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In seinem Vortrag beginnt Paul Krugman mit einem ironischen Verweis auf die dramatische Geschwindigkeit politischer Veränderungen in den USA unter der Trump-Administration. Ursprünglich hatte Krugman erwartet, über Handelspolitik und Zölle zu sprechen, doch die aktuelle Lage zwingt ihn, sich mit einem umfassenden Gesetzesvorhaben auseinanderzusetzen – dem sogenannten „One Big Beautiful Bill Act“. Krugman betont, dass dies tatsächlich der offizielle Titel des Gesetzes sei, was bereits viel über den politischen Stil des damaligen Präsidenten aussage. Der Begriff „beautiful“ werde von Trump inflationär und wahllos für alles verwendet, was er befürworte, und das Parlament habe diesen Ausdruck in den offiziellen Sprachgebrauch übernommen, was für Krugman einem Abgleiten in autoritäre Symbolik gleicht – eine Art „Washington als Pyongyang am Potomac“.
Krugman entwickelt eine zusammenhängende Erklärung für die aktuelle Politik: Alles, was seit Barack Obamas Amtsantritt im Jahr 2009 als Fortschritt galt, solle nun gezielt zerstört werden. Dies beginne mit dem Gesundheitssystem. Die unter Obama eingeführte Reform, auch bekannt als Obamacare, habe durch den Ausbau von Medicaid Millionen Menschen Zugang zu medizinischer Versorgung verschafft. Obwohl dieses System komplex und verbesserungswürdig sei, habe es reale Leben gerettet – insbesondere durch die Absicherung bei Vorerkrankungen. Nun drohten massive Kürzungen, vor allem bei Medicaid, jedoch nicht durch direkte Abschaffung, sondern durch administrative Hürden, die besonders bildungsferne und internetlose Bevölkerungsgruppen ausgrenzen würden. Für Krugman ist diese Vorgehensweise nicht zufällig, sondern Ausdruck gezielter Grausamkeit. Er verweist auf das Zitat von Adam Serwer: „The cruelty is the point.“
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Energiewende. In den USA sei es in den letzten Jahren gelungen, Wind- und Solarenergie marktfähig zu machen. Trotz – oder gerade wegen – dieses Erfolgs wolle das neue Gesetz nun sämtliche Förderungen streichen und sogar Sondersteuern auf erneuerbare Energien einführen. Ziel sei es, die saubere Energie gezielt zu sabotieren, obwohl die Technologie bereit sei, den Übergang zu vollziehen.
Krugman spricht außerdem über die Bedrohung für die US-Wissenschaft. Die Stärke der US-Wirtschaft sei historisch eng mit der wissenschaftlichen Forschung und den führenden Universitäten verbunden gewesen, etwa Stanford, MIT oder die Harvard Medical School. Diese Kooperationen hätten ganze Branchen wie Biotechnologie oder IT hervorgebracht. Nun solle die staatliche Forschungsförderung um rund 50 % gekürzt werden, während gleichzeitig Wissenschaftsfeindlichkeit im Regierungsapparat selbst grassiere. Die Ernennung von Robert F. Kennedy Jr. zum Gesundheitsminister sei hierfür symptomatisch: Kennedy lehne nicht nur Impfungen ab, sondern auch die Keimtheorie der Krankheit insgesamt – eine Haltung, die Krugman als gefährlich und absurd bezeichnet.
Im weiteren Verlauf hebt Krugman erneut die Bedeutung von Medicaid hervor. Er betont, dass trotz der bekannten Mängel des US-Gesundheitssystems, der Ausbau von Medicaid eine bedeutende Verbesserung gebracht habe. Das geplante Gesetz könne über 16 Millionen Menschen den Zugang zu Gesundheitsversorgung kosten. Viele weitere müssten mit höheren Kosten rechnen. Krugman erinnert daran, dass vor Obamacare Menschen mit Vorerkrankungen faktisch keine Chance auf Versicherung hatten – ein Zustand, zu dem man nun offenbar zurückkehren wolle.
Er schließt den ersten Teil seines Beitrags mit einer gesellschaftspolitischen Reflexion. Die USA hätten in den letzten Jahrzehnten bedeutende Fortschritte in Sachen Toleranz gemacht – sei es bei der Akzeptanz von Mischehen oder der Gleichstellung homosexueller Paare. All diese Entwicklungen seien nun unter massivem Beschuss. Ein Klima unverhohlener Bigotterie kehre zurück, das zuvor zumindest tabuisiert war. Krugman sieht darin eine systematische Demontage all dessen, was die Vereinigten Staaten zu einer besseren Gesellschaft gemacht habe.
Ein konkretes Beispiel für diese rückschrittliche Politik sei die Einführung von Arbeitsanforderungen für den Erhalt von Medicaid. Krugman stellt klar, dass dies ein Scheinproblem sei: Die überwiegende Mehrheit der Medicaid-Empfänger*innen könne gar nicht arbeiten – aufgrund von Alter, Krankheit, Pflegeverpflichtungen oder weil sie ohnehin schon arbeiteten. Die Vorstellung des faulen, arbeitsfähigen Sozialhilfeempfängers sei ein politischer Mythos – ähnlich der „Welfare Queen“ der 1980er Jahre. Krugman verweist auf seine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Thema Wohlfahrtsstaat, um zu betonen, dass es keinen empirischen Zweifel daran gebe, dass solche Maßnahmen weder notwendig noch gerechtfertigt seien.
Paul Krugman führt seinen Vortrag fort, indem er auf die praktischen Konsequenzen von Arbeitspflichten für Medicaid-Empfänger*innen eingeht. Krugman stellt klar, dass diese Maßnahmen nicht zu höherer Erwerbstätigkeit führen, sondern lediglich dazu, dass viele Menschen ihren Versicherungsschutz verlieren, weil sie an bürokratischen Hürden scheitern. Dieses Muster sei aus der jüngeren Vergangenheit – etwa aus dem Bundesstaat Georgia – bestens bekannt. Dennoch werde diese nachweislich ineffektive Politik nun landesweit zum zentralen Element der Sozialpolitik gemacht.
