Christoph predigt

Unser Leben sei ein Fest!


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Geliebte Gottes in Gäufelden,

Man muss sich doch freuen!

Man muss sich doch geradezu freuen, wenn man in die Augen eines frisch getauften Kindes schaut. Nicht nur, weil ich da vielleicht süß angelächelt werden. Nicht nur, weil jedes Kind, ganz gleich wer es ist und wo es herkommt, ein wunderbares Geschenk Gottes und damit immer Grund zur Freude ist. Das alles wäre ja schon genug, um deshalb ein Fest zu feiern. Aber dann legt dazu einmal das, was wir bei der Taufe gerade wieder gehört haben: Dass Gott selbst sich diesem Kind zuwendet. Dass er es anspricht, ganz persönlich, und ihm für den Rest seines Lebens Beistand verspricht; Schutz, Segen, Nähe, Liebe, ja das Leben selbst--kurz: alles, was die ständige Gegenwart Gottes in diesem Leben mit sich bringt. Da muss man sich doch freuen. Die Taufe wird zu dem einen Fest, das man nicht in einem Gottesdienst abhandeln kann, und auch nicht, wenn man am Nachmittag noch ein fröhliches Beisammensein mit Kaffee und Kuchen dranhängt. Die Taufe wird zu dem einen Fest, das sich eigentlich durch's ganze Leben zieht. Wenn Gottes Gegenwart bei mir kein Ende hat, dann hört auch der Grund zur Freude nicht auf!

So feiern wir heute eigentlich weiter. Ich sage ganz bewusst "wir", weil wir uns ja immer wieder neu daran erinnern, wenn andere getauft werden, dass auch uns dieses Versprechen Gottes gilt. Auch wir haben es gehört: "Fürchte dich nicht! Ich habe dich erlöst! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. [Du,] du bist mein!" (nach Jesaja 43,1) Und: "Ich bin bei dir alle Tage, bis an der Welt Ende." (nach Matthäus 28,20). So gilt, was eines der Lieder im Jugendliederbuch besingt: "Unser Leben sei ein Fest." Ja, das ganze Leben. Der Grund zur Freude hat ja kein Ablaufdatum!

Und doch, das ist tragisch, aber immer wieder Wirklichkeit, kann diese Freude leider auch verlorengehen. Jesus selbst erzählt davon, in einer seiner ganz bekannten Gleichnisgeschichten--vielleicht der bekanntesten überhaupt. Die muss ich deshalb auch gleich mit einer Art "Warnhinweis" versehen: Gerade weil sie so bekannt ist, "hört" man da oft vieles "hinein", was selbstverständlich drin zu sein scheint, aber in der Erzählung Jesu so gar nicht vorkommt. Ganz bewusst erwähne ich auch deshalb keine Überschrift, die uns vielleicht schon von Anfang an auf eine falsche Fährte bringt. Hört also genau zu, was Jesus erzählt, wenn er uns, wie seine damaligen Zuhörer, mitnimmt ins ländliche Galiläa, zu einer--sagen wir mal--mittelständischen Familie mit landwirtschaftlichem Betrieb und gutem Auskommen:

