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Gnade mit euch und Friede, von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Evangelium nach Lukas, aus dem 22. Kapitel
47 Als er aber noch redete, siehe, da kam eine Schar; und einer von den Zwölfen, der mit dem Namen Judas, ging vor ihnen her und nahte sich Jesus, um ihn zu küssen. 48 Jesus aber sprach zu ihm: Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss? 49 Als aber, die um ihn waren, sahen, was geschehen würde, sprachen sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? 50 Und einer von ihnen schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein rechtes Ohr ab. 51 Da sprach Jesus: Lasst ab! Nicht weiter! Und er rührte sein Ohr an und heilte ihn. 52 Jesus aber sprach zu den Hohenpriestern und Hauptleuten des Tempels und den Ältesten, die zu ihm hergekommen waren: Ihr seid wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen ausgezogen? 53 Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen, und ihr habt nicht Hand an mich gelegt. Aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis. (Lukas 22,47-53)Geliebte Gottes in der Augustenhilfe,
Wir sind mittendrin in der Passionsgeschichte. Was lange gegärt hat, das spitzt sich zu am Abend des Tages, den wir heute Gründonnerstag nennen. Gerade hat Jesus noch mit seinen Jüngern das Passamahl gefeiert. Dann ging es hinaus, in die Kühle des Abends, in die Stille der Nacht. Jesus war unruhig, getrieben von dem, was er auf sich zukommen wusste. Die Jünger waren einfach nur müde. Während er betet und ringt, schwitzt und zittert, schlafen sie ein. Sie lassen ihn ganz alleine.
"Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!"
Und dann kommen sie, die Gegner. Mit ihnen der, der die Gruppe der Jünger früher am Abend verlassen hatte, um Jesus auszuliefern. Judas. Der, der ihn mit einem Kuss begrüßt.
In der Abenddämmerung im Garten treffen sie zusammen. Die Spannung, die in der Luft lag, wird sich gleich entladen. Jetzt beginnt, wovor sie sich gefürchtet haben. Jetzt beginnt, weshalb er gerade noch geschwitzt und gezittert hat.
Mit einem Kuss verrätst du den Menschensohn?
Die Rollen sind ganz klar verteilt. Auf der einen Seite der "Menschensohn". Allein, dass Jesus immer wieder diesen Titel aus den Prophetentexten der hebräischen Bibel für sich in Anspruch nimmt, zeugt von seinem Sendungsbewusstsein als Sohn Gottes. "Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen." hat Gott selbst über ihm ausgerufen bei der Taufe am Jordan. Und seither hat alles, was er getan hat, diesen Anspruch bestätigt: von seinen vollmächtigen Predigten über das nahegekommene Gottesreich bis zu den Zeichenhandlungen, mit denen er das Heil der kommenden Zeit schon vorwegnimmt an den Menschen um ihn her. Für die, die bei ihm waren, kann es keinen Zweifel geben. Er ist wahrhaftig Gottes Sohn. Selbst ein heidnischer Hauptmann der römischen Armee wird dies wenig später unter seinem Kreuz erkennen.
Mit ihm sind seine Nachfolger. Die echten. Judas zähle ich jetzt einmal nicht mit. Der hat den Kreis der Jünger ja früher am Abend selbst verlassen. Die, die übrig geblieben sind, sind die, die konsequent den Weg mit Jesus weitergehen. Für ihn haben sie alles verlassen. Für ihn haben sie manche Entbehrung auf sich genommen in den letzten Jahren, und den Unmut der Mächtigen sowieso. Sie sind ihm treu geblieben. Sie sind auch jetzt bei ihm, bereit, für ihn einzustehen: "Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen?" Mag ja sein, dass die Gegner viel besser aufgestellt sind. Kampflos geben sie ihren Jesus nicht drein. Schon fällt das Ohr eines der Schergen, der sich zu weit vorgewagt hatte. Sollen sie doch kommen! Hier stehen die, die für die gerechte Sache kämpfen! Sie werden schon sehen, dass Gott auf unserer Seite ist.