Auch in der Energiepolitik sieht Krugman eine gefährliche Rückabwicklung. Der technologische Fortschritt habe mit Wind- und Solarenergie eine Möglichkeit geschaffen, die Emissionen drastisch zu reduzieren, ohne den Lebensstandard zu beeinträchtigen. Ein sanftes Subventionssystem hätte genügt, um den Übergang zu erneuerbaren Energien zu vollziehen. Doch seit dem 20. Januar, dem Tag der Amtsübernahme, werde diese Entwicklung aktiv sabotiert.
Krugman blickt zudem auf den wissenschaftlichen und akademischen Sektor, den er als Fundament des amerikanischen Erfolgsmodells beschreibt. Die Vereinigten Staaten seien einst nicht die führende Wissenschaftsnation gewesen – in den 1930er Jahren sei dies eindeutig Deutschland gewesen. Erst durch die Offenheit für internationale Talente, großzügige staatliche Förderung und ein konkurrenzloses Universitätssystem habe sich die USA an die Spitze gearbeitet. Krugman weist darauf hin, dass viele Spitzenfakultäten stark von Einwanderung profitieren. Doch genau diese Offenheit sei nun gefährdet. Internationale Konferenzen würden bereits verlegt oder abgesagt, weil Forscher*innen nicht mehr sicher sein könnten, einreisen zu dürfen – oder gar willkürlich festgehalten zu werden, wenn sie sich kritisch über Donald Trump geäußert hätten. Damit werde das wissenschaftliche Rückgrat des Landes mutwillig zerschlagen.
Krugman berichtet zudem von einer neuen Initiative der Regierung, die sich anschicke, Menschen die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Dies betreffe etwa Verwandte von ihm, die zwar US-Bürger seien, aber durch ihre hispanischen Wurzeln und das Sprechen von Spanisch im öffentlichen Raum zur Zielscheibe von Immigration Enforcement würden. Sie trügen nun Passkarten bei sich, um sich ausweisen zu können – mit der realen Gefahr, dass dies im Ernstfall nicht akzeptiert werde. Die USA bewegten sich auf einen Zustand zu, der mit demokratischen Werten nicht vereinbar sei.
Wirtschaftlich konstatiert Krugman zwei große Erschütterungen. Langfristig sei die Zerstörung der wissenschaftlichen Infrastruktur das größte Risiko für die amerikanische Ökonomie. Kurzfristig seien es vor allem die Zölle, die für Turbulenzen sorgten. Während bei Trumps Amtsantritt der durchschnittliche Zollsatz unter 3 % lag, liege er nun bei rund 17 %. Damit erreiche das Land wieder ein Niveau wie nach dem Smoot-Hawley-Tarif von 1930, der häufig mit der Großen Depression in Verbindung gebracht wird. Doch Krugman hebt hervor, dass es diesmal kein schleichender Prozess sei – die USA seien von nahezu Freihandel in kürzester Zeit in einen Zustand massiver Protektionismus gestürzt. In einer Welt, in der Handel heute dreimal so bedeutend sei wie 1930, sei dies ein Schock von historischer Dimension. Besonders fatal sei dabei nicht nur die Höhe der Zölle, sondern deren völlige Unberechenbarkeit. Unternehmer*innen könnten nicht mehr planen, wenn sich die Handelspolitik im Wochentakt ändere.
Krugman erzählt exemplarisch von zwei großen Zollankündigungen im April – am 2. und am 9. April –, die völlig unterschiedliche Waren betrafen, obwohl das durchschnittliche Zollniveau gleich blieb. Der Grund dafür sei, dass zwei Mitglieder des Wirtschaftsteams in Abwesenheit von Peter Navarro ins Oval Office gingen, Trump zur Kursänderung überredeten und diesen per Truth Social veröffentlichen ließen. Für Krugman ist das ein Beleg dafür, dass die wirtschaftspolitischen Entscheidungen der „größten Nation der Welt“ inzwischen willkürlich und chaotisch gefällt werden.
Noch gravierender als die Zölle seien laut Krugman die ökonomischen Folgen großflächiger Abschiebungen. Diese träfen keineswegs die gesamte Wirtschaft gleichmäßig, sondern genau jene Sektoren, die auf die Arbeitskraft von Migrantinnen angewiesen seien: Landwirtschaft, Baugewerbe, Fleischverarbeitung. Die Vorstellung, dass Migrantinnen Arbeitsplätze von US-Amerikaner*innen wegnähmen, hält Krugman für empirisch widerlegt. Vielmehr nähmen beide Gruppen unterschiedliche Aufgaben wahr. Wenn nun Hunderttausende oder Millionen abgeschoben würden, bedeute das nicht nur menschliches Leid, sondern auch spürbare Preissteigerungen und sinkenden Lebensstandard – schlimmer noch als durch die Zölle.
Krugman warnt davor, vorschnell wirtschaftliche Katastrophen zu prognostizieren, nur weil man mit einer Regierung nicht einverstanden sei. Die Geschichte lehre, dass Krisen sich oft länger hinzögen als erwartet – und dann plötzlich eskalierten. Er zitiert seinen früheren Lehrer Rudiger Dornbusch mit dem berühmten Satz: „The crisis takes longer to happen than you can possibly imagine, and then it happens faster than you can possibly imagine.“ Auch Paul Samuelson kommt zur Sprache, der einst sagte: „The stock market has predicted nine of the last five recessions.“ Krugman mahnt daher zur Vorsicht bei kurzfristigen Prognosen, erkennt aber zugleich die Gefahr eines langfristigen Niedergangs.
Besorgt beobachtet Krugman auch die internationalen Reaktionen: Während eines Besuchs in Brasilien hörte er dort von Anlegern, dass sich die USA zunehmend wie ein Schwellenland verhielten. Die Kombination aus steigenden Zinsen und fallendem Dollar – in der US-Geschichte ein absolutes Novum – deute auf einen Vertrauensverlust der internationalen Investoren hin.
