Christoph predigt

Unkraut und Weizen


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Ihr Lieben, Gottes Ackerfeld in Tailfingen,

Am Ende des Jahres stehen wir hier und schauen zurück. Was war gut? Was wird uns bleiben? Wofür können wir dankbar sein? Worauf wollen wir nächstes Jahr achten?

"Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte.", erzählt Jesus.

So sind wir auch einmal ins neue Jahr gestartet:

Mit viel Gutem. Mit gutem Willen und guten Vorsätzen. Mit Hoffnungen für das, was kommen würde. Mit guten Absichten für die Begegnung mit unseren Mitmenschen. Mit gutem Mut, unseren Beitrag zu leisten. Hoffnungsboten zu sein. Friedensstifter zu sein. Mutig für das Gute einzutreten. Das Evangelium zu verkünden in Wort und Tat und allem Wesen.

Da ist viel Gutes gesät worden in dieses Jahr hinein.

So wie in der Geschichte, die Jesus hier erzählt.

Im Markusevangelium gibt es ein ganz ähnliches Gleichnis. Überschrieben ist es oft "von der selbstwachsenden Saat". Da wird von dem Bauern erzählt, der Samen sät und dann heimgeht und sich schlafen legt. Während er schläft, wächst der Weizen und die Frucht geht auf. Der Bauer kann da nicht nachhelfen. Es würde nichts bringen, daneben zu stehen und dem Weizen beim Wachsen zuzuschauen. Oder gar an einem kleinen Hälmchen zu ziehen, damit es schneller wächst. Der Bauer muss das auch nicht. Der Same geht von allein auf. Das Evangelium bringt seine Frucht ohne menschliches Zutun. Das ist die Geschichte, die im Markusevangelium erzählt wird.

Auch der Bauer in unserer Geschichte geht nach Hause und legt sich schlafen.

Aber dann passiert etwas Unerwartetes. Ein Feind lauert nur auf diesen Moment. Heimtückisch streut er fremden Samen auf das gute Feld. Taumellolch heißt die im alten Orient gut bekannte Pflanze, die gerne zwischen Weizenkulturen wächst. In den frühen Stadien sieht die Pflanze fast genau gleich aus, wie der Weizen. Erst wenn die Ähren kommen, kann man die beiden besser unterscheiden. Im Gegensatz zum Weizen taugt die Frucht des Taumellolch höchstens als Hühnerfutter. Fast alle Pflanzenkulturen sind von einem Pilz befallen, der sie für den Menschen ungenießbar macht. Mischt sich zuviel vom Taumellolch unter das Weizenmehl, kommt es zu Vergiftungserscheinungen. Schwindel und Gleichgewichtsstörungen treten auf. Deshalb auch der Name: Taumellolch.

Im alten Orient kannte man solche Geschichten. Gerichtsprotokolle der damaligen Zeit zeugen von derartigem "Saatfrevel", der hart bestraft wurde.

So steht der Bauer mit seinen Angestellten am Rand seines Felds. Unkraut und Weizen wachsen munter durcheinander. Dabei hat er doch nur gutes gesät.

Wir kennen das auch. Gutes und Böses wachsen auch bei uns oft durcheinander. Selten kann man sie ganz klar trennen. Selten gibt es nur schwarz und weiß.

Nun stehen wir da, nach einem Jahr, am Acker unseres Lebens. Auch da zeigt sich Gutes und Böses immer vermischt.

Ich denke an unsere Gesellschaft. Ich denke an Großartiges, was Menschen in diesem Jahr geleistet haben. An Ärzte und Pflegekräfte, an Angehörige, die sich bis an die Grenze ihrer eigenen Kräfte um Menschen kümmerten. An Wissenschaftler, die in Rekordzeite Impfstoffe entwickelten. An alle, die bereit waren, anderen zu helfen. An die große Solidarität, die wir an so vielen Punkten gesehen haben.

Und mittendrin: So viel, was gut gemeint, aber schlecht gemacht war. So viel Egoismus. So viel an einander vorbei geredet. Menschen, die sich verrannt haben und der Realität nicht mehr zugänglich sind. Wüste Kommentare, Drohungen, Fackelaufzüge vor den Wohnungen von Politikern. Gerede von Umsturz und Revolution. Schattenwelten auf Telegram und anderswo.

Unkraut und Weizen.