»Ein Mann hatte zwei Söhne. 12Der jüngere sagte zum Vater: ›Vater, gib mir meinen Anteil am Erbe!‹ Da teilte der Vater seinen Besitz unter den Söhnen auf. 13Ein paar Tage später machte der jüngere Sohn seinen Anteil zu Geld. Dann zog er in ein fernes Land. Dort führte er ein verschwenderisches Leben und verschleuderte sein ganzes Vermögen. 14Als er alles ausgegeben hatte, brach in dem Land eine große Hungersnot aus. Auch er begann zu hungern. 15Da bat er einen der Einwohner des Landes um Hilfe. Der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. 16Er wollte seinen Hunger mit dem Schweinefutter stillen, das die Schweine fraßen. Aber er bekam nichts davon. 17Da ging der Sohn in sich und dachte: ›Wie viele Arbeiter hat mein Vater, und sie alle haben mehr als genug Brot. Aber ich komme hier vor Hunger um. 18Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden. 19Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden. Nimm mich als Arbeiter in deinen Dienst.‹20So machte er sich auf den Weg zu seinem Vater. Sein Vater sah ihn schon von Weitem kommen und hatte Mitleid mit ihm. Er lief seinem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21Aber sein Sohn sagte zu ihm: ›Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden.‹ 22Doch der Vater befahl seinen Dienern: ›Holt schnell das schönste Gewand aus dem Haus und zieht es ihm an. Steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm Sandalen für die Füße. 23Dann holt das gemästete Kalb her und schlachtet es: Wir wollen essen und feiern! 24Denn mein Sohn hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹ Und sie begannen zu feiern.25Der ältere Sohn war noch auf dem Feld. Als er zurückkam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Tanz. 26Er rief einen der Diener zu sich und fragte: ›Was ist denn da los?‹ 27Der antwortete: ›Dein Bruder ist zurückgekommen! Dein Vater hat das gemästete Kalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederhat.‹ 28Da wurde der ältere Sohn zornig. Er wollte nicht ins Haus gehen. Doch sein Vater kam zu ihm heraus und redete ihm gut zu. 29Aber er sagte zu seinem Vater: ›So viele Jahre arbeite ich jetzt schon für dich! Nie war ich dir ungehorsam. Aber mir hast du noch nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden feiern konnte. 30Aber der da, dein Sohn, hat dein Vermögen mit Huren vergeudet. Jetzt kommt er nach Hause, und du lässt gleich das gemästete Kalb für ihn schlachten.‹31Da sagte der Vater zu ihm: ›Mein lieber Junge, du bist immer bei mir. Und alles, was mir gehört, gehört dir. 32Aber jetzt mussten wir doch feiern und uns freuen: Denn dein Bruder hier war tot und ist wieder lebendig. Er war verloren und ist wiedergefunden.‹« (Lukas 15,11-32)


"Man muss sich doch freuen", sagt der Vater am Ende der Geschichte, die das Lukasevangelium ganz bewusst in eine Reihe mit dem "verlorenen Schaf" und der "verlorenen Münze" stellt. Auch da war die Freude am Ende immer groß.

Man muss sich doch freuen--aber hier haben zwei ihre Freude verloren. Zwei, wohlgemerkt. Sie sind Brüder. Sie sind in vielem ganz unterschiedlich--und in manchem am Ende doch überraschend gleich. Sie haben die Freude verloren, die eigentlich da sein sollte, zu Hause, beim Vater. In einer Umgebung, wo es ihnen gut geht. Wo sie alles haben, was sie zum Leben brauchen. Wo sie angesehen und geehrt sind und profitieren vom relativen Wohlstand der Familie. Wo sie dazugehören und geliebt sind. Irgendwann haben sie wohl beide aufgehört, das wahrzunehmen.

Der eine, der jüngere, der bekanntere von beiden, hat die Freude anderswo gesucht. Lasst es mich kurz machen: Dass er auszieht mit einem Anteil am Besitz der Familie hat nichts moralisch verwerfliches an sich. Das war ein damals gar nicht so unüblicher Vorgang. Er geht, er findet Freude und Freunde in einem anderen Land--aber die Freude ist von kurzer Dauer. Ohne Rücksicht auf seine Wurzeln, ohne Verantwortungsgefühl oder weise Voraussicht bringt er seinen Teil des Vermögens in kürzester Zeit durch. Damit hat er jede Verbindung nach Hause verloren. Sein Absturz ist tief. Jesus, der Meister-Geschichtenerzähler, macht das in krassen Bildern klar: Vom Wohlstand bleibt nur Hunger. Sein Zuhause ist jetzt bei den Schweinen. Besonders aus jüdischer Sicht, wo Schweinefleisch tabu war, eine schlimme Vorstellung. Von Freude keine Spur.

Zur gleichen Zeit in Galiläa: Der andere Bruder wohnt noch beim Vater. Er ist noch geehrt und angesehen. Geliebt sowieso. Er hat immer noch alles, was er zum Leben braucht. Er profitiert vom Wohlstand der Familie. Jede Menge Grund zur Freude. Aber zufrieden ist er nicht. Er hat auch seine Vorstellungen von dem, was Freude machen würde. Ein Fest mit Freunden, ein schöner Ziegenbraten dazu... Er hat den Eindruck, ihm entgeht etwas vom Leben. So ganz anders wie das, was sein Bruder in der Fremde treibt, ist seine Vorstellung von Freude auch nicht.