Doch Krugman endet diesen Abschnitt mit einem Hoffnungsschimmer. Er habe befürchtet, dass die Bevölkerung den autoritären Kurs über lange Zeit stillschweigend akzeptieren könnte. Doch das Gegenteil sei der Fall. Die Umfragewerte zum „One Big Beautiful Bill“ seien katastrophal, und die Demokraten hätten bei Sonderwahlen im Schnitt 15 Prozentpunkte besser abgeschnitten als 2024. Auch die Massenproteste – etwa am „No King’s Day“, an dem Krugman selbst teilnahm – zeigten, dass ein wachsames und widerständiges Amerika existiere.
Er glaubt, dass selbst bei einem Durchkommen des Gesetzes die Kürzungen im Sozialbereich nicht von Dauer sein würden. Die gesellschaftliche Gegenwehr werde letztlich dafür sorgen, dass ein Mindestmaß an Anstand wiederhergestellt werde – auch wenn es dauern und große Anstrengungen erfordern werde. Skeptisch bleibt Krugman allerdings, ob Wissenschaft, Bildung und das internationale Ansehen der USA jemals vollständig wiederhergestellt werden können.
Paul Krugman äußert in diesem Abschnitt eine vorsichtige Hoffnung, dass sich in der amerikanischen Gesellschaft mehr Anstand und Widerstand zeige, als er vor einigen Monaten noch vermutet hätte. Trotz der politischen Turbulenzen sieht Krugman Zeichen einer moralischen Gegenbewegung. Er zitiert das Stück Death of a Salesman mit dem Satz „Attention must be paid“, um zu betonen, dass man den aktuellen Entwicklungen Aufmerksamkeit schenken müsse – auch wenn sie beunruhigend sind.
Auf die Frage, ob Trumps Wirtschaftspolitik eine Depression auslösen könne, antwortet Krugman differenziert: Zölle allein führten nicht zwingend zu einer Rezession. Selbst Großbritannien habe in den 1950er Jahren 25 % Zoll gehabt und dennoch niedrige Arbeitslosigkeit verzeichnet. Gefährlich sei jedoch die politische Unberechenbarkeit – nicht die konkreten Maßnahmen, sondern die Unsicherheit, die Investitionen hemme.
Mit Blick auf New York City sieht Krugman das Hauptproblem nicht in Kriminalität oder Migration, sondern in der Wohnungsfrage. Die Stadt sei trotz rechter Rhetorik lebendig, vielfältig, sicherer als je zuvor – aber unerschwinglich. Krugman fordert mehr Wohnungsbau, auch im Luxussegment, da dies indirekt auch bezahlbaren Wohnraum freisetze. Als Vorbild nennt er überraschend Tokio, wo trotz hoher Bevölkerungsdichte bezahlbares Wohnen möglich sei.
Auf die Frage, welcher Präsident die klügste Wirtschaftspolitik betrieben habe, verweist Krugman auf Franklin D. Roosevelt, der das Land durch die Große Depression führte. Trotz Fehlern sei es gelungen, die Wirtschaft zu stärken und soziale Ungleichheit zu verringern. Auch Joe Biden verdiene Anerkennung: Die wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie sei im internationalen Vergleich außergewöhnlich stark gewesen. Es sei gelungen, die Inflation zu bekämpfen, ohne Massenarbeitslosigkeit zu erzeugen – ein Ergebnis, das viele Ökonomen nicht erwartet hätten.
Krugman bekennt sich ausdrücklich zur sozialdemokratischen Idee: Eine im Wesentlichen marktwirtschaftliche Ordnung mit sozialen Sicherungssystemen und Regulierung. Er lobt europäische Länder wie Dänemark und die Niederlande, die trotz geringfügig niedrigerem BIP pro Kopf Lebensstandards bieten, die er als vorbildlich betrachtet. Längere Lebenserwartung, funktionierende soziale Netze und Innovationskraft – etwa bei Halbleitertechnologie (ASML aus den Niederlanden) oder Medikamenten (Dänemark) – zeigten, dass soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit kein Widerspruch sein müssten.
Zur US-Staatsverschuldung erklärt Krugman, dass es keine ökonomische Krise gebe. Die aktuelle Schuldenquote sei vergleichbar mit der Lage nach dem Zweiten Weltkrieg. Großbritannien habe damals sogar eine Schuldenquote von 250 % bewältigt. Das eigentliche Problem sei politisch: Die USA hätten im internationalen Vergleich extrem niedrige Steuern. Würde man nur das Niveau der anderen Industrieländer erreichen, ließe sich die Verschuldung problemlos kontrollieren. Auch Reformen im Gesundheitswesen – etwa das Eindämmen der überteuerten Medicare-Programme – könnten helfen. Der Widerstand mächtiger Interessengruppen verhindere jedoch die nötigen Veränderungen.
In Bezug auf die Zukunft der Sozialversicherung (Social Security) erklärt Krugman, dass es sich zwar technisch um ein umlagefinanziertes System handele, dies aber politisch als Fonds getarnt sei. Die Finanzierung über Lohnnebenkosten (FICA) sei buchhalterisch, aber nicht zwingend notwendig. Die USA hätten die Mittel, die Leistungen zu sichern. Sollte nichts unternommen werden, würden die Leistungen in rund einem Jahrzehnt um etwa 25 % gekürzt – doch Krugman glaubt nicht, dass die Politik dies zulassen wird. Für viele Amerikaner sei Social Security die einzige Altersvorsorge – ein Umstand, der politisch nicht ignoriert werden könne.
Abschließend streift Krugman das Thema Überwachungstechnologie. Er räumt ein, dass er sich mit der Thematik nicht tiefgehend befasst habe, erwähnt aber seine Faszination für die TV-Serie Person of Interest, in der ein fiktives Überwachungssystem zum zentralen Element wird. Seine Erfahrungen als Geschworener in New Jersey hätten ihm einen Einblick in reale polizeiliche Überwachung und Entscheidungsprozesse gegeben – wenn auch auf einem weitaus banaleren Niveau als in der Fiktion.
Paul Krugman schließt sein Gespräch mit einer Reihe persönlicher, gesellschaftlicher und wirtschaftspolitischer Reflexionen ab. Auf die Frage zur Allgegenwart von Überwachung antwortet Krugman nüchtern: Wer glaubt, privat zu sein, irrt. Von Tankstellen bis Beerdigungsinstituten – nahezu jeder öffentliche Raum werde von Kameras überwacht. Selbst vermeintlich diskrete Drogengeschäfte in der Nacht seien meist dokumentiert. Diese Realität sei längst Teil des Alltags.
