
Sign up to save your podcasts
Or


Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.
Brüder! Schwestern! Von Gott Geliebte! Hört auf sein Wort, aus dem Buch der Apostelgeschichte, aus dem 10. Kapitel:
Petrus ging die Treppe hinunter. Er traf die Männer, die zu ihm geschickt worden waren. Er sagte: Ich bin der, den ihr sucht. Warum seid ihr gekommen?Sie sagten: Ein römischer Hauptmann hat uns geschickt. Er heißt Kornelius. Er ist ein gerechter Mann. Er achtet Gott. Viele Menschen aus dem jüdischen Volk schätzen ihn. Ein Engel Gottes hat ihm gesagt: Er soll dich in sein Haus holen. Er soll hören, was du ihm sagst.Petrus bat die Männer herein. Er nahm sie als Gäste auf. Am nächsten Tag ging Petrus los. Er ging mit den Männern. Einige Menschen aus der Gemeinde in Joppe gingen mit.Am folgenden Tag kamen sie nach Cäsarea. Kornelius wartete schon auf sie. Er hatte seine Verwandten und seine engen Freund:innen eingeladen.Als Petrus in das Haus kam, kam Kornelius ihm entgegen. Er fiel vor Petrus nieder. Petrus richtete ihn auf. Er sagte: Steh auf. Ich bin auch nur ein Mensch.Während sie redeten, gingen sie ins Haus. Dort waren viele Menschen versammelt.Petrus sagte zu ihnen: Ihr wisst: Ich bin Jude. Das ist uns nicht erlaubt: zu Menschen aus anderen Ländern gehen und ihr Haus betreten. Aber Gott hat mir gezeigt: Ich soll keinen Menschen ausschließen. Darum bin ich gekommen, ohne zu widersprechen, als ihr mich gerufen habt. Jetzt frage ich euch: Warum habt ihr mich geholt?Kornelius sagte: Vor vier Tagen habe ich gebetet. Zur gleichen Zeit wie jetzt. Ich war in meinem Haus. Da stand plötzlich ein Mann vor mir. Seine Kleidung leuchtete hell. Der Mann sagte: Kornelius, Gott hat dein Gebet gehört. Er hat gesehen, wie du den Armen hilfst.Er sagte weiter: Schick jemanden nach Joppe. Lass Simon holen. Er wird Petrus genannt. Er wohnt bei Simon, dem Gerber. Sein Haus ist am Meer.Ich habe sofort nach dir schicken lassen. Gut, dass du gekommen bist! Jetzt sind wir alle hier vor Gott. Wir wollen hören, was Gott dir aufgetragen hat.Da begann Petrus zu reden. Er sagte: Jetzt verstehe ich es wirklich: So ist Gott nicht. Gott schließt niemanden aus. Gott nimmt Menschen an. Egal, woher sie kommen. Er nimmt alle an, die ihn achten und gerecht handeln.(Apostelgeschichte 10,21-35; von mir in leichte Sprache übertragen)Grenzen gehören zum Leben. Sie ordnen unseren Alltag. Sie helfen, dass Dinge funktionieren. Man weiß, wo man hingehört. Wo man sitzt. Wie etwas läuft. Viele Grenzen merkt man gar nicht. Man bewegt sich sicher in ihnen. Man geht durch vertraute Türen. Man weiß, wie man sich verhält. Grenzen gehören zum Leben. Türen. Regeln. Abläufe. Sie helfen, dass Dinge funktionieren. Dass man sich zurechtfindet.
Und manchmal merkt man eine Grenze plötzlich. Nicht im Kopf. Sondern im Körper. Du bleibst einen Moment stehen. Du zögerst. Du fragst dich: Gehe ich jetzt wirklich weiter? Darf ich hier sein? Passt das noch?
Grenzen entstehen meist nicht aus bösem Willen. Sie entstehen aus Gewohnheit. Aus einem Sinn für Ordnung – gut schwäbisch eben. Alles hat seine Richtigkeit. Grenzen entstehen, weil du Gott oder dem Leben gerecht werden willst.
