welt sein. Wir kennen das doch, aus unseren Beziehungen: zu zweit, als Familie, als Freunde, als Gesellschaft. Stell dir die Welt ohne Liebe vor! (Lieber nicht!) Wir wissen doch eigentlich aus eigenem Erleben Bescheid über all die verschiedenen Aspekte der Liebe: Wenn es knistert. Wenn Schmetterlinge im Bauch kribbeln. Wenn freundschaftliche Unterstützung uns gut tut. Wenn es lang wird und schwierig und Liebe durchhält, trotz allem. Das kennen wir doch alles.
Warum ist das dann so schwer?
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)
Gerade in Zeiten in denen es spannend wird, scheint Liebe auf ganz andere Weise zur Lösung zu werden. Liebe wird zum Zufluchtsort, wenn nach Krieg und Zerstörung und Auschwitz in den 50ern seicht-romantische Sissyfilme gedreht werden. Weg von all dem Schrecklichen, eine Flucht in die Schnulze. In den 70 Jahren seither hat sich nichts Wesentliches geändert. Schaut mal auf Netflix und Amazon Prime oder ins ZDF zu Rosamunde Pilcher, was da so läuft. Liebe als Märchen aus einer idealen romantischen Welt, bei der man nicht an den Stress im Job denken muss. Oder an die Nachrichten. Oder an die Gasrechnung. Das kann man sogar alleine schauen, wenn man sich gerade mit dem Partner verkracht hat. Nur weg in die rosarote Liebeswolkenwelt.
Ich glaube, das hast du nicht gemeint, Micha von Moreschet, oder?
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)
Ausgerechnet ein Liebeslied legt man uns heute als Predigttext vor. Ein Liebeslied aus einer Sammlung von Liebesliedern; aus dem alten Orient auch noch, wo man noch ganz anders mit Bildern arbeitete. Bollywood lässt grüßen. Aus einer Liedersammlung, die sich selbst das "Lied der Lieder" nennt und die es auf rätselhafte Weise bis in die Bibel geschafft hat, obwohl auf all ihren Seiten nur ein einziges Mal der Name Gottes in abgekürzter Form vorkommt. Im ersten Jahrhundert, das wissen wir bis heute, hat man diese Lieder noch in den Wirtshäusern gesungen -- und auf Hochzeiten sowieso. Manche haben sie dann umgedeutet, als Bild für die Liebe Gottes zu den Menschen -- ganz fromm, trotz der expliziten Bildersprache -- und vielleicht sind sie deshalb in der Bibel. Irgendwie seltsam, trotzdem, und wahrscheinlich deshalb hört man auch kaum je was davon. Heute aber also schon: Aus dem "Lied der Lieder", aus dem 8. Kapitel:
6 Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine gewaltige Flamme. 7 Viele Wasser können die Liebe nicht auslöschen noch die Ströme sie ertränken. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, würde man ihn verachten? (Hohelied 8,6–7)Es sind die ganz großen Bilder, die hier gemalt werden. Stark wie der Tod. Feurige Glut und gewaltige Flamme. Unauslöschlich selbst von Strömen und Fluten. Mehr wert als alle Habe dieser Welt.
Besonders das mit dem Tod bleibt mir hängen -- in einer Woche in der ich viermal ein Trauergespräch geführt habe. Am Freitag hatte ich zwei Beerdigungen direkt hintereinander. Als Pfarrer gehört das zu meinem Alltag. Ich sehe, was der Tod mit Menschen macht. Wie er unerbittlich hineingreift in Familien und Beziehungen. Wie er unflickbare Löcher reißt, mitten hinein ins Leben. Wie er Menschen auch Druck bereitet -- Angst gar -- wenn sie begreifen, dass das Leben endlich ist und dass das Ende unausweichlich näher kommt. Es gibt vermutlich nichts auf dieser Welt, was uns mächtiger entgegensteht als der Tod.
Doch, sagt dieser Text. Die Liebe. Die Liebe ist stark wie der Tod. Unwiderstehlich wie das Totenreich.