Krugman zeigt sich tief besorgt über die Kürzungen bei der Forschungsförderung in den USA. Besonders die Naturwissenschaften seien durch die drastische Finanzierungslücke gefährdet, da deren Arbeit besonders teuer sei. Besonders alarmierend findet Krugman, dass nicht nur neue Projekte verhindert, sondern auch laufende Fördermittel gestrichen würden – was rechtlich einem Vertragsbruch gleichkäme. Die Konsequenzen für den wissenschaftlichen Fortschritt seien gravierend.
Zum Thema Wechselkurs erklärt Krugman, dass ein schwächerer US-Dollar tendenziell die Exporte fördert und Importe verteuert, was wiederum inflationstreibend wirkt. Anders als von einigen Ökonomen erwartet, habe der Dollar im Zuge von Trumps Zollpolitik nicht aufgewertet, sondern abgewertet, was die Preissteigerung zusätzlich verstärke.
Eine besonders persönliche Frage lautet, in welchen Punkten Krugman von der Mehrheitsmeinung führender Ökonomen abweiche. Er beschreibt sich selbst als weitgehend orthodox, auch wenn seine zugespitzten Texte oft wie Provokationen wirkten, aber in Wirklichkeit „Econ 101“ in einfacher Sprache seien. Lediglich bei der Staatsverschuldung habe er lange eine gelassenere Haltung vertreten als viele Kollegen – eine Haltung, die sich inzwischen relativiert habe, angesichts der politischen Instabilität. Viele seiner früheren, unorthodoxen Positionen – etwa zur japanischen Deflation oder zur Finanzkrise – seien mit der Zeit Mainstream geworden. Schon 1998 habe er gemeinsam mit Ökonomen wie Ben Bernanke auf Parallelen zwischen Japan und einem möglichen US-Szenario hingewiesen.
Zur Frage nach einem möglichen Übergang zu einem Single-Payer-Gesundheitssystem in den USA führt Krugman das Beispiel Taiwans an, dessen System von seinem verstorbenen Kollegen Uwe Reinhardt und dessen Frau May Chung entworfen wurde – ein weitgehend staatlich finanziertes Modell, vergleichbar mit „Medicare for All“. Dennoch hält Krugman einen solchen Wandel in den USA für politisch kaum durchsetzbar. Zu viele Menschen hätten private Krankenversicherungen über ihren Arbeitgeber und seien mit dem Status quo zufrieden. Zudem verfüge die Versicherungsindustrie über enorme politische Macht. Dennoch weist Krugman darauf hin, dass bereits jetzt über die Hälfte der US-Gesundheitsausgaben vom Staat getragen werde – vor allem durch Medicare und Medicaid. Die USA seien also einem Single-Payer-System näher, als es den Anschein habe.
Auf die Frage nach Geld- und Finanzpolitik für das laufende und kommende Jahr betont Krugman, dass es derzeit keinen wirtschaftlichen Grund gebe, hohe Budgetdefizite zu fahren. Solche Defizite seien sinnvoll bei Kriegen, schweren Finanzkrisen oder Pandemien – aktuell jedoch nicht. Dennoch werde die Fiskalpolitik „katastrophal“ betrieben. Hinsichtlich der Zinspolitik der US-Notenbank zeigt Krugman Verständnis für die vorsichtige Haltung von Jerome Powell: Angesichts der großen Unsicherheit sei es klug, abzuwarten. Niemand wisse, wie sich die Weltwirtschaft bis 2026 entwickeln werde – daher sei „paralysierte Vorsicht“ vielleicht die angemessene Reaktion.
Zur Frage, ob eine Rückverlagerung der Produktion in die USA („Onshoring“) einen wirtschaftlichen Aufschwung bringe, entgegnet Krugman mit einem Faktencheck: Der Anteil der Industrie an Beschäftigung und BIP sei seit den 1970er Jahren stark gesunken – von 25 % auf etwa 10 %. Dies liege nicht primär an Importen, sondern an enormer Produktivitätssteigerung. Auch Länder mit riesigen Exportüberschüssen wie Deutschland hätten heute viel weniger Industriearbeitsplätze als früher. Die Situation gleiche der in der Landwirtschaft: Auch dort produziere die USA enorme Mengen mit sehr wenigen Arbeitskräften. Eine Rückverlagerung der Produktion werde daran wenig ändern.
Auf die Frage, ob Krugman staatlichen Daten noch vertraue, antwortet er: „Ja – noch.“ Er sehe jedoch bereits erste Anzeichen politischer Einflussnahme. So würden Datenquellen etwa zu Kryptoenergieverbrauch bereits vom Energieministerium abgeschaltet. Krugman verweist auf Kolleg:innen, die sich darauf vorbereiten, unabhängige Datensysteme aufzubauen, um Manipulationen erkennen zu können. Die Gefahr einer Entwicklung wie in Argentinien unter den Kirchners, wo amtliche Daten völlig unglaubwürdig wurden, sei real.
Zum Abschluss erhält Krugman eine augenzwinkernde Frage: Ob Harry Seldon – der fiktive mathematische Historiker aus Isaac Asimovs Foundation-Romanen – Donald Trump für den „Mule“ halten würde, also für die unvorhersehbare Figur, die ein ganzes System stört. Krugman verneint, erklärt aber, dass ihn Asimovs Idee der mathematischen Gesellschaftsanalyse stark geprägt habe. Als Jugendlicher habe er davon geträumt, einer dieser analytischen Zukunftsdenker zu werden – Ökonomie sei der Realität am nächsten kommende Ersatz dafür gewesen. Die aktuelle Verfilmung der Foundation-Reihe lehne er jedoch ab – sie habe nichts mit Asimovs intellektueller Tiefe zu tun. Krugman beendet das Gespräch mit der ernüchternden Erkenntnis, dass das Grundproblem aller Voraussagen in der Unvorhersehbarkeit liege: „Ich weiß nicht, was in zwei Monaten passiert – geschweige denn in 200 Jahren.“
By SWISSVOXIn seinem Vortrag beginnt Paul Krugman mit einem ironischen Verweis auf die dramatische Geschwindigkeit politischer Veränderungen in den USA unter der Trump-Administration. Ursprünglich hatte Krugman erwartet, über Handelspolitik und Zölle zu sprechen, doch die aktuelle Lage zwingt ihn, sich mit einem umfassenden Gesetzesvorhaben auseinanderzusetzen – dem sogenannten „One Big Beautiful Bill Act“. Krugman betont, dass dies tatsächlich der offizielle Titel des Gesetzes sei, was bereits viel über den politischen Stil des damaligen Präsidenten aussage. Der Begriff „beautiful“ werde von Trump inflationär und wahllos für alles verwendet, was er befürworte, und das Parlament habe diesen Ausdruck in den offiziellen Sprachgebrauch übernommen, was für Krugman einem Abgleiten in autoritäre Symbolik gleicht – eine Art „Washington als Pyongyang am Potomac“.