Auf der anderen Seite steht eine gemischte Schar. Die Hohepriester und die Ältesten -- geistliche Führer des Volkes. Die, die sich schon lange in ihrer Führungsstellung bedroht sahen durch die Popularität und die frechen Anfragen dieses Jesus von Nazareth. Irgendwann hatten sie genug. Der Entschluss für das, was jetzt hier geschieht, ist längst gefallen. Er muss weg. Alleine sind sie nicht gekommen. Ihre Diener sind zur Verstärkung dabei -- einer hat jetzt ein Ohr weniger -- und die Tempelpolizei.
Und Judas. Der, der die Seiten gewechselt hat. Der, der hier Jesus noch scheinheilig mit einem Kuss begrüßen will, ganz intim, wie einen engen Freund. "Es fuhr aber der Satan in Judas, genannt Iskariot", hat Lukas etwas früher im Kapitel geschrieben.
Mit einem Kuss verrätst du den Menschensohn?
Ob es tatsächlich zum Kuss kommt, lässt Lukas offen. Vielleicht erschien es ihm zu abstoßend, dass der Gottessohn sich von einem Verräter küssen lassen würde.
Die Rollen sind ganz klar verteilt. Die Fronten sind ganz klar gezogen.
Gut und böse.
Im klassischen Western, "high noon" unter der Mittagssonne vor dem Saloon, hätte Jesus jetzt einen weißen Hut auf und Judas einen schwarzen. Und jeder einen Colt in der Hand.
Gut und böse. Schwarz und weiß.
Nur, dass die Welt ganz selten aus zwei Farben besteht.
Ist das denn wirklich alles so klar?
Der erste Schwertstreich fällt von der Seite der "Guten". Da hat sich einer vorgewagt für seinen Jesus. Etwas voreilig vielleicht -- und wieviel taktischen Sinn es macht, ausgerechnet das Ohr eines Dieners abzuhauen, darüber könnte man streiten. Ein anderes Evangelium weiß, das es Petrus gewesen sein soll. Wie so oft steht er irgendwie in der ersten Reihe, vielleicht auch repräsentativ für die restlichen Jünger. Ein mutiger Verteidiger der Glaubens, ein treuer Nachfolger, oder nicht? Nur wenige Sätze vorher war er es, von dessen Versuchung durch Satan Jesus zu berichten wusste -- nicht Judas. Später am Abend wird er seinen Meister schmählich verraten -- auch das wusste Jesus schon. Untreu. Und die anderen, die hinter ihm stehen, werden da längst nicht mehr da sein. Aus Angst um das eigene Leben rennen sie bei der nächsten Gelegenheit panisch davon. Untreu.
Es lohnt sich schon, etwas genauer hinzuschauen. Helden sind auf der Jesus-Seite keine zu finden an diesem Abend.
Und auf der anderen?
Ist nicht Judas am Ende in einer ganz ähnlichen Lage wie die Jünger, die ihm gegenüberstehen? Auch er hat Jesus geliebt. Auch er ist mit ihm ausgezogen, hat alles zurückgelassen. Hat alles auf diesen Jesus und seine Botschaft vom Gottesreich gesetzt. Auch er hat Entbehrungen ertragen und Widerstand. Auch er hat durch das alles zu Jesus gehalten. Was am Ende den Ausschlag gab, dass er jetzt hier auf der anderen Seite steht, darüber können wir nur spekulieren. Das Geld allein kann es nicht gewesen sein, wie viele es vermuten. Schließlich hat Judas sich aus eigenen Stücken entschlossen, zu den Gegnern Jesu zu gehen, bevor man überhaupt etwas anbot. Wie so viele andere an diesem Abend hat er irgendwo nicht durchgehalten. Irgendwo eine falsche Entscheidung getroffen. Irgendwo hat er Jesus im Stich gelassen. Untreu.
Jesus selbst trägt übrigens auch nicht zu einer Klärung der Frontlinien bei. Im Gegenteil: Er durchbricht die Fronten, indem er den blutenden Diener nicht als Gegner sieht, sondern als Leidenden. Als Bedürftigen. Sofort legt er Hand an. Wieder ein Zeichen des kommenden Gottesreichs -- an denen, die gekommen sind, ihn zu verhaften. Und auch den anderen begegnet er nicht als Feind. Als er mit ihnen spricht, geschieht das ganz sachlich und ruhig.
Das einst so klare schwarz-weiße Bild kommt ins Wanken.