Dass die Liebe tatsächlich den Tod übersteht, das sehe ich bei jeder Beerdigung in den Augen der trauernden Familie. Beziehung hört auf. Umarmungen hören auf. Gespräche hören auf. Aber nie kann der Tod die Liebe einfach ausknipsen. Das ist es doch, warum wir so traurig sind, wenn jemand geht: Die Liebe bleibt und weint um das Gegenüber, das jetzt nur noch in der Erinnerung existiert.
Dass Liebe sogar den Tod überwindet, das wissen wir als Menschen des Neuen Testaments, als Kinder des Evangeliums. Das haben wir diesem Text in gewisser Weise sogar voraus. Für uns ist die Liebe nämlich eine Person. Die Liebe ist Mensch geworden in Jesus Christus. Ihn schauen wir an und sehen den sonst unsichtbaren Gott, der selbst die Liebe ist. In ihm wird Liebe konkret -- konkreter als je zuvor. In ihm sehen wir, was Paulus mit blumigen Worten umschreibt: Dass die Liebe langmütig und freundlich ist. Dass sie nicht eifert, keinen Mutwillen treibt, sich nicht aufbläht. Dass sie nicht das Ihre sucht und das Böse zurechnet. Dass sie gegen die Ungerechtigkeit und für die Wahrheit steht. Dass sie alles erträgt, alles glaubt, alles hofft, alles duldet und vor allem: niemals aufhört. Dass das mehr als poetische Worte sind, das sehen wir an Jesus. Er, Gottes Mensch gewordene Liebe geht wirklich durch alles, was das Menschsein ausmacht. Selbst ins Sterben hinein. Auch vor dem Tod macht die Liebe nicht halt. Und am Ende triumphiert sie, weil Christus auferstanden ist.
Auch der Tod kann die Liebe nicht auslöschen.
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)
Das bringt uns zurück zu dir, lieber Micha. Das bringt uns zurück in den Alltag unserer Welt. In alles, was uns heute begegnet und entgegensteht. Alles, was jetzt gerade auch so überwältigend scheint. Krieg. Inflation. Nukleare Gefahr. Klima. Dramen in unserem Umfeld, in unseren Familien. Beziehungen die zerbrechen. Liebe Menschen, die dem Alkohol verfallen. Menschen, die sich selbst aufgeben. Dunkle Situationen, in die uns sprachlos zurücklassen, weil wir keine Hoffnung sehen.
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)
Wir haben dem allem nämlich etwas entgegenzusetzen. Etwas, das stärker ist, als jede Macht dieser Welt. Etwas, das alles aushält, alles überwindet, alles übersteht.
"Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;", schreibt Paulus, "aber die Liebe ist die größte unter ihnen."
Nein, damit will ich nicht die dunklen Täler dieser Welt mit romantisch-rosanen Liebeswolken übermalen. Ich rede nicht von einer Märchenliebe oder einfach einer, die wir uns solange zurechtdefiniert haben, bis wir sie überall hineindichten können -- auch ohne dass sich etwas ändert.
Ich rede von der Liebe, die stark ist wie der Tod. Ich rede von einer Liebe, die Flammen und Fluten übersteht. Ich rede von einer todesstarken, todesmutigen Liebe. Einer, die hoffnungstrotzig in jede Dunkelheit noch Gottes Licht hineinträgt. Eine die sich glaubensstark auf den Ursprung aller Liebe verlässt. Ich rede von Gottes Liebe, uns offenbart und zuteil geworden in Christus, die in uns lebt, uns stärkt und antreibt, die durch uns die Welt verändern kann.
Geliebte Gottes, lasst euch die Liebe nicht kleinreden. Lasst euch nicht täuschen von flauschig-schnulzigen Zerrbildern der Liebe, die nur für Postkarten und romantische Komödien taugen. Die Liebe ist viel mehr als das, was wir da sehen. Die Liebe ist stark wie der Tod. Die Liebe lässt sich nicht überwinden, sondern überwindet alles. Die Liebe hört nimmer auf und wenn am Ende -- wie auch immer -- alles andere vergeht, ist die Liebe das, was bleibt.