Krugman entwickelt eine zusammenhängende Erklärung für die aktuelle Politik: Alles, was seit Barack Obamas Amtsantritt im Jahr 2009 als Fortschritt galt, solle nun gezielt zerstört werden. Dies beginne mit dem Gesundheitssystem. Die unter Obama eingeführte Reform, auch bekannt als Obamacare, habe durch den Ausbau von Medicaid Millionen Menschen Zugang zu medizinischer Versorgung verschafft. Obwohl dieses System komplex und verbesserungswürdig sei, habe es reale Leben gerettet – insbesondere durch die Absicherung bei Vorerkrankungen. Nun drohten massive Kürzungen, vor allem bei Medicaid, jedoch nicht durch direkte Abschaffung, sondern durch administrative Hürden, die besonders bildungsferne und internetlose Bevölkerungsgruppen ausgrenzen würden. Für Krugman ist diese Vorgehensweise nicht zufällig, sondern Ausdruck gezielter Grausamkeit. Er verweist auf das Zitat von Adam Serwer: „The cruelty is the point.“
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Energiewende. In den USA sei es in den letzten Jahren gelungen, Wind- und Solarenergie marktfähig zu machen. Trotz – oder gerade wegen – dieses Erfolgs wolle das neue Gesetz nun sämtliche Förderungen streichen und sogar Sondersteuern auf erneuerbare Energien einführen. Ziel sei es, die saubere Energie gezielt zu sabotieren, obwohl die Technologie bereit sei, den Übergang zu vollziehen.
Krugman spricht außerdem über die Bedrohung für die US-Wissenschaft. Die Stärke der US-Wirtschaft sei historisch eng mit der wissenschaftlichen Forschung und den führenden Universitäten verbunden gewesen, etwa Stanford, MIT oder die Harvard Medical School. Diese Kooperationen hätten ganze Branchen wie Biotechnologie oder IT hervorgebracht. Nun solle die staatliche Forschungsförderung um rund 50 % gekürzt werden, während gleichzeitig Wissenschaftsfeindlichkeit im Regierungsapparat selbst grassiere. Die Ernennung von Robert F. Kennedy Jr. zum Gesundheitsminister sei hierfür symptomatisch: Kennedy lehne nicht nur Impfungen ab, sondern auch die Keimtheorie der Krankheit insgesamt – eine Haltung, die Krugman als gefährlich und absurd bezeichnet.
Im weiteren Verlauf hebt Krugman erneut die Bedeutung von Medicaid hervor. Er betont, dass trotz der bekannten Mängel des US-Gesundheitssystems, der Ausbau von Medicaid eine bedeutende Verbesserung gebracht habe. Das geplante Gesetz könne über 16 Millionen Menschen den Zugang zu Gesundheitsversorgung kosten. Viele weitere müssten mit höheren Kosten rechnen. Krugman erinnert daran, dass vor Obamacare Menschen mit Vorerkrankungen faktisch keine Chance auf Versicherung hatten – ein Zustand, zu dem man nun offenbar zurückkehren wolle.
Er schließt den ersten Teil seines Beitrags mit einer gesellschaftspolitischen Reflexion. Die USA hätten in den letzten Jahrzehnten bedeutende Fortschritte in Sachen Toleranz gemacht – sei es bei der Akzeptanz von Mischehen oder der Gleichstellung homosexueller Paare. All diese Entwicklungen seien nun unter massivem Beschuss. Ein Klima unverhohlener Bigotterie kehre zurück, das zuvor zumindest tabuisiert war. Krugman sieht darin eine systematische Demontage all dessen, was die Vereinigten Staaten zu einer besseren Gesellschaft gemacht habe.
Ein konkretes Beispiel für diese rückschrittliche Politik sei die Einführung von Arbeitsanforderungen für den Erhalt von Medicaid. Krugman stellt klar, dass dies ein Scheinproblem sei: Die überwiegende Mehrheit der Medicaid-Empfänger*innen könne gar nicht arbeiten – aufgrund von Alter, Krankheit, Pflegeverpflichtungen oder weil sie ohnehin schon arbeiteten. Die Vorstellung des faulen, arbeitsfähigen Sozialhilfeempfängers sei ein politischer Mythos – ähnlich der „Welfare Queen“ der 1980er Jahre. Krugman verweist auf seine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Thema Wohlfahrtsstaat, um zu betonen, dass es keinen empirischen Zweifel daran gebe, dass solche Maßnahmen weder notwendig noch gerechtfertigt seien.
Paul Krugman führt seinen Vortrag fort, indem er auf die praktischen Konsequenzen von Arbeitspflichten für Medicaid-Empfänger*innen eingeht. Krugman stellt klar, dass diese Maßnahmen nicht zu höherer Erwerbstätigkeit führen, sondern lediglich dazu, dass viele Menschen ihren Versicherungsschutz verlieren, weil sie an bürokratischen Hürden scheitern. Dieses Muster sei aus der jüngeren Vergangenheit – etwa aus dem Bundesstaat Georgia – bestens bekannt. Dennoch werde diese nachweislich ineffektive Politik nun landesweit zum zentralen Element der Sozialpolitik gemacht.