In der Mitte der Geschichte, steht der Vater. Deshalb ist es auch so ungerecht, dass man dieser Erzählung ständig irgendwelche Titel gibt, die auf den jüngeren Sohn abheben. Der Vater ist die Hauptfigur in dieser Erzählung. Als nämlich der jüngere Sohn in der Ferne beschließt, nach Hause zurückzukehren... -- wohlgemerkt: Ohne große Hoffnung. Als Teil der Familie sieht er sich nicht mehr. Aber wäre nicht selbst ein Tagelöhner im Betrieb seiner Familie besser dran als er dort bei den Schweinen? Jedenfalls, als er sich nun aufmacht, mit einer ganzen Rede, die er sich schon zurechtgelegt hat, im Kopf, da sieht der Vater ihn von weitem kommen. Zu der Rede kommt es erst einmal gar nicht, so stürmisch ist die Begrüßung. Der Vater lässt die ganze würdevolle Haltung eines orientalischen Patriarchen sausen und rennt dem Heimkehrer von weitem entgegen. Er umarmt ihn und küsst ihn. Er ignoriert die vorbereitete Rede, als sie dann wenigstens teilweise kommt. Er erhebt den Sohn mit neuem Kleid in die Rolle eines angesehenen Familienmitglieds zurück, er steckt ihm einen Ring an als Zeichen von Stellung und Autorität, er organisiert blitzartig ein Fest und macht den Heimgekehrten zum Ehrengast. "Man muss sich doch freuen!"

"Man muss sich doch freuen" ist seine Erwiderung auf das Unverständnis des älteren Bruders. Der, der sich längst schon freuen könnte. Dessen ganzes Leben immer ein Fest hätte sein können. Jetzt gilt das auch für den Bruder wieder. Wie kann man sich da nicht mit freuen?

Am Ende der Erzählung wendet sich Jesus seinen Zuhörer:innen zu. Besonders fromme Leute sind das, die Anstoß daran nehmen, dass er sich so offensichtlich mit denen umgibt, bei denen vieles schiefgelaufen ist im Leben. "Man muss sich doch freuen" klingt der letzte Satz noch nach. Jesus schaut seine Zuhörer:innen an und sagt... nichts. Das ist auffällig. Beim "verlorenen Schaf" und bei der "verlorenen Münze" gab es jeweils noch so eine Art praktische Anwendung, einen Lebensbezug, eine "Moral von der Geschicht'". Hier nicht. Wie so oft liefert Jesus keine fertigen Antworten. Er will die Zuhörenden selbst zum Nachdenken bringen.

Uns heute auch.

Man muss sich doch freuen.

Unser Leben sei ein Fest...

Wie sieht es bei dir mit der Freude aus? Wäre da nicht so viel Grund dazu, weil du doch -- so sein Versprechen -- in Gottes ständiger Nähe lebst? Ist sie noch da, diese Freude? Hast du sie, wie der jüngere Sohn in der Geschichte, vielleicht eher woanders gesucht? Hast du sie dort auch wirklich und dauerhaft gefunden? Oder bist du, wie der ältere Sohn in der Erzählung, zwar da, in Gottes Nähe, aber merkst gar nicht mehr, wie viel Grund zur Freude das ist?

Wenn dir die Freude verloren gegangen ist, diese Freude vom Anfang, aus Gottes Versprechen, dann höre heute in dieser Jesuserzählung, dass sie sich wieder finden lässt. Gott hat dich doch nicht aufgegeben! Stell dir vor, du kannst die Freude wiederfinden -- als ob es heute wäre, dass er dir dein Taufversprechen gibt. Gott lädt dich ein, ganz neu mit ihm zu feiern. Das könnte dein Fest werden, heute. Eins, das nie zu Ende geht. Unser Leben sei ein Fest!

Wenn du dich sowieso schon freuen kannst, heute, dann lass dich trotzdem noch einmal mit einladen. Lass dich anstecken von dem, was andere um dich herum erleben, wenn die Freude wieder neu entfacht wird. Seid fröhlich miteinander, weil Gott sich allen zugewandt hat.

Da muss man sich doch freuen, oder?

Amen.

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