Geliebte Gottes, lasst euch nicht einreden, wir seien machtlos in dieser Welt. Die Liebe, die Gott ausgegossen hat in unsere Herzen, ist mächtiger als jede Waffe, die Menschen erdenken können. Die Liebe ist subversiv, sie arbeitet im Untergrund wie die Wurzeln eines Baumes, die irgendwann die dickste Betonschicht zerbrechen -- und dann bricht Leben auf, Wachstum und Blüte. Lasst euch nicht einschüchtern. Hört nicht auf zu träumen. Haltet an der Liebe fest und stellt euch vor, wie die Welt sich verändern kann, wenn wir glauben und hoffen und lieben.
Und dann liebt! Liebt als Geliebte Gottes, die ihr seid. Glaubt, hofft und lebt die Liebe, die in euch ist. Im Kleinen, im Kleinsten, und immer wachsend in jeder Ecke der Welt, die ihr erreichen könnt. Liebt.
Eine der großen, medial beachteten Liebesgeschichten dieser Welt ist die von Prinz Harry und der amerikanischen Schauspielerin Meghan Markle. Da steckt Stoff für manche Schnulze drin: Der Prinz und die Schauspielerin, über die viele am Hof die Nase rümpfen, in die er sich aber unsterblich verliebt hat. Diese Geschichten zu erzählen überlasse ich gerne anderen. Aber ich möchte euch heute zum Schluss ein paar Sätze mitgeben, die der ehrenwerte Michael Curry, leitender Bischof der Episkopalkirche der USA, zur Trauung der beiden in der St. Georgskapelle auf Schloss Windsor gesprochen hat. Da ging es übrigens genau um den heutigen Predigttext:
Liebe ist nicht selbstsüchtig und egozentrisch. Liebe ist aufopfernd. Und dadurch wird sie zur Erlösung, und dieser Weg der selbstlosen, aufopfernden, erlösenden Liebe verändert Leben. Und sie kann diese Welt verändern. Wenn ihr mir nicht glaubt, haltet inne und überlegt oder stellt euch vor. Überlegt und stellt euch vor, überlegt und stellt euch eine Welt vor, in der die Liebe der Weg ist. Stellt euch unsere Häuser und Familien vor, wenn Liebe der Weg ist. Stellt euch Nachbarschaften und Gemeinden vor, wo Liebe der Weg ist.Stellt euch Regierungen und Nationen vor, bei denen Liebe der Weg ist. Stellt euch Wirtschaft und Handel vor, wenn Liebe der Weg ist. Stellt euch diese müde alte Welt vor, wenn die Liebe der Weg ist, selbstlos, aufopfernd, erlösend. Wenn Liebe der Weg ist, dann wird kein Kind auf dieser Welt jemals wieder hungrig zu Bett gehen. Wenn Liebe der Weg ist, wird Gerechtigkeit für immer siegen, wie eine mächtige Strömung.Wenn Liebe der Weg ist, wird Armut zur Geschichte. Wenn Liebe der Weg ist, wird die Erde ein Heiligtum sein. Wenn Liebe der Weg ist, werden wir unsere Schwerter und Schilde niederlegen, unten am Flussufer («down by the riverside»), um nicht mehr an den Krieg zu denken. Wenn Liebe der Weg ist, gibt es viel guten Platz, viel guten Raum für alle Kinder Gottes. Denn wenn Liebe der Weg ist, behandeln wir uns gegenseitig, naja, so wie wir eigentlich Familie sind. Wenn Liebe der Weg ist, wissen wir, dass Gott die Quelle von uns allen ist und wir Brüder und Schwestern, Kinder Gottes sind. Meine Brüder und Schwestern, das ist ein neuer Himmel, eine neue Erde, eine neue Welt, eine neue Menschenfamilie. Und lasst mich euch etwas sagen, der alte Salomo hatte Recht im Alten Testament, das ist Feuer.Also hört nicht auf zu Träumen, Geliebte Gottes in Tailfingen, sondern glaubt und hofft und liebt. Denn damit erfüllt ihr Gottes Gebot und seinen Traum für die Welt, die er geschaffen hat:
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)
Amen.

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