Nur einer ist bisher völlig klar geblieben. Einer kann bis hierher genau einordnen, was gut und was böse ist. Richtig und falsch. Treu und untreu. Einer weiß für jede einzelne Person, von der Lukas hier erzählt, genau, was sie falsch gemacht hat und wie es richtig gewesen wäre. Ein einziger in der ganzen Szene glänzt durch völlige Überlegenheit, ja, durch geradezu ungetrübte Perfektion.
Wisst ihr, wer dieser eine ist?
Ihr denkt wahrscheinlich jetzt: Jesus. Aber das ist falsch. Dieser eine... bin ich!
Ich!
Ich bin der, der sich über jede einzelne Person in der Geschichte ein Urteil erlaubt. Ich bin der, der alles besser weiß. Der bei anderen Untreue konstatiert und falsche Entscheidungen. Fehlendes Durchhaltevermögen. Verrat sogar. Ich bin der, der versucht hat, die Welt hier in schwarz und weiß einzuteilen.
Und bei allem dem habe ich so getan, als stünde ich darüber. Als hätte ich das Recht, zu urteilen.
Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (Lukas 9,62)
Meine Augen sehen stets auf den Herrn...
Kann ich denn wirklich von mir behaupten, dass das auf mich uneingeschränkt zutrifft? Nach außen sieht es vielleicht für manche so aus. Aber die Realität ist doch eine andere. Ich könnte an der Stelle ganz vieler Figuren in dieser Geschichte stehen. Vielleicht bin ich der voreilige Petrus, der dann nachher steif und fest behauptet, Jesus gar nicht zu kennen. Erst übermütig, dann wankelmütig. Untreu. Vielleicht bin ich einer derer, die sich bei der nächsten Gelegenheit still und heimlich verdrücken.. Vielleicht bin ich Judas, der es nicht mehr aushält und hingeht und Jesus ausliefert.
Das könnte ich alles sein, nur eines nicht: Der unbeteiligte Zuschauer, der nie ein Problem mit der eigenen Nachfolge Jesu hat.
Ich stehe mittendrin, dort im Garten.
Und jetzt?
Was mache ich nun?
Meine Augen sehen stets auf den Herrn...
Vielleicht ist es das, was ich tun sollte. Noch einmal auf Jesus schauen. Auf das, was der tut. Der lässt sich nämlich mitnehmen. Der liefert sich den Mächtigen aus. Der geht ans Kreuz und stirbt. Für Petrus. Für die feige geflüchteten Jünger. Für den Verbrecher neben ihn. Für dich.
Für Judas?
Ja, ich behaupte, auch für Judas.
Und das macht mir Hoffnung für mich. Egal wo ich stehe in dieser Gartengeschichte -- egal wie untreu ich bin -- Gott versöhnt sich in mir durch den Jesus vom Kreuz.
Nach der Auferstehung versammelt er die verängstigten Jünger um sich.
Er begegnet Petrus am See Genetsaret und nimmt ihn an, liebt ihn, beauftragt ihn.
Er wendet sich dir und mir zu und verspricht -- schon in der Taufe -- Vergebung und neues Leben. Als hätte er's geahnt, das wir das brauchen.
Und Judas?
Das bleibt irgendwie offen.
In der mittelalterlichen Kathedrale von Vézélay in Burgund gibt es dazu ein spannendes Steinrelief. Auf einem Bild sieht man den reuigen Judas, der selbst seinem Leben ein Ende bereitet. Verzweifelt über die eigene Untreue. Auf dem Bild daneben sieht man Jesus, den guten Hirten. Nur ist es kein Schaf, das er trägt. Zärtlich trägt er den Körper seines Freundes, des toten Judas, wie ein Schaf auf seinen Schultern nach Hause.
Vielleicht ist das das Ende seiner Geschichte. Vorstellen könnte ich es mir bei Jesus gut.
Aber das soll am Ende nicht meine Sorge sein.
Meine Augen sehen stets auf den Herrn.
Vielleicht nicht "stets". Aber jetzt. Hier. Heute.
Untreu, wie ich war, darf ich auf ihn schauen. Vergebung bei ihm finden. Und in Frieden mit ihm weitergehen.