Die Geschichte, die wir gerade gehört haben, erzählt von solchen Grenzen. Von oben und unten. Von drinnen und draußen. Von erlaubt und nicht erlaubt.
Und sie erzählt von einem Mann, der diese Grenzen ernst nimmt. Nicht leichtfertig. Nicht aus Abgrenzung. Sondern weil er Gott nicht verfehlen will.
Petrus ist keiner von den Engstirnigen. Er ist keiner, der andere klein macht. Er ist einer, der Gott ernst nimmt. Er ist fromm. Er nimmt seinen Glauben ernst. Er hält sich an Regeln, weil sie ihm Orientierung geben, weil sie ihm sagen, wie er vor Gott leben kann. Petrus weiß, was erlaubt ist und was nicht. Und er hält das nicht für eine Kleinigkeit. Für ihn steht daran etwas auf dem Spiel.
Gerade deshalb ist diese Geschichte so unbequem. Nicht, weil Petrus zu eng denkt. Sondern weil seine Grenzen gute Gründe haben. Sie sind gewachsen. Sie sind religiös begründet. Sie gehören zu seiner Verantwortung.
Und genau da setzt Gott an. Nicht bei Gleichgültigkeit. Nicht bei Bosheit. Sondern bei einem Glauben, der es richtig machen will.
Gott zieht die Grenzen nicht, die wir ziehen.
Was tut Gott?
Er erklärt Petrus nichts. Er hält ihm keinen Vortrag. Er sagt nicht: Du liegst falsch. Gott greift diese Grenzen nicht mit Argumenten an. Er bringt Petrus in Situationen.
Alles beginnt harmlos. Fremde Männer stehen vor der Tür. Petrus geht die Treppe hinunter. Er hört zu. Er erfährt: Es geht um einen römischen Hauptmann. Um einen aus der Besatzungsmacht. Um jemanden, mit dem man eigentlich keinen Umgang hat. Und dann passiert das Erste, fast Unmerkliche: Petrus bittet diese Männer herein. Über die Schwelle. Er nimmt sie als Gäste auf. Über Nacht.
Noch ist nichts entschieden. Noch könnte man sagen: Gastfreundschaft gehört sich so. Noch bleibt alles im Rahmen.
Am nächsten Tag geht Petrus mit ihnen los. Er geht nicht allein. Andere gehen mit. Es ist kein Alleingang. Und doch führt der Weg genau dahin, wo seine Grenze verläuft. In ein fremdes Haus. In einen Raum, den er eigentlich nicht betreten darf.
Und dann diese Szene: Kornelius fällt vor ihm nieder. Eine klare Ordnung. Einer oben, einer unten. Petrus könnte das stehen lassen. Er tut es nicht. Er richtet ihn auf. "Steh auf", sagt er. "Ich bin auch nur ein Mensch." Eine Grenze fällt. Nicht theoretisch. Körperlich. Einer wird hochgezogen.
Und während sie reden, gehen sie weiter. Sie bleiben nicht an der Schwelle stehen. Sie gehen hinein. In das Haus. In die Situation. Und dort sind viele Menschen. Öffentlichkeit. Keine Hintertür mehr. Kein Rückzug.
Hier merkt man: Gott führt Petrus Schritt für Schritt an den Punkt, an dem seine guten, begründeten Grenzen nicht mehr tragen. Nicht, weil sie böse wären. Sondern weil sie zu klein werden für das, was Gott vorhat.
Petrus merkt das selbst. Er spricht es aus. Eigentlich darf ich das nicht. Eigentlich gehört sich das nicht. Eigentlich ist das verboten. Und genau dieses „eigentlich“ beginnt zu bröckeln. Nicht, weil Petrus nachlässig wird. Sondern weil Gott ihn anders handeln lässt, als er es sich selbst erlaubt hätte.
Dieses „eigentlich“ ist wichtig. Denn streng genommen steht dieses Verbot so gar nicht im jüdischen Gesetz. Diese Grenze ist enger geworden. Gewachsen aus Erfahrung. Aus Angst, sich zu verlieren. Aus dem Wunsch, das Eigene zu schützen.