Ich denke an unsere Gemeinschaft hier. So viel Gutes, was geschehen ist in dieser Zeit. So viel Kreativität. Wo Vertrautes nicht mehr möglich war, ist Neues entstanden. Manches provisorisch, anderes wird uns auch nach der Pandemie bleiben und Gewinn bringen. So viele Menschen haben sich engagiert. So viele Taufen. So viele Konfirmationen. So viel Evangelium, so viel Liebe auf unterschiedlichen Wegen. Und nebenher ja auch noch die großen Leuchtturmprojekte, die uns schon länger beschäftigen und die vorangegangen sind in diesem Jahr. Die große Glocke an der Peterskirche läutet wieder. Das Familienzentrum öffnet dieser Tage die Türen zu der renovierten alten Sozialstation. Für unser Gemeindezentrum auf Stiegel schreiten die Planungen voran. So viel Gutes.

Und mittendrin ist mir schmerzlich bewusst, wie viel auch nicht möglich war. Wie viel wir absagen mussten. Wie oft wir Menschen damit auch nicht gerecht geworden sind. Und unseren eigenen Ansprüchen auch nicht. Wie Menschen gegangen sind, aus unserer Gemeinde, weil sie sich mit der Kirche nicht mehr identifizieren können. Wie andere uns böse Briefe schreiben, weil sie die Einschränkungen nicht verstehen. Wie oft wir gescheitert sind am Anspruch des Evangeliums, das wir miteinander bezeugen wollen.

Unkraut und Weizen.

Ich denke an mich selbst.

Das ist in meinen Augen ein ganz wichtiger Schritt. Es ist zu einfach, "Unkraut" und "Weizen" nur auf Gruppen von Menschen zu beziehen. Zu einfach, dann immer den anderen als "Unkraut" und sich selbst als "Weizen" zu sehen. Auch da gibt es kein schwarz und weiß. Keine nur guten und nur schlechten Menschen. Unkraut und Weizen wachsen gemischt. Auch in meinem Herzen.

Ein persönlicher Rückblick auf das Jahr zeigt mir viel Gutes. Gute Begegnungen. Gute Gespräche. Momente, in denen es mir gut gelungen ist, ein Hoffnungsbote zu sein. Ein Friedensstifter. Ein Mutmacher. Ziele, die ich erreicht habe. Gute Vorsätze, die ich umgesetzt habe. Es ist viel gewachsen, auch in dieser Zeit. Und es ist wichtig, das zu würdigen. Das Gute zu sehen. Gott und anderen Menschen dankbar zu sein. Gutes mitzunehmen ins neue Jahr hinein und zu kultivieren, zu pflegen. Damit der Weizen weiter wächst.

Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, kenne ich auch das Unkraut nur zu gut. Auch in meinem Herzen gelingt es dem Bösen immer wieder, Samen zu säen und Wurzeln zu schlagen. Auch da wachsen Dinge, die da nicht hingehören. Manche fallen mir selbst gar nicht auf. Aber anderen. Von manchen weiß niemand anders, nur Gott. Und ich.

Unkraut und Weizen.

Und genau an dieser Stelle wird mir bewusst, wie sehr ich seine Gnade brauche. Wie sehr wir alle seine Gnade brauchen.

Wie bei dem Bauern, der dort am Feldrand steht, stellt sich ja auch bei mir, bei uns, die Frage nach dem Umgang mit Weizenfeld voll Unkraut.

Schnelle, harte Schnitte scheinen oft angebracht. "Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten?", fragen die Angestellten.

Schnelle, harte Schnitte, wollen wir oft machen. Wir trennen in schwarz und weiß, gut und böse. Viel zu schnell sind wir dabei, unser Urteil zu fällen.

Der Bauer, von dem Jesus spricht, ist vorsichtiger. Er weiß, dass sich nun, da die Ähren sich zeigen, die Wurzeln von Unkraut und Weizen längst verflochten haben. Ihm ist das Gute zu wichtig, um es einfach unbedacht mit dem Bösen auszureißen.

Das wäre vielleicht ein guter Vorsatz für 2022: Von dem Bauern aus der Jesusgeschichte zu lernen. Geduld zu zeigen. Das Gute zu bewahren, statt schnell alles ausreißen zu wollen.

Und heute? Hier? Für mich selbst?

Wie gut, dass ich Gott als den erlebe, der keine schnellen Schnitte macht. Auch in meinem Herzen wächst Unkraut und Weizen vermischt. Wenn Gott ein schneller Ausreißer wäre, dann hätte das Ackerfeld meines Lebens keinen Bestand vor ihm. Wie gut, dass das Gute in mir ihm wichtig ist!

Mit diesem gnädigen Gott will ich gerne ins neue Jahr gehen!

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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