Noch ein echtes Wunder.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede, von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Evangelium nach Lukas, aus dem 22. Kapitel
47 Als er aber noch redete, siehe, da kam eine Schar; und einer von den Zwölfen, der mit dem Namen Judas, ging vor ihnen her und nahte sich Jesus, um ihn zu küssen. 48 Jesus aber sprach zu ihm: Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss? 49 Als aber, die um ihn waren, sahen, was geschehen würde, sprachen sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? 50 Und einer von ihnen schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein rechtes Ohr ab. 51 Da sprach Jesus: Lasst ab! Nicht weiter! Und er rührte sein Ohr an und heilte ihn. 52 Jesus aber sprach zu den Hohenpriestern und Hauptleuten des Tempels und den Ältesten, die zu ihm hergekommen waren: Ihr seid wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen ausgezogen? 53 Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen, und ihr habt nicht Hand an mich gelegt. Aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis. (Lukas 22,47-53)Geliebte Gottes in der Augustenhilfe,
Wir sind mittendrin in der Passionsgeschichte. Was lange gegärt hat, das spitzt sich zu am Abend des Tages, den wir heute Gründonnerstag nennen. Gerade hat Jesus noch mit seinen Jüngern das Passamahl gefeiert. Dann ging es hinaus, in die Kühle des Abends, in die Stille der Nacht. Jesus war unruhig, getrieben von dem, was er auf sich zukommen wusste. Die Jünger waren einfach nur müde. Während er betet und ringt, schwitzt und zittert, schlafen sie ein. Sie lassen ihn ganz alleine.
"Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!"
Und dann kommen sie, die Gegner. Mit ihnen der, der die Gruppe der Jünger früher am Abend verlassen hatte, um Jesus auszuliefern. Judas. Der, der ihn mit einem Kuss begrüßt.
In der Abenddämmerung im Garten treffen sie zusammen. Die Spannung, die in der Luft lag, wird sich gleich entladen. Jetzt beginnt, wovor sie sich gefürchtet haben. Jetzt beginnt, weshalb er gerade noch geschwitzt und gezittert hat.
Mit einem Kuss verrätst du den Menschensohn?
Die Rollen sind ganz klar verteilt. Auf der einen Seite der "Menschensohn". Allein, dass Jesus immer wieder diesen Titel aus den Prophetentexten der hebräischen Bibel für sich in Anspruch nimmt, zeugt von seinem Sendungsbewusstsein als Sohn Gottes. "Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen." hat Gott selbst über ihm ausgerufen bei der Taufe am Jordan. Und seither hat alles, was er getan hat, diesen Anspruch bestätigt: von seinen vollmächtigen Predigten über das nahegekommene Gottesreich bis zu den Zeichenhandlungen, mit denen er das Heil der kommenden Zeit schon vorwegnimmt an den Menschen um ihn her. Für die, die bei ihm waren, kann es keinen Zweifel geben. Er ist wahrhaftig Gottes Sohn. Selbst ein heidnischer Hauptmann der römischen Armee wird dies wenig später unter seinem Kreuz erkennen.
Mit ihm sind seine Nachfolger. Die echten. Judas zähle ich jetzt einmal nicht mit. Der hat den Kreis der Jünger ja früher am Abend selbst verlassen. Die, die übrig geblieben sind, sind die, die konsequent den Weg mit Jesus weitergehen. Für ihn haben sie alles verlassen. Für ihn haben sie manche Entbehrung auf sich genommen in den letzten Jahren, und den Unmut der Mächtigen sowieso. Sie sind ihm treu geblieben. Sie sind auch jetzt bei ihm, bereit, für ihn einzustehen: "Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen?" Mag ja sein, dass die Gegner viel besser aufgestellt sind. Kampflos geben sie ihren Jesus nicht drein. Schon fällt das Ohr eines der Schergen, der sich zu weit vorgewagt hatte. Sollen sie doch kommen! Hier stehen die, die für die gerechte Sache kämpfen! Sie werden schon sehen, dass Gott auf unserer Seite ist.