Bis hierher ist das gar nicht aufgefallen. Die Grenze war einfach da. Sie hat funktioniert. Sie musste nicht begründet werden. Sie war Teil der Ordnung. Erst als Gott Petrus Schritt für Schritt an ihr entlangführt, wird sichtbar, wie eng sie geworden ist. Dass sie nicht einfach Gottes Grenze ist, sondern eine gewachsene, vertraute, selbstverständliche.
So ist das oft mit unseren Grenzen. Solange sie tragen, merken wir sie nicht. Solange sie Ordnung schaffen, wirken sie richtig. Man denkt nicht darüber nach, warum man an einer Stelle stehen bleibt und an einer anderen weitergeht. Es fühlt sich stimmig an. Normal. So macht man das eben.
Und genau deshalb wird es heikel, wenn Grenzen religiös aufgeladen werden. Wenn christlicher Glaube plötzlich dazu dient, Menschen auszusortieren. Wenn im Namen Gottes von Abwehr geredet wird. Wenn Ausgrenzung christlich begründet wird – irgendwo in der Welt, und manchmal auch ganz nah bei uns.
Wenn laut darüber nachgedacht wird, ob nicht schon genug Menschen mit Migrationshintergrund hier wohnen. Wenn Zugehörigkeit gezählt wird. Wenn Herkunft zum Maßstab wird. Das sind keine bösartigen Gedanken. Sie versprechen Ordnung. Übersicht. Sicherheit. Und oft schützen sie auch das, was wir besitzen oder zu verlieren fürchten.
Aber genau solche Grenzen müssen am Evangelium geprüft werden. An dem Gott, den Petrus hier neu kennenlernt. An einem Gott, der sagt: So bin ich nicht. Ich schließe niemanden aus.
Wir sind in guter Gesellschaft. Petrus, der erfahrene Apostel, hat nicht nur eine Vision gebraucht, sondern einen ganzen Weg, um es zu bemerken. Was brauchen wir, um die Linien zu sehen, die wir ziehen?
„Jetzt verstehe ich es wirklich.“
Verstehen können hätte man es hören können. Immer wieder. In den alten Geschichten. Bei Abraham. Bei Noah. In den Worten der Propheten. Und bei Jesus selbst, der mit Zolleinnehmern und Sünder:innen am Tisch sitzt.
Diese Spur ist da. Schon lange. Sie sagt: Gott denkt weiter als wir. Gott ordnet Menschen nicht in unsere Schubladen ein. Gott rechnet nicht in unseren Kategorien.
Und doch reicht es offenbar nicht, das zu wissen. Offenbar braucht es Situationen. Wege. Begegnungen. Momente, in denen Gott uns mitnimmt, damit aus Hören Verstehen wird.
Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. (Lukas 13,29)Und damit steht eine Frage im Raum:
Wo habe ich Gott so gedacht, dass er meine Grenzen schützt – statt sie zu überschreiten?
Diese Frage stellt sich nicht von selbst – sie wird uns von Gott selbst gestellt.
"So ist Gott nicht."
Wie ist Gott denn?
Diese Frage lässt sich nicht mit einem Satz beantworten. Aber Petrus wagt einen Anfang.
Gott schließt niemanden aus. Gott nimmt Menschen an. Egal, woher sie kommen.Wie ist Gott denn?
Diese Frage lässt sich letztlich nur mit einer Person beantworten. Jesus heißt sie. Jesus, der Messias. Der, den Petrus bezeugt – jetzt vor ganz anderen Menschen, an die er sich bisher nicht gewendet hätte. In ihm wird wahr, wer Gott ist – nicht als Idee, sondern als Wirklichkeit.