Auch in der Energiepolitik sieht Krugman eine gefährliche Rückabwicklung. Der technologische Fortschritt habe mit Wind- und Solarenergie eine Möglichkeit geschaffen, die Emissionen drastisch zu reduzieren, ohne den Lebensstandard zu beeinträchtigen. Ein sanftes Subventionssystem hätte genügt, um den Übergang zu erneuerbaren Energien zu vollziehen. Doch seit dem 20. Januar, dem Tag der Amtsübernahme, werde diese Entwicklung aktiv sabotiert.
Krugman blickt zudem auf den wissenschaftlichen und akademischen Sektor, den er als Fundament des amerikanischen Erfolgsmodells beschreibt. Die Vereinigten Staaten seien einst nicht die führende Wissenschaftsnation gewesen – in den 1930er Jahren sei dies eindeutig Deutschland gewesen. Erst durch die Offenheit für internationale Talente, großzügige staatliche Förderung und ein konkurrenzloses Universitätssystem habe sich die USA an die Spitze gearbeitet. Krugman weist darauf hin, dass viele Spitzenfakultäten stark von Einwanderung profitieren. Doch genau diese Offenheit sei nun gefährdet. Internationale Konferenzen würden bereits verlegt oder abgesagt, weil Forscher*innen nicht mehr sicher sein könnten, einreisen zu dürfen – oder gar willkürlich festgehalten zu werden, wenn sie sich kritisch über Donald Trump geäußert hätten. Damit werde das wissenschaftliche Rückgrat des Landes mutwillig zerschlagen.
Krugman berichtet zudem von einer neuen Initiative der Regierung, die sich anschicke, Menschen die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Dies betreffe etwa Verwandte von ihm, die zwar US-Bürger seien, aber durch ihre hispanischen Wurzeln und das Sprechen von Spanisch im öffentlichen Raum zur Zielscheibe von Immigration Enforcement würden. Sie trügen nun Passkarten bei sich, um sich ausweisen zu können – mit der realen Gefahr, dass dies im Ernstfall nicht akzeptiert werde. Die USA bewegten sich auf einen Zustand zu, der mit demokratischen Werten nicht vereinbar sei.
Wirtschaftlich konstatiert Krugman zwei große Erschütterungen. Langfristig sei die Zerstörung der wissenschaftlichen Infrastruktur das größte Risiko für die amerikanische Ökonomie. Kurzfristig seien es vor allem die Zölle, die für Turbulenzen sorgten. Während bei Trumps Amtsantritt der durchschnittliche Zollsatz unter 3 % lag, liege er nun bei rund 17 %. Damit erreiche das Land wieder ein Niveau wie nach dem Smoot-Hawley-Tarif von 1930, der häufig mit der Großen Depression in Verbindung gebracht wird. Doch Krugman hebt hervor, dass es diesmal kein schleichender Prozess sei – die USA seien von nahezu Freihandel in kürzester Zeit in einen Zustand massiver Protektionismus gestürzt. In einer Welt, in der Handel heute dreimal so bedeutend sei wie 1930, sei dies ein Schock von historischer Dimension. Besonders fatal sei dabei nicht nur die Höhe der Zölle, sondern deren völlige Unberechenbarkeit. Unternehmer*innen könnten nicht mehr planen, wenn sich die Handelspolitik im Wochentakt ändere.
Krugman erzählt exemplarisch von zwei großen Zollankündigungen im April – am 2. und am 9. April –, die völlig unterschiedliche Waren betrafen, obwohl das durchschnittliche Zollniveau gleich blieb. Der Grund dafür sei, dass zwei Mitglieder des Wirtschaftsteams in Abwesenheit von Peter Navarro ins Oval Office gingen, Trump zur Kursänderung überredeten und diesen per Truth Social veröffentlichen ließen. Für Krugman ist das ein Beleg dafür, dass die wirtschaftspolitischen Entscheidungen der „größten Nation der Welt“ inzwischen willkürlich und chaotisch gefällt werden.
Noch gravierender als die Zölle seien laut Krugman die ökonomischen Folgen großflächiger Abschiebungen. Diese träfen keineswegs die gesamte Wirtschaft gleichmäßig, sondern genau jene Sektoren, die auf die Arbeitskraft von Migrantinnen angewiesen seien: Landwirtschaft, Baugewerbe, Fleischverarbeitung. Die Vorstellung, dass Migrantinnen Arbeitsplätze von US-Amerikaner*innen wegnähmen, hält Krugman für empirisch widerlegt. Vielmehr nähmen beide Gruppen unterschiedliche Aufgaben wahr. Wenn nun Hunderttausende oder Millionen abgeschoben würden, bedeute das nicht nur menschliches Leid, sondern auch spürbare Preissteigerungen und sinkenden Lebensstandard – schlimmer noch als durch die Zölle.
Krugman warnt davor, vorschnell wirtschaftliche Katastrophen zu prognostizieren, nur weil man mit einer Regierung nicht einverstanden sei. Die Geschichte lehre, dass Krisen sich oft länger hinzögen als erwartet – und dann plötzlich eskalierten. Er zitiert seinen früheren Lehrer Rudiger Dornbusch mit dem berühmten Satz: „The crisis takes longer to happen than you can possibly imagine, and then it happens faster than you can possibly imagine.“ Auch Paul Samuelson kommt zur Sprache, der einst sagte: „The stock market has predicted nine of the last five recessions.“ Krugman mahnt daher zur Vorsicht bei kurzfristigen Prognosen, erkennt aber zugleich die Gefahr eines langfristigen Niedergangs.
Besorgt beobachtet Krugman auch die internationalen Reaktionen: Während eines Besuchs in Brasilien hörte er dort von Anlegern, dass sich die USA zunehmend wie ein Schwellenland verhielten. Die Kombination aus steigenden Zinsen und fallendem Dollar – in der US-Geschichte ein absolutes Novum – deute auf einen Vertrauensverlust der internationalen Investoren hin.