Auf der anderen Seite steht eine gemischte Schar. Die Hohepriester und die Ältesten -- geistliche Führer des Volkes. Die, die sich schon lange in ihrer Führungsstellung bedroht sahen durch die Popularität und die frechen Anfragen dieses Jesus von Nazareth. Irgendwann hatten sie genug. Der Entschluss für das, was jetzt hier geschieht, ist längst gefallen. Er muss weg. Alleine sind sie nicht gekommen. Ihre Diener sind zur Verstärkung dabei -- einer hat jetzt ein Ohr weniger -- und die Tempelpolizei.
Und Judas. Der, der die Seiten gewechselt hat. Der, der hier Jesus noch scheinheilig mit einem Kuss begrüßen will, ganz intim, wie einen engen Freund. "Es fuhr aber der Satan in Judas, genannt Iskariot", hat Lukas etwas früher im Kapitel geschrieben.
Mit einem Kuss verrätst du den Menschensohn?
Ob es tatsächlich zum Kuss kommt, lässt Lukas offen. Vielleicht erschien es ihm zu abstoßend, dass der Gottessohn sich von einem Verräter küssen lassen würde.
Die Rollen sind ganz klar verteilt. Die Fronten sind ganz klar gezogen.
Gut und böse.
Im klassischen Western, "high noon" unter der Mittagssonne vor dem Saloon, hätte Jesus jetzt einen weißen Hut auf und Judas einen schwarzen. Und jeder einen Colt in der Hand.
Gut und böse. Schwarz und weiß.
Nur, dass die Welt ganz selten aus zwei Farben besteht.
Ist das denn wirklich alles so klar?
Der erste Schwertstreich fällt von der Seite der "Guten". Da hat sich einer vorgewagt für seinen Jesus. Etwas voreilig vielleicht -- und wieviel taktischen Sinn es macht, ausgerechnet das Ohr eines Dieners abzuhauen, darüber könnte man streiten. Ein anderes Evangelium weiß, das es Petrus gewesen sein soll. Wie so oft steht er irgendwie in der ersten Reihe, vielleicht auch repräsentativ für die restlichen Jünger. Ein mutiger Verteidiger der Glaubens, ein treuer Nachfolger, oder nicht? Nur wenige Sätze vorher war er es, von dessen Versuchung durch Satan Jesus zu berichten wusste -- nicht Judas. Später am Abend wird er seinen Meister schmählich verraten -- auch das wusste Jesus schon. Untreu. Und die anderen, die hinter ihm stehen, werden da längst nicht mehr da sein. Aus Angst um das eigene Leben rennen sie bei der nächsten Gelegenheit panisch davon. Untreu.
Es lohnt sich schon, etwas genauer hinzuschauen. Helden sind auf der Jesus-Seite keine zu finden an diesem Abend.
Und auf der anderen?
Ist nicht Judas am Ende in einer ganz ähnlichen Lage wie die Jünger, die ihm gegenüberstehen? Auch er hat Jesus geliebt. Auch er ist mit ihm ausgezogen, hat alles zurückgelassen. Hat alles auf diesen Jesus und seine Botschaft vom Gottesreich gesetzt. Auch er hat Entbehrungen ertragen und Widerstand. Auch er hat durch das alles zu Jesus gehalten. Was am Ende den Ausschlag gab, dass er jetzt hier auf der anderen Seite steht, darüber können wir nur spekulieren. Das Geld allein kann es nicht gewesen sein, wie viele es vermuten. Schließlich hat Judas sich aus eigenen Stücken entschlossen, zu den Gegnern Jesu zu gehen, bevor man überhaupt etwas anbot. Wie so viele andere an diesem Abend hat er irgendwo nicht durchgehalten. Irgendwo eine falsche Entscheidung getroffen. Irgendwo hat er Jesus im Stich gelassen. Untreu.
Jesus selbst trägt übrigens auch nicht zu einer Klärung der Frontlinien bei. Im Gegenteil: Er durchbricht die Fronten, indem er den blutenden Diener nicht als Gegner sieht, sondern als Leidenden. Als Bedürftigen. Sofort legt er Hand an. Wieder ein Zeichen des kommenden Gottesreichs -- an denen, die gekommen sind, ihn zu verhaften. Und auch den anderen begegnet er nicht als Feind. Als er mit ihnen spricht, geschieht das ganz sachlich und ruhig.
Das einst so klare schwarz-weiße Bild kommt ins Wanken.