In Jesus überschreitet Gott selbst die bekannten Grenzen. Er, Gott, wird ein Mensch. Er geht zu denen, die nicht dazugehören. Er setzt sich an den Tisch mit denen, die draußen sind. Mit Zolleinnehmern und Sünder:innen. Mit Kranken. Mit Verachteten. Mit Menschen, für die es eigentlich keinen Platz gibt. Nicht aus Provokation. Sondern weil Gottes Nähe so ist. Und er bleibt bei ihnen – nicht von oben herab, sondern mitten unter ihnen.
In Jesus überschreitet Gott selbst die letzten Grenzen. Er stirbt. Er geht in die größte Gottesferne. Er nimmt jede, wirklich jede Lebenssituation für sich ein. Und er wird auferweckt. Selbst der Tod hält Gott nicht auf. In Jesus, dem Messias, bricht Gottes Reich in diese begrenzte Welt hinein. Und es öffnet eine Zukunft, die größer ist als unsere Gegenwart. Am Ende wird Gott wirklich "alles in allem" sein.
Als Teil dieses Reiches gibt Gott seinen Geist. Nicht sparsam. Nicht nach Rang. Nicht nach Herkunft. Nicht nach religiöser Vorbildung. Der Geist fällt auf alle, die da sind. Auf Juden und Heiden. Auf Fromme und Suchende. Auf Männer und Frauen. Ohne Ansehen der Person.
„Jetzt verstehe ich es wirklich!“
Petrus hat gesehen, was Gott tut. Gott überschreitet Grenzen. In Christus. Durch den Geist. Und er hört nicht damit auf.
Wenn Gott so ist, wie Petrus ihn hier erkennt, dann bleibt eine Frage offen. Nicht als Forderung. Sondern als leise Irritation:
Wo bringt Gott uns gerade in Bewegung, ohne dass wir es schon verstanden haben? Wo führt er uns an Grenzen entlang, die wir für selbstverständlich halten? Und wo ist er vielleicht schon längst weiter, während wir noch überlegen, ob wir überhaupt gehen dürfen?
„Jetzt verstehe ich es wirklich.“
Das will ich auch sagen können.
Jeden Tag ein wenig mehr.
Darüber staunen. Und leben.
Gott helfe uns dabei!
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.
Brüder! Schwestern! Von Gott Geliebte! Hört auf sein Wort, aus dem Buch der Apostelgeschichte, aus dem 10. Kapitel:
Petrus ging die Treppe hinunter. Er traf die Männer, die zu ihm geschickt worden waren. Er sagte: Ich bin der, den ihr sucht. Warum seid ihr gekommen?Sie sagten: Ein römischer Hauptmann hat uns geschickt. Er heißt Kornelius. Er ist ein gerechter Mann. Er achtet Gott. Viele Menschen aus dem jüdischen Volk schätzen ihn. Ein Engel Gottes hat ihm gesagt: Er soll dich in sein Haus holen. Er soll hören, was du ihm sagst.Petrus bat die Männer herein. Er nahm sie als Gäste auf. Am nächsten Tag ging Petrus los. Er ging mit den Männern. Einige Menschen aus der Gemeinde in Joppe gingen mit.Am folgenden Tag kamen sie nach Cäsarea. Kornelius wartete schon auf sie. Er hatte seine Verwandten und seine engen Freund:innen eingeladen.Als Petrus in das Haus kam, kam Kornelius ihm entgegen. Er fiel vor Petrus nieder. Petrus richtete ihn auf. Er sagte: Steh auf. Ich bin auch nur ein Mensch.Während sie redeten, gingen sie ins Haus. Dort waren viele Menschen versammelt.Petrus sagte zu ihnen: Ihr wisst: Ich bin Jude. Das ist uns nicht erlaubt: zu Menschen aus anderen Ländern gehen und ihr Haus betreten. Aber Gott hat mir gezeigt: Ich soll keinen Menschen ausschließen. Darum bin ich gekommen, ohne zu widersprechen, als ihr mich gerufen habt. Jetzt frage ich euch: Warum habt ihr mich geholt?Kornelius sagte: Vor vier Tagen habe