Christoph predigt

Umkehr zum Leben


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Fast hätte ich ihn weggeworfen, den unscheinbaren Briefumschlag zwischen all den Hochglanz-Werbeprospekten. Zum Glück habe ich ihn gerade noch rechtzeitig bemerkt. Der sachlich-nüchterne weiße Umschlag, mit nur einer kleinen Absenderzeile über meiner Adresse im Fenster kündigt schon an, dass es sich vielleicht um etwas Wichtiges handelt. Dass das tatsächlich so ist, weiß ich, seit ich ihn aufgemacht habe. "Mahnung" steht da in der Betreffzeile. Ich zucke zusammen und fühle mich schuldig. Mahnung. Irgendwas habe ich übersehen. Irgendwas habe ich falsch gemacht. "Sicher ist es Ihnen entgangen, ...", beginnt das Schreiben. Mit anderen Worten: "Du unfähiger Versager! Wie konntest du nur?" So kommt es jedenfalls bei mir an.

Und so fühle ich mich auch ein wenig, wenn ich diesen Brief hier lese. Den von Johannes, dem Offenbarer, an die Gemeinde in Sardes. Wenige Jahrzehnte nach Christus, wohlgemerkt. Weit von mir weg eigentlich. Sprache und Bilder aus einer anderen Zeit. Und doch trifft es mich, was ich hier lese. Aus dem 3. Kapitel des Offenbarungsbuchs:

1 Und dem Engel der Gemeinde in Sardes schreibe: Das sagt, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne: Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot. 2 Werde wach und stärke das andre, das schon sterben wollte, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott. 3 So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße! Wenn du nicht wachen wirst, werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde. 4 Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind's wert. 5 Wer überwindet, soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln. 6 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! (Offenbarung 3,1–6)

Ich kenne deine Werke. "I know what you did last summer", um einen Filmtitel zu zitieren. Ich weiß, was du getan hast. Sofort fühle ich mich ertappt. Warum geht mir das so nahe, was Johannes hier schreibt?

Ich kenne deine Werke.

Du hast den Namen, dass du lebst, und bist doch tot.

Lebendig. Tot.

Außen hui. Innen pfui.

Warum kommt mir das nur so bekannt vor?

"Ich mag es nicht, wenn in jeder Predigt über den Krieg geredet wird", hat mir neulich jemand gesagt. "Da habe ich immer das Gefühl, wir tun nicht genug." "Das ist ja auch so", höre ich mich sagen. "Wir tun nicht genug. Wir werden nie genug tun."

Lebendig. Tot.

Außen hui. Innen pfui.

Wenn ich über Liebe predige und neidisch bin auf die mit dem tollen Urlaub und den großen Autos. Wenn ich von Barmherzigkeit rede und geizig bin, wenn es ums Spenden geht. Oder ums Einkaufen. Dann doch lieber das Billig-T-Shirt aus Bangladesh als irgendein teures Fair-Trade-Ding. Wenn ich von Gemeinschaft rede und eifersüchtig bin um die Aufmerksamkeit und Zuwendung der anderen. Und wenn es nur die Zahl der Likes unter meinen Posts im Internet ist. Wenn ich von Bewahrung der Schöpfung rede und gleichzeitig niemals mit meinem dicken Diesel auf der Autobahn langsamer fahren würde, als es physikalisch möglich ist. Wenn ich vom Frieden rede und gleichzeitig nur daran denke, wie ich -- ich -- am besten (sprich: günstigsten) über den Winter komme.

Außen hui. Innen pfui.

Lebendig. Tot.

Vielleicht habe ich es schon so verinnerlicht, dass es eh nie genug ist, dass ich längst aufgegeben habe. Es ist, als sei da etwas gestorben in mir. Etwas, das an das Gute glaubt und danach strebt. Etwas Hoffendes. Tot.

Kommt "evangelisch" nicht von "Evangelium"? Von "guter Nachricht"? Hoffnungskunde? Froher Botschaft? Von Grund zur Freude und Aufbruch in eine Verheißung?

"Werde wach und stärke das andre, das schon sterben wollte."

Was gibt es festzuhalten? Wo sind sie noch, die kleinen Hoffnungspflänzchen, vielleicht welk und fast am eingehen, aber immer noch da. Was gibt mir Stärke, Hoffnung, Mut und Zuversicht? Wo ist mein Vertrauen auf Gott noch nicht erloschen? Wo hat die Zukunftsangst, die Angst zu kurz zu kommen, die Angst, etwas zu verpassen, die Angst, überwältigt zu werden... wo haben meine Ängste noch nicht alles erstickt?

Ist da noch etwas?

Oder ist schon alles... tot?

Ich rede gerne über Hoffnung, aber was hilft das Reden, wenn sie nicht mehr da ist? "Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagt man gerne. Aber was, wenn sie jetzt doch gestorben ist?

Lebendig. Tot.

Außen hui. Innen pfui.

Außen evangelisch. Innen... Hm. Was? Sünder?