Nur einer ist bisher völlig klar geblieben. Einer kann bis hierher genau einordnen, was gut und was böse ist. Richtig und falsch. Treu und untreu. Einer weiß für jede einzelne Person, von der Lukas hier erzählt, genau, was sie falsch gemacht hat und wie es richtig gewesen wäre. Ein einziger in der ganzen Szene glänzt durch völlige Überlegenheit, ja, durch geradezu ungetrübte Perfektion.
Wisst ihr, wer dieser eine ist?
Ihr denkt wahrscheinlich jetzt: Jesus. Aber das ist falsch. Dieser eine... bin ich!
Ich!
Ich bin der, der sich über jede einzelne Person in der Geschichte ein Urteil erlaubt. Ich bin der, der alles besser weiß. Der bei anderen Untreue konstatiert und falsche Entscheidungen. Fehlendes Durchhaltevermögen. Verrat sogar. Ich bin der, der versucht hat, die Welt hier in schwarz und weiß einzuteilen.
Und bei allem dem habe ich so getan, als stünde ich darüber. Als hätte ich das Recht, zu urteilen.
Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. (Lukas 9,62)
Meine Augen sehen stets auf den Herrn...
Kann ich denn wirklich von mir behaupten, dass das auf mich uneingeschränkt zutrifft? Nach außen sieht es vielleicht für manche so aus. Aber die Realität ist doch eine andere. Ich könnte an der Stelle ganz vieler Figuren in dieser Geschichte stehen. Vielleicht bin ich der voreilige Petrus, der dann nachher steif und fest behauptet, Jesus gar nicht zu kennen. Erst übermütig, dann wankelmütig. Untreu. Vielleicht bin ich einer derer, die sich bei der nächsten Gelegenheit still und heimlich verdrücken.. Vielleicht bin ich Judas, der es nicht mehr aushält und hingeht und Jesus ausliefert.
Das könnte ich alles sein, nur eines nicht: Der unbeteiligte Zuschauer, der nie ein Problem mit der eigenen Nachfolge Jesu hat.
Ich stehe mittendrin, dort im Garten.
Und jetzt?
Was mache ich nun?
Meine Augen sehen stets auf den Herrn...
Vielleicht ist es das, was ich tun sollte. Noch einmal auf Jesus schauen. Auf das, was der tut. Der lässt sich nämlich mitnehmen. Der liefert sich den Mächtigen aus. Der geht ans Kreuz und stirbt. Für Petrus. Für die feige geflüchteten Jünger. Für den Verbrecher neben ihn. Für dich.
Für Judas?
Ja, ich behaupte, auch für Judas.
Und das macht mir Hoffnung für mich. Egal wo ich stehe in dieser Gartengeschichte -- egal wie untreu ich bin -- Gott versöhnt sich in mir durch den Jesus vom Kreuz.
Nach der Auferstehung versammelt er die verängstigten Jünger um sich.
Er begegnet Petrus am See Genetsaret und nimmt ihn an, liebt ihn, beauftragt ihn.
Er wendet sich dir und mir zu und verspricht -- schon in der Taufe -- Vergebung und neues Leben. Als hätte er's geahnt, das wir das brauchen.
Und Judas?
Das bleibt irgendwie offen.
In der mittelalterlichen Kathedrale von Vézélay in Burgund gibt es dazu ein spannendes Steinrelief. Auf einem Bild sieht man den reuigen Judas, der selbst seinem Leben ein Ende bereitet. Verzweifelt über die eigene Untreue. Auf dem Bild daneben sieht man Jesus, den guten Hirten. Nur ist es kein Schaf, das er trägt. Zärtlich trägt er den Körper seines Freundes, des toten Judas, wie ein Schaf auf seinen Schultern nach Hause.
Vielleicht ist das das Ende seiner Geschichte. Vorstellen könnte ich es mir bei Jesus gut.
Aber das soll am Ende nicht meine Sorge sein.
Meine Augen sehen stets auf den Herrn.
Vielleicht nicht "stets". Aber jetzt. Hier. Heute.
Untreu, wie ich war, darf ich auf ihn schauen. Vergebung bei ihm finden. Und in Frieden mit ihm weitergehen.
Noch ein echtes Wunder.
Amen.

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