ich gebetet. Zur gleichen Zeit wie jetzt. Ich war in meinem Haus. Da stand plötzlich ein Mann vor mir. Seine Kleidung leuchtete hell. Der Mann sagte: Kornelius, Gott hat dein Gebet gehört. Er hat gesehen, wie du den Armen hilfst.Er sagte weiter: Schick jemanden nach Joppe. Lass Simon holen. Er wird Petrus genannt. Er wohnt bei Simon, dem Gerber. Sein Haus ist am Meer.Ich habe sofort nach dir schicken lassen. Gut, dass du gekommen bist! Jetzt sind wir alle hier vor Gott. Wir wollen hören, was Gott dir aufgetragen hat.Da begann Petrus zu reden. Er sagte: Jetzt verstehe ich es wirklich: So ist Gott nicht. Gott schließt niemanden aus. Gott nimmt Menschen an. Egal, woher sie kommen. Er nimmt alle an, die ihn achten und gerecht handeln.(Apostelgeschichte 10,21-35; von mir in leichte Sprache übertragen)Grenzen gehören zum Leben. Sie ordnen unseren Alltag. Sie helfen, dass Dinge funktionieren. Man weiß, wo man hingehört. Wo man sitzt. Wie etwas läuft. Viele Grenzen merkt man gar nicht. Man bewegt sich sicher in ihnen. Man geht durch vertraute Türen. Man weiß, wie man sich verhält. Grenzen gehören zum Leben. Türen. Regeln. Abläufe. Sie helfen, dass Dinge funktionieren. Dass man sich zurechtfindet.
Und manchmal merkt man eine Grenze plötzlich. Nicht im Kopf. Sondern im Körper. Du bleibst einen Moment stehen. Du zögerst. Du fragst dich: Gehe ich jetzt wirklich weiter? Darf ich hier sein? Passt das noch?
Grenzen entstehen meist nicht aus bösem Willen. Sie entstehen aus Gewohnheit. Aus einem Sinn für Ordnung – gut schwäbisch eben. Alles hat seine Richtigkeit. Grenzen entstehen, weil du Gott oder dem Leben gerecht werden willst.
Die Geschichte, die wir gerade gehört haben, erzählt von solchen Grenzen. Von oben und unten. Von drinnen und draußen. Von erlaubt und nicht erlaubt.
Und sie erzählt von einem Mann, der diese Grenzen ernst nimmt. Nicht leichtfertig. Nicht aus Abgrenzung. Sondern weil er Gott nicht verfehlen will.
Petrus ist keiner von den Engstirnigen. Er ist keiner, der andere klein macht. Er ist einer, der Gott ernst nimmt. Er ist fromm. Er nimmt seinen Glauben ernst. Er hält sich an Regeln, weil sie ihm Orientierung geben, weil sie ihm sagen, wie er vor Gott leben kann. Petrus weiß, was erlaubt ist und was nicht. Und er hält das nicht für eine Kleinigkeit. Für ihn steht daran etwas auf dem Spiel.
Gerade deshalb ist diese Geschichte so unbequem. Nicht, weil Petrus zu eng denkt. Sondern weil seine Grenzen gute Gründe haben. Sie sind gewachsen. Sie sind religiös begründet. Sie gehören zu seiner Verantwortung.
Und genau da setzt Gott an. Nicht bei Gleichgültigkeit. Nicht bei Bosheit. Sondern bei einem Glauben, der es richtig machen will.
Gott zieht die Grenzen nicht, die wir ziehen.
Was tut Gott?
Er erklärt Petrus nichts. Er hält ihm keinen Vortrag. Er sagt nicht: Du liegst falsch. Gott greift diese Grenzen nicht mit Argumenten an. Er bringt Petrus in Situationen.
Alles beginnt harmlos. Fremde Männer stehen vor der Tür. Petrus geht die Treppe hinunter. Er hört zu. Er erfährt: Es geht um einen römischen Hauptmann. Um einen aus der Besatzungsmacht. Um jemanden, mit dem man eigentlich keinen Umgang hat. Und dann passiert das Erste, fast Unmerkliche: Petrus bittet diese Männer herein. Über die Schwelle. Er nimmt sie als Gäste auf. Über Nacht.