Doch Krugman endet diesen Abschnitt mit einem Hoffnungsschimmer. Er habe befürchtet, dass die Bevölkerung den autoritären Kurs über lange Zeit stillschweigend akzeptieren könnte. Doch das Gegenteil sei der Fall. Die Umfragewerte zum „One Big Beautiful Bill“ seien katastrophal, und die Demokraten hätten bei Sonderwahlen im Schnitt 15 Prozentpunkte besser abgeschnitten als 2024. Auch die Massenproteste – etwa am „No King’s Day“, an dem Krugman selbst teilnahm – zeigten, dass ein wachsames und widerständiges Amerika existiere.
Er glaubt, dass selbst bei einem Durchkommen des Gesetzes die Kürzungen im Sozialbereich nicht von Dauer sein würden. Die gesellschaftliche Gegenwehr werde letztlich dafür sorgen, dass ein Mindestmaß an Anstand wiederhergestellt werde – auch wenn es dauern und große Anstrengungen erfordern werde. Skeptisch bleibt Krugman allerdings, ob Wissenschaft, Bildung und das internationale Ansehen der USA jemals vollständig wiederhergestellt werden können.
Paul Krugman äußert in diesem Abschnitt eine vorsichtige Hoffnung, dass sich in der amerikanischen Gesellschaft mehr Anstand und Widerstand zeige, als er vor einigen Monaten noch vermutet hätte. Trotz der politischen Turbulenzen sieht Krugman Zeichen einer moralischen Gegenbewegung. Er zitiert das Stück Death of a Salesman mit dem Satz „Attention must be paid“, um zu betonen, dass man den aktuellen Entwicklungen Aufmerksamkeit schenken müsse – auch wenn sie beunruhigend sind.
Auf die Frage, ob Trumps Wirtschaftspolitik eine Depression auslösen könne, antwortet Krugman differenziert: Zölle allein führten nicht zwingend zu einer Rezession. Selbst Großbritannien habe in den 1950er Jahren 25 % Zoll gehabt und dennoch niedrige Arbeitslosigkeit verzeichnet. Gefährlich sei jedoch die politische Unberechenbarkeit – nicht die konkreten Maßnahmen, sondern die Unsicherheit, die Investitionen hemme.
Mit Blick auf New York City sieht Krugman das Hauptproblem nicht in Kriminalität oder Migration, sondern in der Wohnungsfrage. Die Stadt sei trotz rechter Rhetorik lebendig, vielfältig, sicherer als je zuvor – aber unerschwinglich. Krugman fordert mehr Wohnungsbau, auch im Luxussegment, da dies indirekt auch bezahlbaren Wohnraum freisetze. Als Vorbild nennt er überraschend Tokio, wo trotz hoher Bevölkerungsdichte bezahlbares Wohnen möglich sei.
Auf die Frage, welcher Präsident die klügste Wirtschaftspolitik betrieben habe, verweist Krugman auf Franklin D. Roosevelt, der das Land durch die Große Depression führte. Trotz Fehlern sei es gelungen, die Wirtschaft zu stärken und soziale Ungleichheit zu verringern. Auch Joe Biden verdiene Anerkennung: Die wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie sei im internationalen Vergleich außergewöhnlich stark gewesen. Es sei gelungen, die Inflation zu bekämpfen, ohne Massenarbeitslosigkeit zu erzeugen – ein Ergebnis, das viele Ökonomen nicht erwartet hätten.
Krugman bekennt sich ausdrücklich zur sozialdemokratischen Idee: Eine im Wesentlichen marktwirtschaftliche Ordnung mit sozialen Sicherungssystemen und Regulierung. Er lobt europäische Länder wie Dänemark und die Niederlande, die trotz geringfügig niedrigerem BIP pro Kopf Lebensstandards bieten, die er als vorbildlich betrachtet. Längere Lebenserwartung, funktionierende soziale Netze und Innovationskraft – etwa bei Halbleitertechnologie (ASML aus den Niederlanden) oder Medikamenten (Dänemark) – zeigten, dass soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit kein Widerspruch sein müssten.
Zur US-Staatsverschuldung erklärt Krugman, dass es keine ökonomische Krise gebe. Die aktuelle Schuldenquote sei vergleichbar mit der Lage nach dem Zweiten Weltkrieg. Großbritannien habe damals sogar eine Schuldenquote von 250 % bewältigt. Das eigentliche Problem sei politisch: Die USA hätten im internationalen Vergleich extrem niedrige Steuern. Würde man nur das Niveau der anderen Industrieländer erreichen, ließe sich die Verschuldung problemlos kontrollieren. Auch Reformen im Gesundheitswesen – etwa das Eindämmen der überteuerten Medicare-Programme – könnten helfen. Der Widerstand mächtiger Interessengruppen verhindere jedoch die nötigen Veränderungen.
In Bezug auf die Zukunft der Sozialversicherung (Social Security) erklärt Krugman, dass es sich zwar technisch um ein umlagefinanziertes System handele, dies aber politisch als Fonds getarnt sei. Die Finanzierung über Lohnnebenkosten (FICA) sei buchhalterisch, aber nicht zwingend notwendig. Die USA hätten die Mittel, die Leistungen zu sichern. Sollte nichts unternommen werden, würden die Leistungen in rund einem Jahrzehnt um etwa 25 % gekürzt – doch Krugman glaubt nicht, dass die Politik dies zulassen wird. Für viele Amerikaner sei Social Security die einzige Altersvorsorge – ein Umstand, der politisch nicht ignoriert werden könne.
Abschließend streift Krugman das Thema Überwachungstechnologie. Er räumt ein, dass er sich mit der Thematik nicht tiefgehend befasst habe, erwähnt aber seine Faszination für die TV-Serie Person of Interest, in der ein fiktives Überwachungssystem zum zentralen Element wird. Seine Erfahrungen als Geschworener in New Jersey hätten ihm einen Einblick in reale polizeiliche Überwachung und Entscheidungsprozesse gegeben – wenn auch auf einem weitaus banaleren Niveau als in der Fiktion.
Paul Krugman schließt sein Gespräch mit einer Reihe persönlicher, gesellschaftlicher und wirtschaftspolitischer Reflexionen ab. Auf die Frage zur Allgegenwart von Überwachung antwortet Krugman nüchtern: Wer glaubt, privat zu sein, irrt. Von Tankstellen bis Beerdigungsinstituten – nahezu jeder öffentliche Raum werde von Kameras überwacht. Selbst vermeintlich diskrete Drogengeschäfte in der Nacht seien meist dokumentiert. Diese Realität sei längst Teil des Alltags.