Ist es nicht das, das Wort, vor dem wir uns gerne drücken? Das wir nicht mehr haben wollen in unserem Vokabular, weil es so bedrückend und niederschmetternd klingt? So... schuldig? So... tot?

"So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße!", schreibt Johannes.

Tue Buße. Kehr um.

Das haben wir letztes Jahr auch schon gehört. Und wir werden es -- spoiler alert! -- nächstes Jahr auch wieder hören. Weil wir es immer wieder hören müssen. Buße ist keine einmalige Angelegenheit. Einmal erledigt. Abgehakt. Nächstes Thema. Been there. Done that. Got the t-shirt.

Buße ist etwas Beständiges. Ein immerwährender Prozess des Sich-Zurückwendens zu Gott. Der Neuausrichtung. Der Korrektur. Des Gefundenwerdens mitten im Verlorensein.

„Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: ‚Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen‘, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.“, schreibt Martin Luther in seiner berühmten ersten von 95 Thesen.

Also Buße. Muss mal wieder sein.

"So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße!", schreibt Johannes. Und damit ist das Entscheidende gesagt: "Denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast" -- das bringt das Evangelium wieder auf den Tisch. Die gute Nachricht, um deretwillen ich überhaupt hier bin. Dass es eine Antwort gibt auf die Frage nach dem gnädigen Gott -- bevor die Frage überhaupt gestellt wird. Dass Gott von Anfang an "Ja" gesagt hat zu mir, weil er mich liebt. Dass er mich um Christi willen annimmt und losmacht von den Verstrickungen von Schuld und Fehlverhalten und -- ja: Sünde. Dass er mich lebendig macht, wo es tot ist in mir. Dass er das alles tut, ob ich's verdient habe oder nicht. Gnade nennen wir das.

Ihr Lieben, vergesst die "Mahnung". Der Tag der Buße und des Betens ist doch nicht der furchtbare Tag des Ertapptwerdens von Gott. Es ist doch nicht der Tag des unaushaltbar traurigen Blicks Gottes, der mich unendlich und schmerzhaft enttäuscht anschaut, weil es nicht genug ist, was ich tue. Und niemals sein wird. Der Tag der Buße und des Betens ist doch gerade ein Tag der Umkehr von der Idee, ich könne selbst genug sein und genug tun. Es ist ein Tag der Umkehr zu Gott hin, der mir von Anfang an einzig und allein mit Gnade begegnet. Der sagt, ich muss mir keinen "Namen machen", denn sein Name ist genug. Der mir seine Gerechtigkeit schenkt und sein Leben. Der mir nicht streng nickend zu meiner Beichte eine dicke Strafe aufbrummt, sondern der mich die schönsten Worte hören lässt, die die Liturgie der Kirche überhaupt zu bieten hat: "Der allmächtige Gott hat sich über euch erbarmt. Durch Jesus Christus schenkt er euch seine Gnade und die Vergebung eurer Schuld."

Dahin kehre ich um. Dahin lohnt es sich jedes Mal wieder, umzukehren.

Die Briefe der Offenbarung, auch der an die Gemeinde in Sardes, den wir heute gelesen haben, sind keine Mahnschreiben. Sie sind zu allererst Durchhalteliteratur in einer Zeit der Verfolgung. Sie reden von Gott, der für uns ist und der zu uns hält. Plötzlich höre ich ganz neu die Zusage, die aus diesem Brief spricht:

"Wer überwindet, soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln."

In diesen Sätzen finde ich mich heute wieder. Ich bin da nicht der Handelnde. Christus selbst ist der, der etwas an mir tut: "Wer überwindet, soll mit weißen Kleidern angetan werden." 2 Sätzen vorher war noch von denen die Rede, deren Kleider besudelt sind. Zeichen der Schuld, der Schande und der Scham. Dann kommt Christus und kleidet neu ein. "Ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens." Gerade noch war mir so schmerzhaft bewusst, welchen Raum das Tote in mir hat. Dann kommt Christus und trägt mich ins Buch des Lebens ein. "Ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln." Gerade noch war mir klar geworden, wie untreu ich an vielen Stellen war. Dann kommt Christus und bekennt sich zu mir.

"Dass Kinder schon zur Beichte gehen müssen", hat sich jemand in einem Gespräch diese Woche aufgeregt. Da ging es um die katholische Kirche, wohlgemerkt. Ich habe trotzdem erklärt, wie anders ich die Sache sehe. Beichte und Buße, bekennen der Schuld und Umkehr zu Gott, haben nichts, aber auch gar nichts mit "müssen" zu tun. Aber alles mit dürfen. Wie vielen Menschen -- auch mir selbst -- geht es immer wieder so, dass das Bewusstsein der eigenen Schuld wie ein schwerer Stein auf unserer Schulter lastet. Wie gut tut es, mit jemand darüber reden zu dürfen. Und wie gut tut es erst, am Ende die befreiende Zusage zu hören: Dir sind deine Sünden vergeben. Das macht etwas mit mir. Ich kann leicht, beschwingt und befreit nach Hause gehen.

Auch eine Umkehr: von der Niedergeschlagenheit zur befreiten Leichtigkeit.

Möge Gott uns die heute schenken.

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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