Noch ist nichts entschieden. Noch könnte man sagen: Gastfreundschaft gehört sich so. Noch bleibt alles im Rahmen.
Am nächsten Tag geht Petrus mit ihnen los. Er geht nicht allein. Andere gehen mit. Es ist kein Alleingang. Und doch führt der Weg genau dahin, wo seine Grenze verläuft. In ein fremdes Haus. In einen Raum, den er eigentlich nicht betreten darf.
Und dann diese Szene: Kornelius fällt vor ihm nieder. Eine klare Ordnung. Einer oben, einer unten. Petrus könnte das stehen lassen. Er tut es nicht. Er richtet ihn auf. "Steh auf", sagt er. "Ich bin auch nur ein Mensch." Eine Grenze fällt. Nicht theoretisch. Körperlich. Einer wird hochgezogen.
Und während sie reden, gehen sie weiter. Sie bleiben nicht an der Schwelle stehen. Sie gehen hinein. In das Haus. In die Situation. Und dort sind viele Menschen. Öffentlichkeit. Keine Hintertür mehr. Kein Rückzug.
Hier merkt man: Gott führt Petrus Schritt für Schritt an den Punkt, an dem seine guten, begründeten Grenzen nicht mehr tragen. Nicht, weil sie böse wären. Sondern weil sie zu klein werden für das, was Gott vorhat.
Petrus merkt das selbst. Er spricht es aus. Eigentlich darf ich das nicht. Eigentlich gehört sich das nicht. Eigentlich ist das verboten. Und genau dieses „eigentlich“ beginnt zu bröckeln. Nicht, weil Petrus nachlässig wird. Sondern weil Gott ihn anders handeln lässt, als er es sich selbst erlaubt hätte.
Dieses „eigentlich“ ist wichtig. Denn streng genommen steht dieses Verbot so gar nicht im jüdischen Gesetz. Diese Grenze ist enger geworden. Gewachsen aus Erfahrung. Aus Angst, sich zu verlieren. Aus dem Wunsch, das Eigene zu schützen.
Bis hierher ist das gar nicht aufgefallen. Die Grenze war einfach da. Sie hat funktioniert. Sie musste nicht begründet werden. Sie war Teil der Ordnung. Erst als Gott Petrus Schritt für Schritt an ihr entlangführt, wird sichtbar, wie eng sie geworden ist. Dass sie nicht einfach Gottes Grenze ist, sondern eine gewachsene, vertraute, selbstverständliche.
So ist das oft mit unseren Grenzen. Solange sie tragen, merken wir sie nicht. Solange sie Ordnung schaffen, wirken sie richtig. Man denkt nicht darüber nach, warum man an einer Stelle stehen bleibt und an einer anderen weitergeht. Es fühlt sich stimmig an. Normal. So macht man das eben.
Und genau deshalb wird es heikel, wenn Grenzen religiös aufgeladen werden. Wenn christlicher Glaube plötzlich dazu dient, Menschen auszusortieren. Wenn im Namen Gottes von Abwehr geredet wird. Wenn Ausgrenzung christlich begründet wird – irgendwo in der Welt, und manchmal auch ganz nah bei uns.
Wenn laut darüber nachgedacht wird, ob nicht schon genug Menschen mit Migrationshintergrund hier wohnen. Wenn Zugehörigkeit gezählt wird. Wenn Herkunft zum Maßstab wird. Das sind keine bösartigen Gedanken. Sie versprechen Ordnung. Übersicht. Sicherheit. Und oft schützen sie auch das, was wir besitzen oder zu verlieren fürchten.
Aber genau solche Grenzen müssen am Evangelium geprüft werden. An dem Gott, den Petrus hier neu kennenlernt. An einem Gott, der sagt: So bin ich nicht. Ich schließe niemanden aus.
Wir sind in guter Gesellschaft. Petrus, der erfahrene Apostel, hat nicht nur eine Vision gebraucht, sondern einen ganzen Weg, um es zu bemerken. Was brauchen wir, um die Linien zu sehen, die wir ziehen?