Krugman zeigt sich tief besorgt über die Kürzungen bei der Forschungsförderung in den USA. Besonders die Naturwissenschaften seien durch die drastische Finanzierungslücke gefährdet, da deren Arbeit besonders teuer sei. Besonders alarmierend findet Krugman, dass nicht nur neue Projekte verhindert, sondern auch laufende Fördermittel gestrichen würden – was rechtlich einem Vertragsbruch gleichkäme. Die Konsequenzen für den wissenschaftlichen Fortschritt seien gravierend.
Zum Thema Wechselkurs erklärt Krugman, dass ein schwächerer US-Dollar tendenziell die Exporte fördert und Importe verteuert, was wiederum inflationstreibend wirkt. Anders als von einigen Ökonomen erwartet, habe der Dollar im Zuge von Trumps Zollpolitik nicht aufgewertet, sondern abgewertet, was die Preissteigerung zusätzlich verstärke.
Eine besonders persönliche Frage lautet, in welchen Punkten Krugman von der Mehrheitsmeinung führender Ökonomen abweiche. Er beschreibt sich selbst als weitgehend orthodox, auch wenn seine zugespitzten Texte oft wie Provokationen wirkten, aber in Wirklichkeit „Econ 101“ in einfacher Sprache seien. Lediglich bei der Staatsverschuldung habe er lange eine gelassenere Haltung vertreten als viele Kollegen – eine Haltung, die sich inzwischen relativiert habe, angesichts der politischen Instabilität. Viele seiner früheren, unorthodoxen Positionen – etwa zur japanischen Deflation oder zur Finanzkrise – seien mit der Zeit Mainstream geworden. Schon 1998 habe er gemeinsam mit Ökonomen wie Ben Bernanke auf Parallelen zwischen Japan und einem möglichen US-Szenario hingewiesen.
Zur Frage nach einem möglichen Übergang zu einem Single-Payer-Gesundheitssystem in den USA führt Krugman das Beispiel Taiwans an, dessen System von seinem verstorbenen Kollegen Uwe Reinhardt und dessen Frau May Chung entworfen wurde – ein weitgehend staatlich finanziertes Modell, vergleichbar mit „Medicare for All“. Dennoch hält Krugman einen solchen Wandel in den USA für politisch kaum durchsetzbar. Zu viele Menschen hätten private Krankenversicherungen über ihren Arbeitgeber und seien mit dem Status quo zufrieden. Zudem verfüge die Versicherungsindustrie über enorme politische Macht. Dennoch weist Krugman darauf hin, dass bereits jetzt über die Hälfte der US-Gesundheitsausgaben vom Staat getragen werde – vor allem durch Medicare und Medicaid. Die USA seien also einem Single-Payer-System näher, als es den Anschein habe.
Auf die Frage nach Geld- und Finanzpolitik für das laufende und kommende Jahr betont Krugman, dass es derzeit keinen wirtschaftlichen Grund gebe, hohe Budgetdefizite zu fahren. Solche Defizite seien sinnvoll bei Kriegen, schweren Finanzkrisen oder Pandemien – aktuell jedoch nicht. Dennoch werde die Fiskalpolitik „katastrophal“ betrieben. Hinsichtlich der Zinspolitik der US-Notenbank zeigt Krugman Verständnis für die vorsichtige Haltung von Jerome Powell: Angesichts der großen Unsicherheit sei es klug, abzuwarten. Niemand wisse, wie sich die Weltwirtschaft bis 2026 entwickeln werde – daher sei „paralysierte Vorsicht“ vielleicht die angemessene Reaktion.
Zur Frage, ob eine Rückverlagerung der Produktion in die USA („Onshoring“) einen wirtschaftlichen Aufschwung bringe, entgegnet Krugman mit einem Faktencheck: Der Anteil der Industrie an Beschäftigung und BIP sei seit den 1970er Jahren stark gesunken – von 25 % auf etwa 10 %. Dies liege nicht primär an Importen, sondern an enormer Produktivitätssteigerung. Auch Länder mit riesigen Exportüberschüssen wie Deutschland hätten heute viel weniger Industriearbeitsplätze als früher. Die Situation gleiche der in der Landwirtschaft: Auch dort produziere die USA enorme Mengen mit sehr wenigen Arbeitskräften. Eine Rückverlagerung der Produktion werde daran wenig ändern.
Auf die Frage, ob Krugman staatlichen Daten noch vertraue, antwortet er: „Ja – noch.“ Er sehe jedoch bereits erste Anzeichen politischer Einflussnahme. So würden Datenquellen etwa zu Kryptoenergieverbrauch bereits vom Energieministerium abgeschaltet. Krugman verweist auf Kolleg:innen, die sich darauf vorbereiten, unabhängige Datensysteme aufzubauen, um Manipulationen erkennen zu können. Die Gefahr einer Entwicklung wie in Argentinien unter den Kirchners, wo amtliche Daten völlig unglaubwürdig wurden, sei real.
Zum Abschluss erhält Krugman eine augenzwinkernde Frage: Ob Harry Seldon – der fiktive mathematische Historiker aus Isaac Asimovs Foundation-Romanen – Donald Trump für den „Mule“ halten würde, also für die unvorhersehbare Figur, die ein ganzes System stört. Krugman verneint, erklärt aber, dass ihn Asimovs Idee der mathematischen Gesellschaftsanalyse stark geprägt habe. Als Jugendlicher habe er davon geträumt, einer dieser analytischen Zukunftsdenker zu werden – Ökonomie sei der Realität am nächsten kommende Ersatz dafür gewesen. Die aktuelle Verfilmung der Foundation-Reihe lehne er jedoch ab – sie habe nichts mit Asimovs intellektueller Tiefe zu tun. Krugman beendet das Gespräch mit der ernüchternden Erkenntnis, dass das Grundproblem aller Voraussagen in der Unvorhersehbarkeit liege: „Ich weiß nicht, was in zwei Monaten passiert – geschweige denn in 200 Jahren.“