„Jetzt verstehe ich es wirklich.“
Verstehen können hätte man es hören können. Immer wieder. In den alten Geschichten. Bei Abraham. Bei Noah. In den Worten der Propheten. Und bei Jesus selbst, der mit Zolleinnehmern und Sünder:innen am Tisch sitzt.
Diese Spur ist da. Schon lange. Sie sagt: Gott denkt weiter als wir. Gott ordnet Menschen nicht in unsere Schubladen ein. Gott rechnet nicht in unseren Kategorien.
Und doch reicht es offenbar nicht, das zu wissen. Offenbar braucht es Situationen. Wege. Begegnungen. Momente, in denen Gott uns mitnimmt, damit aus Hören Verstehen wird.
Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. (Lukas 13,29)Und damit steht eine Frage im Raum:
Wo habe ich Gott so gedacht, dass er meine Grenzen schützt – statt sie zu überschreiten?
Diese Frage stellt sich nicht von selbst – sie wird uns von Gott selbst gestellt.
"So ist Gott nicht."
Wie ist Gott denn?
Diese Frage lässt sich nicht mit einem Satz beantworten. Aber Petrus wagt einen Anfang.
Gott schließt niemanden aus. Gott nimmt Menschen an. Egal, woher sie kommen.Wie ist Gott denn?
Diese Frage lässt sich letztlich nur mit einer Person beantworten. Jesus heißt sie. Jesus, der Messias. Der, den Petrus bezeugt – jetzt vor ganz anderen Menschen, an die er sich bisher nicht gewendet hätte. In ihm wird wahr, wer Gott ist – nicht als Idee, sondern als Wirklichkeit.
In Jesus überschreitet Gott selbst die bekannten Grenzen. Er, Gott, wird ein Mensch. Er geht zu denen, die nicht dazugehören. Er setzt sich an den Tisch mit denen, die draußen sind. Mit Zolleinnehmern und Sünder:innen. Mit Kranken. Mit Verachteten. Mit Menschen, für die es eigentlich keinen Platz gibt. Nicht aus Provokation. Sondern weil Gottes Nähe so ist. Und er bleibt bei ihnen – nicht von oben herab, sondern mitten unter ihnen.
In Jesus überschreitet Gott selbst die letzten Grenzen. Er stirbt. Er geht in die größte Gottesferne. Er nimmt jede, wirklich jede Lebenssituation für sich ein. Und er wird auferweckt. Selbst der Tod hält Gott nicht auf. In Jesus, dem Messias, bricht Gottes Reich in diese begrenzte Welt hinein. Und es öffnet eine Zukunft, die größer ist als unsere Gegenwart. Am Ende wird Gott wirklich "alles in allem" sein.
Als Teil dieses Reiches gibt Gott seinen Geist. Nicht sparsam. Nicht nach Rang. Nicht nach Herkunft. Nicht nach religiöser Vorbildung. Der Geist fällt auf alle, die da sind. Auf Juden und Heiden. Auf Fromme und Suchende. Auf Männer und Frauen. Ohne Ansehen der Person.
„Jetzt verstehe ich es wirklich!“
Petrus hat gesehen, was Gott tut. Gott überschreitet Grenzen. In Christus. Durch den Geist. Und er hört nicht damit auf.
Wenn Gott so ist, wie Petrus ihn hier erkennt, dann bleibt eine Frage offen. Nicht als Forderung. Sondern als leise Irritation:
Wo bringt Gott uns gerade in Bewegung, ohne dass wir es schon verstanden haben? Wo führt er uns an Grenzen entlang, die wir für selbstverständlich halten? Und wo ist er vielleicht schon längst weiter, während wir noch überlegen, ob wir überhaupt gehen dürfen?
„Jetzt verstehe ich es wirklich.“
Das will ich auch sagen können.
Jeden Tag ein wenig mehr.
Darüber staunen. Und leben.
Gott helfe uns dabei!
Amen.

0 Listeners